Nimm dein Herz in die Hand

Haben Sie heute schon Ihren Herzschlag gefühlt?

Ich mache das gerne.

Morgens, Hand aufs Herz und dabei bewusst, aber normal, ein und ausatmen.

Ein paar Mal. Spüren, wie mein Herz schlägt. Bei mir selbst ankommen, bevor der Tag startet mit allen Aufgaben und Gedanken und Sorgen.

Kontakt mit mir aufnehmen, damit ich mich über den Tag hinweg nicht verliere. Mich und dem, was mir wichtig ist. Kennen Sie, oder?

Wenn Sie sich gehetzt fühlen, dann wissen Sie bestimmt, was ich meine. Wenn Sie sich von unangenehmen Gedanken und Gefühlen bedrückt fühlen, dann wissen Sie auch, was ich meine. Wenn Termine Sie jagen, oder Sorgen Sie nicht loslassen. Wenn Sie sich im Kleinklein des Alltags verlieren. Dann auch. Oder unter den großen Problemen leiden und Angst haben, oder sich sorgen.

Wir gehen mit Corona in die Schulen, haben Finanzsorgen und Kurzarbeit, Masken in der Bahn, Maskenmuffel als Nachbarn und Klimawandelleugner in der Familie – also mir ist das genug. Mir reichts. Das ist genug Aufgabe für ein Leben. Genug Sorge allemal. Eigentlich ist es zu viel für ein Leben. Das zehrt ganz schön an meinen Kräften und ich möchte es eigentlich gerne ausblenden, von mir aus auch den Kopf in den Sand stecken. Aber das hilft nicht, denn wir haben auch noch die Not in Beirut und überfüllte Flüchtlingslager in Griechenland und Autokraten und Möchtegern-Diktatoren in Ost und der West und Igelsterben und zu wenige Insekten. Und trockene Sommer hier und Überflutungen woanders. Das überfordert mich. Das macht müde. Ich zähle jetzt auch nicht weiter auf.

Ich nehm lieber zwischendurch mal mein Herz in die Hand und fühle mal und spüre. Und komme so von allem anstrengenden zurück in die Ruhe. Bin wieder ganz bei mir. Und die Sorgen können sich legen und die Unruhe wird kleiner und mein Atem fließt im eigenen Rhythmus, ein und aus. Das tut gut und ich bekomme den Blick klarer und den Kopf frei, für das, was als nächstes dran ist.

Und: 33 Jesus führte den Taubstummen ein Stück von der Menge fort und legte seine Finger in die Ohren des Kranken; dann berührte er dessen Zunge mit Speichel. 34 Er blickte zum Himmel empor, stöhnte und sagte zu dem Mann: „Effata!“ Das heißt: „Öffne dich!“ 35 Im selben Augenblick konnte der Mann hören; auch seine Zunge löste sich und er konnte richtig sprechen. (Mk 7 – GNB)

Sich öffnen. Für das, was ist. Sich berühren lassen, von dem, der lebt. Sich konzentrieren auf das, was wichtig ist. Sich wahrnehmen.

Denn Paulus ruft es in Erinnerung: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? (1. Kor 3,16 – GNB)

Manchmal vergesse ich das. Sie auch?

Wer ich eigentlich bin. Und wie Gott mich eigentlich sieht. Gerade, wenn der Stress groß ist und die Unruhe mich aus der Bahn wirft, dann vergesse ich diese Wahrheit. Ich bin Gottes Tempel und der Geist Gottes wohnt in mir!

Wir kennen Tempel in unserer Welt. Große und kleine, aus Stein gebaut. Modern oder historisch. Konsumtempel oder religiöse Orte. Kirchen, Moscheen, buddhistische Tempel…. Manche werden zu politischen Spielbällen an denen Machthaber zeigen wollen, wozu sie fähig sind: die Hagia Sophia ist so ein Tempel.

Aber hier sagt Paulus: Nicht die Hagia Sophia in Istanbul, so groß und schön sie auch ist, ist Gottes Tempel. Nicht St. Jakobi, so warm und gemütlich es darin auch mit der neuen Heizung werden wird, sondern dein Körper, du selbst bist Gottes Tempel und in dir wohnt Gottes Geist. Gott findet sozusagen in dir statt, nicht in einem Haus oder einer Kirche.

Spüren Sie, wie Sie atmen?

Jeder Atemzug ist eine Erinnerung an den ersten Atem Gottes in diese Welt hinein: Da nahm Gott, der Herr, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendes Wesen. (1. Mose 2,7 – GNB) Eine lebendige Seele.

Und jedes Mal, wenn ich mein Herz in die Hand nehme und meinen Atem spüre, komme ich bei Gott an, nehme Kontakt zu ihm auf und spüre, wie das Leben in mir pulsiert und ich kann mich öffnen. „Effata!“ Und ich werde sehend und hörend und glaube mehr, dass doch etwas  geht in unserer Welt, dass doch etwas möglich ist und sich zum Besseren ändern kann. Vielleicht sogar durch mich.

Für den Taubstummen begann sogar ein neues Leben. Jetzt war er nicht mehr auf die Wohltaten und Almosen der Menschen angewiesen. Jetzt konnte er sein Leben selbst in die Hand nehmen. Taubstumme, „Behinderte“, bekamen damals keine Arbeit. Jetzt, wo er wieder hören und „richtig sprechen“ konnte, war er in der Lage, sich Arbeit zu suchen und für sich selbst zu sorgen. Keine Ahnung, wie alt er war, aber jetzt konnte er überhaupt erst darüber nachdenken, vielleicht eine Partnerschaft einzugehen, Familie zu gründen, ein eigenes Haus…. Vorher war das undenkbar und unmöglich. Jetzt aber konnte er tun, was ihm wichtig war. Er musste nicht mehr nur abwarten, vielleicht den Kopf in den Sand stecken, sondern konnte zu packen und anfassen und loslegen.

Jesus Christus hatte den Grund dazu gelegt. Für dieses eine, neue Leben. Durch seine Aufmerksamkeit, durch seine Hilfe, die Berührungen und die Worte, die er gesagt hat: „Öffne dich!“

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? – Öffnet Euch!

Wir sollten öfters unser Herz in die Hand nehmen und spüren, wie wir Atmen, wie Gott, das Leben, in uns atmet. Und uns mit allem ausrüstet, was es braucht, um Schritt für Schritt diese Welt zu verändern, oder zumindest sich nicht unterkriegen zu lassen. Die Probleme sind riesig und wir könnten resignieren oder verzweifeln – je nachdem. Aber wir können auch Schritt für Schritt, so klein sie auch sein mögen und so sehr sie auch in ihrer Wirkung begrenzt sein mögen, uns dem zuwenden, was uns am Herzen liegt und das tun. Was man tun kann oder vielleicht sogar tun sollte, wissen wir aus uns selbst oder aus den Nachrichten und auch die Bibel ist voll davon. Ein paar Beispiele:

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ (Mt 22)

oder

… ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen; 36 ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben; ich war krank und ihr habt mich versorgt; ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.“ (Mt 25)

Als Christen sind wir Lebensermöglicher.

Chancenentdecker. Liebeschenker. Gute Menschen. Soweit möglich, natürlich. Es geht nicht um Perfektion und auch nicht um rigorose Dogmatik oder Rechthaberei. Was dem anderen hilft, weiß nur der andere – aber wenn ein Mensch keine Zeit, keine Kraft, kein Geld hat, du aber schon, dann biete es an, denn diese sind nicht nur deine Mitmenschen, sondern deine Nächsten. Und du hast etwas, was sie brauchen.

Setze es ein, so verändern wir die Welt.

Dabei muss niemand Superman werden. Ein kleiner Schritt, eine kleine Tat, ein kleines gutes Wort reichen manchmal, um etwas in Bewegung zu bringen und anzustoßen. Im Jüdischen heißt es: Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt. (Talmud)

Das hört sich nicht nach Überforderung an.

Oder so:

Die Flut hatte in der Nacht Tausende von Seesternen an den Strand gespült. Ich sah einen Jungen im Sand knien, der einen Seestern nach dem anderen aufsammelte, um ihn dann ins Meer zurück zu werfen. Nachdem ich dem Jungen einige Minuten zugeschaut hatte, fragte ich ihn, was er da macht. Der Junge antwortete: „Ich werfe Seesterne ins Meer zurück. Es ist Ebbe und die Sonne brennt herunter. Wenn ich das nicht tue, dann sterben sie.“ Ich war erstaunt und erklärte dem Jungen dann, dass seine Aktivität sinnlos war: „Der Strand ist viele Kilometer lang. Überall liegen Seesterne herum. Du kannst sie unmöglich alle retten, das hat doch keinen Sinn.“ Der Junge hörte zu, bückte sich, nahm einen weiteren Seestern auf, warf ihn ins Meer zurück, lächelte und sagte: „Aber für diesen hat es einen Sinn.“

Die EKD versucht das und schickt ein Schiff ins Mittelmeer. United for Rescue.

Ist das richtig, dass „wir“ als Kirche das machen? Hilft das? Oder lockt das nicht noch mehr Flüchtlinge an? Öffnet das nicht Schleusern Tor und Tür? Und können wir je alle retten? Sollen wir das? Schaffen wir das? Was ist richtig? Was ist falsch?

Jesus würde wahrscheinlich einfach in unser Ohr flüstern: Effata! Öffne dich. „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Mt 11,5 – GNB) und dann wäre klar, was zu tun ist. Oder nicht?

Wir können nicht die ganze Welt retten.

Manchmal sieht es aus, als macht es alles keinen Sinn, ist die Aufgabe viel zu groß und wir sind viel zu klein. Aber für den einen, den wir dann doch retten, um den wir uns kümmern, für die oder den ändert es die ganze Welt! Und manchmal sind wir das ja sogar selbst. Worauf warten wir?

Ich bin auf meiner Stelle für die Digitalisierung von Seelsorge und Beratung zuständig. Und hier arbeite ich bei der Chatseelsorge mit. Ein tolles Angebot, übrigens. Sich Hilfe holen über das Internet klappt erstaunlich gut. Auch eine kleine Hilfe für eine bessere Welt.

Das Internet, der Chat, hilft, dass Menschen sich öffnen. Wir haben da immer wieder mit großen Problemen zu tun: Missbrauch, Drogen, Einsamkeit, Armut, Trauer,… Unsere Besucher würden nicht in eine „normale Beratung“ gehen. Viele ziehen sich wegen ihrer Verletzungen zurück. Aber hier im Schutz des Internet finden sie einen Raum, wo sie sich öffnen mögen und ins Reden/Schreiben kommen. Als wenn jemand ihre Zunge berührt hätte. Effata! Öffne dich! Und die Worte lösen sich und die Menschen werden ihre Sorgen los.

Oder noch etwas:

Ein blinder Mann steht vorm dem Kleiderschrank. Etwas Wichtiges steht an, Vorstellungsgespräch, ein Treffen, ein Date,… wichtige Sache. Und er fragt sich: „Welches Hemd ziehe ich an? Passt dieses blaue oder besser dieses graue?“ Auf dem Handy hat er eine App installiert: „Be my eyes“/Sei mein Auge. Die ruft er auf und ein ihm unbekannter Mensch meldet sich. Einer, der sehen kann und der sich als Helfer in dieser App hat registrieren lassen. Der Blinde fragt: „Sag mal kurz, welches Hemd würdest du anziehen?“ Und er zeigt ihm mit der Handykamera die Hemden im Kleiderschrank. „Nimm das blaue Hemd ganz links. Das passt am besten!“ „Danke, mach ich!“ – Effata! Öffne dich! Und Blinde sehen…

Hand aufs Herz. Das ist vielleicht eine gute Übung für uns.

Um den Mut nicht zu verlieren und den Fokus zu behalten für das, was wichtig ist im Moment. Spüren wir unserem Atem nach, Gottes Atem in uns, seine Kraft. Und schöpfen wir Hoffnung aus dem, wie er uns sieht, als Tempel Gottes. Vielleicht sind wir klein, aber wir können Großes tun, in kleinen Schritten allemal. In uns wohnt der Heilige Geist. Und durch ihn und mit ihm öffnen wir uns für die großen und kleinen Möglichkeiten, hier inmitten all der Aufgaben und Anstrengungen, um die Welt etwas liebevoller zu machen und unser Vertrauen zu stärken.

Amen.

Predigt zum 12. So. nach Trin. – St. Jakobi Wietzendorf – OpenAir am 30.08.2020 – Mk 7,33ff. und 1. Kor 3,9-17

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