In ihm leben, weben und sind wir

Kennen Sie den?
Am See Genezareth wollen Touristen mit dem Boot übergesetzt werden. Der Fährmann verlangt zehn Dollar pro Person. „Ziemlich teuer“, sagt der Tourist. „Aber bedenken Sie, über diesen See ist der Herr Jesus Christus zu Fuß gewandelt!“ Entgegnet der Tourist: „Kein Wunder, bei den Preisen!“
Ich habe eine Übung für Sie, die kostet gar nichts. Nur ein wenig Zeit: Bitte halten Sie sich doch einmal kurz die Ohren zu. Tun Sie das bitte mal. Die Ohren schließen und lauschen…

Was haben Sie gehört?
Ich wette es rauschte. Aber was ist das für ein Rauschen? Das Blut in den Adern. Die Kommunikation der Zellen. Das Klopfen des Herzens. Die Energie in diesem Raum.
Wahrscheinlich genau das in genau dieser Reihenfolge. 😉
Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser und Gott nahm Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebenshauch in die Nase. So wurde der Mensch lebendig. (vgl. 1. Mose 1+2 – GNB)

Gottes Geist ist in dieser Welt. Gottes Kraft hält sie zusammen. Gottes Nähe schwebt über dem Wasser und wir sind in seiner Hand. Gehalten, gemacht, gewollt. Geliebt! Weil wir gewollt und weil wir gemacht sind.

„In ihm leben, weben und sind wir“, so sagt es der Apostel Paulus (Apg 17,28).
Seit unserer Geburt, nein, eigentlich schon seit neun Monaten davor, sind wir verknüpft mit diesem Gott, seinem Geist und seiner Kraft. Wir sind Fleisch und Blut von seiner Idee und aus seinem Willen. Und darum gehen wir willensstark, mit Schöpferwillen in uns, in diese Welt hinein und formen und bauen, gebrauchen und missbrauchen, verwenden und verschwenden wir und gestalten die Welt nach unserem Willen. Wir ziehen los, wie der jüngere Sohn im Gleichnis (vgl. Lk 15). Hinaus in die Weite! Das Erbe in der Hand. Wir testen das Leben! Was kostet die Welt? Kein Problem ist zu groß. Keine Herausforderung zu forsch. Manchmal erobern wir, manchmal werden wir überwältigt.
Darum sind wir auf der Welt, um zu erobern und um überwältigt zu sein.
Wir erobern neue Tage, jeden Morgen aufs Neue. Mit all dem, was an ihnen passiert. Was wir zu leisten und zu schaffen haben. Manchmal mehr überleben als erleben, manchmal mehr ertragen, als aufbauen. Manchmal mehr durchmogeln als triumphieren. Von Liebe und Schönheit überwältigt. Genau wie von Fehlern und Schuld.

Aber in allem und überall rauscht Gottes Kraft. Sie erfüllt das Universum. Sie pulsiert in unseren Körpern.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. 3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. … 5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. 6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. 7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. (Ps 139,2-10-LUT)

Herrlich! Was für eine Zusage!
Unser Leben steht unter einem guten Stern. Beschirmt und beschützt. Auch dann, ja gerade dann, wenn es bei uns nicht rundläuft. Sie kennen den ganzen Mist, der passieren kann. Von Krankheit über Verlust bis zu dem, was wir Pech nennen und Schicksal. Fiese Dinge.
Gerade dann, das Herz öffnen:
„Ja, ich will!“, sagt Gott schon ganz zu Anfang. Und den Widerhall dieser Worte hören wir, wenn wir uns die Ohren zuhalten: „Ja, ich will Dich lieben und achten und mit Dir in Treue zusammenleben in guten und in schlechten Tagen bis der Tod – uns noch näher zusammenbringt. Für alle Zeit. Bis in Ewigkeit.“
„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8,38f.-LUT)

Einer meiner Lieblingssätze aus der Bibel. Merkt Euch diesen Satz!
Das ist das Evangelium, zusammengefasst in wenigen Worten. Diesen Schatz haben wir gemeinsam in den vergangenen Jahren gefunden, ausgegraben, geputzt und zum Leuchten gebracht hier in Wietzendorf. Und wie viele Menschen sind von diesem Satz, diesem Schatz eingeladen worden, gestärkt, berührt, bewegt und befreit worden – Gott sei Dank!
Lasst Euch von nichts und niemandem etwas anderes erzählen!

Gott ist nicht nur für manche da. Bei ihm sind alle willkommen. Ohne Unterschied. Und wir sind Gott auch nicht mal näher und mal ferner. Es mag uns vielleicht so vorkommen. Aber die Wirklichkeit hinter unserem Gefühl ist anders. Sie ist deutlicher. Sie sagt uns: Gott ist Dir immer gleich nah. Immer. Zu jedem Zeitpunkt, an jedem Tag, in jeder Jahreszeit. Wer auch immer du bist. Wie auch immer es dir geht. Was auch immer dir passiert. Was auch immer du tust, getan hast oder tun wirst.
Gott ist da. Für dich und mit dir.
Wir müssen uns zwischendurch eben mal die Ohren zuhalten. Auch so kann man Glauben üben. Und üben müssen wir alle. Damit es in uns gute Wurzeln schlagen kann. Damit wir Halt finden. Damit wir das wieder hören und uns Gottes Wirklichkeit und Wahrheit bewusst werden.

Ohrenzuhalten ist ja nicht nichts hören, sondern konzentrieren auf den, von dem alles kommt. Sich einweben in seine Gegenwart. Sich verbinden mit seinem Geist, seiner Energie, sich bewusst machen, dass er in uns und um uns ist. Sich orientieren. Und dann von ihm aus neu in unsere Welt starten, in den Alltag, in die Arbeit und Aufgaben und in das, was uns herausfordern will.

Kennen Sie den?
Frühstückspause auf dem Bau. „Ah, endlich mal was Erfreuliches in der Zeitung!“ – „So, was denn?“ – „Zwei Salamibrötchen und ein Apfel.“

Wir erwarten es gar nicht. Aber es ist dennoch da. Wir rechnen mit dem Schlimmsten, mit schlechten Nachrichten, vielleicht auch mit Ablehnung oder gar Strafe. Aber zwischen den Zeilen stecken „Salamibrötchen und Äpfel“. Gottes Gaben. Gottes Geschenke. Sein Segen.
Es ist das Flüstern Gottes, der nicht im Sturm und nicht im Gewitter, sondern in der stummen, schwachen Stimme zu finden ist (vgl. 1. Kön 19). In der Stille, im scheinbaren Nichts. Gerade in dem, das wir schnell übersehen oder nicht achten, nicht wertschätzen, für zu billig halten, zu wenig spannend. Wo wir denken, da gibt es doch wichtigeres und besseres und schnelleres und so Schritt für Schritt, zuerst unmerklich, dann aber immer deutlicher uns selbst überfordern. Weil wir auf dem Schlauch stehen, der uns mit der Quelle verbindet. Auf der Leitung alles Guten, der Kraft, der Energie, die uns durchdringen will und kann, damit wir genug haben, um unser Leben und diese Welt zu gestalten und am Leben zu erhalten. Pralles Leben. Gute Tage.

Ich rede nicht vom gerade so überleben. Nicht davon, es mal eben so zu schaffen. Sondern davon, was Jesus meint, wenn er vom „Leben in Fülle“, vom satten und guten Leben spricht.
Ich rede davon, im Einklang mit sich selbst zu sein. Von Gemeinschaft mit anderen. Von Zeit haben und Staunen. Von Erobern und um überwältigt sein. Von Wundern und Gnade. Das Leben genießen, weil wir es uns gefallen lassen, so wie es ist. Diese Menschen, diese Begegnungen, diese Tage, die Gott uns schenkt. In Frieden und Freiheit. In Kraft und Lust.

Und wenn ich das so sage, dann denke ich an Kinder, die bei der Hitze der letzten Tage eine Wasserschlacht im Garten veranstalten. Laut, nass, ausgelassene Freude. Muskelkraft pur. Überschwang und fettes Leben. Das überfließt und mehr wird und mehr und immer mehr.

Warum glauben einem Leute sofort, wenn man ihnen sagt, dass es am Himmel 400 Billionen Sterne gibt? Aber wenn man ihnen sagt, dass die Bank frisch gestrichen ist, müssen sie draufpatschen?!

Sie kennen das, oder? Es ist doch erstaunlich: Jede noch so verrückte Nachricht, die mal eben in unsere Welt hineingepustet wird, trifft unsere Ohren und bekommt unsere Aufmerksamkeit, aber das Einfache, Handfeste, Heilsame und offensichtlich Gute – da zögern wir. Da sind wir vorsichtig, ungläubig, misstrauisch und fassen in die frische Farbe.

Ich wünschte, es wäre andersrum.
Dass wir mehr und mehr das Einfache pflegen und das Offensichtliche erkennen. Das Wichtige tatsächlich wichtig nehmen. Und uns öfters die Ohren zuhalten und Stille werden und Gottes Rauschen hören und uns wieder bewusst werden, dass er für uns ist und mit uns ist auf dem Weg unseres Lebens. Und uns einweben und hören: Weil alles Gnade ist, wird alles gut.

Amen.