Weil der Tröster kommt

Predigt zu Joh 15,26-16,4

Wenn man jemanden verliert, einen lieben Menschen, einen Freund, Angehörigen, ein Familienmitglied, dann ist die Trauer groß. Es muss gar nicht immer gleich der Tod sein, der einen trennt, manchmal reicht schon der Bahnhof oder der Abschied am Auto, der uns große Trauer bringt. Und vielen Menschen geht in der Zeit eines Abschieds noch lange die Person nach. Wir tragen sie mit uns. Ihr Geruch hängt noch in der Kleidung, das letzte Gespräch ist noch im Ohr. Wir spüren vielleicht noch ihre Berührung, wie wir in den Arm genommen wurden oder zum Abschied geküsst.
Die Jünger, die Männer und Frauen, haben von Jesus Abschied nehmen müssen. Er ist nun nicht mehr da. Nicht mehr zu sehen und nicht mehr zu sprechen. Die Himmelfahrt ist bereits ein paar Tage her und Jesus fehlt. Wie sehr, können wir erahnen, wenn wir auch schon mal Abschied nehmen mussten. Jesus fehlt auf ganzer Linie!

Kein Wunder, dass Jesus in seinen letzten Worten, die uns Johannes überliefert, darum von einem Stellvertreter spricht. Oder in der Übersetzung nach Luther noch schöner: ein Tröster soll kommen.
26 Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. 27 Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.

Das brauchen wir: Trost. Wenn wir Abschied nehmen müssen, aber eigentlich auch sonst. Wir brauchen jemanden, der uns in den Arm nicht. Der uns tröstet und sagt, dass alles gut ist oder besser, dass alles wieder gut werden wird.
Als Jesus noch da war, war auch dieser Tröster, dieser Stellvertreter nicht nötig. Da konnte jeder, wenn er wollte, direkt zu Jesus gehen und ihm die eigenen Probleme erzählen, die Fragen stellen, die Schuld bekennen und vergeben lassen. Da war schnell Ruhe ins aufgewühlte und beladene Herz gebracht. Aber jetzt ist Jesus weg und die Jünger brauchen ihn, den Tröster und Stellvertreter.
Jesus selbst will ihn zu uns schicken und er deutet damit Pfingsten an. Der Heilige Geist soll kommen, der Geist der Wahrheit, der uns an alles erinnert, was Jesus gesagt und getan hat und zwar so intensiv und lebendig, dass es wirkt als wenn Jesus selbst noch einmal anwesend ist, mitten in unserer Runde.
Wir heute, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, haben also eine gute Aussicht. Da kommt etwas, jemand Gutes auf uns zu.
Aber konkret für heute, für jetzt und hier, ist das nicht sehr tröstlich, was Jesus sagt.
Da hätte ich mir im Text des Evangeliums eher den Psalm 23 gewünscht.
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. … 4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. …. 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Oder das Gedicht „Spuren im Sand“. Kennen Sie das?

Ich träumte eines Nachts,
ich ging am Meer entlang
mit meinem Herrn.
Und es entstand vor meinen Augen,
Streiflichtern gleich, mein Leben.

Nachdem das letzte Bild an uns
vorbeigeglitten war, sah ich zurück
und stellte fest
dass in den schwersten Zeiten
meines Lebens
nur eine Spur zu sehen war.

Das verwirrte mich sehr,
und ich wandte mich an den Herrn:
„Als ich dir damals alles,
was ich hatte, übergab,
um dir zu folgen, da sagtest du,
du würdest immer bei mir sein.
Warum hast du mich verlassen,
als ich dich so verzweifelt
brauchte!“

Der Herr nahm meine Hand:
Geliebtes Kind,
nie ließ ich dich allein,
schon gar nicht
in Zeiten der Angst und Not.
Wo du nur ein Paar Spuren
in dem Sand erkennst,
sei gewiß:
Ich habe dich getragen. (Margret Fishback Powers)

Schön, oder?
Es tut doch gut zu wissen, dass wir nicht allein sind. Und das tut doch gut zu wissen, gerade, wenn wir verlassen werden, Abschied nehmen müssen.
Aber Jesus sagt nicht dieses Gedicht auf und zitiert auch nicht den Psalm 23.

Er spricht von furchtbaren Dingen, die geschehen werden in der Zukunft:
1 Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. 2 Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. 3 Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. 4 Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich’s euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

Ich finde nicht, dass das Trostworte sind. Mich tröstet das zumindest nicht. Im Gegenteil, es macht mich eher nervös, denn Jesus hat Recht. Damals, wie heute, gibt es Menschen, die anderen Menschen ans Leben wollen und das als Gottesdienst ansehen. Wir müssen doch nur gen Osten schauen und sehen die ISIS, wie sie Kulturstätten zerstört, Menschen köpft und Frauen und Kinder entführt, Männer foltert und das alles im Namen Gottes.
Und wir machen es uns hier zu leicht, wenn wir sagen: Es ist ja im Namen ihres Gottes.
Auch im Namen des christlichen Gottes, im Namen von Jesus, ist immer wieder viel Unheil geschehen. Auch in seinem Namen sind viel zu viele Menschen gestorben, ermordet und gemartert worden. Spätestens seit im Jahr 380 mit der konstantinischen Wende das Christentum Staatsreligion wurde, starben auch in seinem Namen unzählige Menschen. Und wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, sind auch wir Menschen aus dem Jahr 2015 nicht besser. Wir bringen wohl niemanden um, aber auch in unserem Namen werden Menschen ausgebeutet, wird gelogen und betrogen, gelästert und übervorteilt, geurteilt und verurteilt. In der Bergpredigt sagt Jesus: Schon wer auf seinen Bruder oder seine Schwester zornig ist, gehört vor Gericht. Wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester sagt: ›Du Idiot‹, gehört vor das oberste Gericht. Und wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester sagt: ›Geh zum Teufel‹, gehört ins Feuer der Hölle. (Mt 5,22-GNB).

Tja, wer von uns ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein…

Wir bringen niemanden direkt um, aber wir sorgen auch nicht dafür, dass es auf der Welt gerecht, gesund und friedlich zugeht. Da sind uns billige Kleidung und billige Nahrung viel wichtiger, zB. Und Deutschland ist einer der größten Rüstungsexporteure. Und auch privat ist unsere Weste nicht weiß, jetzt mal ehrlich und Hand aufs Herz.

Aber wir haben den Tröster, den Stellvertreter. Wir bekommen den Heiligen Geist.
Er soll uns an all das erinnern, was Jesus gesagt hat. Und mit seinen Worten im Herzen, dürfen wir spüren, wie uns vergeben wird. Wie wir neue Möglichkeiten und neue Wege finden, wie wir uns bessern können, damit diese Welt besser wird.
Aus ihm bekommen wir die nötige Kraft und unser Herz kann wieder ruhig und weit werden und unsere Hände tatkräftig. Keiner verlangt von uns, in Sack und Asche zu gehen. Jesus hat uns befreit von dem, was uns belastet und ausgerüstet zu jedem guten Werk. Also, worauf warten wir noch? Fangen wir an, diese Welt zu verändern. Jeder zuerst bei sich selbst. Im eigenen Leben, in der eigenen Familie, im eigenen Verein und Ort und Kreis und Land. Folgen wir Jesus und hinterlassen wir wie er, Segenstropfen in unseren Fußspuren. Gute Worte, gute Werke. Hinterlassen wir Fröhlichkeit und Leichtigkeit und Lachen. Das steht uns Christen gut!

Und noch etwas haben wir bekommen und das vergessen wir viel zu schnell und viel zu leicht. Wir haben die Gemeinde! Wir haben den Menschen neben uns, der mit uns glaubt und mit uns betet und mit uns singt. Vielleicht ganz anders als wir, aber er oder sie ist ein Mensch, der trotzdem da ist. An unsere Seite gestellt. Wir sind füreinander da. Aufeinander gewiesen. Einander zugeordnet. Gerade in den letzten Monaten habe ich selbst intensiv gespürt, wie wichtig Gemeinde ist, wie wichtig der Mitmensch im Glauben ist. Selbst wenn er anders glaubt als ich und manches anders sieht. Aber sich gegenseitig zu halten, zu trösten, füreinander zu beten, sich gegenseitig zu segnen – das ist wunderbar und eine Kraftquelle im Alltag.
Manche sagen, sie können auch ohne Kirche glauben und allein beten, abends an der Bettkante. Mag sein, dass das klappt.
Ich brauche die Gemeinde. Die anderen Menschen. Die genauso gut oder schlecht sind wie ich. Die genauso glauben und zweifeln. Aber mit denen ich mich hier und da identifizieren kann und aussprechen und Rat holen, mich streiten und vertragen, weinen und lachen kann. Die mich in den Arm nehmen und trösten. Das kann man alleine nicht, auch nicht abends auf der Bettkante.
Und es ist sogar etwas anderes, ob ich mir Bibelworte oder Gedichte wie „Spuren im Sand“ selbst sage, oder ob mir dieselben Worte ein anderer sagt. Glaube braucht den anderen, denn im anderen zeigt sich Jesus, im anderen und im Miteinander erkennen wir Gott.
Wir haben die Gemeinde, hier im Ort und sogar weltweit, in jedem Land. Menschen, die mit uns gehen und für uns zum Jesus werden, obwohl Jesus längst im Himmel beim Vater ist. Ich freue mich darum auf Pfingsten, wenn der Heilige Geist und uns noch einmal daran erinnert, dass wir nicht allein sind. Niemals. Weil Gott, weil Jesus, weil die Gemeinde immer bei uns ist.
Amen.