Wasser klebt

Predigt zu Römer 6,3-8

Wenn Sie schon mal ein Trinkglas vorsichtig mit Wasser gefüllt haben, dann kennen Sie den Effekt der Oberflächenspannung. Man muss es langsam einfüllen, aber selbst wenn das Glas randvoll ist, fließt das Wasser nicht über den Rand, sondern bildet einen kleinen Berg, den man sehen kann, wenn man von der Seite auf das Glas schaut. Tropfen für Tropfen kann man den Berg noch etwas wachsen lassen. Das Wasser fließt nicht über, weil es durch diese Oberflächenspannung gehalten wird. Und man kann sogar sehr vorsichtig eine Münze auf diesen Wasserhügel ablegen oder ein Blatt Papier und es geht nicht unter. Das Wasser trägt. Das Wasser hat genug Kraft dazu. Die Haut ist dick genug. Darum ist ein Bauchklatscher vom 3-Meter-Brett auch so schmerzhaft und darum macht eine Arschbombe auch so viel Spaß…

Man kann auch zwei Blätter Papier mit Wasser verbinden, verkleben sozusagen. Dazu braucht man gar keinen Klebstoff. Die Feuchtigkeit selbst und was die Feuchtigkeit mit dem Papier macht, reicht, um zwei Seiten zusammenzuhalten.

Vielleicht haben Sie das Staunen ja nicht verlernt und mögen sich auch über solche kleinen Experimente begeistern lassen. Mit Wasser kann man hervorragend spielen. Und wo Wasser im Spiel ist, da ist der Spaß meistens garantiert. Wasser hat diese Kraft. Es trägt, es verbindet, es macht Spaß und tut der Seele gut.

Wir können so etwas gut gebrauchen, meine ich. Etwas Erfrischung. Nicht nur weil der Sommer heiß und trocken ist, sondern weil auch unsere Gesellschaft etwas davon nötig hat. Etwas, das trägt, verbindet und Spaß macht.

Es sind schon sehr herausfordernde Zeiten, in denen wir leben. Da kann man schon mal außer sich geraten vor Sorgen um den Frieden in Europa, das Klima in der Zukunft, den Zustand der Natur und ihrer Fähigkeit, auch uns Menschen zu ernähren. Wir leben in einer Polykrise. Und wir erleben, wie sich Menschen zurückziehen, weil ihnen alles zu viel wird. Sie ziehen sich in ihre Häuser und Wohnungen zurück. Oder in politische Extremmeinungen, weil Lügner und Demagogen ihnen weismachen, dass die Lösungen einfach sind und es im Grunde alles so bleiben kann, wie es angeblich immer schon, und vor allem angeblich früher schon war. Der Stress, den viele spüren, ist enorm geworden, der Druck auch und viele Menschen haben sprichwörtlich nur noch eine dünne Haut und einen Geduldsfaden, der schnell reißt. Die psychischen Herausforderungen und auch Erkrankungen nehmen zu. Ich möchte hier kein Schreckensbild malen, aber es reicht doch, die Zeitung aufzuschlagen oder die Nachrichten im Fernsehen zu sehen. Mir reicht das dann schnell, ehrlich gesagt. Und ich frage mich, wo soll das nur alles noch hinführen?

Vielleicht kann uns hier Paulus einen Hinweis geben, wenn er in seinem Brief an die Römer schreibt:

6,3 Ihr müsst euch doch darüber im Klaren sein, was bei der Taufe mit euch geschehen ist. Wir alle, die »in Jesus Christus hinein« getauft wurden, sind damit in seinen Tod hineingetauft, ja hineingetaucht worden. 4 Durch diese Taufe wurden wir auch zusammen mit ihm begraben. Und wie Christus durch die Lebensmacht Gottes, des Vaters, vom Tod auferweckt wurde, so ist uns ein neues Leben geschenkt worden, in dem wir nun auch leben sollen. 5 Denn wenn wir mit seinem Tod verbunden wurden, dann werden wir auch mit seiner Auferstehung verbunden sein. 6 Das gilt es also zu begreifen: Der alte Mensch, der wir früher waren, ist mit Christus am Kreuz gestorben. Unser von der Sünde beherrschtes Ich ist damit tot und wir müssen nicht länger Sklaven der Sünde sein. 7 Denn wer gestorben ist, kann nicht mehr sündigen; er ist von der Herrschaft der Sünde befreit. 8 Wenn wir nun mit Christus gestorben sind, werden wir – davon sind wir überzeugt – auch zusammen mit ihm leben.

Wasser kann das. Es kann uns in der Feier der Taufe so mit Jesus verbinden, dass wir ganz und gar mit ihm verbunden sind. Nicht nur ein bisschen, nicht nur manchmal, nicht nur wenn wir alles richtig machen und „gute Christen“ sind, sondern immer. Ich glaube, dass vergessen wir manchmal. Nein, eigentlich vergessen wir das viel zu oft. Entweder wir halten uns nicht für gut genug und würdig genug, als das Gott sich um uns und unsere Probleme kümmern würde. Oder wir halten Gott nicht für gut, stark und hilfreich genug, als dass er etwas mit unseren Problemen anfangen könnte.

Ich habe vorhin gesagt, dass viele Menschen vor Sorge außer sich sind. Nach Umfragen nehmen die Sorgen, Ängste und auch psychischen Herausforderungen zu in unserem Land und sogar weltweit. Das hat mir Corona zu tun, aber auch mit den vielen anderen Krisen auf unserer Erde. Das alles macht uns Menschen zu schaffen. Viele schauen nicht mehr zuversichtlich in die Zukunft, sondern ängstlich, sorgenvoll. Und wer außer sich ist, der oder die ist nicht mehr in einem guten Kontakt zu sich selbst. Und wenn uns Menschen das passiert, dann fällt es uns schwer, gute, langfristig hilfreiche Entscheidungen zu treffen. Man sagt ja auch, Angst ist ein schlechter Ratgeber, Panik noch mal umso weniger und Sorgen vernebeln den Blick.

Und jetzt ruft uns Paulus zu: darüber müsst ihr euch im Klaren sein! Ihr seid getauft! Ihr seid darum voll und ganz und für immer und ewig mit Christus verbunden. Du Mensch, in deinen Sorgen und Problemen, auch in deiner Schuld und Ohnmacht bist von ihm geliebt, wirst von ihm gesehen, bist bei ihm weiterhin gut aufgehoben. Er hat dich nicht abgeschrieben. Er ist an deiner Seite!

Mir tut das gut, sowas zu hören. Und ich brauche das. Ich muss es immer wieder hören und bin darum dankbar, dass wir das heute Vormittag noch mal gesagt, zugesprochen bekommen.

Für mich ändert sich dadurch nämlich tatsächlich ganz viel. Es sind für mich nicht nur schöne Worte für einen tollen Bilderrahmen oder Spruchkalender an der Wand. Das ist für mich Energie, die mich antreibt. Denn diese Worte bringen mich wieder in Kontakt zu mir, zu meiner Kraft und lassen mich nicht in meinen Sorgen und meiner Ohnmacht stecken.

Auch wenn ich nur ein einzelner von bald 8 Milliarden Menschen bin, was ich tue ist wichtig. Jede Hilfe, die ich anderen Menschen anbiete hat bei Gott ein Gewicht, und bei diesen Menschen sowieso. Jedes Gramm CO2 das ich spare ist wichtig und richtig und nicht vergebens oder egal. Jedes Gebet wird gehört, jede Tat wird gesehen, jede Hoffnung neu entzündet. Und Hoffnung heißt ja, dass das was ich tue, Bedeutung hat, dass ich selbst wirksam bin. Das ich eben nicht nur ein kleines Rad im Getriebe der großen Welt bin, sondern oft genug das Zünglein an der Waage.

Darum hören wir Paulus zu, auch wenn er es etwas kompliziert beschreibt, und lassen wir uns aufrichten und ermutigen für die nächsten Schritte in unserem Leben. Lassen Sie sich Hoffnung schenken für Ihre Taten in unserer Welt. Wir sind nicht ohnmächtig. Wir sind gesegnet, mit Gott verbunden, verklebt sozusagen. Wasser kann das. Und diese Verbindung trägt und hält. Wir können etwas Gutes tun für uns, für unsere Welt und die Menschen um uns, denn Gott hat in der Taufe auch für uns Gutes getan. Zu wissen, dass ich bedingungslos angenommen bin, darf meinen Blick auch auf mich selbst ändern und auf Gott. Ich bin nicht allein, wenigstens Gott ist da. Ich bin nicht schwach, seine Kraft steckt in mir, seine Nähe darf mir Selbstbewusstsein für mein Leben, auch in den Problemen und Herausforderungen, schenken, denn ich werde gesehen, wertgeschätzt.

Und das heißt ja, Vertrauen. Das Wagnis des Lebens eingehen. Es jeden Morgen wieder neu testen und probieren und auf die „dicke Haut“ des Wassers, diese Oberflächenspannung der Taufe treten und losgehen. Lebendig werden. Aus der Starre befreit und bereit. Die Hände ausstrecken, die Finger ins Wasser der Taufe legen, die Füße ausstrecken und losgehen und erleben, dass der Weg trägt, dass die Zusagen stimmen, dass unser Leben mit dieser Nahrung tiefer geht, ja irgendwie leichter ist, erleichterter zumindest und sich lohnt, auch und trotz aller Krisen und aller Gedanken und Gefühle in uns und aller Anspannung in unserem Körper.

Es trägt, es verbindet, es macht Spaß und tut der Seele gut.

Amen.