Von Himmel und Hölle

Predigt zu 2. Ms. 16,2-3.11-18

Ein Rabbi kommt zu Gott: “Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel.”
“Nimm Elia als Führer” spricht der Schöpfer, “er wird dir beides zeigen.”
Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand. Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber die Menschen sehen mager aus, blass, elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen. Das herrliche Essen ist nicht zu genießen.
Die beiden gehen hinaus. “Welch seltsamer Raum war das?” fragt der Rabbi den Propheten.
“Die Hölle” lautet die Antwort.
Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber – ein Unterschied zu dem ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt und glücklich.
“Wie kommt das?” – Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitig in den Mund, sie geben einander zu essen. Da weiß der Rabbi, wo er ist.

Über 900 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen: Jeder siebte Mensch auf der Erde hungert. Welt­weite Finanz- und Wirtschafts­krisen haben die Zahl steigern lassen, Lebensmittelspekulationen verschärfen die Situation weiter. Hat die Weltgemeinschaft den Kampf gegen den Hunger verloren?

Fast drei Millionen Neugeborene weltweit überleben nicht die ersten vier Wochen nach der Geburt. Laut der Organisation „Save the Children“ gibt es dafür einen wesentlichen Grund: Millionen Mütter müssen ihre Kinder ohne jegliche Hilfe zur Welt bringen.

Weltweit stirbt eine Million Neugeborene in den ersten 24 Stunden nach der Geburt. 1,2 Millionen Babys kommen tot zur Welt. 2,9 Millionen Säuglinge überleben keine 28 Tage. 6,6 Millionen Kinder erleben nicht ihren fünften Geburtstag.

Das sind schreckliche Fakten. Und sie machen zwei Dinge besonders deutlich:
1. Was für ein Geschenk wir doch hier in unserem Land erleben, jeden Tag, wenn der Kühlschrank gefüllt ist und die Kinder fröhlich spielen, reden, lachen, albern. Wir dürfen in Freiheit und Sicherheit taufen. Wir dürfen dankbar sein für die Kinder, die wir haben und auf dem Weg ins Leben begleiten. Was für ein Geschenk! Auch bei allen Problemen und allem Stress und allen Sorgen. Was für ein Geschenk! Selbst der Atemzug, den Du gerade getätigt hast – ein Geschenk!
2. Wir leben nicht auf einer Insel. Wir dürfen die Geschenke des Lebens nicht nur für uns selbst behalten. Wir müssen teilen, weltweit und so gut wir es können.

Wenn uns das gelänge, es wäre doch so etwas wie der Himmel, oder?

In der Wüste rottete sich die ganze Gemeinde Israel gegen Mose und Aaron zusammen. Sie murrten: 3 »Hätte der Herr uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren! Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen. Aber ihr (beide) habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht, damit die ganze Gemeinde verhungert!« … 11 Der Herr sagte zu Mose: 12 »Ich habe das Murren der Israeliten gehört und lasse ihnen sagen: ›Gegen Abend werdet ihr Fleisch zu essen bekommen und am Morgen so viel Brot, dass ihr satt werdet. Daran sollt ihr erkennen, dass ich der Herr, euer Gott, bin.‹« 13 Am Abend kamen Wachteln und ließen sich überall im Lager nieder, und am Morgen lag rings um das Lager Tau. 14 Als der Tau verdunstet war, blieben auf dem Wüstenboden feine Körner zurück, die aussahen wie Reif. 15 Als die Leute von Israel es sahen, sagten sie zueinander: »Was ist denn das?« Denn sie wussten nichts damit anzufangen. Mose aber erklärte ihnen: »Dies ist das Brot, mit dem der Herr euch am Leben erhalten wird. 16 Und er befiehlt euch: ›Sammelt davon, so viel ihr braucht, pro Person einen Krug voll. Jeder soll so viel sammeln, dass es für seine Familie ausreicht.‹« 17 Die Leute gingen und sammelten, die einen mehr, die andern weniger. 18 Als sie es aber abmaßen, hatten die, die viel gesammelt hatten, nicht zu viel, und die, die wenig gesammelt hatten, nicht zu wenig. Jeder hatte gerade so viel gesammelt, wie er brauchte.

Das Volk Israel war aus der Gefangenschaft in Ägypten geflohen, um die Freiheit zu ergreifen. Sie wollte nicht länger unter Zwang und Gewalt die Pyramiden bauen, die wir heute noch bestaunen können. Sie wollten frei sein und selbst für ihr Leben Verantwortung tragen. Es sollte ein Leben in Würde sein. In Freiheit. Wo jeder die Chance hat, das zu tun, was er möchte, dorthin zu reisen, wo er will, das zu sagen und zu glauben, was er meint, das es das Richtige sei.
So wie die Menschen vor 25 Jahren in der DDR und den übrigen Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs. Auch sie waren dann aufgestanden und hatten für ihre Freiheit gekämpft und gewonnen. Viele Menschen in China, in Nordkorea, in Afghanistan und anderswo sehnen sich noch danach. Und ich wünsche ihnen, dass sie auch aufstehen und gegen Unrecht und für ihre Freiheit kämpfen.
Wir Menschen wollen frei sein. Und wir Menschen wollen genug haben an Grund und Boden, an Essen und Trinken. Genug zum Leben. Soviel jeder eben braucht.
Frieden und Freiheit – das sind die beiden großen Sehnsüchte von uns Menschen. Und in der Bibel stehen viele Geschichten und Berichte von dem Kampf um diese Sehnsucht. Und in der Bibel können wir lesen, wie Gott sich immer den kleinen und unterdrückten Menschen zuwendet und sich für sie einsetzt, damit auch sie genug haben, eben so viel, wie jeder braucht.

Aber der Weg dahin ist steinig. Das merkt nicht nur das Volk Israel auf dem Weg in die Freiheit und wie sie unterwegs dann durch die Wüste müssen und sich an die Essensrationen in der Gefangenschaft erinnern und plötzlich von diesen „Fleischtöpfen“ träumen. Das merken wir auch, wenn wir um die Freiheit und die Rolle der Geheimdienste in unserem Land ringen oder auf den ewigen Krieg zwischen Israel und Palästina schauen oder die Machtgier der Islamisten fürchten. Oder wenn wir uns fragen, was wir denn eigentlich genau tun sollen, angesichts der Korruption in den ärmsten Ländern der Welt, wenn wir wissen, dass unsere Spenden und unsere Hilfe gar nicht da ankommt, wo sie gebraucht wird.
Und außerdem wissen wir, dass es unmöglich ist, den Himmel auf Erden zu bauen.

Und trotzdem, Dankbarkeit für das, was wir haben und genießen dürfen ist ein erster Schritt. Trotz all unserer eigenen Arbeit und täglichen Anstrengung, wir haben es nicht nur uns selbst zu verdanken, dass es uns im Großen und Ganzen so gut geht! Es ist Segen, es ist Geschenk. Gott und darum die Natur, die Schöpfung, sie ernährt uns und wir dürfen dankbar nehmen und eigentlich müsste es für alle reichen.
Dankbarkeit für das eigene Leben kann auch der erste Schritt sein, dass wir unsere Herzen und Hände öffnen und beginnen zu teilen. Zum Beispiel in dem wir darüber nachdenken, wie wir einkaufen, was wir einkaufen, ob die Arbeitsbedingungen der Arbeiter, die unsere Kleidung und Nahrung produzieren auch so sind, dass sie selbst davon leben können, ein Dach über dem Kopf haben und den Kühlschrank voll Nahrung. Zum Beispiel, in dem wir darüber nachdenken, nachhaltig und sparsam zu sein mit den Rohstoffen und den herrlichen Natur, die unsere Erde uns bietet. Wenn Pflanzen und Tiere einmal ausgestorben sind, kann man sie nicht mehr zurückholen. Was verseucht wurde, braucht lange, um wieder nutzbar zu sein, wenn es denn überhaupt gelingt.

Wir dürfen Gott, der Natur, dem Leben danken für die Geschenke, die wir täglich nutzen und genießen können. Es ist alles nicht selbstverständlich. Und aus dem Dank darf dann auch eine Aktion folgen, die unsere Nachbar mit in den Blick nimmt, die Menschen in den Ländern unserer Erde, denen es nicht so gut geht, wie uns. In einer globalisierten Welt, tragen wir füreinander Verantwortung. Und Gott sagt: „Ein jeder trage die Last des anderen, dann werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal. 6,2)
Dann folgen wir Jesus tatsächlich nach, wenn wir nicht nur auf uns schauen, sondern auch nach den Bedürfnissen der Menschen fragen, die mit uns auf diesem Erdball leben.
Es könnte sich ein wenig wie im Himmel anfühlen, wenn wir dann die Löffel in die Hand nehmen und einander das geben, was wir jeweils brauchen. Nicht nur für uns selbst, sondern einander. Hier im Ort, in der Nachbarschaft und den Vereinen. Hier in der Kirchengemeinde und darüber hinaus. In unserem Land, in Europa und der Welt.
Der Weg ist lang und steinig und sicher werden wir so manches Mal schwach werden und uns die „Fleischtöpfe Ägyptens“ wünschen, wo wir die Probleme der anderen ausblenden und nur noch auf uns selbst achten. Der Egoismus ist eben stark und die Angst zu kurz zu kommen ist groß. Das war damals bei Israel so und ist es auch heute bei uns.

Aber ich hoffe, dass die Dankbarkeit stärker ist und wir miteinander lernen so viel zu sammeln, dass jeder hat, was braucht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Bitten wir um Gottes Geist, dass er unseren Geist dahin stärke und ermutige. Um Christi willen. Und wir werden dann wissen, wo wir dann sind.

Amen.