Was ich mitnehme ins neue Jahr

Eigentlich würde ich mich jetzt gerne zu Ihnen in die Bänke setzen und hören, wie Ihr Jahr 2021 gewesen ist. Es wäre sogar sehr schön, wenn wir alle miteinander durch die Bänke wechseln könnten, um zu erzählen und zu hören, wie das Jahr so war. Aber entgegen aller Hoffnung und sommerlicher Aussichten, liegt auch dieses Jahr unterm Tannenbaum nicht nur das ein oder andere Geschenk – hoffentlich! Sondern auch Corona ist immer noch da und wird uns sicher noch eine ganze Weile weiter beschäftigen. Darum frage ich Sie von hier vorne, aus sicherem Abstand, wie Ihr Jahr gewesen ist. Was ist in Ihren vergangenen Monaten passiert? War es ein gutes Jahr? Oder ein Schweres? Was waren die Höhepunkte? Was waren die Krisen? Wen konnten Sie begrüßen und wen werden Sie vermissen? Woran werden Sie sich und wir uns gemeinsam, als Kirchengemeinde, als Gesellschaft erinnern?

Mir kommen solche Fragen zum Ende des Jahres und ich frage mich auch, was eigentlich bleibt? Was nehme ich mit ins neue Jahr? Ich nehme auf jeden Fall ein großes Bedürfnis nach Ruhe und Erholung mit ins neue Jahr. Geht Ihnen das auch so? Es steckt eben nicht nur die Arbeit, es stecken auch zwei Jahre Pandemie in meinen Knochen und ich sehne mich nach Tee und einem Buch auf dem Sofa – und es darf auch gerne mal so ein alter Schinken im Fernsehen laufen. Und dann möchte ich entspannen und Kraft tanken und spazieren gehen und Lebkuchen essen und vielleicht einen Podcast hören. Das ist wie so eine Radiosendung nur auf Abruf im Internet. Und dann höre ich auch gerne auf die alten, guten Worte der Bibel.

So wie das hier:

Dann erzählte Jesus der Volksmenge ein anderes Gleichnis: »Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit dem Mann, der guten Samen auf seinen Acker gesät hatte: Eines Nachts, als alles schlief, kam sein Feind, säte Unkraut zwischen den Weizen und verschwand. Als nun der Weizen wuchs und Ähren ansetzte, schoss auch das Unkraut auf. Da kamen die Arbeiter zum Gutsherrn und fragten: ›Herr, du hast doch guten Samen auf deinen Acker gesät, woher kommt das ganze Unkraut?‹ Der Gutsherr antwortete ihnen: ›Das hat einer getan, der mir schaden will.‹ Die Arbeiter fragten: ›Sollen wir hingehen und das Unkraut ausreißen?‹ ›Nein‹, sagte der Gutsherr, ›wenn ihr es ausreißt, könntet ihr zugleich den Weizen mit ausreißen. Lasst beides wachsen bis zur Ernte! Wenn es so weit ist, will ich den Erntearbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut ein und bündelt es, damit es verbrannt wird. Aber den Weizen schafft in meine Scheune.‹ (Mt 13,24-30 GNB)

Silvester ist ein besonderer Tag. Das alte Jahr ist irgendwie schon zu Ende, aber das neue Jahr hat noch nicht begonnen. Es ist als wenn die Zeit angehalten wurde und ich möchte diese Gelegenheit für mich nutzen, innezuhalten, nachzudenken, abzuwägen und zu sortieren. Das ganze Jahr über ist vieles gewachsen. Wie auf dem Acker des Gutsherrn vom dem Jesus in seinem Gleichnis erzählt. Vieles Gute ist gewachsen, manches Schlechte auch. Manche ist von selbst gekommen, ist einfach losgewachsen, anderes wurde mir von anderen in den Weg gelegt, in den Acker gestreut, Leichtes und Schweres ist darunter und jetzt kann ich es anschauen. Jetzt am Ende des Jahres erst, denn sonst hätte ich ja das Gute mit dem Schlechten entfernt, das Angenehme mit dem Unangenehmen, die Höhepunkte mit den Krisen.

Geduld ist also nötig, so eine herrliche Gelassenheit, wie sie dieser Gutsherr hat. Die Arbeiter wollen schon loslegen und jäten. Sie haben die Hacke geschärft und die Ärmel hochgeschoben. Aber der Chef sagt: „Ruhe, nicht so schnell. Lasst es wachsen, erst am Ende, bei der Ernte sehen wir, was wirklich gut war und was nicht.“
Stark! Ich tendiere auch dazu, schnell zu bewerten. Vielleicht geht Ihnen das auch so. Dieses Erlebnis ist blöd, jener Mensch war unfreundlich, dies und das brauch ich nicht, will ich nicht, und diesen Gedanken möchte ich nicht denken und jenes Gefühl nicht fühlen. In der Psychologie sagt man, wir Menschen haben eine Negativitätstendenz. Wir sehen sofort, was alles anders und besser sein müsste, aber das, was schon Gutes alles da ist, das übersehen wir leicht. Das ist menschlich. Aber es ist nicht immer hilfreich. Der Gutsherr weiß offenbar, wann er geduldig sein muss, weil er jetzt, mitten im Wachstum noch gar nicht sagen kann, was gut oder schlecht sein wird.

Ich glaube, er hatte so einen festen dankbaren Blick auf die Wirklichkeit. Das wünsche ich mir für mich selbst auch. Dass ich das annehmen kann, was kommt, auch das Schwere und vermeintlich Schlechte. Und dass ich mich dankbar auf das konzentriere, was ich am Ende ernten darf. Trotz mancher Herausforderungen und Probleme.

Und ich finde seine Vorfreude ansteckend. „Den Weizen schafft in meine Scheune.“ Ich sehe es förmlich vor mir, wie er sich die Hände reibt bei dem Gedanken an die Ernte. Was ist dieses Jahr nicht alles Gutes gewachsen?!

Ich bin dankbar

  • für die Steuern, die ich zahle, weil das bedeutet, dass ich Arbeit und Einkommen habe.
  • für die Hose, die ein bisschen zu eng sitzt, weil es mir sagt, dass ich genug zu essen habe und etwas zum Anziehen.
  • für das Durcheinander in meinem Haus im Alltag, denn das sagt mir, dass ich von lebendigen Menschen umgeben bin, die ihr Zeug überall herumfliegen lassen.
  • für diese Lebendigkeit, für diese Menschen, für dieses ganz Zeug.
  • für den Rasen, der gemäht, die Fenster, die geputzt werden müssen, weil das bedeutet, dass ich ein Zuhause habe. Einen Ort, den ich Heimat nenne.
  • für die laut geäußerten Beschwerden über die Regierung, weil das bedeutet, dass wir in einem freien Land leben und das Recht auf freie Meinungsäußerung haben.
  • Für Impfungen und medizinischen Fortschritt, weil ich etwas in Anspruch nehmen und genießen darf, wonach sich alle Generationen vor mir gesehnt haben.
  • für volle Straßen in Soltau und die Parklücke, ganz hinten in der äußersten Ecke des Supermarktes, weil das bedeutet, dass ich mobil bin und Orte haben, zu denen ich fahren kann.
  • für die Menschen, die mir auf die Nerven gehen, weil das bedeutet, dass auch ich anderen auf die Nerven gehe.
  • für die Müdigkeit und die schmerzenden Muskeln am Ende des Tages, weil sie mir sagen, dass ich in der Lage bin, mich zu bewegen, zu kümmern, zu arbeiten und aktiv zu sein.
  • für den Wecker, der morgens klingelt, weil der mir einen neuen Tag ankündigt.
  • für die Menschen, von denen ich mich dieses Jahr verabschieden musste, weil es bedeutet, dass wir zusammen eine gute Zeit hatten und einander wertschätzten und mochten.

Wofür sind Sie dankbar?

Manchmal ist das gar nicht so einfach mit dem Danken. Manchmal weiß ich auch noch nicht, ob ich dankbar oder traurig oder wütend sein soll… manchmal bin ich alles auf einmal und auch das darf so sein, wie es gerade ist.

Und manchmal lege ich eine Hand auf mein Herz. Vielleicht mögen Sie das auch gerade tun. Und dann spüre ich die Wärme meiner Hand und den Herzschlag da drunter und wie sich mein Brustkorb hebt und senkt beim Atmen.

Und dann bin ich dankbar, dass ich atmen kann und leben darf. In dieser verrückten, schwierigen, wunderbaren Zeit. Und dann frage ich mich, was ich wohl 2022 säen möchte. Und wem ich etwas Gutes ins Beet streuen kann an Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Ruhe, Geduld, Liebe, Aktion und Unternehmungen, an Liebe und Gemeinschaft, an Zuhören und guten Worten. Da gibt es in unserer Welt ja noch viel zu tun und viel zu Säen. Und Dankbarkeit gibt die nötige Kraft.

Ja, das Jahr war schwer und anstrengend und das Scheibenkleister Corona kann sich gerne aus dem Staub machen. Aber ins neue Jahr 2022 möchte ich dankbar gehen.

Danke, dass Sie heute hier sind.

Amen.