Wie stehen wir da?

Predigt zu Himmelfahrt

Es ist eine Szene wie an Silvester.
Am Ende des Jahres steigen die Raketen in den Himmel und wir legen die Köpfe in den Nacken und schauen ihnen nach. Begeistert wegen der Farben und Formen, die sich explosionsartig am Himmel öffnen. Verwirrt und kritisch wegen des Geldes, was da einfach so für ein bisschen Spaß und Lichterzucken in den Himmel geblasen wird. Versonnen, weil das alte Jahr vergeht und das neue Jahr kommt und wir hin- und herschwanken zwischen loslassen müssen und festhalten wollen. Zwischen Neugier auf das Neue und gleichzeitiger Angst davor.
So stehen auch die Jünger hier.
Den Kopf im Nacken schauen sie Jesus nach, der allerdings nicht wie eine Rakete in den Himmel schießt, sondern langsam emporgehoben wird. Von einer Wolke. Wie auch immer wir uns das vorzustellen haben. Auf jeden Fall, hier verbrennt nichts, für ein bisschen Spaß am letzten Tag des Jahres. Hier strömt Segen herab, für den Neubeginn, den die ersten Christen wagen sollen. Hier geht nichts zu Ende. Hier beginnt etwas von vorne. Und wir sind mitten dabei. (vgl. Lk 24,50ff.)

Offen gesagt: Mir ist das vollkommen egal, ob das so passiert ist, wie von Lukas in seinem Evangelium und in seiner Apostelgeschichte beschrieben. Ich weiß nicht, wie ich mir das vorstellen soll, wie ein Mensch von vielleicht 80 kg Gewicht aufgehoben wird, aufgenommen wird, von den Wolken und dann hochgehoben wird und im Himmel verschwindet. Ich weiß nicht, ob er sich verwandelt dann, was mit seinem Körper passiert und den 80kg Knochen und Muskeln, Gewebe und Organen. Aber ich weiß natürlich, dass viele sich diese Fragen heutzutage stellen. Zumal jeder weiß, dass wir nicht auf Wolken gehen können.
Aber solche Fragen führen zu nichts. Leider.
Keiner von uns war dabei. Keiner kann das erklären. Und wenn wir feststellten, dass es so war, wird die Geschichte dann umso richtiger und wichtiger? Und andersrum, umso unwichtiger?
Darum möchte ich lieber versuchen, hinter die Erzählung des Lukas zu blicken und zu fragen: „Was hab ich davon? Was macht das mit mir, dass erzählt wird, Jesus ist in den Himmel aufgenommen und „sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“?
Was möchte uns Lukas eigentlich sagen, abgesehen davon, ob es so passiert ist und wir es hätten filmen und fotografieren können? Ich möchte nicht nur an der Oberfläche bleiben, sondern verstehen, was der Sinn des Ganzen ist und was es für mich bedeuten könnte.

Und so stelle ich mir noch einmal die Jünger vor. Wie sie da stehen, die Augen an die Wolken geheftet. Ratlos. Sprachlos. Still und stumm und starr. Wie diese Fernrohre auf den Aussichtsplätzen, in die man einen Euro werfen muss, damit man was sieht. So stehen sie da und schauen und sehen doch nichts. Sie starren zum Himmel und erkennen nur Wolkendampf und Himmelsblau. Auch nicht schlecht, aber viel zu alltäglich, als das es irgendetwas bei ihnen auslösen würde.
So, wie bei uns? Was löst es bei uns aus?
Viele lesen diese Geschichte, viele hören von Himmelfahrt und eigentlich fällt den meisten nichts Besseres ein, als mit dem Bollerwagen und einer ordentlichen Menge Alkohol durch die Felder zu ziehen. Ganz egal und vollkommen unbeeindruckt von dem, ob Jesu Himmelfahrt nun damals wirklich so passiert ist, oder nicht.

Viele schauen in den Himmel und sehen das Blitzen der Raketen, die Sterne und Lichter, den Knall und die Funken und schon am nächsten Morgen ist es nur noch Staub und Asche, der Rauch ist verflogen und die guten Vorsätze hat er auch gleich mitgenommen. Zurück bleibt eine Menge Müll und hoffentlich die gesellige Erinnerung an ein schönes Fest, aber das neue Jahr beginnt doch, wie das alte Jahr endete.

Als Adam und Eva im Garten Eden erkannten, dass sie nackt waren, machten sie sich jeder einen Lendenschurz aus den großen Feigenblättern und versteckten sie sich vor Gott. Und Gott ging durch den Garten und suchte seine Menschen und rief: „Wo bist du, Mensch?“ (Gen 2)

Wo bist du, Mensch?
Diese Frage hallt seitdem durch die Weltgeschichte. Wo bist du, Mensch?
Und als die Jünger in den Himmel starren, kommen zwei Engel und fragen erneut: „Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ (vgl. Apg 1,11ff.)

Ahnen Sie schon, was gemeint ist?
Gott oder der Engel – sie fragen nicht, weil sie eine Antwort haben wollen. Sie wollen keine Worte hören, sondern Taten sehen.

Komm in die Puschen, Mensch!
Nimm dein Leben in die Hand, Kerl! Übernimm Verantwortung hier in der Welt, für dein Tun und Handeln und auch für dein Versagen. Steh zu dem, was Du machst. Aber mach was!
Wo bist Du, Mensch?
Was starrst Du da zum Himmel?
Jesus ist nicht verschwunden. Er ist jetzt bei Gott.
Und Gott hat ihn, „in der himmlischen Welt an seine rechte Seite gesetzt. 21 Dort thront jetzt Christus über allen unsichtbaren Mächten und Gewalten, über allem, was irgend Rang und Namen hat, in dieser Welt und auch in der kommenden. 22 Alles hat Gott ihm unterworfen; ihn aber, den Herrn über alles, gab er der Gemeinde zum Haupt. 23 Die Gemeinde ist sein Leib: Er, der alles zur Vollendung führen wird, lebt in ihr mit seiner ganzen Fülle.“ (Eph 1,20b-23-GNB).

Du gehörst zu Christus und damit hast Du die stärkste Kraft an Deiner Seite. Du gehört zu seiner Gemeinde und damit bist Du eingebunden in die stärkste Kraft, die es gibt. Du bist geliebt. Dir ist vergeben. Du bist erfüllt mit Gottes Geist. Nun mach was draus!

Wo bist Du, Mensch, in den Krisenregionen dieser Welt?
Was tust Du, Mensch, dieser Natur und Umwelt an?
Warum übersiehst Du Deinen Nachbarn und was fällt Dir Liebe so schwer?
Warum willst Du alles allein meistern und betest nicht mehr, liest nicht mehr in meinem Wort und meidest die Kirchengemeinde?

Was stehst Du da reglos und starrst in den Himmel. Da ist keiner, der Dir die Verantwortung abnimmt. Aber da ist einer, der Dich begleitet und hilft und segnet und unterstützt. Also tu endlich das Richtige, das Gute, das Heilsame. Setz Dich ein für andere, statt um dich selbst zu kreisen. Überwinde Deine Gier, Deinen Neid, die engen Grenzen deines Herzens und werde großzügig und großherzig. Komm in Bewegung und löse dich aus Deiner Erstarrung, die Du fälschlicherweise für Sicherheit hältst.

Aber nichts ändert sich. Die meisten von uns hören von Himmelfahrt und alles bleibt beim Alten.
Oder andersherum gesagt: Wenn bei uns alles beim Alten bleibt, haben wir noch nicht richtig von Himmelfahrt gehört.
Himmelfahrt bedeutet: Gottes Segen, Gottes Macht, Gottes guter Willer erstreckt sich über die ganze Welt.
Himmelfahrt erzählt die Geschichte, dass Jesus nicht nur für seine Handvoll Nachfolger und nicht nur für den Landstrich des Nahen Ostens und nicht nur für Israel oder gar nur Jerusalem von Bedeutung war, sondern Himmelfahrt erzählt die Geschichte, dass Jesus für alle Welt und jeden Menschen eine besondere Bedeutung hat und haben will.

Und wenn Sie Menschen sein wollen, die nicht nur in den Himmel starren und wenn wir Menschen sein wollen, die nicht nur darauf warten, dass andere die Initiative ergreifen, dann sind wir Menschen nach Gottes Geschmack, die wenigstens etwas von dieser Geschichte die Himmelfahrt erzählt, verstanden und verinnerlicht haben. Dann sind wir Menschen, die hinter die Geschichte blicken und nicht bei der antwortlosen Frage stehen bleiben, ob das denn nun auch wirklich so passiert sei. Dann sind wir Menschen, die weiter gehen, weiter graben und uns mitnehmen lassen, in Gottes Kraft. Dann sind wir irdische Himmelsmenschen und himmlische Erdenmenschen und keine „Hans-guck-in-die-Luft“.

Dann warten wir nicht, bis uns Engel in den Hintern treten, sondern dann gehen wir selbst los. Mit Gottes Kraft, mit Gottes Geist und prägen dieser Welt den Stempel der Liebe, des Respektes, der Vergebung und der neuen Möglichkeiten auf. Dann verwandeln wir diese Welt in einen Ort, in dem alle Menschen Platz haben. Dann wird diese Welt der große Tisch Jesu, an den wir von ihm geladen sind, um miteinander zu feiern und zu essen und zu trinken, miteinander, füreinander, für immer.
Dann sind wir Menschen, die nicht auf ihre Vorurteile achten, sondern die Menschen so anschauen, wie Gott sie gemeint hat. Dann sind auch wir schnell zum Hören und langsam zum Reden. Dann mögen auch wir vergeben und nicht neu verurteilen und beurteilen. Dann mögen wir abrücken von unserem Rechthaben. Dann treibt uns Gott zur Nächstenliebe, zur Gemeinde, zum Gebet und zu seinem Wort. Dann werden wir verwandelt von innen nach außen. Und mit uns Haus um Haus, Straße um Straße, Ort um Ort durch Gnade um Gnade.

Wo bist Du, Mensch?
Was starrst Du in den Himmel und siehst doch nichts?
Jesus ist nicht weg. Er ist hier. Mitten unter uns. Genau dabei. An Deiner Seite. Mit seinem Segen. Du wirst gesehen. Du wirst geliebt. Ja, sei sicher, Gott hält diese Welt in seinen Händen. Und was Du Gutes tust, ist nicht umsonst.
Lass Dich ermutigen und trau dich heraus. Setze dich ein so gut du kannst, folge Jesus und gehe den Weg der Liebe.

Amen.