Wie ein Jünger sein muss

Predigt zu Lk 14,25-33

Es dauert zwar noch etwas, rund zweieinhalb Monate sind es noch, aber ich dachte, ich gebe Ihnen für die bevorstehende Bundestagswahl schon einmal eine konkrete Wahlempfehlung: „Ein wirklicher Christ muss Sozialist werden“.
Das sagte immerhin einmal Karl Barth. Viele halten ihn für einen, wenn nicht den größten Theologen des letzten Jahrhunderts. Sein Wort hat Gewicht. Darum noch einmal: „Ein wirklicher Christ muss Sozialist werden.“
Nun wissen Sie Bescheid und können Ihr Kreuz in der Wahlkabine dann an der richtigen Stelle machen. Allerdings müssen Sie selbst entscheiden, bei welcher Partei Sie den Sozialismus am besten verwirklicht sehen. Da kann ich Ihnen leider nicht weiter helfen. Also informieren Sie sich, schauen Sie genau hin, sonst können Sie auch kein wirklicher Christ sein. Oder doch? Oder nicht? Oder wie jetzt?!
Was würden Sie denn sagen, was ein wirklicher Christ sein muss? Wie ein wirklicher Christ sein muss? Was er zu tun und zu lassen hat? Und woran man ihn erkennen kann?

Karl Barth war Schweizer. Er lebte von 1886 bis 1968. Er war zuerst Pfarrer in der Schweiz, dann Professor für Theologie vor allem in Münster (Westfalen). Er hat im zweiten Weltkrieg die Bekennende Kirche begründet und stand an der Seite von Bonhoeffer. Er fragte intensiv nach Gott und wie man von ihm reden könnte und ihm brannten besonders die Fragen nach Heil und Gerechtigkeit unter den Fingernägeln.
Was brennt uns unter den Nägeln? Und was machen wir damit oder daraus?

Bei Jesus war das so:
Als Jesus wieder unterwegs war, zog eine große Menge Menschen hinter ihm her. Er wandte sich nach ihnen um und sagte:
»Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen, ebenso mit Frau und Kindern, mit Brüdern und Schwestern; er muss bereit sein, sogar das eigene Leben aufzugeben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein.
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, kann nicht mein Jünger sein.
Wenn jemand von euch ein Haus bauen will, setzt er sich doch auch zuerst hin und überschlägt die Kosten. Er muss ja sehen, ob sein Geld dafür reicht.
Sonst hat er vielleicht das Fundament gelegt und kann nicht mehr weiterbauen. Alle, die das sehen, werden ihn dann auslachen und werden sagen:
›Dieser Mensch wollte ein Haus bauen, aber er kann es nicht vollenden.‹
Oder wenn ein König gegen einen anderen König Krieg führen will, wird er sich auch zuerst überlegen, ob er mit zehntausend Mann stark genug ist, sich den zwanzigtausend des anderen entgegenzustellen.
Wenn nicht, tut er besser daran, dem Gegner Unterhändler entgegenzuschicken, solange er noch weit weg ist, und die Friedensbedingungen zu erkunden.«
Jesus schloss: »Niemand von euch kann mein Jünger sein, wenn er nicht zuvor alles aufgibt, was er hat.« (Lk 14,25-33)

Das sind ganz schön harte Worte, die Jesus hier sagt und wir können Sie nur etwas abmildern, in dem wir feststellen, dass Jesus nicht fordert Frau und Kinder, Brüder und Schwestern sofort aufzugeben, sondern er „nur“ die Bereitschaft dazu fordert. Also, wenn es hart auf hart kommt, dann sollten wir dazu bereit sein, zu allem, selbst dazu, unser eigenes Leben aufzugeben.
Das ist nun immer noch ein ziemlich hoher Anspruch, den Jesus hier aufstellt.
Aber wofür eigentlich? Wissen wir da Bescheid?
Jesus will offensichtlich nicht, dass wir einfach so mit ihm mitlaufen, sondern dass wir über uns selbst Bescheid wissen. Über uns, über ihn und über unser Vertrauen zu ihm? Der Glaube fordert einen festen Standpunkt. Warum glaubst du? Und wie sieht dein Glaube aus? Wozu stehst du? Wofür stehst du? Und bist du bereit, das alles so konsequent wie möglich zu leben? Auch wenn es hart auf hart kommt? Auch, wenn du wegen deiner Überzeugungen leiden müsstest oder zumindest Nachteile hättest?

Es gab damals viele, die einfach mit Jesus mitgelaufen sind. Aus ganz verschiedenen Gründen.
Manche erhofften sich von ihm ein neues Israel. Die waren gar nicht an Glauben und Gottesdiensten interessiert, die sahen einfach in Jesus den Mann, der endlich die Römer aus Israel herausjagen und ein neues Königreich, wie damals bei König David, aufrichten könnte. Dann gab es die, die von Jesus persönlich berührt worden waren, seelisch und körperlich. Sie waren von ihm geheilt worden, oder er hatte ihnen direkt die Sünden vergeben, sie wertgeschätzt und ihnen wieder einen Platz in der Gemeinschaft verschafft.
Und dann gab es die, die einfach dabei waren, weil die Freunde auch dabei waren und dann noch die, die mitliefen, weil es freitags immer Fisch gab und man montags länger ausschlafen konnte. Also, sie verstehen schon, die, die einfach dabei waren, weil sie privat sich einen Vorteil versprachen und es für sie bequemer war, mitzugehen. Zumindest solange es ihnen passte.
Mitläufer haben wir auch heute viele. Und in einer Kirche, die den Mitgliedsbeitrag in Form einer Kirchensteuer bekommt, sind wir für die vielen Mitläufer sogar ausgesprochen dankbar. Schließlich bezahlen auch sie für das, was hier passiert.

Aber als Jesus wieder so unterwegs war und die Menge wieder so hinter ihm her lief, dreht er sich um und spricht sie alle an. Und es wirkt, als wenn er nun plötzlich keine Lust mehr auf all die vielen Mitläufer hat, nun stellt er Bedingungen. Und das hörte sich ungefähr so an:

Lauf nicht einfach mit. Denk nach, sagt er, denk selbständig.
Warum bist du dabei? Was bedeutet es dir, mir zu folgen?
Wir laufen doch hier nicht nur durch die Gegend. Wir sind keine Wandergruppe, die mal hierhin und mal dorthin geht, und sich an der schönen Natur und den netten Gesprächen unterwegs erfreut und nebenbei was Gutes für den Körper tut. Uns geht es um mehr und bist du bereit, auch deinen Teil dazu beizutragen?
Das hier kostet dich mehr als die Schuhsohle und etwas Verpflegung unterwegs. Unsere Mission verändert Leben. Bist du dabei?
Bei uns und durch uns werden Menschen anders. Weil sie bei uns in Berührung mit Gott kommen. Und du kennst doch die beiden wichtigsten Gebote: Liebe Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele, aller Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst. (vgl. Mk 12,29-31)
Ja, der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe, als Lösegeld für viele. (vgl. Mk 10,45)
Bist du auch bereit dazu, zu dienen? Denn, wer unter Euch der Größte sein will, der soll Euer Diener sein. (vgl. Mt 23,11)
Bist du bereit dazu, von dir selbst abzusehen und die anderen Menschen um dich herum in den Blick zu nehmen, dich um sie mehr zu kümmern, als dass du dich um dich kümmerst?
Das ist viel verlangt, darum sage ich dir noch etwas:
Bist du bereit für Gemeinschaft?
Nur gemeinsam schaffen wir das. Indem wir als Gemeinschaft, als Gemeinde, für einander da sind, treu zueinander stehen und einander immer wieder neu ermutigen und ermahnen, nicht nachzulassen, nicht zu sehr frustriert zu sein, nicht aufzugeben, trotz vieler Rückschläge und mancher Verletzungen. Wir brauchen einander, so wie die Welt uns braucht und das was wir haben und sind:
Salz und Licht, Liebe und Wärme. Vergebung und Neuanfang. Gnade und Barmherzigkeit.
Vertraust du, dass Gott sich um dich kümmert, damit du dich um andere kümmern kannst? Sorge Dich zuerst um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit. Alles andere wird dann von selbst kommen. (vgl. Mt 5+6)
Und wärst du im Fall des Falles bereit, alles aufzugeben, weil dich nichts so sehr begeistern und beleben wird, wie dein Weg mit mir? Aber auch, weil die Aufgabe, die ich habe, die größte ist, die es jemals gab und geben wird und dafür alles andere zurückzustehen hat?

Überschlage die Kosten.
Ich verlange nicht wenig.
Aber wärst du bereit dazu?
Vielleicht zögerst du noch. Vielleicht bist du dir nicht sicher, ob du wirklich durchhalten kannst. Das ist in Ordnung. Glaube ist ein Wagnis. Gehe zaghaft, aber gehe los. Ich halte dich.
Du musst nicht alles verstehen und auch nicht alles wissen. Ich suche keine Helden, keine Überflieger und Angeber. Ich suche Menschen, die bereit sind für ein Abenteuer. Ich suche Menschen, die hungrig nach Leben und Liebe sind. Ich suche Menschen, denen ich alles schenken kann, was sie brauchen. Ich suche Menschen, die begeistert sind und die bereit sind, ihre Begeisterung mit anderen zu teilen. Tag für Tag. In Wort und Tat. Unterwegs auf meinem Weg. Erfüllt von meinem Geist. Gestärkt durch meine Kraft.
Ich kann dir keine Sicherheiten bieten. Ich weiß nicht, wo ich morgen schlafen kann und ob ich morgen etwas zu essen haben werde. (vgl. Mt 8,20)
Aber ich verspreche dir, folge mir und du wirst das Leben finden, wie du es niemals zuvor gehabt hast oder gefunden hast. (vgl. Mt 16,25f.)
Bist du dabei? Dann komm mit mir!
Sieh dir die Welt an. Die vielen verletzten, hungrigen, obdachlosen Menschen. So viele sind in Sünde gefangen und von Schulden gefesselt. So viele suchen Heimat, ein Heil-Land und Heilung. So viele warten auf ein gutes Wort und eine helfende Hand. Auf einen, der sie in den Arm nimmt und ihre Lasten teilt. Der mitleidet und mitträgt und mitgeht.

Lass uns durch die Lande ziehen. Unterwegs im Auftrag des Herrn. Lass uns Menschen segnen und Schuld vergeben, Kranke heilen und Gutes wünschen. Lass uns dieser Welt unseren Stempel aufdrücken und einen Eindruck hinterlassen. Sichtbar, noch für Generationen nach uns.
Wir wollen Geschichte schreiben und Leben prägen.
Lass uns eintreten für Gerechtigkeit und Fairness. Lass uns kämpfen für Freiheit und Frieden. Nicht so einen flüchtigen Frieden, wie die Welt ihn geben kann (vgl. Joh 14,27), sondern tiefe Zufriedenheit, ein Stück Ewigkeit im Alltag. Damit die Menschen merken, dass jemand sie geliebt sind und willkommen. Dafür lohnt sich jeder Einsatz.
Darum sei dabei!
Lass uns Zeichen setzen von Gnade und Barmherzigkeit. Lass uns die Verhältnisse ändern, damit es besser wird. Lass uns Liebe leben.

Nicht alle werden uns mögen und nicht alle werden es schätzen, was wir tun.
Schließlich wird unser Segen die Welt verändern. Die Kleinen werden sich größer fühlen, die Verlorenen sich gefunden wissen, die Kranken werden Heilung spüren und Übersehene sollen gesehen werden und so manche, die sich für groß halten, werden auf Normalmaß zurückgesetzt. Nicht allen wird das gefallen. Man wird uns bekämpfen und verurteilen. Verlachen und durch den Kakao ziehen. Wir werden beschimpft und verletzt werden, aber bist du bereit, diesen Weg mitzugehen und wenn es sein muss, auch bis zum Äußersten? Bist du bereit für diese gute Sache einzutreten und alles zu geben? Weil die Welt nicht so bleiben darf, wie sie ist, weil Menschen Hoffnung und Vertrauen brauchen und jemandem, der ihnen dieses schenkt. Kannst du diese Kosten überschlagen? Und bist du dabei und kann ich auf dich zählen?
Dann folge mir nach! Komm mit mir. Denn dafür stehe ich. Sei dabei! Jetzt und bis in alle Ewigkeit.
Ich brauche dich.
So sagt es Jesus.

„Ein wirklicher Christ muss Sozialist werden.“, so sagte es Karl Barth.
Und nun machen Sie sich aus all dem Ihre eigenen Gedanken.
Was würden Sie denn sagen, was ein wirklicher Christ sein muss? Wie ein wirklicher Christ sein muss? Was er zu tun und zu lassen hat? Und woran man ihn erkennen kann? Wie verstehen Sie Jesus und sein Wort?

Laufen Sie nicht nur mit. Finden Sie Ihre eigenen Antworten. Und leben Sie so konsequent wie möglich.
Folgen Sie Jesus mit ihrem Leben, in ihrem Leben. Folgen Sie seinem Weg. Hören Sie auf sein Wort. Spüren Sie seinem Wirken nach.
Etwas Besseres finden wir nicht.

Amen.