Wunderbare Momente

Predigt zu Mt. 17,1-9

Das kann mal eine Aufgabe für einen verregneten Sonntagnachmittag sein. Oder für einen Spaziergang durch die frostige Winterlandschaft. Oder abends zum Abendbrot am Familientisch, um darüber nachzudenken und miteinander ins Gespräch zu kommen, welche Momente es bisher in Ihrem Leben gegeben hat, wo Sie am liebsten die Zeit angehalten hätten. Ich gehe mal davon aus, dass Sie auch solche Zeiten, Tage, manchmal nur Sekunden kennen, an denen man alles einfrieren und festhalten möchte.
So wie Petrus und Jakobus und Johannes.

1 Sechs Tage später nahm Jesus die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder von Jakobus, mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen. 2 Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden strahlend weiß. 3 Und dann sahen sie auf einmal Mose und Elija bei Jesus stehen und mit ihm reden. 4 Da sagte Petrus zu Jesus: »Wie gut, dass wir hier sind, Herr! Wenn du willst, schlage ich hier drei Zelte auf, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.« 5 Während er noch redete, erschien eine leuchtende Wolke über ihnen, und eine Stimme aus der Wolke sagte: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt. Auf ihn sollt ihr hören!« 6 Als die Jünger diese Worte hörten, warfen sie sich voller Angst nieder, das Gesicht zur Erde. 7 Aber Jesus trat zu ihnen, berührte sie und sagte: »Steht auf, habt keine Angst!« 8 Als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus allein. 9 Während sie den Berg hinunterstiegen, befahl er ihnen: »Sprecht zu niemand über das, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn vom Tod auferweckt ist.«

Auch bei mir sind solche denkwürdigen Momente häufig solche, wo ich sprichwörtlich einen hohen Berg erklommen und oben angekommen bin. Erschöpft aber glücklich. Wo ich Herausforderungen geschafft habe oder großer Stress und enormer Druck sich in Glück und Wohlgefallen auflöst. In Mathe doch keine „5“ geschrieben. Den Führerschein bestehen. Die Schule beenden. Heiraten. Die Kinder kriegen.
Das sind Momente, wo ich am liebsten die Zeit angehalten hätten. Im Kreißsaal mit so einem kleinen Wurm auf dem Arm und wissen wohin vor Glück. Und am liebsten jetzt alles einfrieren, einwecken, für besonders schwere Tage aufheben oder in Wachs gießen. Auf jeden Fall nicht vorbeigehen lassen, sondern die Zeit stoppen und genießen.
Das kennen Sie auch, oder?
Wir versuchen dann oft, solche Momente mit Fotos zu konservieren. Eine gute Idee!
Aber einer lächelt garantiert dann gerade schief oder blinzelt wenn der Auslöser klickt. Vielleicht bin ich auch ein zu schlechter Fotograf, aber Momente des unbeschreiblichen Glücks, kann ich nicht gut mit dem Fotoapparat festhalten. Das kann ich besser mit dem Herzen und im Herzen bewahren. Und manchmal muss ich dazu dann erst recht die Kamera aus der Hand legen, damit mein Herz fotografieren kann.
Am Grand Canyon in den USA haben aufmerksame Menschen ein Schild aufgestellt: „Nur eine Minute, nicht reden, nicht lesen, keine Fotos, nur schauen und staunen.“

Aber ich kann auch verstehen, dass Petrus oben auf dem Berg Zelte errichten will. „Wie gut, dass wir hier sind, Herr!“, so platzt es aus ihm heraus als er oben ankommt und sich Jesus verwandelt und die großen alten Propheten Mose und Elija erscheinen.
„Wie gut, dass ich hier bin!“, so habe ich selbst gedacht, als ich vor vielen Jahren am Grand Canyon stand und dieses enorme Naturerlebnis auf mich eingewirkt hat. Ich wäre auch am liebsten da geblieben.
Keiner Wunder, dass Petrus so reagiert. „Wenn du willst, Jesus, dann richte ich uns hier richtig ein und halte diese wunderbare Zeit an, baue ein Haus und mache einen Rahmen um das eben fotografierte Bild. Ich halte so alles fest, für immer! Und nichts kann uns stören.“

Ein äußerst verlockendes Angebot.
Ruhe, zurücklehnen, nicht gestört werden, nur genießen im Kreis der Liebsten. Ich würde da glatt einschlagen und schwach werden und Petrus sagen: Mach, bau das Haus!

Aber Jesus weiß, dass das mal was ist für ein schönes Familientreffen, aber nichts für den Glauben an sich.
„Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest; aber der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich hinlegen und ausruhen kann.“ (Mt 8,20)
Jesus kann kein Haus gebrauchen und für immer in Erinnerungen schwelgen mag er auch nicht. Die Zeit anhalten ist nichts für ihn, zumindest nichts für länger.

Jesus ist eher wie ein Boxer. Immer in Bewegung, immer aufmerksam, immer bereit, die Hände einzusetzen. Aber er will niemanden schlagen, sondern heilen, helfen, tragen, hüten und bergen.
Und er fordert uns auf, es ihm nachzumachen.
Auch wir sollen uns nicht zu sehr einrichten, hier in dieser Welt und Zeit.
Auch wir sollen in Bewegung bleiben und uns nicht zu sehr einrichten in unseren Meinungen, Urteilen und Vorurteilen, in unserer Geschichte, in unserem Schmerz oder in dem, was wir für richtig halten.
Sondern wir sollen flexibel bleiben. Bereit sein, Neues zu lernen. Noch einmal hinhören. Neugierig bleiben. Wissbegierig dazulernen. Und wieder mit Jesus vom Berg hinabsteigen, zurück ins Tal.
Christen, Kirche – beide sind immer in Bewegung.
Stillstand ist zwar nicht unbedingt Rückschritt, aber wenn wir zulange still stehen und uns nur mit uns selbst beschäftigen, dann werden wir faul, faulig und irgendwann ganz und gar ungesund.
Wir brauchen das Andere, das Neue, die Welt da draußen mit ihren tollen, schönen Seiten und auch mit den schrecklichen. Dahin müssen wir uns wenden und dahin gehen und Gottes Segen weitergeben.
Zu den Armen, den Alten und Jungen, den Kranken und denen im Gefängnis. Zu den Fremden und den sogenannten Sündern.
Wir verstecken uns nicht hinter verschlossenen Türen, sondern reißen Tür und Tor auf. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, damit frischer Wind hineinkommt, damit Jesus raus kann und die Welt hinein und so beides miteinander immer wieder neu in Kontakt gerät.
Wenn wir alles schließen und nur noch unter uns sind, ist es vielleicht gemütlich und es wirkt auch gläubig, aber wir betrügen uns selbst. Es wird schnell modrig und schal, muffig und krank.
Man kann Gott nicht konservieren. Man kann ihn nicht in ein Haus einsperren, sei es auch noch so schön. Gott braucht Freiheit und Gott schenkt Freiheit!
Gott muss raus in die Welt

Gott möchte nicht, dass wir uns in unsere eigene Welt zurückziehen und dort einrichten. Jesus ist nicht allein für die Gipfel des Lebens da. Er will hinunter ins Tal: „Und ob ich schon wandere im finstern Tal.“ Da will Gott dabei sein. Da will der Glaube tätig werden als tragendes Netz, als kostbare Hand, die hält und vorwärtsbringt.

Deshalb auch müssen die Jünger wieder vom Berg herabsteigen und in den Alltag zurückgehen. Auf dem Rückweg spricht Jesus auch schon von seinem kommenden Leiden und unten begegnen die Jünger und Jesus dann auch gleich wieder der Not des Lebens: Eltern, die einen kranken Jungen haben. Hier zeigt Jesus was er kann und wofür er da ist.

Es hat immer wieder Versuche gegeben und es gibt sie bis heute, dass Christen sich in ihre Arche zurückziehen, während draußen der Sturm tobt. Im geschützten Raum lässt es sich leichter beten, man ist sich einig, es ist warm und fromm und man kann so herrlich über die glaubenslose, verdorbene Welt da draußen gemeinsam den Kopf schütteln.
Doch weil Gott sich hier zu Jesus bekennt und die Jünger an ihn verweist, macht er deutlich, dass es so ein Verhalten für seine Nachfolger nicht gut ist. Der Glaube, die Christen und die Kirche wenden sich immer dem Nächsten zu, er steigt immer mit hinab in die Niederungen des Lebens. Er überspringt immer die Kirchenmauern und drängt zur Welt da draußen hin.
Weil Gott es selbst tut in Jesus, immer wieder.
Eine Unterrichtsstunde der besonderen Art für die drei wichtigsten Jünger und für uns.
Auch wir als Kirchengemeinde müssen unseren Blick immer über den Tellerrand und über die Kirchenmauern richten. Wir müssen immer einen Fuß, einen Gedanken, ein Gebet bei den anderen Menschen haben und sein. So wie Gott an unserer Seite ist, so können wir an deren Seite sein.
Und mit Gott kommt seine Liebe, seine Gnade, seine offenen Arme und sein Lächeln in diese Welt. Und so sorgt er dann wieder für besondere Momente, die wir mit unseren Herzen festhalten können. Es gibt nichts Schöneres, als füreinander da zu sein.

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen
wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
wenn alle mittun, steht allein

Wo alle loben, habt Bedenken
wo alle spotten, spottet nicht
wo alle geizen, wagt zu schenken
wo alles dunkel ist, macht Licht.

– Lothar Zenetti (geboren 1926 in Frankfurt)

Gehen wir mit Jesus. Folgen wir ihm nach. Bleiben wir nicht stehen, sondern werden wir mobiler und bleiben wir in Bewegung.
Aufmerksam für sein Lächeln in dieser Welt. Kopffrei für sein Nähe.
Und mit tatkräftigen Händen, die bereit sind, wie er, den Menschen in dieser Welt nahe zu rücken und Gutes zu teilen.
Amen.