Seelsorge auf hoher See

Seelsorge braucht nicht viel, aber manchmal eben doch etwas mehr.

Es gibt Aufgaben die sind deswegen relativ leicht zu lösen, weil es dafür schon erprobte und vielfach genutzte Lösungen gibt. Wer jemandem eine Textnachricht zusenden möchte, sucht sich einfach aus der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Messenger einen aus, installiert ihn, und los geht es. Einfach! Oder? Oder nicht?

Wenn ich Matrose auf einem Frachter wäre und sagen wir, von den Philippinen käme, wäre das alles schon gar nicht mehr so einfach. Viele Monate wäre ich auf hoher See unterwegs, getrennt von Familie und Heimat. In den wenigen Häfen, die wir mit unserem Frachter anlaufen, hätte ich meistens gar keine Zeit, um nach Hause zu telefonieren. Landgänge und Freizeit sind knapp.

Wahrscheinlich würde mein Handy im Ausland auch gar keinen Empfang haben. In den Ozeanen stehen nämlich keine Funkmasten und auf dem Schiff selbst unterbrechen die vielen Wände aus Eisen jedes Signal. Außerdem: niemand legt Signalverstärker, Repeater oder Anschlüsse bis in die letzte Kabine.

Stundenlohn von 2 Dollar

Als Seemann von den Philippen läge mein Lohn so ungefähr bei 2 Dollar in der Stunde. Ein Telefongespräch per Satellit würde schnell meinen ganzen Tageslohn kosten, wenn nicht noch mehr. Und buchbare Onlinezeit, wenn es sowas denn gäbe, kostete eben auch mehr als ich an einem Vormittag verdiente. Emails würde der Kapitän verschicken, gemeinsam mit allen anderen Emails der Crew. Aber dann könnte er auch lesen, was ich meiner Frau schreibe oder meinen Kindern und vielleicht würde er auch meine Klagen über lange Arbeitstage lesen und über das Essen, das mir nicht immer schmeckt. Also verschicke ich lieber keine Email, sondern warte ab.

Vielleicht kommen wir irgendwann in einen Hafen, in dem es eine Seemannsmission gibt. So, wie in Hamburg. Auch wenn die Möglichkeiten im Seemannsclub DUCKDALBEN nicht unendlich sind, dort kann ich das W-Lan nutzen und eine Nachricht Richtung Heimat absetzen. Dort sind auch hilfsbereite Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mich unterstützen und mir bei Problemen helfen. Dort ist ein Stück Heimat in der Fremde. Aber unterwegs, auf den Weltmeeren? Gar nicht so einfach.

Zu Besuch bei der Seemannsmission

Als mir heute Mittag der Pastor der Deutschen Seemannsmission (DSM), Matthias Ristau, den digitalen Alltag der Seeleute erklärte und vor welchen Herausforderungen sie stehen, wurde sehr deutlich, wie schwer Digitale Seelsorge es manchmal hat, passgenaue Lösungen zu entwickeln, die den Realitäten der Menschen wenigsten ansatzweise gerecht wird. Die besondere Situation der Seeleute heutzutage ist so herausfordernd, dass es keine Lösung von der Stange geben kann. Es braucht etwas Maßgeschneidertes.

Nehmen wir an, ein Seemann ist auf einem Frachter vor Dubai unterwegs. Irgendetwas bewegt ihn: Schulden, die Geburt des Kindes in der Heimat, der Tod der Mutter oder wie auch immer…
An wen könnte er sich wenden, um Hilfe zu bekommen, um sich auszusprechen, um gehört zu werden und Trost zu empfangen?

Es bräuchte eine digitale Lösung, die es ihm ermöglicht, schnell und unkompliziert mit der Seemannsmission in Kontakt zu treten.
Die Deutsche Seemannsmission gibt es ja nicht nur in Hamburg, sondern es sind Büros auf fast allen Kontinenten verteilt mit weltweiten und auch ökumenischen Vernetzungen und Verbindungen.

Vielleicht eine App?

Hilfreich wäre also eine Software-Lösung, die der Seemann auf seinem Smartphone nutzen kann. Natürlich auf Englisch. Dann könnte er einen Hilferuf in Form einer kurzen Nachricht absenden. Dieser Hilferuf, wahrscheinlich eine Textnachricht, würde bei einem der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DSM ankommen und je nach Tageszeit, Kapazität und örtlicher Nähe zum Absender würden diese Mitarbeiter die Nachricht selbst entgegennehmen oder weiterleiten. Das System müsste natürlich 24/7 laufen, also rund um die Uhr und an allen Tagen der Woche.
Der Seemann kann aber nun nicht an seinem Handy sitzen bleiben und auf Antwort warten. Es bräuchte also ein Chatsystem, in dem er eine Nachricht absenden kann, diese dann beantwortet oder weitergeleitet wird und zu einem späteren Zeitpunkt von einer (anderen) Mitarbeiterin/einem Mitarbeiter weiter bearbeitet wird. Der Chat müsste also speicherbar und weltweit weiter zu leiten sein. Der Kontakt kann ja auch mal abreißen, das Internet ausfallen oder sonst etwas dazwischen kommen. Außerdem wechseln die Seeleute ja die Häfen – heute hier, morgen da.
Gleichzeitig müsste das Chatsystem nur wenig Bandbreite, nur wenige teure Ressourcen verbrauchen, so dass der Seemann seine Nachricht einfach, kostengünstig und schnell aufsetzen und versenden kann, ohne eine umfangreiche Webseite laden zu müssen, Login-Prozeduren zu absolvieren oder durch Unterseiten zu klicken. Wie gesagt, Internet auf den Frachtern ist teuer und selten. Also: Keep it lean and simpel. Halte es schlank und einfach.

Gleichzeitig müsste das System natürlich trotzdem größtmöglichen Datenschutz gewährleisten. Erst dann könnte so ein System das Vertrauen der Seeleute gewinnen. Wenn sie wissen, dass wirklich niemand sonst ihre Nachrichten mitlesen kann und nichts verloren geht oder in falsche Hände gerät. Hier ist der Datenschutz eindeutig ein Mittel der Wertschätzung und zum Schutz der Menschenwürde in einem Arbeitsmarkt, der nicht sonderlich wertschätzend und oft genug nicht menschenfreundlich funktioniert.

Wäre das alles mit einer App oder Webapp zu schaffen?

Danke an Matthias Ristau für den spannenden Einblick in die komplexe Arbeit. Dank und Respekt an Euch dafür!

Photo by Moritz Kindler on Unsplash