Worte im Rucksack des Lebens

Predigt zu Joh 14,23-27 – Pfingsten 2015

„Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.“ (aus Günter Grass, Die Blechtrommel)

So geht der 1. Satz aus „Die Blechtrommel“ von Günter Grass.
Ein erster Satz. Einige Worte. Damit eröffnet sich alles. Das ganze Buch. Eine Welt entsteht.
Der Spannungsbogen wird gesetzt.
Der Teppich entrollt.
Der Motor wird angelassen und los geht die Reise durch das Buch.

Womit sind Sie in ihr Leben gestartet? Was war der erste Satz, mit dem Sie auf die Welt gekommen sind? Sie werden sich wahrscheinlich nicht erinnern, obwohl, wer weiß… Aber welcher Satz es möglicherweise gewesen sein könnte, das können Sie vielleicht noch erahnen.

Und heute Morgen?
Mit welchem Gedanken sind Sie aufgewacht?
Erste Sätze, sie prägen das Leben oder einfach diesen Tag. Und sie schenken uns ein Gefühl der Geborgenheit oder auch nicht. Manche machen uns schüchtern, verletzbar, unsicher.

„Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.“
Der Anfang von allem. So die Bibel im 1. Buch Mose 1,1.
Gott hat diese Welt gemacht. Diese Erde und alles, was darinnen ist. Angestoßen. Losgetreten. Ins Leben gerufen. Nichts ist zufällig da. Nichts ist ein Unfall oder Versehen. Auch nicht der Mensch, mit all seinen Fehlern und Problemen, den Kriegen und Opfern von Terror, Neid und Hass.
Die Erde ist gewollt. Diese Erde. Und Dein Leben. Und das Deines Nachbarn.
Gewollt. Geliebt. Gesegnet mit Leben und Lebendigkeit. Dein Herz schlägt, Dein Gehirn denkt, weil einer einen ersten Satz sagte: Werde lebendig! Lebe jetzt und hier. Und vermehre Dich und nutze die Vielfalt, das Bunte dieser Welt!

Was für ein Auftakt.

„Im Anfang war das Wort.“ So beginnt das Johannesevangelium.
Und durch das Wort ist all das geschaffen, was ist.

Worte schaffen Wirklichkeit. Erste Worte bringen erstes Leben ins Leben. Erste Sätze geben das Motto all dessen vor, das dann folgt. Die ersten Sätze entscheiden über Dur oder Moll, Hell oder Dunkel, Leicht oder Schwer, Leben oder Vegetieren.

Darum ist ja die Frage, mit welchen Worten unser Leben, oder auch nur dieser Tag begann, nicht nur nett, sondern entscheidend. Manchmal entscheidet sich an den ersten Worten das ganze Leben. Denn Worte prägen. Begleiten. Befreien oder belasten.
Welche Worte stecken in Ihren Knochen oder in Ihrem Rucksack, den Sie mit durch die Tage Ihres Lebens tragen? Und welche Worte haben Sie sich selbst hineingeredet in Ihren Rucksack und welche sind von anderen dazu gesprochen worden?

Jesus sagt:
»Wer mich liebt, wird sich nach meinem Wort richten; dann wird ihn mein Vater lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen. 24 Wer mich nicht liebt, richtet sich nicht nach meinen Worten – und dabei kommen doch die Worte, die ihr gehört habt, nicht von mir, sondern von meinem Vater, der mich gesandt hat. 25 Ich habe euch dies gesagt, solange ich noch bei euch bin. 26 Der Vater wird euch in meinem Namen den Helfer senden, der an meine Stelle tritt, den Heiligen Geist. Der wird euch alles Weitere lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst schon gesagt habe. 27 Zum Abschied gebe ich euch den Frieden, meinen Frieden, nicht den Frieden, den die Welt gibt. Erschreckt nicht, habt keine Angst!

Pfingsten – der Anfang der Kirche.
Der Anfang von und mit denen, die auf den Herrn hören.
Denn das bedeutet das Wort „Kirche“ ja.
Es stammt einmal ab vom griechischen Wort „kyriakä“ – dem Herrn gehörend/auf den Herrn hörend und zum zweiten von „ekklesia“ – die Herausgerufenen.
Ein Begriff der übrigens auch die ersten Parlamente meinte. Die Volksvertreter, die aus dem Volk herausgerufenen, gewählten Menschen. Jene, die tun, was das Volk will, weil sie auf das Volk hören. So entsteht dann Demokratie – die Herrschaft des Volkes. Das ist etwas Positives!
Bezogen auf Kirche bedeutet das: Wir sind die von Gott Herausgerufenen. Jene, die tun, was Gott will, damit sich sein Reich ausbreiten kann. Aber damit dann keine Theokratie (ja, das ist etwas Negatives!), also keine durch Menschen vertretene Herrschaft Gottes entsteht, ist es wichtig auf die ersten Worte zu achten.

Die ersten Worte der Bibel preisen die Schönheit der Schöpfung, die Liebe des Schöpfers, die Freiheit des Menschen. Die ersten Worte beschreiben das Paradies!
Siehe, es war alles sehr gut!

Ich bin immer noch der Meinung, dass das die Worte sind, auf die wir zuerst und am meisten hören sollten. Es sind Worte der Liebe, der Wertschätzung, der Rettung und des Trostes, der Vergebung und des Lebens. Worte der Freiheit.
Und mit ihnen eröffnet sich der Spannungsbogen unseres Lebenslaufes. Ein guter Start, ein beschützter Lauf, ein getröstetes Ende.
Deswegen ist nicht alles rosarot im Leben. Aber auch das Dunkle lässt sich so besser ertragen.

Hören wir auf Gottes Worte. Reagieren wir auf Gottes Liebe in dem wir auf sein Wort hören. Das ist gut. Es tut uns gut. Und wir werden spüren, wie wir aus den Ansprüchen und Verletzungen herausgerufen, herausgerissen werden. Aus dem, was uns sonst so jeden Tag ins Ohr und Herz sticht und wie ein Kuckucksei in den Rucksack gelegt wird.
Gottes Worte bilden den Gegenpol, ein Gegengewicht zu unserer Leistungsgesellschaft, die immer nur fordert und der wir nie genügen. Wo es nur heißt: Hauptsache gesund und jung und erfolgreich. Die aber keinen Trost kennt, für die, die es nicht schaffen, die nicht so privilegiert sind. Für die, die durchs Raster fallen oder für die, die anderes suchen als das ständige Streben nach Wachstum und den Teufelskreis unserer Konsumgesellschaft durchbrechen wollen. Die die Ausbeutung unserer Natur und der Menschen in den Billiglohnländern und hier bei uns nicht hinnehmen möchten. Die Alternativen suchen in einer angeblich alternativlosen Welt. Die Trost suchen für die Opfer von Gewalt und Terror und Katastrophen, wie in Nepal.

Gottes Wort macht denen Mut, die den Menschen in den Blick nehmen. Die flexibel, wandelbar und beweglich sind. Und Gottes Wort nimmt die Schwachen und Kranken und Alten, die Witwen und Waisen, wie es in der biblischen Sprache heißt, in Schutz. Und Gottes vergibt den Schuldigen, die an ihrer Last leiden. Und gibt denen Kraft, die kraftlos sind, damit sie wieder aufstehen. Damit sie einen Neuanfang wagen. Damit sie sich selbst und dem Leben wieder vertrauen. Damit sie entscheiden können, was gut für sie selbst ist. Damit sie in Frieden leben und sterben können.
Worte schaffen Wirklichkeit und Gottes Wort schafft Gottes Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit der Liebe, des Respekts, der Wertschätzung und gegenseitigen Achtung.
Hören wir genau hin! Für uns selbst und unsere Welt. Und wenn wir uns dafür öffnen, kann wirklich etwas Gutes beginnen. Etwas, das dann zu Recht „Kirche“ (dem Herrn gehörend) genannt werden kann.
Wie sagt Jesus: An unserer Liebe soll man uns erkennen. (nach Joh 13,35).
An unseren Früchten (Mt 7,16). An dem, also, wie wir miteinander und mit anderen und der Schöpfung umgehen.
Mit welchen Sätzen lassen wir also die Tage unserer Mitmenschen beginnen?
Oder natürlich auch unsere eigenen? Was packen wir einander in die Rucksäcke des Lebens?
Besonders für Eltern eine wichtige und spannende Frage!

Gottes Wort schafft Raum und Zeit. So ist es schon zu Beginn. Raum und Zeit zum Leben. Zur Freiheit. Zum Selbstbewusstsein. Zum Respekt, zur Vielfalt. Gott sprach und die Welt wurde bunt und hier und da auch verrückt und skurril und seltsam!
So seltsam, dass ich mich manchmal frage, wer kann das gewollt haben?
Und dann höre ich noch einmal genauer hin und erkenne: Gott hat es so gewollt. Und Gott hat so begonnen. Und darum beginne ich jetzt auch genauso.

Amen.