Vom barmherzigen Vater

Predigt zu Lk 15,11-32

Es ist wohl einer der bekanntesten Geschichten aus der Bibel. Neben Adam und Eva, Kain und Abel und der Sintflut kennen viele Menschen diese Geschichte vom sogenannten „Verlorenen Sohn“. Auch für mich ist es eine wichtige Geschichte. Sie zählt zu meinen Lieblingstexten aus der Bibel.
Jesus erzählt diese Geschichte und wenn es auch für uns mittlerweile ganz normal erscheint, was der Vater da tut, so war es für damals, zurzeit von Jesus und seinen Hörern, eine Herausforderung, ja, eine bodenlose Frechheit!

Wie kann der Sohn das Erbe verlangen, obwohl der Vater noch nicht tot ist?
Und wie kann er das ganze hart erarbeitete Geld einfach so verprassen?
Und wie kann er dann einfach zurückkommen? Na, der traut sich ja was?
Aber dann wird es noch bunter: Wie kann der Vater seinem nichtsnutzigen Sohn entgegenlaufen? Wie ihn in die Arme schließen? Wie ihm vergeben und ihn wieder als Sohn und Erbe einsetzen? Und wie kann sein Bruder es wagen, sich nicht mitzufreuen?

Die meisten von uns werden diese Geschichte schon öfters gehört haben. Vielleicht schon mal als Predigttext oder in der Schule oder sonst wo. Leider stehen wir bei bekannten Texten in der Gefahr, schnell wegzuhören. „Kenn ich schon! Weiß schon alles!“, so reagieren manche innerlich und schalten ab. Aber das wäre hier zu schade. Bleiben wir wach und dran und lassen uns wenigstens ein wenig mitnehmen von der Aufregung, die diese Geschichte damals erzeugt hat. Ein wenig erhöhter Herzschlag wäre hier jetzt ganz angebracht. Das macht uns aufmerksam und wach.

Der Vater ist ganz schön großzügig. Ob ich das so machen würde, wenn einer meiner Söhne mich um das Erbe bitten würde? Ich bin mir nicht so sicher. So ich könnte, würde ich ihm bei einer Reise, einem Abenteuer unter die Arme greifen, den Flug bezahlen oder monatlich was überweisen, damit der Junge nicht verhungert und krankenversichert ist im Ausland.
Aber hier in der Geschichte, leert der Vater das Konto und gibt dem Sohn vertrauensvoll das Geld. Man kann ihn für naiv erklären. Man kann aber auch sagen: Der Vater hat Vertrauen in seinen Sohn und auch in sich selbst: Ich hab ihn erzogen, ganz schief kann es dann gar nicht laufen. Nimm das Geld und mach was draus.
Das ist großzügig und voller Vertrauen.

Und der Sohn geht und macht was draus und zwar solange, bis nichts mehr übrig ist.
Früher hat man gesagt, der Sohn hätte sein Geld mit gekauften Freunden und leichten Mädchen durchgebrannt. Eine böse Unterstellung des älteren Bruder, der es ja gar nicht wissen konnte…
Jesus erzählt einfach, dass er in Saus und Braus lebte. Wie auch immer: auf jeden Fall war das Geld dann irgendwann ausgegeben und ein Pech folgt aufs nächste. Das Geld ist weg und die Nahrung auch. Eine Hungersnot kam über das Land.
Aber der Sohn war nicht blöd und auch nicht faul. Er sucht sich Arbeit und er ist bereit, sogar sehr niedrige Arbeit anzunehmen. Der junge Mann ist beweglich! Erst verlässt er seine Heimat, das ist schon mal nicht selbstverständlich. Dann wagt er ein neues Leben, auch eher selten. Dann geht er weiter an die Grenze der persönlichen Möglichkeiten und wird Schweinehirte bis ihm der Magen knurrt.
Der junge Mann hat Mut! Von dem können wir uns eine Scheibe abschneiden! Das ist kein Trottel, kein Versager. Er hat einen Fehler gemacht, ja! Aber nur wer nichts tut, macht auch keine Fehler – und das ist dann auch gleichzeitig der größte Fehler überhaupt.
Und weil er mutig ist, traut er sich das Frechste, was man sich vorstellen kann: er geht zurück zu Vater. Er nimmt allen Mut zusammen und kehrt nach Hause zurück und bekennt seine Schuld und will auch die Verantwortung tragen:
„Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Nimm mich als einen deiner Arbeiter in Dienst!“

Das soll ihm erst einmal einer nachmachen!
Er hätte ja auch sagen können: ich hatte Pech! Das Geld ist mir gestohlen worden! Ich kann nichts dafür!
Aber nein, nichts davon. Der Junge steht zu seiner Schuld, bekennt sie. Ein seltene Geste, auch heute noch.
Kein Wunder, dass sich die Menschen damals schon über diese Geschichte aufregten. Es war wie ein Spiegel vor ihrem Gesicht und sie erkannten sich selbst und es gefiel ihnen nicht, was sie sahen. Viel zu gerne haben sie auch damals schon Schuld unter den Teppich gekehrt, Ausreden erfunden und andere für ihr eigenes Versagen verantwortlich gemacht.

Aber Jesus geht noch weiter. Jetzt kommt der Vater in den Blick.
Und die Menschen damals hatten einen breitschultrigen Patriarchen vor Augen. Einer, der Befehle erteilte. Ein Vater, der entschied, wer wen heiratete und welchen Beruf die Kinder ergriffen und was die Frau kochte und wann sie putzte und wie viel Geld sie auszugeben hatte. Erinnern wir uns doch mal an unsere 40er, 50er Jahre. Ich glaube, da war das gar nicht so anders…

Aber Jesus stellt den Vater ganz anders vor. In seiner Geschichte ist er kein Patriarch, der darauf wartet, dass sein abtrünniger Sohn reumütig in sein Arbeitszimmer gekrochen kommt. Dieser Vater läuft seinem Sohn entgegen. Und dazu rafft er sein Kleid hoch, wie man es damals getragen hat. Das allein war schon schlimm genug. Ein Skandal geradezu! So benahm man sich als Vater einfach nicht. Man rannte nicht! Man raffte das Kleid nicht und man zeigte auch keine Beine!
Aber dieser Vater tut das und empfängt seinen Sohn mit offenen Armen.

Kein Wunder, dass der Sohn so mutig ist. Bei diesem Vater! Der Sohn hatte ein gutes Vorbild. Und ein gerechtes, liebevolles Elternhaus.
Und dann bekennt der Sohn, aber der Vater hört dem Sohn gar nicht richtig zu, als der sein wohlformuliertes Schuldbekenntnis aufsagt. Er fällt ihm ins Wort und bestellt bei den Dienern gleich das Mastkalb und eine Willkommensparty für den Sohn.
Das ist Vergebung!
Egal, wer du bist. Egal, was du getan hast. Ich habe dich lieb und bei mir bist du willkommen!
Es war nicht die Strenge des Vaters, sondern seine Weichheit, seine Liebe, die den Sohn zur Umkehr veranlasste. Davon möchte ich gerne lernen. Nicht nur als Vater.

Aber nun haben wir noch den anderen Sohn. Den missmutigen. Den älteren der beiden, der treu und brav tut, was der Vater verlangt. Der nie auf die Idee gekommen wäre, das Erbe zu fordern. Der auch nie abgehauen wäre, um das Leben zu testen und die „Sau raus zu lassen“.
Er traut seinen Augen und Ohren nicht.
„Wie jetzt? Der Bruder ist zurück? Na, der traut sich was? Und Vater lässt eine Party springen? Und was ist mit mir? Ich habe nie eine Party bekommen!“

Verständliche Frage und eine nachvollziehbare Empörung.
Aber wieder zeigt der Vater Größe und geht zu seinem älteren Sohn. Er fackelt nicht lange, wartet nicht auf ihn, sondern geht auch ihm entgegen. Aktiv. Das ist Liebe.
Und die beiden reden miteinander. Auf gleicher Augenhöhe.

Und der ältere Sohn klagt und er Vater erklärt. Und dem Sohn gehen die Augen auf.
„Mein Sohn“, sagte der Vater, „du bist immer bei mir, und dir gehört alles, was ich habe.“ (V.31)
Da erkennt der Sohn, dass er längst schon für sich selbst und seine Freunde eine Feier hätte organisieren können. Aber er hat sich nicht getraut. Er war zu misstrauisch. Zurückhaltend. „Dir gehört alles, was ich habe! Nimm und iss. Freu dich am Leben! Genieße es!“

So musste ihm der jüngere Bruder erst zeigen, wie der Vater tatsächlich ist: barmherzig, weltoffen, einladend, herzlich, schenkend, großzügig!

Wir wissen nicht, ob der ältere Sohn dann mitfeierte. Jesus lässt das in seiner Erzählung offen. Aber wir spüren, dass diese Geschichte nicht der „Verlorene Sohn“ heißen sollte, sondern „Der barmherzige Vater“. Denn um den Vater geht es eigentlich. Er ist das Zentrum dieser Erzählung. Er ist die Mitte dieses Gleichnisses.

Und weil es ein Gleichnis ist, ist es ein Vergleich.
Jesus vergleicht die Söhne mit uns Menschen. So sind wir: wissbegierig, tatendurstig, frech, fordernd, ungerecht, mutig, nachtragend, verschwenderisch, dreist, abenteuerlustig und vieles mehr.

Und Jesus vergleicht den Vater mit Gott. So ist er: großherzig, großzügig, vergebend, treu, ein Schutzwall, eine Burg zum Bergen, weitherzig, weltoffen, verzeihend, nicht nachtragend, liebevoll, offen, zuvorkommend, ansprechbar.

So ist Gott.
Vertrauen wir ihm, wie der jüngere Sohn und wagen wir das Gespräch mit ihm, wie der ältere Sohn.
Und feiern wir das Leben mit allem Guten und allem Schweren, mit Freude und Trauer, Lachen und Weinen, weil Gott uns dazu einlädt und er uns nicht allein lässt.

Amen.