Mal wieder beten

Predigt zu Lk 11,5-10

Es war einmal ein König, der hieß Midas und er bekam die Macht, das alles, was er berührte sich in Gold verwandelte. So wurde Midas sehr schnell steinreich. Denn jeder Stein, den er aufhob, jede Ähre, die er berührte und alles Obst, das er pflückte wurde sofort zu einem Klumpen Gold. Auch das Brot, nach dem er griff. Den Becher, den er hielt, jeder Wassertropfen an seinen Lippen. Und da erkannte Midas schließlich, wohin das führen würde. Er war unermesslich reich und doch ein hungriger Bettler. Im war der schnelle Tod gewiss, wenn sich nicht sofort was änderte.

Eine coole Geschichte. Das wäre doch was, wenn alles zu Gold würde, was wir anfassten. Zumindest für eine gewisse Zeit wäre das toll. Meine Kaffeetasse aus Gold, mein Glas aus Gold, mein Schreibtisch. Mein Computer. Obwohl, das wäre nicht so cool, denn dann würde der wohl nicht mehr funktionieren. Und das Wasser für meinen Kaffee würde sich auch in Gold verwandeln. Auch nicht so toll. Was soll ich dann trinken? Und das Brot und der Aufschnitt? Alles Gold. Es wäre zum verrückt werden und die anfängliche Begeisterung schnell in großen Frust umschlagen.
Aber das ist eben einer der Erkenntnisse aus der Geschichte des König Midas: es wäre nicht so gut, wenn alle unsere Wünsche in Erfüllung gingen. Im Gegenteil, es ist ganz gut, wenn wir auf manches etwas warten müssen. Und auch enttäuscht zu sein, weil wir etwas nicht bekommen, ist nicht nur schlecht.

Jesus aber sagt:
Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. (Lk 11,9-10-GNB)

Passt das zur Geschichte von König Midas und den Erkenntnissen, die wir daraus gezogen haben?
Eigentlich klingen die Worte von Jesus ganz einfach. Denn es ist natürlich klar: Wer nicht fragt, bekommt auch nicht. Also: Bittet und ihr werdet bekommen!

Auf der anderen Seite wissen wir aber auch: Nicht jeder, der bittet bekommt. Und nicht jeder, der sucht, findet. Nicht jedem, der anklopft wird geöffnet.
Die Tür, die Lehrstelle, die Arbeit, mehr Lohn, mehr Anerkennung – all das bleibt uns oft versagt, so sehr wir auch bitten, klopfen und suchen.
Manche sagen jetzt, die Wahrheit liegt wie so häufig irgendwo in der Mitte: Manchen Bittenden wird gegeben, manchen nicht. Einige Suchende finden, andere nicht. Manchen, die anklopfen wird geöffnet, anderen nicht. Aber auf Gott gemünzt, klingt das irgendwie gemein. Den einen gibt er was, den anderen nicht. Was soll das denn?
Wieder andere sagen: Du musst nur richtig bitten und richtig suchen und richtig anklopfen, dann bekommst du auch alles.
Aber das ist nicht überzeugend. Das wäre weder gnädig noch fair. Und Gott ist ja nicht kleinkariert.
Und wieder andere sagen: Erst wenn du nicht mehr suchst, wirst du finden usw… Denn wenn man etwas zu verbissen, zu verkrampft, zu hartnäckig will, dann bekommt man es gerade nicht. Eltern machen das mit ihren Kindern manchmal so. „Wenn du so quengelst kriegst du es erst Recht nicht!“ Und da ist ja auch manchmal was dran.
Aber Gott stelle ich mir anders vor.

So, und nun? Jetzt haben wir uns so richtig in die Zwickmühle geritten. Alles doof, irgendwie.

Hören wir darum noch mal auf Jesus:
Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Stellt euch vor, einer von euch geht mitten in der Nacht zu seinem Freund und bittet ihn: ›Lieber Freund, leih mir doch drei Brote! Ich habe gerade Besuch von auswärts bekommen und kann ihm nichts anbieten.‹
Würde da der Freund im Haus wohl rufen: ›Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder liegen bei mir im Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben‹? Ich sage euch, wenn er auch nicht gerade aus Freundschaft aufsteht und es ihm gibt, so wird er es doch wegen der Unverschämtheit jenes Menschen tun und ihm alles geben, was er braucht.

Das ist schon eine Alltagserfahrung, von der Jesus hier erzählt. Wir werden um etwas gebeten und eigentlich passt uns das nun so gar nicht in den Kram, aber um endlich unsere Ruhe zu haben, geben wir, leihen, helfen wir dem, der uns bittet.
Und es ist ja auch ganz schön dreist und hartnäckig, wie der Freund in der Nacht bittet und bettelt.
Ich sage euch, wenn er auch nicht gerade aus Freundschaft aufsteht und es ihm gibt, so wird er es doch wegen der Unverschämtheit jenes Menschen tun und ihm alles geben, was er braucht. – sagt Jesus.
„Nimm und hau ab.“, haben Sie so etwas schon mal gesagt? Dann kennen Sie das, was Jesus erzählt.
Welcher menschliche Vater wird nicht schwach, wenn seine geliebte Tochter, sein geliebter Sohn, ihn bittet, selbst wenn er ihn unverschämt bittet?
Zu bitten hat Macht.
Und es ist eine Macht, der man sich nur schwer entziehen kann. Dazu ein Paar Rehaugen und die Hände öffnen sich und erfüllen die Bitte. „Na, gut. Hier nimm.“
Und was würde es für ein Licht auf die Eltern werfen, wenn die Kinder sie nicht fragen und bitten würden. Was wären das für Eltern, wo Kinder sich das nicht trauen?
Und was wäre Gott ohne uns, die ihn bitten und beten und betteln?
So, wie wir von Gott abhängig sind, so ist er es auch von uns. Oder nicht? Wir brauchen einander. Und der Schöpfungsbericht sagt ja auch genau das.
Oder doch nicht. Geht Jesus hier zu weit. Geh ich hier zu weit? Kann Gott auch ohne uns und wir sollten gefälligst froh und dankbar sein, dass er sich überhaupt um uns kümmert?

Jesus geht mit seiner Geschichte sogar noch weiter.
Jesus erzählt nämlich von zwei Freunden. Und wir dürfen das Gleichnis hören und verstehen: So redet Jesus von uns und Gott. Als zwei Freunde. Zwei Partner. Hier geht es um ein Verhältnis auf gleicher Augenhöhe.
So will Gott, dass wir voneinander denken. So will Gott, dass wir miteinander reden. Von Freund zu Freund. Ohne steife Gesten, strenge Formen und heilige Schwellen, religiöse Worte.
Gebet ist ein Gespräch unter Freunden und darum darf sich der bittende Freund auch etwas in der Nacht herausnehmen, was nur unter Freunden (und Familie) möglich ist: Jetzt mitten in der Nacht zu stören und sogar noch nervend zudringlich zu werden, dass können einander nur Freunde (und Familie) zumuten. Mit Gott aber dürfen wir auch so reden.

Keine Bitte ist ihm zu groß oder zu klein. Wenn wir denken, Gott hat doch bestimmt anderes zu tun, als sich um mich zu kümmern, denken Sie an den Freund in der Nacht und belagern Sie Gott mit ihrem Gebet. Wenn Sie glauben, so frei und von der Leber weg kann ich bestimmt nicht mit Gott sprechen, denken Sie an den Freund in der Nacht und reden Sie drauflos. Gott freut sich, wenn wir ihn bitten, wenn wir ihn suchen, wenn wir bei ihm anklopfen.

Bittet, dann wird euch gegeben – es heißt nicht: dann wird euch jede Bitte erfüllt werden. Suchet, dann werdet ihr finden – es heißt nicht: dann werdet ihr genau das finden, was ihr gesucht habt.
Klopft an, dann wird euch geöffnet – es heißt nicht: dann werden sich alle eure Wunschträume erfüllen und alle Türen öffnen.

Doch wir dürfen wissen, dass wir mit unseren Bitten und Gebeten nicht allein sind und nicht allein gelassen werden. Gott hört uns. Er hört und klopfen, suchen, bitten.
Und wir dürfen wissen, dass Gott in seiner Weisheit und Liebe uns das geben wird, was uns gut tut. Er ist ein zugewandter, offenherziger Ansprechpartner, der von uns nichts anderes erwartet, als ein normales Gespräch unter Freunden.

Und ich vermute, dass haben Sie alle schon einmal gehört.
Dann handeln Sie auch danach. Beten Sie!

Ich meine: Ein bisschen Gold fänd ich auch ganz schön.
Aber zu wissen und zugesprochen zu bekommen, dass ich gewollt bin und gehört und wertgeschätzt werde – das ist es, was mein Leben dauerhaft reich macht. Und das ist es, was mich ermutigt, loszugehen, aufzustehen, weiterzumachen, selbst nach Lösungen zu suchen.
Mit Gott im Rücken ist mehr möglich, als ohne ihn.
Legen wir unsere Hände in seine. Vertrauen wir seiner Liebe und lassen wir uns ermutigen und aufrichten, zur Nachfolge. Beten wir endlich wieder. Beten wir regelmäßig. Beten wir mutig und dreist, tapfer und verwegen, unverschämt und bettelnd. Aber beten wir auf jeden Fall! Lassen wir es nicht sein, nicht einschlafen, nicht überwuchern.
Beten wir für unsere Familien, für unsere Gemeinde, für unseren Ort. Frisch, frei, unverblümt.
Beten wir.

Viel zu oft sind wir abgelenkt. Viel zu oft denken wir, auf unser Gebet kommt es nicht an.
Doch die Geschichte, die Jesus erzählt, sagt etwas anderes. Es kommt auf uns an. Also los!
Und dann, nach allem persönlichen beten, bitten, suchen und klopfen werden wir erleben, wie wir auch von Herzen Gott danken können.
Amen.

(Unter Verwendung von Ideen der Hildesheimer Blindenmission.)