Was dich nicht umbringt

Predigt zu Apg 11,21ff.

Da muss man durch, sagte der Frosch und sprang in den Ventilator.

Was dich nicht umbringt, macht dich nur hart.
So sagte auch mal jemand.
Augen zu und durch.
Das ist noch so ein Spruch.

Solche Worte sollen stark machen. Mutig. Muskelworte sind es, die uns innere, wie äußere Muskeln wachsen lassen sollen. Hoffentlich klappt es auch.
Aber ich bin mir da nicht immer so sicher.
Wie es halt mit Floskeln so ist. Wenn es noch nicht so schlimm ist, dann kann die ein oder andere Floskel vielleicht tatsächlich Mut machen und uns kurzzeitig die Kraft geben, die nötig ist, um eine Herausforderung zu meistern oder einen misslichen Umstand auszuhalten.
Dann kann man sich selbst: Augen zu und durch! Was dich nicht umbringt, macht dich nur hart.

Wobei, wenn ich genauer überlege, dann frage ich mich schon, ob es wirklich clever ist, diesen Worten zu folgen. Augen zu und durch? Wie kann ich dann den Weg erkennen und mich für eine Richtung entscheiden?
Was mich nicht umbringt, macht mich hart?
Alles, was mich nicht umgebracht hat, hat mich – ehrlich gesagt – eher weicher werden lassen. Empfindlicher und empfindsamer, verständnisvoller auch für das, was für andere in ihren jeweiligen schweren Situationen.
Hart und mit geschlossen Augen gehen für mich die durchs Leben, die sozusagen keine Ahnung haben, aber trotzdem große Worte schwingen. Die gar nicht so genau wissen, wovon sie eigentlich sprechen, aber trotzdem eine Menge Tipps auf Lager haben.
Kennen Sie solche Personen auch?

Wenn man Diamantene und Eiserne Konfirmation feiert, dann ist man so zwischen Mitte 70 und 80 Jahre alt. Stimmt, oder?
Das bedeutet, Sie sind in den 30er Jahren geboren worden. Damit kamen Sie in einer sehr unruhigen und politisch sehr brisanten Zeit zur Welt. Am 30. Januar in diesem Jahr wurde dem 80. Jahrestag der Machtergreifung 1933 durch Hitler gedacht. Nicht ehrfurchtsvoll und feiernd, sondern mahnend und warnend. Zu Recht so. Wir müssen die Augen offenhalten und rechtzeitig, frühzeitig gegen Diktatur und Unrecht die Stimme erheben. Immer wieder und eigentlich egal, wo auf der Welt.
Hier können, hier dürfen wir nicht sagen: Augen zu und durch.
Hier müssen wir Stellung beziehen und für Freiheit eintreten. Hier wäre jedes Zurücknehmen von Freiheit und Gleichheit, von Menschenrecht und Menschenwürde fatal und keinesfalls ein „Was dich nicht umbringt, macht dich nur hart“.
Aber das soll heute nur ein Nebengedanke sein. Heute geht es ja um Sie persönlich und Sie haben in der Tat eine Menge durchgemacht in ihrem Leben. Als Kind den Krieg erlebt, als Jugendlicher die Nachkriegszeit, die sicher Entbehrungen und Armut mit sich brachte, aber auch Neuanfang und Aufbruch in eine helle, gute, freie Zukunft. Schlimmer konnte es zumindest nicht kommen, es konnte nur besser werden. Das ist heutzutage schon wieder anders.
Sie mussten morgens und nachmittags zur Kirche kommen! Und Sie mussten 4 Jahre Konfirmandenunterricht ertragen!
Heute würde man sagen: Wie krass ist das denn?!
Sie tun mir leid! Ehrlich.
Aber, was Sie nicht umbringt, hat Sie vielleicht hart gemacht. Oder?
Ich hoffe, nicht. Ehrlich.
Ich hoffe, es geht Ihnen eher so, wie der Muschel in dem Gedicht, dass ich Ihnen verteilt habe.

Man erzählt sich die Geschichte einer Perle hier am Strand.
Sie entstand in jener Muschel durch ein grobes Körnchen Sand.
Es drang ein in ihre Mitte und die Muschel wehrte sich.
Doch sie musste damit leben und sie klagte: Warum ich?

Eine Perle wächst ins Leben, sie entsteht durch tiefen Schmerz.
Und die Muschel glaubt zu sterben, Wut und Trauer füllt ihr Herz.
Sie beginnt es zu ertragen, zu ummanteln dieses Korn.
Nach und nach verstummt ihr Klagen und ihr ohnmächtiger Zorn.

Viele Jahre sind vergangen, Tag für Tag am Meeresgrund
schließt und öffnet sich die Muschel. Jetzt fühlt sie sich kerngesund.
Ihre Perle wird geboren. Glitzert nun im Sonnenlicht.
Alle Schmerzen sind vergessen, jenes Wunder jedoch nicht.

Jede Perle lehrt uns beten, hilft vertrauen und verstehn,
denn der Schöpfer aller Dinge hat auch deinen Schmerz gesehn.
Nun wächst Glaube, Hoffnung, Liebe, sogar Freude tief im Leid.
So entsteht auch deine Perle, sein Geschenk für alle Zeit. (Sören Kahl)

Wie die Muschel, so nehmen auch wir Menschen im Laufe unseres Lebens eine Menge Sand auf. Dieser Sand können Verletzungen sein, Zurecht- und Zurückweisungen, Erlebnisse, wo wir versagt haben, Fehler, die uns unbeabsichtigt unterlaufen sind, Fehler, die wir absichtlich getan haben. Immer wieder kommt in unser Leben Sand ins Getriebe und es läuft nicht mehr rund. Einiges von diesem Sand werden wir wieder los. So, wie die Muschel den eingespülten Sand auch wieder los wird, ihn abstößt, sich davon frei macht.
Aber immer mal wieder bleibt eben doch ein Körnchen zurück. Es bleibt irgendwo hängen und kleben und dann juckt es und stört es. Die Muschel genau wie uns Menschen.
Wir Menschen nennen so ein Sandkorn, das in uns bleibt, eine Krise. Manchmal auch eine Katastrophe. Es ist eine Wunde, eine Verletzung, eine Zurückweisung.
Auf jeden Fall hinterlässt es Spuren und verändert uns.
Ein schlauer Mensch hat mal gesagt: Krisen machen uns entweder bitter oder besser.
Da ist was dran, finde ich.
Schlechte Erlebnisse sind nicht nur schlechte Erlebnisse. Sie sind auch das, was wir aus ihnen machen. Und wir können entweder bitter werden und unzufrieden, mürrisch oder sogar grimmig. Oder wir sehen die Chancen, die in jeder Krise stecken und werden besser.
Wie verhalten wir uns?

Der Muschel im Gedicht geht es ganz ähnlich. Und sie hat sich entschieden. Sie will nicht bitter werden, sondern macht das Beste aus dem Sandkorn, aus der Krise.
Sie macht mit Hilfe der Zeit eine Perle daraus. Für uns Menschen immerhin eine wunderschöne Kostbarkeit.

Was dich nicht umbringt, macht dich nur hart.
Vielleicht denken Sie längst an die Dinge in Ihrem Leben, die wie Sand im Getriebe waren: Krankheiten, Abschiede, Streit, Umbrüche, berufliche und private Herausforderungen.

Jede Perle lehrt uns beten, hilft vertrauen und verstehn,

Schauen Sie sich an, was die Perle mit dem Sand im Getriebe gemacht hat. Wie sie sich verhalten hat, was draus wurde. Klar ist eine Perle hart. Aber es waren eine Vielzahl von zarten Hüllen mit denen die Muschel das Sandkorn umgeben hat. Jede für sich genommen zerbrechlich, zart. Sie hat das Beste daraus gemacht.
Und das hat nichts mit „Augen zu und durch“ zu tun.
Die Muschel wurde in der Krise nicht bitter, sondern besser. Neuer Lebensmut entstand, Durchhaltevermögen, das die neuen Möglichkeiten sah. Nicht Bitterkeit, sondern Weisheit und Erfahrung prägen sie.

denn der Schöpfer aller Dinge hat auch deinen Schmerz gesehn.

Das ist bei uns nicht anders.
Gott sieht unseren Schmerz. Er sieht und kennt die Zeiten, an denen wir Sand im Getriebe hatten und es nicht so ging, wie wir es selbst gern wollten oder wie wir es uns gewünscht und erträumt hatten.
Er kennt die Momente, wo wir gescheitert sind. Wo Pläne wie Seifenblasen geplatzt sind und Träume zu Albträumen wurden. Gott sieht all das.
Und für mich ist das der erste Schritt, um aus einer Krise besser herauszugehen.
Dass Gott mich sieht, ist für mich ein großer Trost.
Das er vergibt, wo ich Blödsinn gemacht habe, ist für mich Ermutigung neu zu beginnen. Ich muss weder mir noch anderen, auch nicht dem Schicksal, was auch immer das sei, irgendetwas nachtragen. Verpasste Chancen, vertane Gelegenheiten, eingebrockte Schuld. All das kennt Gott und er vergibt, weil er liebt.
Darum darf ich Frieden schließen mit mir und meinem Lebenslauf. Mit allen Umwegen und Sackgassen, mit jedem Körnchen Sand im Getriebe.
Und das Wort Frieden steckt ja auch in dem Wort Zufriedenheit drin.
Wenn ich Frieden habe, mit mir, mit anderen Menschen, mit Gott, mit meinem Leben, dann darf daraus auch Zufriedenheit wachsen. Und Zufriedenheit ist allemal besser als Bitterkeit.

In Zufriedenheit spiegelt sich Glaube, Liebe, Hoffnung.
Nun wächst Glaube, Hoffnung, Liebe, sogar Freude tief im Leid.
So entsteht auch deine Perle, sein Geschenk für alle Zeit.

Nicht Härte, sondern Weite. Nicht Bitterkeit, sondern Zufriedenheit. Nicht Augen zu und durch, sondern alle Sinne auf Empfang. Offenheit, weil voller Hoffnung, das ist es, was Gott schenken möchte. Gott, der uns kennt. Gott, der uns liebt. Gott, der unsere Wege in seinen Händen hält.

Während einer schweren Phase der Verfolgung zerstreuten sich die ersten Christen im Mittelmeerraum, von der Türkei bis nach Tunesien. Sie suchten Schutz für ihr Leben, doch sie ließen ihren Glauben nicht los. Die Apostelgeschichte berichtet, wie eine Gruppe nach Antiochia, in der heutigen Türkei, gekommen war und dort sofort offen und freimütig von ihrem Glauben erzählte. „Und die Hand des Herrn war mit ihnen und eine große Zahl wurde gläubig“, so kann man es nachlesen (Apg. 11,21ff.) Und der Apostel Barnabas ermutigte die Christen in dieser schwierigen Situation der Verfolgung und er ermahnte sie, dass sie mit festem Herzen am Herrn bleiben sollten.
Und ich möchte Ihnen dieses heute ähnlich sagen: Was auch passiert, machen Sie sich fest an Gott. Innerlich fest, weil du gemerkt hast, wie du von Gott gehalten wurdest. Äußerlich fest, weil du spüren darfst, wie dein Leben Inhalt hat und Sinn macht. Ganz fest, um für die Zukunft gerüstet zu sein.
Konfirmation heißt „Befestigung“. Heute feiern wir das Konfirmationsjubiläum.
Machen Sie sich wieder fest bei Gott!
Amen.