Sei einfach ein Vorbild

Es muss ein Trubel gewesen sein wie bei der Proklamation des Schützenkönigs. Menschen drängen sich, Schultern stoßen aneinander. Augen suchen den Platz ab, Hälse werden gereckt und Köpfe gedreht. Ein aufgeregtes Gemurmel erfüllt den Ort, laute Stimmen rufen zwischen den Häusern. Hier steckt Energie drin. Neugierde, Tatendrang, Lust und gute Laune auf Neues. Und dann kommt er an. Auf einem Esel reitet Jesus durch die Menge, die sich zu einem Spalier öffnet und ihn hindurchziehen lässt. Einige Menschen beginnen, ihre Gewänder abzulegen und breiten sie auf der Straße aus. Andere reißen Palmzweige ab und legen sie dazu. So schmücken sie den Weg, decken den Staub zu und heißen ihren neuen König willkommen.
„Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ (Lk 19,38f.)

Es sind Worte aus der Synagogenschule. Aus dem Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht, sozusagen, die manchen hier wieder einfallen. Und laut rufen sie es in die Straßen hinein. Endlich ist es soweit! Die Prophezeiungen aus dem Alten Testament erfüllen sich. „Der König kommt und er reitet auf einem Esel.“ (Sach 9,9).
Und wenn es das damals schon gegeben hätte, hier und jetzt wäre es passend gewesen, das Adventslied „Tochter Zion“ (EG 13) zu singen.

Heute ist Palmsonntag. Jesus zieht in Jerusalem ein. Und die Menschen haben hohe Erwartungen an ihn. Er soll es richten. Jetzt und sofort. Nun sollen seinen Worten Taten folgen: Schmeiß die verhassten römischen Soldaten und Machthaber aus dem Land. Mach Israel wieder zu einem starken Volk. Regiere in Weisheit und Gottesfurcht.

Jesus du kannst das, du schaffst das. Wir vertrauen auf Dich. Du bist unser Vorbild!

Mit Vorbildern ist das ja so eine Sache. Zumindest mittlerweile. Vor 100 Jahren mag das noch anders gewesen sein. Aber spätestens mit dem 2. Weltkrieg haben wir ein Problem mit Vorbildern. Was in den Anfängen vielen noch vorbildlich erschien, zeigte dann schnell sein wahres, aber furchtbares und mörderisches Gesicht. Und „Führer befiehl, wir folgen!“, dieser Satz ist „vorbildlich“ abscheulich in die Hose gegangen.

Seitdem sind wir in Deutschland vorsichtig. Vielleicht auch zu vorsichtig mit dem Begriff des „Vorbilds“. In anderen Ländern ist man da freier. Was wurde Obama hochgejubelt. Er war schon fast ein politischer Messias.
Keiner käme auf die Idee, hier in Deutschland einen Politiker so hoch zu schreiben. Wir haben das Zujubeln und Hochjubeln auf ungefährliche Bereiche beschränkt, den Sport und die Musik. Und selbst da kommt zwischendurch ein Hoeneß daher und macht unsere Ahnungen und Hoffnungen von Vorbildern kaputt.
Aber wen haben wir dann noch? Eine katholische Kirche mit Protzbischof, wie die Bildzeitung schreibt, kann es kaum noch sein. Die evangelische Kirche taugt auch nicht wirklich. Politiker? Schriftsteller? Von Edathy bis Günter Grass, von Hoeneß bis Tebartz-von-Elst, vom mordverdächtigten Pistorius bis zur dopinggetränkten Tour de France. Wir stehen so ziemlich mit leeren Händen da, wenn wir echte Vorbilder nennen sollten. Irgendwo ist immer was zu finden, bei irgendwem ist immer mal was schiefgelaufen. Kein Wunder, dass in den USA die Politiker im Wahlkampf jeden je getätigten Atemzug des Gegners durchleuchten und auch in unserem Land wird das ja mehr und mehr so üblich. Hatte nicht Steinbrück mal eine Haushaltshilfe „schwarz“ beschäftigt…?

Vielleicht erwarten wir auch einfach zu viel von „unseren“ Vorbildern.
Vielleicht sind unsere Ideale zu streng. Und unsere Ansprüche zu hoch.

Auf jeden Fall: jetzt kommen Sie ins Spiel.
Beim Konfirmandenunterricht haben Sie nämlich nach dem Alter sortiert gesessen. So haben Sie mir erzählt. Vorne die ältesten Jungs, dahinter die jüngeren Jungs, dann die älteren Mädchen, dann die jüngeren Mädchen ganz hinten.
Ob sich in dieser Sitzordnung wohl die Gesellschaftsordnung von damals abbildete?
Ob die Jüngsten von den Älteren lernen sollten?
Die Jüngsten hatten ja die Älteren immer im Blick, sie waren den Jüngeren ein vorgesetztes Bild, ein Vorbild. „Schau nach vorne zu den „Alten“ und sieh, was du von ihnen lernen kannst.“ So hat es vielleicht geheißen, wenigstens unausgesprochen.

Auch heute zum Tag der Goldenen Konfirmation sitzen Sie wieder vorne und alle anderen können ihnen von hinten zuschauen und von ihnen lernen.

Wie ist das so, wenn man von hinten beobachtet wird? Wenn man die Menge im Nacken sitzen spürt?
Vielleicht ist das für den ein oder anderen von Ihnen gar nicht so angenehm.

Aber ich möchte Ihnen etwas zusagen. Heute an diesem besonderen Tag:
Sie haben das Zeug zum Vorbild.

Sie müssen sich nur trauen.
Mit rund 65 Lebensjahren haben Sie schon eine lange Lebenszeit hinter sich, auf die sie zurückblicken können. Und trotzdem noch eine lange Zeit vor sich, um Ihre Erfahrungen zu teilen und weiterzugeben. Angeblich sucht die Wirtschaft Menschen wie Sie.
Vor zwei Jahren stand in der Zeitung: „IWF sucht pensionierte Steuer-Experten aus Deutschland, die in Griechenland helfen sollen, eine neue Finanzverwaltung aufzubauen“.
Und in der Gesellschaft werden Sie gebraucht, wie wohl niemals zuvor.
Sie haben schon so manchen Vollmond gesehen, aber in ihnen steckt – im Großen und Ganzen – noch die volle Lebenskraft. Sie bringen die nötige Gelassenheit mit, die uns Nachwachsenden manchmal noch fehlt. Sie haben Zeit, und viele auch Geld, um hier und da zu helfen.
Es ist ein tolles Alter, in dem Sie leben!
2008 gab es eine Umfrage: Die meisten Älteren fühlen sich zu fit für die Rente: Rund 60 Prozent möchten auch nach dem 65. Lebensjahr gerne weiter arbeiten – die Hälfte davon im angestammten Beruf; die andere Hälfte will etwas Neues anfangen. Etwa die Hälfte treibt regelmäßig Sport. „Wer heute Rentner ist … ist einfach nicht alt, fühlt sich nicht alt und verhält sich nicht alt – die überwiegende Mehrheit zumindest“, folgert der Sozialwissenschaftler Dieter Otten von der Uni Osnabrück.
Und auch die Bundesregierung sagt: „Möglichst lange die eigenen Erfahrungen, Zeit und Kraft in eine sinnvolle Tätigkeit einzubringen, ist befriedigend für den Einzelnen und eine wertvolle Ressource für die gesamte Gesellschaft.“
Darum gibt es längst Webseiten, die Rentner und Pensionäre vermitteln: „Rent a Rentner“ – heißt so eine, Miete einen Rentner. Sie sind begehrt!

„Die 50- bis 70-Jährigen, darunter auch immer mehr Männer, verhalten sich betont körperbewusst und gesundheitsorientiert. Sie leben länger, sie bleiben länger jung und sind länger gesund.“, so heißt es in der Presse.
Was machen Sie damit?
Ich habe mich mal erkundigt, was eine Goldene Kreditkarte kann. Und ich war überrascht, denn da steckt eine Menge mehr drin, als ich dachte und mehr, als dass man nur mit ihr bezahlen kann.
Und ich denke mir, eigentlich sind Sie sowas wie die Goldkarte unserer Gesellschaft, und auch unserer Kirche. Sie sehen toll aus und können mehr, als man so denkt. Vielleicht auch, als sie selbst von sich denken. Wer hält sich schon für ein Vorbild?

Haben Sie Mut, ein Vorbild zu sein. Ein Vorbild mit allen Ecken und Kanten und Macken und Fehlern. Mit Ihrer ganz eigenen Geschichte und Ihrer persönlichen und individuellen Erfahrung. Mit Scheitern. Und Wiederaufstehen. Mit Fehlermachen und Entschuldigungen aussprechen. Mit Glück und Pech.

Weder in unserer Gesellschaft, noch in unserer Kirche brauchen wir Helden mit weißer Weste und aalglattem Lebenslauf.
Wir brauchen aber Menschen, von denen wir lernen können, an denen wir uns orientieren können und von denen wir erfahren dürfen, wie sie im Leben klargekommen oder auch nicht klargekommen sind. Wir suchen Menschen, die bereit sind, ihre schönen und schlechten Erfahrungen zu teilen und von denen wir abschauen dürfen, wie man mit beidem umgehen kann. Vielleicht können andere, können wir, das dann genauso machen, vielleicht aber auch gerade anders.

Wir haben in unserem Land so unsere Probleme mit Vorbildern.
Dabei brauchen wir sie in diesen bewegten Zeiten so dringend.
Wir brauchen keine Helden, sondern normale Menschen, die bereit sind, Zeit und Gelegenheiten zu investieren, damit andere von ihnen lernen können. Damit wir Ihnen über die Schulter schauen können, so wie die hinten damals den Vorderen im Konfi-Unterricht über die Schulter geschaut haben.

Ein Großvater schrieb vor kurzem seinen fünf Enkeln einen Brief, der ihnen Rat fürs Leben geben sollte. Wenige Monate später starb er unerwartet an einem Herzinfarkt. Hatte er es geahnt? Wie auch immer. Sein Brief ist eine Ermutigung für uns.

Liebe Enkel,
meine kluge Tochter hat mich dazu gedrängt, euch ein paar Worte zu schreiben, über die wichtigen Dinge, die ich im Leben gelernt habe.

1. Jeder von euch ist ein wundervolles Geschenk Gottes, an eure Familie und an die Welt. Denkt immer daran – besonders, wenn Zweifel und Entmutigung euch einholen.

2. Habt keine Angst. Vor nichts und niemandem, wenn es darum geht, euer Leben voll auszukosten. Folgt euren Hoffnungen und Träumen, egal wie unerreichbar oder seltsam sie euch erscheinen mögen. Viel zu viele Menschen tun nicht das, was sie wirklich wollen, weil sie sich davor fürchten, was andere dazu sagen könnten. Denkt daran: Wenn diese Menschen euch keine Hühnersuppe ans Bett bringen, wenn ihr krank seid oder euch beistehen, wenn ihr Probleme habt, dann spielen sie keine Rolle in eurem Leben. Meidet diese sauerlaunigen Pessimisten, die sich eure Träume anhören und sagen: „Ja, aber was, wenn…“ Zum Teufel mit „Was, wenn“! Tut es. Das Schlimmste im Leben ist, zurück zu schauen und zu sagen: „Ich hätte es getan, ich hätte es tun können, ich hätte es tun sollen.“ Geht Risiken ein, macht Fehler.

3. Alle anderen sind auch nur normale Menschen. Manche tragen schicke Hüte oder haben wichtige Titel oder sie haben (eine Zeit lang) Macht. Sie wollen, dass ihr sie für etwas Besseres haltet. Glaubt ihnen nicht. Sie haben die gleichen Zweifel, Ängste und Hoffnungen; sie essen, trinken, schlafen und furzen wie jeder andere. Hinterfragt Autoritäten immer, aber stellt euch dabei klug und vorsichtig an.

4. Macht eine Liste mit allen Dingen, die ihr in eurem Leben tun wollt: Reisen, eine besondere Fähigkeit lernen, jemand besonderen treffen. Macht eine lange Liste und hakt jedes Jahr ein paar Punkte davon ab. Sagt nicht: „Das mache ich morgen“ (oder nächsten Monat oder nächstes Jahr). So werdet ihr es nie tun. Es gibt kein Morgen und die einzig richtige Zeit, etwas zu tun, ist jetzt.

5. Seid freundlich und bemüht euch nach Kräften, anderen Menschen zu helfen, besonders den Schwachen, den Ängstlichen und Kindern. Jeder trägt eine Sorge mit sich herum, und diese Menschen brauchen euer Mitgefühl.

6. Tretet nicht dem Militär bei oder irgendeiner anderen Organisation, die zum Töten ausbildet. Krieg ist böse. Alle Kriege werden von alten Männern begonnen, die junge Männer dazu zwingen, einander zu hassen und umzubringen. Die alten Männer überleben und beenden den Krieg auf die gleiche Art, wie sie ihn begonnen haben: Mit Stift und Papier. So viele gute und unschuldige Menschen sterben. Wenn Kriege wirklich so nobel sind – warum stehen diese Führer, die Krieg beginnen, nicht selbst auf dem Schlachtfeld und kämpfen?

7. Lest Bücher, so viele ihr könnt. Sie sind eine Quelle der Freude, der Weisheit und der Inspiration. Sie brauchen keine Batterien und keine Internetverbindung und sie können euch überall hinbringen.

8. Seid wahrhaftig.

9. Macht Reisen: Immer, aber besonders, solange ihr jung seid. Wartet nicht, bis ihr genug Geld habt oder bis es gerade gut passt. Das passiert nie. Holt euch heute euren Reisepass.

10. Wählt euren Beruf, weil ihr ihn liebt. Sicher, manche Dinge werden hart sein, aber ein Beruf muss Freude machen. Nehmt niemals eine Arbeit nur wegen des Geldes an – das wird eure Seele verkrüppeln.

11. Schimpft nicht. Das führt nie zum Erfolg und es tut euch und anderen weh. Jedes Mal, wenn ich geschimpft habe, bin ich gescheitert.

12. Haltet immer die Versprechen, die ihr Kindern gebt. Sagt nicht „mal sehen“, wenn ihr eigentlich „nein“ meint. Kinder erwarten die Wahrheit. Gebt sie ihnen – mit Liebe und Güte.

13. Sagt niemals jemandem, dass ihr ihn liebt, wenn ihr es nicht tut.

14. Lebt im Einklang mit der Natur, geht nach draußen, in den Wald, in die Berge, ans Meer, in die Wüste. Das ist wichtig für die Seele.

15. Umarmt die Menschen, die ihr liebt. Sagt Ihnen, wie viel sie euch bedeuten. Wartet nicht, bis es zu spät ist.

16. Seid dankbar. Es gibt ein Sprichwort: „Das ist ein Tag in unserem Leben und er wird nicht wieder kommen.“ Lebt jeden Tag mit diesem Gedanken.
(Quelle: http://www.huffingtonpost.de/ann-brenoff/der-letzte-brief-eines-gr_b_5027344.html?utm_hp_ref=fb&src=sp&comm_ref=false)

Dieser Brief macht Mut. Finde ich. So wie Jesus, uns Mut macht.

Auch Jesus war kein Held. Und auch wenn ihn die Menschen damals dazu machen wollten, hat er es strikt abgelehnt, ein Held zu werden. Sein Weg war es, zu dienen, augenscheinlich sogar zu scheitern und dennoch wieder aufzustehen. Er hat die Welt verändert, dabei ist er aus Israel nicht hinaus gekommen. Aber gerade so, wie er war und ist, gerade so war und ist er ein Segen, ein Orientierungspunkt, ein echtes Vorbild. Lernen wir von ihm. Folgen wir diesem Jesus.

Amen.