Wird digital dann alles Seelsorge?

Durch die Digitalisierung verschiebt sich immer mehr die Deutungshoheit dessen, was Seelsorge ist und wann was Seelsorge ist. Die Entscheidung dazu liegt immer mehr auf Seiten der Ratsuchenden, die zum Beispiel von Prof. Wolfgang Drechsel auch Seelsorgepartner genannt.[1]

Was dieser Seelsorgepartner für sich als Seelsorge auffasst, das ist Seelsorge. Nicht mehr und nicht weniger. Als Anbieter von Seelsorge dürfen wir diese (neue) Deutungshoheit wertschätzen, denn sie würdigt nicht nur den Seelsorgepartner in seiner oder ihrer Selbstkompetenz, sondern entlastet auch den Anbieter formal und öffnet die Tür zu einem weiten Seelsorgeverständnis, das die Möglichkeiten des Digitalen Raumes erst richtig wahrnehmen und nutzen lässt. Es bleibt uns auch gar nichts anderes übrig, denn im weiten Feld der Seelsorge und Beratung ist Kirche nur ein Anbieter unter vielen. Wenn wir uns nicht am Nutzer orientieren, wird er oder sie dorthin wechseln, wo genau das geschieht. Wir dürfen allerdings auch den Vertrauensvorschuss sehen, der in dieser Haltung verborgen ist. Denn wir zeigen damit, dass wir eben den Eigenressourcen des Seelsorgepartners vertrauen und schaffen selbst einen Vertrauensgrund zu uns und unserem Angebot.

Das ist soweit gut. Trotzdem wird auch Kritik geäußert: Wird dann nicht alles, was wir anbieten, irgendwie zu Seelsorge? Verwässern wir damit nicht den Begriff und das Angebot?

Ob wirklich alles zu „Seelsorge“ wird, weiß ich nicht. Vielleicht wird aber (wieder) stärker unsere seelsorgerliche Haltung deutlich, die ja durch alles hindurchscheinen darf, was wir tun. Insofern wird der Begriff und sein Anliegen, meiner Ansicht nach, auch nicht verwässert, sondern im Gegenteil, eher gestärkt. Zumal wir natürlich allein zum Schutz der Seelsorgepartner noch weitere, externe Kriterien oder Standards brauchen, die Seelsorge qualifizieren. Zur Seelsorge gehört ein geschützter Raum, Verschwiegenheit (vgl. SeelGG), Datenschutz, und vor allem Professionalität, das heißt Ausbildung, Reflektion, Kontrolle, Supervision und eine professionelle Haltung, in der Akzeptanz, Offenheit und Empathie deutlich sichtbar werden. Seelsorge braucht Qualitätsstandards.

Zusammengefasst bedeutet das: Der Seelsorgepartner entscheidet, ob etwas Seelsorge für ihn oder sie ist oder war. Der Seelsorgeanbieter achtet auf das Einhalten der Standards, die sich z.B. durch Zertifikate öffentlich kenntlich machen lassen. So können die Angebote auch gut beworben werden.

Der Seelsorgeanbieter definiert mit dem Halten der Standards nicht, ob etwas oder wann etwas Seelsorge ist, das tut der Seelsorgepartner selbst. Die Standards geben dem Seelsorgepartner aber die Sicherheit, seine Einschätzung begründet zu formulieren. Dies gibt ihm oder ihr Sicherheit und schafft Vertrauen auch für weitere Kontakte.

Anbieter stellen also den professionellen Raum oder Rahmen her und laden dorthin ein. Dies tun sie unter Zuhilfenahme auch der technischen und digitalen Möglichkeiten. So bieten sie eine professionelle Kontaktfläche und nutzen die Chancen der niedrigschwelligen, direkten Kommunikationsmöglichkeiten im digitalen Raum.

Der Seelsorgepartner nimmt dieses Kontaktangebot auf und stellt eine Frage, macht einen Einwurf, kommentiert, kommt mit einer Herausforderung oder möchte ein Thema besprechen. Wir als Anbieter haben Vertrauen in die Selbstkompetenz des Seelsorgepartners, in uns, in das was wir tun, und in die Wirksamkeit der Medien, die wir nutzen. So nehmen wir die Person, ihren Kontaktwunsch und ihr Anliegen wahr und ernst. Wir steigen in den Kontakt ein, hören zu, stellen Fragen und machen weitere Angebote, wie das Gespräch/der Kontakt verlaufen kann, evtl. auch noch wirksamer, treffsicherer, hilfreicher werden könnte. Dieses Angebot kann der Seelsorgepartner annehmen oder ablehnen.


[1] Dazu habe ich in diesem Artikel bereits einiges geschrieben.

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