Vom Geben

Predigt zu Mt 6,1-4 (GNB)

„Mein Honig und mein Blütenstaub gehören mir und keinem anderen!“, sagte die blühende Blume, verschloss ihren Blütenkelch und ließ weder Biene noch Schmetterling von ihrem Nektar naschen. Dafür welkte sie dahin, einfach so. Vollkommen sinnlos, und starb – ohne Frucht und Samen.

Es ist nur eine kleine Geschichte. Aber stellen Sie sich vor, sie würde einmal wahr werden. Die Blumen gäben keinen Nektar mehr und damit auch keine Samenkörner. Der Altar an Erntedank bliebe weitgehend leer. Wir hätten Hunger aber nichts zu essen. Und der nächste Frühling und Sommer wäre still und öde.
Es ist nur eine kleine, kurze Geschichte. Und doch ist alles drin, was uns erinnern und ermutigen kann, um es so zu machen, wie die Blumen und Bäume es – Gott sei Dank – seit Jahrtausenden tun. Sie geben treu und zuverlässig das Beste, was sie haben, ihren Honig und Blütenstaub, damit wir alle Leben und etwas zum Essen haben und auch Kleidung und vieles mehr.
Die Welt wäre öde, ohne diese Hingabe. Die Erde war wüst und leer und dann gab Gott das Licht und das Leben ging los. Die Welt wäre ein elender Platz, wenn Hände nur sammeln, aber nicht auch geben könnten. Wenn wir nur halten, aber nicht loslassen würden.

Wir spüren und wissen es alle: Ein Leben, das nicht gibt und schenkt, ein Leben, das nicht hilft und anderen Freunde macht, bleibt ein leeres Leben. Ein Leben, das nur bei sich selbst ist und andere Menschen vergisst, ist arm, selbst wenn man noch so viel Geld hat. Und ein Leben, dass alles fest-hält und nicht bereit ist zu teilen, ist voller vertaner Chancen und verlorener Begegnungen.

Jesus sagt:
»Hütet euch, eure Frömmigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen! Denn dann habt ihr keinen Lohn mehr von eurem Vater im Himmel zu erwarten.«
»Wenn du also einem Bedürftigen etwas spendest, dann häng es nicht an die große Glocke! Benimm dich nicht wie die Scheinheiligen in den Synagogen und auf den Straßen. Sie wollen nur von den Menschen geehrt werden. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn schon kassiert.
Wenn du also etwas spendest, dann tu es so unauffällig, dass deine linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.«

„Passt auf!“, sagt er, „wenn Ihr anderen helft. Dann macht es nicht so offensichtlich und demonstra-tiv, damit es alle Menschen sehen und Euch klasse finden. Gebt nicht an mit Eurem ermeintlichen Großzügigkeit und Eurer Barmherzigkeit. Lasst es auch nicht herumerzählen, wie gut Ihr zu anderen gewesen seid, damit man über Eure guten Werke spricht.“
„Nein“, sagt er. „Wenn du hilfst, dann tue es unauffällig, so dass nicht mal dein bester Freund es erfährt. Aber sei sicher, dass Gott es sieht und vergelten wird.“

Tue Gutes und schweige darüber.
Das ist nichts für unsere laute Welt, in der doch alles und jeder meistens sofort herausposaunt, was für ein toller Hecht er oder sie ist und was er oder so gerade eben alles geleistet hat und wieviel Stress es war und was für ein großartiger Kerl man doch nun ist!

Wobei ich mich auch frage, ob Jesus es wirklich so meinte: Tue Gutes und schweige drüber.
Ich bin mir sicher, er hat etwas anderes im Sinn mit dieser Mahnung.
Jesus fragt nach unseren Motiven.

Warum hilfst du?
Willst du wirklich helfen und das Leben oder die Situation tatsächlich verbessern? Oder willst du nur gut dastehen, evtl. noch mit einem beruhigten Gewissen? Hilfst du aus Nächstenliebe oder eher aus Eigennutz? Geht es dir um den anderen, oder eigentlich nur um dich selbst?

Dass es zwischen diesen verschiedenen Motiven auch mal zu Konflikten kommen kann, wissen wir alle. Und wir können es noch erahnen, wenn wir hier in unserer Kirche die Bänke anschauen. Früher waren darauf Besitzschilder angebracht. 1768 wurde festgelegt, dass ein Teil der Plätze verlost werden sollte und ein anderer Teil wurde meistbietend und zeitlich begrenzt vermietet. Nur die, die sich aufgrund ihres Status und ihrer Wirtschaftskraft an den Ausgaben, den Lasten, der Kirche be-teiligen konnten, hatten Anspruch auf einen festen Platz in den Bänken. Alle anderen im Ort, gaben nichts, hatten aber auch keine Rechte und damit keinen Sitzplatz.
Ich spreche hier von einer lange vergangenen Zeit. Aber stellen wir uns nur einmal kurz vor, die Menschen damals hier und an anderen Orten war es ja genauso, hätten uneigennützig etwas zum Kirchenbau und ihrem Erhalt gegeben, es wären auch nachfolgenden Generationen viel Streit erspart geblieben. „Wenn du also etwas spendest, häng es nicht an die große Glocke!“, sagt Jesus und er fordert uns auf, uneigennützig dem Zweck zu dienen. Ohne eigene Absichten und mögliche An-sprüche.

Aber das ist schwer. Wir möchten doch auch, dass es sich lohnt. Auch für uns, die wir etwas geben. Auf Spiekeroog gibt es viele Bänke mit Messingschildern, die sagen: „Diese Parkbank wurde gestiftet von Familie Soundso.“

Tue Gutes und schweige drüber?
Nicht unbedingt, nicht ganz so platt, sondern tue Gutes und denk nicht an dich, sondern nur an den, dem du Gutes tun willst.
Jesus fragt eben nach unserem Motiven und Absichten. Und wir fragen: „Was bringt’s?“ Und das ist das Zweite, worum es heute geht.

Wir sind es gewöhnt, stets und ständig diese kleine Frage zu stellen: Was bringt’s? Was kommt da-bei heraus? Lohnt sich das?

Unsere Welt ist grundlegend organisiert durch Marktwirtschaft und Wettbewerb. Vor einigen Jah-ren gab es noch keine Börsennachrichten im Fernsehen. Heute gibt es ganze Fernsehsender, die nichts anderes senden als Börsenkurse. Uns prägt diese kleine Frage „Was bringt’s?“ mittlerweile so stark, dass sie sogar hineindringt in ganz alltägliche und persönliche Entscheidungen des Lebens und des Glaubens. Das merken wir oft nicht einmal.

Bitten Sie ein Kind, mal schnell zum Bäcker zu laufen und Brot zu holen, fragt es: Kann ich mir ein Eis mitbringen? Schicken Sie einen Jugendlichen mit einem Brief zum Briefkasten, heißt es: Und was krieg ich dafür? Bei uns selbst ist es nicht anders. Viele junge Menschen fragen sich: Was bringt es mir, Kinder zu haben? Ich lebe doch viel freier und ungebundener ohne solche Quälgeister. Und ohne die Kosten, die sie verursachen. Was bringt es, wenn ich mich um meine alten Eltern kümmere? Können das nicht andere tun?
Es gibt viele solcher Fragen. Was bringt mir die Freundschaft zu diesem oder jenen Menschen noch? Lohnt es sich überhaupt noch, um meine Ehe zu kämpfen? Wäre es nicht einfacher, auseinander zu gehen?
Vielleicht sind das Klischees, nicht immer und nicht auf jeden trifft es so zu. Und dennoch:
Was nichts „bringt“, das lässt man besser bleiben. Weil es sich nicht lohnt.

Das ist einfach. Auch in Glaubensdingen. Was bringt’s, wenn ich in die Kirche gehe? Was nützt es, wenn ich bete? Lohnt es sich, die alte Bibel hervorzukramen und darin zu lesen? Ist das nicht Zeit-verschwendung? Lohnt es sich, den Pastor zu fragen: Wo kann ich helfen?

So wird alles bei uns auf diese Weise hinterfragt, nach seinem Effekt und Nutzen. Wichtig ist, dass etwas für sich selbst dabei herausspringt. Wenn nicht, lässt man es lieber bleiben.

Dieser Lohn-Gedanke ist nicht mehr wegzudenken aus unserem Leben. Aber wir spüren es selbst ganz deutlich: Eigentlich ist es nicht gut, so zu denken. Denn viel an Liebe, an Spontaneität und an Gemeinschaftssinn geht uns dadurch verloren. Eine Welt, die nur rechnet, wird arm. Arm an Liebe, Tiefe und Reife.

Das gilt genauso für unser Geben und Schenken. Wir bemerken wohl den wohnungslosen Bettler. Er rührt uns an mit seiner Demut und in seiner Verwahrlosung. Aber ehe wir uns entschließen, einen Euro in seinen Hut zu legen, kriecht die kleine Frage in uns hoch: Was bringt’s? Und wir antworten uns selbst: Nichts. Er wird es sinnlos vertrinken. – Und schon sind wir vorüber.

Wir lesen den dringenden Hilferuf von Brot für die Welt, dass die Lage der Menschen in der dritten Welt immer katastrophaler wird … da kriecht wieder die Frage in uns hoch: Was bringt’s? War da nicht ein Gerücht, dass Spendengelder in dunkle Kanäle fließen … Also, was bringt’s dann noch zu spenden? Außerdem ist eh jede Spende nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Schon wandert der Bittbrief ins Altpapier.

Wir könnten uns schon hier engagieren, aber dann haben wir noch einen Termin und neuen Stress. Nein, danke!

Vielleicht würde Jesus heute anders über das Geben, Spenden und Schenken reden. Vielleicht wür-de er sagen: Wie oft hast Du Deine helfende Hand zurückgezogen, weil Du die Frage „Was bringt’s?“ zugelassen und mit „Es bringt ja doch nichts!“ beantwortet hast? Wie oft hast du nicht geholfen, obwohl du es hättest können? Wie oft warst du kleinlich und knickrig, statt großzügig und wirksam?

Etwas hingeben für einen andern, das mich wirklich etwas kostet, ein echtes Opfer bringen und das auch noch ganz im Stillen, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten… das ist unglaublich schwer.
Und wir wissen genau, wie sich in unserem eigenen Leben dieses christliche Ideal und unser wirkli-ches Handeln widersprechen. Ich weiß, ich sollte mehr geben. Mehr helfen. Aber bringt es im End-effekt wirklich was für die, die Hilfe brauchen? Oder wenigstens ein bisschen Anerkennung?

„Mein Honig und mein Blütenstaub gehören mir und keinem anderen!“, sagte die blühende Blume, verschloss ihren Blütenkelch und ließ weder Biene noch Schmetterling von ihrem Nektar naschen. Dafür welkte sie dahin, ziellos und zwecklos, und starb – ohne Frucht und Samen.

Nein, wir wollen auch nicht, ziel- und zwecklos dahin leben, und ohne Früchte sterben. Wir wollen doch, dass es etwas von uns bleibt. Gerne auch über den Tod hinaus bleibt. Die meisten möchten schon gerne einen Eindruck hinterlassen und viele wünschen sich, dass gut über sie gesprochen wird und sie in positiver Erinnerung bleiben.

Und darum finde ich ja das Wort von Jesus so hilfreich.
»Hütet euch, eure Frömmigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen! Denn dann habt ihr keinen Lohn mehr von eurem Vater im Himmel zu erwarten.«
»Wenn du also einem Bedürftigen etwas spendest, dann häng es nicht an die große Glocke! Benimm dich nicht wie die Scheinheiligen in den Synagogen und auf den Straßen. Sie wollen nur von den Menschen geehrt werden. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn schon kassiert.
Wenn du also etwas spendest, dann tu es so unauffällig, dass deine linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.«

Wenn du wirklich helfen willst, dann frage, was du tun kannst und tue es. Wenn du wirklich helfen willst, dann frage nicht, wie du wohl dastehst, wenn du hilfst oder es lässt – es geht nicht um dich, sondern frage, was der andere braucht. Und gib, was du kannst, damit sich wirklich was ändert. Damit die Hilfe wirksam ist.

Gott will keine Almosen, nur damit wir ein ruhiges Gewissen und damit unsere Ruhe haben. Gott möchte, dass wir als Christen wirklich einen Unterschied machen. Wir sollen einen Eindruck hinter-lassen. Bei aller Hilfe und jedem Liebesdienst geht es nicht um uns, sondern um den anderen. Das ist echte Nächstenliebe. Darum lasst uns nicht halten, sondern loslassen. Nicht sammeln, sondern geben. Nicht abwarten, sondern einsetzen. Gott sieht all das und er wird es uns vergelten.

Was bringt es?
Ich bin mir sicher, wir werden überrascht sein, was es uns dann auch noch bringt. Manchmal mehr als wir denken. Manchmal anders, als wir dachten.
Wir dürfen an der Seite von Jesus stehen und andere Menschen segnen, mit Liebe, Aufmerksamkeit, Hilfe. Ich bin dankbar für die Kraft, für diese Zeiten. Dankbar für die Mittel, helfen zu können, dankbar für die Zeit, für andere da zu sein.

So ist das: Wer anderen eine Blume sät, blüht selber auf.

Amen.