Wie neu geboren

Predigt zu Johannesevangelium 3,1-8

Im Dunkeln lässt sich gut munkeln.
So heißt es.
Und vielleicht kommt dieses Sprichwort direkt hier aus dem Johannesevangelium.

In der Nacht tritt Nikodemus auf Jesus zu und spricht ihn an. Es ist schon interessant, was er sagt: „Wir wissen, dass Gott dich gesandt und dich als Lehrer bestätigt hat. Nur mit Gottes Hilfe kann jemand solche Wunder vollbringen, wie du sie tust.“
So beginnt er.
„Wir wissen“, sagt er.
Wer ist „wir“? Und was „wissen“ wir?

Spricht Nikodemus von sich selbst in der dritten Person? Wäre nicht so ungewöhnlich. Auch Julius Cäsar hat das gemacht.
Oder kommt er als Vertreter einer ganzen Gruppe zu Jesus und meint mit diesem „wir“ tatsächlich sich selbst und noch weitere Pharisäer?
Sie alle dürfen mitraten.
Wahrscheinlich ist eher, dass es sich um einen Schachzug handelt. Eine rhetorische Finesse. Ein Kunstgriff, sozusagen. Nikodemus denkt, wenn ich Jesus ein wenig schmeichele und ihm vormache, dass es mehrere, ja vielleicht sogar viele sind, die das denken, was ich hier ausspreche, dann habe ich ihn schnell in der Hand.
Aber Jesus ist nicht auf den Kopf gefallen und Menschen, die zu selbstsicher sind, durchschaut er schneller als diese Menschen bis 3 zählen können.
„Ich versichere Dir, nur wer von neuem (von oben her) geboren wird, kann Gottes neue Welt zu sehen bekommen.“

Da wollte Nikodemus so tun, als ob er alles wüsste und auf der Seite von Jesus steht, aber Jesus denkt nicht dran, sich so billig von der Seite ansprechen zu lassen.

Eine andere Episode: ein junger Mann kommt zu Jesus und erzählt von seinem tollen Verhalten. Dass er alle Gebote einhält und sonst ein passabler Kerl, ein famoses Haus ist. Und Jesus lobt ihn auch und der junge Mann freut sich, ja er beginnt zu strahlen und dann sagt Jesus: Wenn du so toll bist und mich auch so toll findest, dann verkaufe alles, was du hast und gib das Geld den Armen und folge mir nach.
Und dem jungen Mann entgleitet das Gesicht und er geht davon. Verwirrt, irritiert. (nach Lk 18,18ff.)

Typisch, Jesus!
Wer zu selbstsicher auf Jesus zukommt, kann damit rechnen, dass Jesus die Latte hoch hängt. Wer zu Jesus geht und sagt, ich lieb dich so und ich folge dir ganz eng, ich bin dein bester Freund – dem wird Jesus den Boden unter den Füßen wegziehen: zeig mir, wie du lebst. Zeig mir, ob Wort und Tat zusammenpassen. Zeig mir, woran dein Herz wirklich hängt und ob du bereit bist, mir wirklich ganz und gar zu vertrauen.
Wer A sagt, muss auch B sagen. So heißt es in einem weiteren Sprichwort.
Aber B zu sagen, das ist schwer. Da bekommen viele schnell kalte Füße und aschfahle Gesichter. Vielleicht geht Nikodemus darum in der Nacht zu Jesus. Da kann man nicht so gut erkennen, wie er blass wird und plötzlich, im Bild gesprochen, nackt, entblößt vor Jesus steht.

Wenn wir vor Jesus auftrumpfen wollen, mit unserer Treue, unserem Glauben, unserer Frömmigkeit, dann öffnet Jesus uns schnell die Augen.
Wie weit geht denn deine Treue und dein Glauben? Bist du bereit alles aufzugeben, um mir zu folgen? Alles?! Bist du bereit, alle Sicherheiten dranzugeben, und nur und ausschließlich aus dem Vertrauen zu mir zu leben? Kein Haus mehr zu haben, kein Einkommen, keine Rente, keine Versicherung?
Menschen leben so. Nicht nur Christen. Auch buddhistische Mönche leben so. Sie haben nur ihren Umhang und ihre Essensschale. Und von dem, was die Leute dort hineingeben, leben sie. Mehr haben die Mönche nicht. Sie vertrauen darauf, dass Gott sie beschützt, segnet und versorgt.

Aber wir bauen Häuser, Kirchen, Räume aus Stein für die Ewigkeit gemacht. Wir bewahren und pflegen und hegen, dass, was unsere Vorfahren geschaffen haben und nennen es Tradition und Herkunft. Und wir meinen, es würde Gott gefallen, wenn wir alles so lassen, wie es ist. Und die sich so schnell verändernde Welt macht uns Angst und die Globalisierung auch. Und wir sehnen uns nach Heimat und einem festen Zuhause. Ein Ort, wo wir hingehören und bleiben können.
Und Jesus sagt: „Wundere dich also nicht, dass ich zu dir sagte: Ihr müsst alle von oben her geboren werden. Der Wind weht, wo es ihm gefällt. Du hörst ihn nur rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So geheimnisvoll ist es auch, wenn ein Mensch vom Geist geboren wird.“ (V.7-8)

Merken Sie was?
Da passt was nicht zusammen, oder? Unsere Wünsche und die Worte von Jesus. Denn bei ihm ist nichts von Ruhe und Sicherheit zu hören.
Jesus verlangt anscheinend mehr, als wir zu geben bereit sind.
Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag meine Sicherheit. Und meine Versicherungen sind sinnvoll, hat der Makler gesagt. Und auch dieses Kirchengebäude hier ist ja nicht so schlecht. Und ich möchte auch einen Ort, wo ich zu Hause bin und mich bergen kann und wo ich es mir und meiner Familie gemütlich mache.

Ich glaub, ich hätte Jesus auch im Dunkeln angesprochen. Dann, wenn es niemand mitkriegt und ich ungesehen wieder verschwinden kann in meine sicheren vier Wände.

Doch es ist Trinitatis. Wir feiern den dreieinigen Gott.
Den Schöpfer, den Vater, der diese Welt gewollt hat und sich freut, dass es Dich gibt!
Den Sohn, in dem wir Gott erkennen und der durch sein Sterben am Kreuz Versöhnung stiftet.
Und den Heiligen Geist, der uns erfüllen will mit Begeisterung für dieses Leben und diese Schöpfung.
Wir feiern und freuen uns!

Aber glauben wir wirklich, alles bliebe beim Alten?
Glauben wir wirklich, das alles hätte keine Konsequenzen?
Glauben wir ernsthaft, Jesus gibt sich damit zufrieden, das Sahnehäubchen auf unserem Kuchen zu sein und nicht der Sauerteig, der alles durchdringt und bewegt und in Gärung versetzt in uns selbst und unserer Gesellschaft?
Wie blauäugig sind wir eigentlich?

Hat Nikodemus wirklich gedacht, er könnte zu Jesus gehen, ein wenig schmeicheln und Honig austeilen und dann würde er gelobt werden, ohne, dass sich etwas bei ihm selbst ändert? Ohne, dass er Verantwortung übernimmt und Worte und Taten zusammenpassen?

Wenn Jesus von Gott gesandt ist und als Lehrer bestätigt und von Gott akzeptiert und wenn Jesus nur mit Gottes Hilfe die Taten tun kann, die er getan hat – also kurz und gut: wenn wir sagen, dass Jesus wirklich Gottes Sohn ist, Gott in Menschengestalt, warum achten wir dann nicht mehr auf das, was er sagt? Warum sind wir dann so müde im Lesen der Bibel und im gemeinsamen Gottesdienst? Warum klammern wir so an dem, was wir im Leben meinen erreicht zu haben? Warum lästern und lachen wir über andere? Warum schließen wir die Grenzen unseres Landes ab? Warum beuten wir einander aus und die Natur gleich mit? Warum sind wir dann so eng und geizig und zurückhaltend? Warum lachen wir dann so wenig?
Warum schließen wir Leute aus, statt auf sie zuzugehen? Warum hegen wir Vorurteile, statt einander kennen zu lernen? Warum ziehen wir Zäune, statt Grenzen niederzureißen und die ausgestreckten Arme Gottes nachzuahmen?

Wenn Gott auf die Erde kommt, dann bleibt nichts einfach so beim Alten. Dann ändert sich alles. Zumindest weit mehr, als wir es uns träumen lassen.
Als Gott auf die Erde kam, da richtete er die Krummen und Gebeugten auf. Den Geizigen öffnete er ihr Portemonnaie. Den Armen gab er zu essen. Den Schuldigen wurde vergeben. Den Kranken gab er Lebenssinn. Und den Hoffnungslosen neuen Mut. Den Benachteiligten half er zu ihrem Recht und die, die man sich bisher so schön auf Abstand gehalten hatte, die nahm er in den Arm.

Als Gott auf die Erde kam, hat er uns gezeigt, wie er wirklich ist, abseits der Karikaturen, die wir von ihm in Herz und Sinn haben. Und für uns alle ist er gestorben, damit wir ihm, Gott selbst, endlich, endlich glauben, dass Gott diese Welt liebt und will und segnet und Gutes gönnt. Auch dann, wenn wir vielleicht gerade in einer Situation stecken, die anstrengend, dumm, blöd, verletzend oder krank und nur schwer zu ertragen ist.
Gott hat sich für uns hingegeben. Voller Sehnsucht. Voller Liebe.

Vertrauen wir darauf, dass Gott da ist. Mit uns und für uns.
Vertrauen wir darauf, dass das Leben es gut mit uns meint. Auf lange Sicht allemal. Und lassen wir uns von dieser Sicht umkrempeln. Neu orientieren. Und auch herausfordern, immer wieder neu Vertrauen zu wagen. Kraft zu tanken. Wieder aufzustehen. Weiter zu gehen. Es anders, auch besser zu machen, als bisher.
Nutzen wir diese Chance zur Inspiration, also zur Ausrüstung mit dem Heiligen Geist, der unsere Herzen weit machen möchte. Leicht und offen. Willkommen und herzlich.

Vielleicht kann man im Dunkeln gut munkeln.
In Gottes Licht und Angesicht zu stehen und sich von ihm bescheinen und betrachten zu lassen, schenkt Leben und Lust und Leidenschaft für mehr. Mehr Leben und mehr Lachen und mehr Leichtigkeit. Vergebung, Hoffnung, Energie für jeden Menschen, egal, woher er kommt, wohin er geht oder was gewesen ist oder sein wird.
In seiner Nähe wird es sein, als wenn wir neu geboren wären.

Und wir sind es auch.
Amen.