Wo sind die Erntehelfer?

Predigt zu Mt 9,35-38

Kennen Sie das?
Sie sitzen im Café, vielleicht zur Straße hin und viele Menschen gehen an Ihnen vorüber. Und Sie sitzen da, genießen Ihren Kaffee und irgendwann fragen Sie sich: Was machen nur alle diese Menschen hier? Und Sie beginnen zu überlegen, was wohl der Herr Ihnen gegenüber am Tisch für einen Beruf hat? Er sitzt da so beschäftigt mit der Zeitung vor dem Gesicht und dem Handy auf dem Tisch. Oder die Dame, die gerade die Straße entlanggeht, schön herausgeputzt im Kostüm kommt sie da lang. Sie wirkt gehetzt. Bestimmt ist die Anwältin oder so. Das denken Sie sich und dann fällt Ihr Blick schon wieder auf den nächsten Menschen.
Stundenlang kann das gehen. Einfach Menschen beobachten und raten, wer dieser oder jene wohl ist, welchen Beruf sie haben.

Man kann das Spiel nun weiterspinnen und die Menschen beobachten und sich fragen: Wie geht es denen wohl? Was haben die gerade hinter sich? Was gerade erlebt?

Wir bringen ja alle unsere Geschichte mit. Das ist heute Morgen hier in der Kirche auch so. Wenn wir uns gegenseitig anschauen, dann könnten wir auch Berufe raten spielen. Aber wie es dem Menschen vor, hinter und neben uns geht, wissen wir damit noch nicht. Wir wissen es sogar oft dann nicht, wenn wir doch meinen, die Person gut zu kennen. Und manchmal täuschen wir uns darum auch gehörig in unserer Einschätzung voneinander. Da ist der, der mit breitem Lachen vor uns steht, gerade im Streit vom Frühstückstisch aufgestanden und macht hier gute Miene zum bösen Spiel. Da hat die, die hier zu spät gekommen ist, nicht verschlafen, sondern kurz vor dem Gottesdienst noch einen Anruf aus dem Krankenhaus bekommen und erfahren, dass der liebe Angehörige gerade verstorben ist. …usw…
Ich erzähle nur Beispiele, aber so könnte es doch sein. Egal wo wir hingehen, wir bringen immer eine Geschichte mit, ganz persönlich, ganz individuell, ganz unterschiedlich und oft genug anderen unbekannt.
Denn wir Menschen schauen den anderen Menschen nur vor dir Stirn. Wir Menschen sehen nur, was „vor Augen ist“, wie es im Alten Testament heißt (1. Sam 16,7). Weiter geht unser Blick meistens nicht.
Dabei wäre es schön, mal tiefer zu blicken. Mal hinter die Kulissen zu schauen. Mal nachzufragen. Und hinzuhören. Und damit sind wir schon beim Thema.

Jesus zog durch alle Städte und Dörfer. Er lehrte in den Synagogen und verkündete die Gute Nachricht, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet und sein Werk vollendet. Er heilte alle Krankheiten und Leiden. Als er die vielen Menschen sah, ergriff ihn das Mitleid, denn sie waren so hilflos und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Darum sagte er zu seinen Jüngern: »Hier wartet eine reiche Ernte, aber es gibt nicht genug Menschen, die helfen, sie einzubringen. Bittet den Herrn, dem diese Ernte gehört, dass er die nötigen Leute schickt!«

Grob zusammengefasst steht im Bibeltext: Jesus geht durch das Land und macht seine Arbeit. Er erzählt von Gott. Er spricht den Menschen Gottes Vergebung zu. Er ermutigt und schenkt Hoffnung. Er macht die Kleinen groß und die, die sich für groß halten klein. Jesus spricht von Gerechtigkeit und Gnade. Von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Und weil er nicht nur schöne Worte machen will, untermauert er seine Reden mit starken Taten. Überzeugende Beispiele sind es. Krankenheilungen vor allem, mit denen er noch einmal seine Worte zeichenhaft unterstreicht. So hilft er den Menschen in ihrer jeweiligen, persönlichen Lebensgeschichte. Und es sind viele Menschen, denen Jesus begegnet und sie wirken auf ihn orientierungslos und erschöpft. Und Jesus sieht das und spricht dann in einem Bildwort, dass jeder damals verstanden hat: „Schaut Euch um, die Ernte ist groß, wenn es doch nur mehr Erntehelfer geben würde! Bittet Gott um mehr Helfer.“
Die Felder stehen voller reifer Früchte, aber wer wird helfen, die Ernte einzubringen?

Als wenn ein Arzt zu seinem Kollegen auf dem Schlachtfeld eines Krieges sagen würde: „Schau dir die vielen Verwundeten an, bitte Gott, dass er mehr Ärzte schickt.“

Als wenn ein Helfer in den Flüchtlingslagern unserer Welt zu einem anderen sagen würde: „Schau dir dieses Elend an, bitte Gott, dass er mehr Helfer schickt.“

Als wenn ein Mitarbeiter der Arbeitsagentur in Frankreich, Polen, Griechenland, Portugal oder Spanien sagen würde: „Schau dir diese vielen Arbeitssuchenden an, bitte Gott, dass es mehr Mitarbeiter und Helfer und Tröster und Heiler und Kümmerer gibt.“

Es gibt viel zu tun. Packen wir es an!

Jesus zog durch alle Dörfer und Städte und lernte die Menschen kennen und er war voller Mitleid, denn er sah ihre Unzufriedenheit, ihre Angst, ihre Sorgen, ihren Kummer, ihre Armut, ihre Schuld, ihre Kleingläubigkeit und den Neid in ihren Augen. Und er hatte Mitleid mit ihnen, denn Jesus wusste, was helfen könnte. Er hatte das Heilmittel, aber zu wenige Mitarbeiter. Er wusste, was das Leid lindern und die Kraftlosen stark machen könnte, aber wer würde ihm helfen, die Arznei zu verteilen?
Als Gottes Sohn schaut er nicht nur von außen drauf, sondern er sieht tiefer und leidet mit. Darum weiß Jesus, was die Menschen brauchen, wie ihre Sehnsucht, ihr Hunger und Durst gestillt werden können.
Aber wie kann er es rüberbringen? Wie weitersagen? Wie verteilen und unter die Menschen bringen?
Jesus schaut nicht von oben herab und er wirft auch nicht lässig gönnerhaft den Menschen ein paar Brotkrumen zu, frei nach dem Motto: „Ich weiß schon, was gut für Euch ist!“
Jesus leidet mit. Jesus geht an unserer Seite. In unseren Schuhen. Er sieht. Er versteht. Er hört uns zu und weiß Bescheid. „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an“. Jesus schaut hinter die Kulissen und hinter unsere Masken. Das macht den entscheidenden Unterschied. Und darum kann er wirksam helfen. Die Menschen haben es ja damals erlebt. Und heute ist es nicht anders. Auch heute wird Jesus helfend, unterstützend, ermutigend erlebt. Als einer, der vergibt, der Hoffnung schenkt, der Kraft gibt.
Jesus ist für uns da!
Aber wo sind die „Erntehelfer“? Wo sind die Menschen, die sich berufen lassen und seine Hilfe bekannt machen? Wo sind die Menschen, die zu Jesus einladen und von Jesus erzählen? Wo sind die Menschen, die wie er gut im Zuhören und langsam im Reden sind?
Wo sind die Menschen, die sich einsetzen mögen, in Jesu Namen, weil sie auch merken, wie diese Welt nach Liebe schreit und nach Weggefährten sucht und nicht mehr allein sein mag?!

Der große Theologe Karl Barth hat mal gesagt: „Dass sie (die Welt) im Argen liegt, das weiß die Welt auch so. Nicht aber, dass sie in den guten Händen Gottes von allen Seiten gehalten ist.“
Wer sagt „der Welt“, dass sie in den guten Händen Gottes ist? Wer zeigt dies der Welt?
Unsere Gesellschaft ist doch heute genauso orientierungslos, wie die damals. Oder etwa nicht?
Unsere Gesellschaft ist doch genauso hilflos und erschöpft, wie die Menschen zurzeit von Jesus. Zumindest, wenn ich den Untersuchungen glauben darf, dann kann ich (zum Beispiel) sehen, wie „Burnout“ und Depression zunehmen. Wie mehr und mehr Psychopharmaka verschrieben werden. Wie wir trotz allem Wohlstand in unserem Land voller Angst stecken und die Zufriedenheit mit dem Wohlstand nicht ebenfalls gestiegen ist.

Das Leben ist für viele immer noch das, was es schon vor 400 Jahren für William Shakespeare war. In einem seiner Dramen heißt es:
Aus, aus, du kleine Kerze!
Was ist (das) Leben? Ein Schatten, der vorüber streicht!
Ein armer Gaukler,
Der seine Stunde lang sich auf der Bühne zerquält und tobt;
dann hört man ihn nicht mehr.
Ein Märchen ist es, das ein Thor erzählt,
Voll Wortschwall, und bedeutet nichts.
(Shakespeare / Macbeth, 5. Aufzug. Übersetzung: Friedrich Schiller)

Und die Fragen sind noch immer dieselben: Wie lebe ich ein gutes Leben? Wie kriegt mein Leben Sinn?

Darum braucht die Welt, unsere Gesellschaft, was wir als Christen sind und haben. Die Welt braucht uns. Menschen, die nicht an der Oberfläche stehen bleiben, sondern gespannt sind auf die Lebensgeschichten der Menschen und die gerne ein Teil dieser Geschichten sein mögen.
Es braucht Menschen, die in Jesu Namen, sich Zeit nehmen wollen für andere, um anderen zu zuhören, für sie zu beten, tatkräftig zu helfen und mit ihnen zu gehen.

Bitten wir Gott, dass er Helfer in unsere Welt sendet. Menschen, die Gutes sagen und Gutes tun mögen. In seinem Namen. Immer wieder neu. Wir sind doch begabt! Wir können es!
Und vielleicht sind ja Sie einer oder eine von diesen wunderbaren Menschen, die bereit sind, sich berufen zu lassen, Salz und Licht zu sein. Ein Wegweiser, ein Hinweiser auf Gottes Gnade und Liebe. Eine Einladung zum Glauben im Namen Jesu.

Niemand muss das perfekt tun können. Niemand muss das „studiert“ haben. Hier sind keine Helden gefordert, sondern ganz normale Menschen, die einfach nur von Gottes Liebe berührt wurden und darum gerne andere Menschen mit Gottes Liebe in Berührung bringen wollen.
Gefragt sind Menschen, die sich gerne von Gott einsetzen lassen.
Nur Mut! Hauptsache, es passiert. Hauptsache, wir tun es. Hauptsache, wir sind bereit, in die Fußstapfen von Jesus zu treten, ihm hinterher.
Er hat so viel für uns getan.
Wo sind die Menschen, die ihm und damit den Menschen in der Welt, ein wenig zurückgeben möchten? Melden Sie sich bei mir!
Wir sind so sehr gesegnet. Lasst auch uns ein Segen sein!

Amen.