Öffnet die Grenzen, heißt alle willkommen

Predigt zum 1. Advent 2014

1 Kurz vor Jerusalem kamen sie zu der Ortschaft Betfage am Ölberg. Dort schickte Jesus zwei Jünger fort 2 mit dem Auftrag: »Geht in das Dorf da drüben! Gleich am Ortseingang findet ihr eine Eselin und ihr Junges angebunden. Bindet beide los und bringt sie zu mir! 3 Und wenn jemand etwas sagt, dann antwortet: ›Der Herr braucht sie.‹ Dann wird man sie euch sofort geben.« 4 Damit sollte in Erfüllung gehen, was der Prophet (Sacharja 9,9) angekündigt hatte: 5 »Sagt der Zionsstadt: Dein König kommt jetzt zu dir! Er verzichtet auf Gewalt. Er reitet auf einem Esel und auf einem Eselsfohlen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die beiden Jünger gingen hin und taten, was Jesus ihnen befohlen hatte. 7 Sie brachten die Eselin und ihr Junges und legten ihre Kleider darüber, und Jesus setzte sich darauf. 8 Viele Menschen aus der Menge breiteten ihre Kleider als Teppich auf die Straße, andere rissen Zweige von den Bäumen und legten sie auf den Weg. 9 Die Menschenmenge, die Jesus vorauslief und ihm folgte, rief immer wieder: »Gepriesen sei der Sohn Davids! Heil dem, der im Auftrag des Herrn kommt! Gepriesen sei Gott in der Höhe!« (Mt 21)

Wenn Obama irgendwo hinreist, egal ob innerhalb der USA oder in irgendeine Stadt ins Ausland, dann werden vorher die Gullideckel zugeschweißt, die Straßen abgeriegelt und auf den Dächern Scharfschützen postiert und dann kommt unter Blaulicht und rasantem Tempo plötzlich eine Schlange absolut identischer Autos vorbeigerauscht, 5,6 oder 7 dieser schwarzen, schweren amerikanischen Kleinbusse und in einem sitzt Obama.
Niemand weiß, in welchem dieser Wagen der Präsident tatsächlich sitzt und weil die Fenster dunkel getönt sind, kann auch niemand hineinschauen. Man macht das aus Gründen der Sicherheit. Und man macht das, um zu beeindrucken. Alle sollen wissen: Hier kommt der mächtigste Mann der Welt. Also, Welt, bleib auf Abstand und komm ihm nicht zu nahe!

Als Jesus in Jerusalem einzog, war das Bild ein ganz anderes und das Erlebnis für die Menschen auch. Er kam auf einem Esel angeritten. Und niemand sperrte irgendwelche Straßen oder hielt die Menschen auf Abstand. Alle kamen immer näher und legten ihre Kleider auf die Straße oder rissen Palmzweige ab und bedeckten damit ebenfalls den Staub.

Jeder sollte sehen, hier kommt gerade überhaupt kein mächtiger Mann, schon gar kein König!

Nun ist es für beide nicht fair das Auftreten von Obama gegen das von Jesus auszuspielen. Obama hat seine guten Gründe, so zu handeln, wie es getan wird. Aber Jesus hat die auch, und es ist interessant, einmal auf die Unterschiede zu achten. Den Menschen damals waren die Unterschiede nämlich gar nicht so klar und Jesus setzt hier ein starkes Beispiel.
Die Menschen damals dachten nämlich tatsächlich, „Obama“ kommt hier um die Ecke. Also der mächtigste Mann der Welt zieht endlich in Jerusalem ein, besteigt den Thron und richtet das alte Königreich Israel wieder auf. Endlich ist der König zurück und schmeißt die Römer aus dem Land und hilft Israel zu alter Würde und Macht. Die Menschen rufen „Hosianna!“. „Herr, hilf!“ und sie bitten um seine Hilfe, seine Kraft und Macht gegen alle Feindes Volkes. Und darin spiegelt sich der Psalm 118 (V.25f.) und mit ihm das Bekenntnis zu Gott, der alles Unheil abwendet und in Triumph und Sieg wendet: „O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen! 26 Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!“

Aber Jesus will nicht.
Er reitet auf einem Esel und neben ihm läuft ein Eselfohlen. Kein Pferd, kein Streitwagen. Ein Esel. Störrisch, klein, grau, staubig. Ein Esel, eben. Da ist der Name Programm.
Und es spielt auch keine Kapelle und keine Scharfschützen liegen auf den Dächern ringsum und keine Paraden werden abgehalten und es gibt auch keine militärischen Ehren. 50, 100, 200 Menschen stehen am Straßenrand und jubeln ihm zu. Mehr nicht. Und auch wenn es nachher noch heißt: Die ganze Stadt erregt sich und fragte: Wer ist der?“ (V.10)
Wird ja gerade aus dieser Frage deutlich, dass niemand wirklich eine Ahnung von Jesus hatte. Wahrscheinlich hat im Palast niemand etwas von diesem Einzug mitbekommen. Keine Polizei erscheint, keine Presse. Nichts. Und so soll es auch sein.

Denn Jesus kommt nicht als König in die Stadt geritten. Er ist kein Feldherr. Und das Königreich Israel interessiert ihn nicht.
Jesus will die Grenzen öffnen. Darum stehen die Menschen am Straßenrand nicht auf Abstand, sondern kommen dicht heran, berühren ihn vielleicht sogar und lassen ihn und seinen Esel auf ihren Kleidern laufen.
Jesus will sagen, dass er Recht hat. Die Könige damals meinten, sie hätten Macht. Jesus sagt, dass er Recht hat. Darum, noch einmal, reitet er auf diesem Esel. Damit erfüllt sich eine Prophezeiung aus dem Alten Testament. Jesus steht auf dem Boden der Überlieferung und gerade das macht ihn mächtiger als alle anderen.
Jesus will die Kleinen groß machen. Darum reitet er auf einem Esel. Das ist eine politische Programmansage: Schaut her, ihr Mächtigen! So sieht echte Macht aus! Wenn der, der alle Macht hätte, freiwillig auf diese Macht verzichtet, sich zurücknimmt, sanftmütig, demütig wird, welche Freiheit, welche Kraft strahlt das aus?! Das ist echte Macht. Jesus hat sogar die Macht, auf seine Macht zu verzichten. Obama kann das nicht. Leider.

Aber hier bei Jesus passiert nun das eigentlich Wunder. Indem er auf seine Macht verzichtet, gibt er sie an die Menschen am Straßenrand weiter. Sie, die Armen und Armseligen, die Abgearbeiteten, die Ausgemergelten und Schutzlosen, die Außenseiter, die Frauen und Kinder, die Witwen und Waisen, die Kranken und Hilflosen, die Ohnmächtigen und Abgelehnten, die Schuldigen und Sünder – sie alle werden von Jesus aufgerichtet und mit seiner Macht erfüllt. Sie bekommen hier neuen Mut und neue Kraft. Aus ihnen, den Kleinen und Geringen, wächst das neue Israel, das neue Gottesvolk heran. Nicht kraftvoll, sondern Gott „hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten“, so sagt es Paulus (1. Kor 1,28).
Und eine Bewegung setzte sich in Gang, die bis heute anhält und die Welt verändert und besser macht, von Tag zu Tag zu Tag.

Und wir dürfen, sollen uns mit hineinnehmen lassen in diese Bewegung des Jesus Christus. Jetzt sind wir auch mächtig. Nein, nicht so, wie wir uns das hier vielleicht vorstellen und als Menschen leider viel zu häufig wünschen: dass wir reich sind und bestimmen können, nach dem Motto „alles hört auf mein Kommando“. Nein, so nicht.

Wir sind mächtig, um wie Jesus in dieser Welt einen Eindruck zu hinterlassen. Einen Unterschied zu machen. Eine Spur zu legen. Ja, wir können das. Wir haben diese Macht, denn der, der alle Macht hat im Himmel und auf Erden, der rüstet uns aus.
Wir haben die Macht, ebenso wie er die Grenzen zu öffnen. Das betrifft unsere Grenzen zu all den Menschen, die wir nicht kennen, zu den Nachbarn und denen, die uns fremd geworden sind, zu denen die anders sind als wir und denen, die zu uns kommen, weil sie sich hier bei uns in Deutschland ein besseres Leben versprechen. Ja, wir können das!

Von „Frontex“ haben Sie vielleicht schon mal gehört. Das ist sowas wie der europäische Bundesgrenzschutz. Die Polizei, die dafür sorgt, dass unsere EU-Außengrenzen geachtet werden und sicher sind. Und Frontex sorgt auch dafür, dass Fremde sich nicht einfach so in die EU einschleichen können. Ein gutes Anliegen, könnte man denken. Leider geht nur viel zu viel dabei schief und Asylsuchende, Flüchtlinge und andere werden gnadenlos zurückgedrängt, auf dem offenen Meer ihrem Schicksal überlassen oder schlicht dem Tod preisgegeben. Und das Mittelmeer wird zum Grab.
„Frontex“ ist nicht „dein Freund und Helfer“, durch Frontex sind bereits über 10.000 Menschen ums Leben gekommen, allein im Januar 2014 waren es wieder 12 syrische Flüchtlinge.
Gott spricht: „Unterdrückt nicht die Fremden, die bei euch im Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben wie sich selbst. Denkt daran, dass auch ihr in Ägypten Fremde gewesen seid. Ich bin der Herr, euer Gott!“ (3. Mose 19,33-34).
Und viele von uns waren es doch tatsächlich und kamen aus Ostpreußen und Schlesien und anderen Gebieten und Landesteilen als Fremde, als Flüchtlinge und Vertriebene hierher.
Nein, einfach war das nicht nach dem Krieg, aber es ging irgendwie. Und wir dürfen das nicht vergessen.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Ja, wir können das!
So singen wir es. Und wir singen es zu Jesus und laden ihn ein, in unser Leben, in unser Herz und in unseren Alltag. Da, wo wir wohnen und leben und arbeiten, da soll Jesus sein.

4. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
eu’r Herz zum Tempel zubereit‘.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
voll Rat, voll Tat, voll Gnad.

Aber wir singen es schief, wenn wir meinen und so leben, als ob es Heil und Leben nur für uns gäbe und nicht auch für alle anderen. Auf den Punkt gebracht würde ich sagen: Jesus mag nur kommen, wenn wir gleichzeitig auch die Hände öffnen und die Schlagbäume öffnen und die willkommen heißen, die mühselig und beladen sind, die Fremden, die Kranken, die im Gefängnis, die Durstigen und Hungrigen. (vgl. Mt 25)
Wenn wir eben auch bereit sind, unsere Macht zu teilen und unsere Fähigkeiten anderen zur Verfügung stellen und unsere Herzen öffnen für die, die an der Tür stehen und anklopfen.
So, wie Jesus.

Jesus wollte kein König sein. Keiner, der Befehle erteilt, Menschen einschüchtert. Keiner, der von oben herab sortiert und entscheidet und aus der Distanz heraus das Volk lenkt und befiehlt.
Jesus reitet auf einem Esel. Er will nahe heran. Er will dienen. Und er möchte, dass wir ihm genau darin folgen. Wo also sind wir für andere da? Wie also können wir, die Grenzen öffnen und die Türen und Tore weit machen? Wen dürfen wir bei uns einladen, willkommen heißen und versorgen?
Das sind ein paar der Fragen, die uns diesen Advent beschäftigen sollten.

Amen.