Vom Umgang mit Trauer

Predigt zum Ewigkeitssonntag 2011

Wenn man sich in die Geschichte des Toten-/Ewigkeitssonntags hinein vertieft und erfährt, wie der Tag entstanden ist, dann denkt man: Warum eigentlich ausgerechnet jetzt Ende November? Es scheint bloße Willkür zu sein. Und es hätte auch jeden anderen Tag im Jahr treffen können. Der letzte Sonntag im Januar oder Mai, z.B. oder September…
König Friedrich Wilhelm III. von Preußen bestimmte durch ein Gesetz (vom 17.11.1816) den letzten Sonntag des Kirchenjahres zum „allgemeinen Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen“.
Doch es war eine wahrhaft königliche Entscheidung, diesen Tag so zu legen.
Wer denkt schon im Mai an die Vergänglichkeit des Menschen? Da ist doch die Natur schon längst in jede Ritze gekrochen und hat mit ihrem satten Grün auch den letzten Winkel erobert. Es duftet frisch und lebendig. Es wuselt vor Leben.
Abschiednehmen, Tod, Sterben und die Erinnerung daran passen dagegen tatsächlich besser in den November. Wenn die Pflanzen sich zurück ziehen und ihre Kräfte in den Wurzeln sammeln. Wenn die Bäume ihr Laub abschütteln wie den Staub von den Füßen und sich zur Ruhe begeben. Wenn der Wind um die Ecke heult und der Himmel schweren Regen weint.
Wenn die Natur sich zurückzieht, dann haben auch wir Menschen Muße um zu Gedenken und zu Erinnern. Dann ist uns nach tiefen Gedanken und Melancholie.
Nehmen Sie sich daher ruhig die Natur zum Vorbild und gönnen Sie sich diese Tage der Trauer und des Wehmuts. Ich sage wirklich „gönnen“. Denn unsere moderne Welt will sie eigentlich nicht sehen, unsere Tränen, unsere Ängste, unseren Abschied. Da heißt es nur: Zeit ist Geld – also nimm sie dir nicht. Es könnte zu teuer werden.
Doch ich setze dagegen: Gönnen Sie sich diese Tage der Erinnerung und des Gedächtnisses.
November ist ein guter Monat, um die Gedanken schweifen zu lassen, Fotoalben hervorzuholen und sie sich anzusehen. Erinnerungen auszutauschen. Im Kerzenlicht zu sitzen. Zu weinen und zu trauern.
Egal wie lange ihr Verlust schon her ist. Ob in diesem Jahr oder dem letzten oder gar dem vorletzten. Denken Sie einmal nicht daran, was wohl die Nachbarn reden könnten. Die Nachbarn oder sonst wer sind jetzt völlig egal. Lass das Dorf doch quatschen. Diese Zeit gehört nur dir und dem, den du verloren hast oder das, was du verloren hast. Denn vielleicht trauerst du auch um die verloren gegangene Gesundheit oder den Arbeitsplatz oder die geplatzte Chance im Leben.
Man muss auch mal traurig sein dürfen. Und heute ist der Tag dafür. Es ist Ewigkeitssonntag.
Man muss auch mal mürrisch sein dürfen. Nicht immer nur auf Hochglanz poliert und mit guter Laune im Gesicht. Man muss auch mal in sich gekehrt und nachdenklich, ungesellig und grüblerisch sein. Im November allemal. Wann denn sonst? In der Kirche ohnehin – wo denn sonst?
Also drücken sie ihre Schwermut nicht weg, sondern lassen sie sie zu. Endlich – vielleicht.
Viele Menschen haben Angst vor ihrer eigenen Trauer.
Sie schieben sie weg. Verdrängen Sie. Möchten nicht erinnert werden. Tun schnell so, als sei nichts geschehen. Nach außen hin. Wie es innen drin aussieht geht angeblich schließlich keinen was an…. Naja.
Worüber wird nicht den lieben langen Tag redet, aber über die eigenen Sorgen und Probleme, Ängste und Nöte redet man dabei kaum. Die fressen viele lieber in sich hinein und ziehen sich zurück, statt die Gemeinschaft zu suchen.
Und wenn man auch nicht mit jedem reden mag, so haben wir doch noch Profis im Ort, die zuhören können und zuhören mögen. Die Ärzte, den Pastor. Wir dürfen das stärker nutzen und uns Gehör verschaffen. Und wer das tut ist dann trotzdem noch kein chronischer Fall, und auch nicht reif für die Klapsmühle. Man ist dann einfach ein Stück seiner Sorgen los. Man hat sie sich von der Seele geredet. Das geht wirklich!
Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wer es probiert hat, weiß wovon ich rede.
Manche Menschen haben auch Angst aus ihrer Trauer nicht mehr herauszukommen. Sie fürchten, stecken zu bleiben in einer dauernden, chronischen Depression. Nun mag es so etwas geben, aber meiner Meinung nach sollte man lieber einmal richtig trauern als immer mal wieder ein bisschen. Denn dann meldet sich die Trauer evtl. heftig und überfallartig auch noch nach Jahren.
Es hilft wohl eher gesund zu bleiben, wenn man sich seiner Tränen nicht schämt. Auch Männer können weinen, übrigens. Ich kenne zumindest keinen Indianer, der teflonbeschichtet ist. Die, die ich kennen gelernt habe und es waren tatsächlich echte Indianer darunter, sie waren alle aus Fleisch und Blut und hatten Gott sei Dank Gefühl – beides Lachen und Weinen!
Gönn dir deine Trauerzeit. Wie lange sie auch bis jetzt gedauert hat. Es ist nie zu spät damit anzufangen. Spür dem Schmerz nach, den der Verlust gerissen hat. Ergründe die Leere und fülle sie nicht wieder zu schnell. Ein Mensch ist gestorben – da muss man mal innehalten.
Es ist gut, sie gehabt zu haben, diese Zeit der Tränen und des bewussten Abschieds. Wie unterschiedlich lange sie auch bei jedem dauern mögen.
Denn dann kann es auch neue Chancen und ein neues Leben geben nach dem Abschied, nach dem Tod. Dann kann das Weiterleben gelingen. Neue Lust kann aufflammen und neuer Mut wachsen. Nur wer weint kann sich Tränen abwischen und trösten lassen. Nur wer getrauert hat, kann wieder frei und fröhlich lachen. Neue Pläne schmieden. Das Leben meistern, neue Schritte wagen, kräftig zupacken, den Kopf zur Zukunft wenden.
Und das Alte wie einen Schatz mit sich tragen. Der bereichert und nicht beschwert. Der glücklich macht und nicht hinunter zieht. Der im kalten Winter wärmt und nicht selbst für kalte Füße sorgt. Der Farbe gibt im tristen Grau in Grau.

“Wir wollen nicht trauern, dass wir ihn verloren haben, sondern dankbar sein dafür, dass wir ihn gehabt haben, ja, auch jetzt noch haben, denn wer heimkehrt zum Herrn, bleibt in der Gemeinschaft der Familie Gottes und ist nur vorausgegangen.“
Es ist ein altes Wort. Der Kirchenvater Hieronymus (331-420) hat es gesprochen. Es muss ein Mann gewesen sein, der gewusst hat, wie man trauert. Und sein Satz ist für mich eine Kraftquelle im Umgang mit dem Abschiednehmen, vor das der Tod uns stellt.
Denn mit diesem Satz rückt Hieronymus mich ins Licht Gottes und lässt mich die Welt mit Gottes Augen sehen. Und was sehe ich da?
„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (Psalm 23,4) Diese Wirklichkeit steht mir vor Augen, wenn ich mit Gottes Augen unsere Welt betrachte. Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Da ist Gott, der mich führt und leitet wie ein guter Hirte seine Schafe. Da ist einer, der mich in den Händen hält, wenn mich selbst sonst nichts mehr halten kann. Da ist einer, wo ich mich bergen kann, wenn sonst aller Schutz zerborsten ist und der Tod seine mächtige Sichel geschwungen hat.
Das was endgültig scheint ist es nicht.
Das was unausweichlich auf uns alle wartet, lähmt nicht. Ich brauche keine Angst vor dem Tod zu haben und ich brauche keine Angst vor meiner eigenen Trauer zu haben, denn jedes Sterben und jeder Tod und alle Trauer wird bei Gott verwandelt. Denn einer blieb nicht im Tod: Jesus Christus. Und weil Jesus lebt haben wir Hoffnung, haben wir Zukunft, steckt noch immer Leben in uns, auch wenn der Tod durch unseren Ort gegangen ist. Als Weiterlebende, die wir sind haben wir neue Tage vor uns, die Gott uns in seiner Gnade schenken möchte. Das hält Gott für uns bereit. Haben wir doch Vertrauen hier im Leben und im Sterben.
Für seine Kinder ist dies eine hoffnungsfrohe Botschaft.
Wir sind nicht nur in dieser Welt von Gottes Liebe umfangen, sondern auch in der anderen Welt, wenn wir die Linie des Todes überschritten haben.

„1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden und das Meer war nicht mehr da.
2 Ich sah, wie die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam. Sie war festlich geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.
3 Und vom Thron her hörte ich eine starke Stimme rufen: »Dies ist die Wohnstätte Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.
4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.«
5 Dann sagte der, der auf dem Thron saß: »Gebt Acht, jetzt mache ich alles neu!« Zu mir sagte er: »Schreib dieses Wort auf, denn es ist wahr und zuverlässig.«
6 Und er fuhr fort: »Es ist bereits in Erfüllung gegangen! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, dem gebe ich umsonst zu trinken. Ich gebe ihm Wasser aus der Quelle des Lebens.“ (Offb 21,1-6 – Gute Nachricht Bibel)

So wird es im Himmel sein. Gar nicht so sehr anders als hier auf der Erde. Aber eben ohne alles Schlechte, ohne alle Last, ohne Krankheit und Tod und Trauer und Tränen. Weil ohne Sünde. Alles, was die Welt und unser Leben jetzt beschwert, wird es dann nicht mehr geben.
Ich lebe gerne, aber ich freue mich auf den Himmel. ich freue mich auf die Leichtigkeit und das Licht, das aus Versen wie diesen aus der Offenbarung hervorbricht.
Und ich freue mich darauf, die Menschen, die ich in meinem Leben bisher verloren habe, wiederzusehen. Wie einen meiner besten Freunde, der sich vor 11 Jahren das Leben nahm.
Von diesem Himmel, von diesem Ziel lasse ich mich ziehen in diesem Leben.
Ich habe es immer wieder vor Augen. Da möchte ich hin. Und weil ich mir den Himmel von Gott schenken lassen möchte, öffne ich schon jetzt immer wieder die Hände und halte sie Gott hin. Füll sie Gott, füll mich selbst, lieber Vater im Himmel.
Fülle mich mit deiner Kraft, mit deiner Freude, mit deiner Gnade, mit deinem Licht. Dann habe ich Mut und Glaube und Hoffnung für jeden Tag.

So kümmert sich Gott um seine Kinder, damit sie nicht verkümmern und wieder neu aus dem Tal des Todes in das Leben zurückkehren.
Und das Vergangene wird zum Schatz in unserem Herzen, der uns bereichert aber nicht lähmt. Seit der Auferstehung von Jesus Christus von den Toten, seit Ostern, durchleuchtet das Licht des Lebens diese Welt. Es ist das Licht des Schöpfers, der uns nicht vernichten, sondern einladen möchte zum ewigen Leben mit ihm.
Amen.