Die beste Krankheit nützt nichts

Vom Umgang mit Krankheit, Behinderung und Gesundheit

Predigt zu Epheser 4,22-32 und Jakobus 5,13-16

Wie geht es Ihnen?

Hat man Sie das heute schon gefragt? Wie geht es dir? Hast du gut geschlafen? Alles klar?
Oder haben Sie sich das heute schon selbst gefragt?

Vielleicht haben Sie Ihren Puls gefühlt oder Blutdruck gemessen? Ihren Zuckerwert? Oder einfach ihr Kreuz gespürt beim Bücken oder die Hüfte oder Knie beim Aufstehen? Also auf einer Skala von 1-10 wobei 10 das Beste ist, was Sie sich vorstellen können: Wie geht es Ihnen heute Vormittag?

Das ist eine wichtige Frage. Gerade jetzt in Corona.

Die Fallzahlen steigen überall. Weltweit. Auch in Deutschland, auch bei uns – wenn auch bei uns im Landkreis nur sehr langsam. Aber da ist es gut, sich selbst im Blick zu haben. Zu spüren, wenn sich was ändert, in der Atmung, mit der Temperatur. Überhaupt ist es gut, sich im Blick zu haben. Nicht übertrieben und wie panisch jede Körperreaktion analysieren, aber doch im guten Kontakt zu sich selbst zu sein und sich zwischendurch zu fragen: Was fühle ich da eigentlich? Schmerz, Angst, Scham, Freude, Wut? Und wo fühle ich das eigentlich? Im Bauch, im Knie oder im Kopf mit seinen vielen Gedanken, die wir nicht abschalten können?

Bei mir bemerke ich: Corona nervt! Geht Ihnen das auch so? Corona kostet Kraft und Geduld und viel Rücksicht. Das ist alles sehr anstrengend.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit von vor 8 oder 9 Monaten? Hach, was war das schön und entspannend! Keine Masken, kein Abstand, einfach leben, sich begegnen, feiern,… Probleme hatten wir damals auch schon, aber wir haben Sie nicht so gespürt. Oder?

Es ist, als ob Corona es noch deutlicher macht, was sonst noch nervt in unserem Leben und in unserer Gesellschaft. Es scheint, als zeige dieses Virus deutlich, was nicht gut funktioniert gerade in unserer Gesellschaft. Dass die Schulen digital nicht gut gerüstet sind, war schon vorher allen klar, jetzt aber wird noch mal umso deutlicher. Dass die Natur unter unserem  Wirtschaftssystem leidet wussten auch alle, aber wie schnell sich Natur an manchen Orten im April, Mai, Juni erholt hat, machte unseren negativen Einfluss noch mal umso mehr deutlich. Kaum zogen wir Menschen uns im Lockdown zurück, ließen die Flugzeuge am Boden und die Autos in der Garage, bekam die Natur eine Chance sich neu zu zeigen. Oder wie brüchig der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ist, dass hatten sicher manche schon so gesehen, aber nun wurde es doch noch einmal sehr deutlich und die Gräben umso tiefer zwischen denen, die der Wissenschaft trauen und denen, die das eben nicht tun oder zwischen denen, die andere, fremde Menschen willkommen heißen und teilen mögen was sie haben und denen, die Angst um ihre Pfründe haben und Grenzen schließen wollen. Corona hält uns den Spiegel vor.

Und vielleicht ist das kleine Virus auch gut darin, uns noch einmal neu zu zeigen, worin eigentlich Gesundsein besteht und was Krankheit bedeuten kann.

Wer will schon krank sein? Im Gegenteil: Hauptsache gesund!

Das wird auch Eltern immer wieder gesagt, wenn sie eine Geburt ankündigen: Egal ob Junge oder Mädchen, Hauptsache gesund!

Gesundheit ist das Kriterium heutzutage. Noch viel wichtiger als Reichtum. Bloß nicht krank werden. Hauptsache gesund. Und wir erfinden eine Vielzahl von Untersuchungen, um schon in der Schwangerschaft herauszufinden, ob mit dem Kind alles in Ordnung ist, oder eben nicht.

Ich kann das gut verstehen. Gesundheit ist wichtig und je älter wir Menschen werden, desto wichtiger wird es. Was nützt es schließlich, alt zu sein, aber nicht mehr am Leben teilnehmen können?

Und der Druck auf die Ärzte und Therapeuten ist groß, uns bei guter Gesundheit zu halten.

Mit allen Mitteln, wenn nötig, denn Gesundheit ist ein hohes Gut. 2018 haben wir in Deutschland rund 390 Milliarden Euro ausgegeben oder 4712 Euro pro Person und Jahr, um gesund zu werden oder zu bleiben. Eine enorme Summe! Und trotzdem wird wahrscheinlich fast jeder sagen: Das Geld ist gut angelegt. Wer will schon krank sein oder bleiben?

Hauptsache gesund.

Noch erleben wir Leiden und Leid. Noch gibt es Diabetes und Depression und Corona. Und bei aller Freude über die aktuellen medizinischen Möglichkeiten und bei aller Vorfreude über das, was noch möglich sein wird in Zukunft, bin ich mir sicher, wird es auch weiterhin, Erkrankungen geben, die nicht oder nur schwer wer behandelt werden können und gegen die es keine Impfungen und keine Medikamente gibt.

Wie gehen wir damit um?

Die beste Krankheit nutzt nichts – so sagt man. Aber „Hauptsache gesund“ kann auch nicht die Lösung sein. Das gilt, so sehr ich auch jedem von uns eine gute Gesundheit wünsche. Wir Menschen werden eben krank, körperlich, seelisch.

Und was ist dann mit einem Leben das nicht gesund ist? Hat nicht ein Leben auch dann seinen Sinn, wenn es nicht erfolgreich und gesund ist? Hat nicht auch ein Leben mit Behinderung einen Sinn?

Ist das Leben nicht mehr als Gesundheit? Kann nicht auch in Krankheit leben möglich sein?

Manche sagen: Wir müssten eigentlich nicht krank sein. Für alles gibt es ein Mittel. Wenigstens irgendwann wird es so sein. Die Werbung verspricht: Für alles gibt es eine Pille. Du brauchst nicht krank sein, es gibt ein Mittel dagegen und wenn noch nicht heute, dann ganz bald.

Es gibt heute einen Gesundheitsdruck – Hauptsache gesund.

Ja, auch ich wünsche jedem, dass er oder sie gesund und munter ist und gleichzeitig frage ich mich: Was wenn nicht? Bin ich dann nur noch ein halber Mensch?

Gehört Krankheit und Unheil nicht einfach (zumindest noch und sicher noch sehr lange) zum Leben dazu?

Unsere Gesellschaft sagt darauf häufig „Nein“.

Kranke oder behinderte Menschen haben in unserer Leistungsgesellschaft oft nicht so einen hohen Stellenwert. Heute muss man jung, fit und leistungsbereit sein.

Wie viele Menschen schämen sich ihrer Krankheit, ihres Rollators, des Hörgerätes oder der Gehhilfe…?

Zur Zeit der Bibel wurden kranke Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Heute ist das oft nicht anders und manchmal noch trauriger. Heute grenzen sich viele Kranke selbst aus oder fühlen sich dazu genötigt, aus Scham und Scheu in einer Gesellschaft nicht mehr dazu zu gehören, weil sie nicht mehr die geforderte Leistung bringen oder nicht dem Schönheitsideal entsprechen.

Ganz anders dagegen Hannah Kiesbye. Die Schülerin bastelte sich vor ein paar Jahren für ihren Schwerbehindertenausweis eine neue Hülle – und eine neue Überschrift: „Schwer-in-Ordnung“-Ausweis. Für diese Idee und diesen Mut und dieses Zeugnis bekam sie letzten Monat das Bundesverdienstkreuz.

Müssen wir nicht endlich besser lernen, mit Krankheiten umzugehen?

Jakobus gibt uns heute guten Rat!

13 Wer von euch Schweres zu ertragen hat, soll beten. Wer von euch glücklich ist, soll Loblieder singen.

14 Wer von euch krank ist, soll die Ältesten der Gemeinde rufen, damit sie für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben.

15 Ihr vertrauensvolles Gebet wird den Kranken retten. Der Herr wird die betreffende Person wieder aufrichten und wird ihr vergeben, wenn sie Schuld auf sich geladen hat.

16 Überhaupt sollt ihr einander eure Verfehlungen bekennen und füreinander beten, damit ihr geheilt werdet. Das inständige Gebet eines Menschen, der so lebt, wie Gott es verlangt, kann viel bewirken. (Jak 5,13-16)

Wer krank ist, der rufe die Ältesten! So schreibt er. Und er meint damit gar nicht nur den Kirchenvorstand. Sondern zunächst mal tatsächlich die Ältesten! Sie sind die erfahrenen in der Gemeinde. Sie haben schon viel mitgemacht und sie haben Zeit oder können sich ihre Zeit freier einteilen. Wenn du krank bist, dann rufe sie! – so Jakobus.

Und das ist das Gegenteil von Ausgrenzung. Kranksein ist kein Makel. Wenn du krank bist, zieh dich nicht zurück, sondern hol dir Verstärkung und Gesellschaft ins Haus oder ans Bett. Mit Mundschutz und Maske und Abstand natürlich! Aber nicht liegen bleiben und grübeln. Auch nicht, warum denn nun keiner kommt und Besuche macht, sondern selbst aktiv werden oder andere bitten, das für einen zu tun: den Anruf tätigen bei den Ältesten, den Pastoren, den Nachbarn, Menschen des Vertrauens.

Wer selbst zum Hörer greift, zeigt: Ich gebe der Krankheit nicht klein bei. Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich biete ihr die Stirn. Gerade bei schweren Erkrankungen rechnen und hoffen die Ärzte mit der Selbstheilungskraft des Körpers und die beginnt beim Willen gesund zu werden, nicht aufzugeben, sich nicht hängen lassen. Greif zum Hörer oder bitte jemanden, dass zu tun für dich.

Und Dank an alle, die helfen und unterstützen und Wege abnehmen und Besuche tätigen, auch für und im Namen der Kirchengemeinde!

Und weiter: Jakobus gibt den Ältesten die Anweisung für den Kranken zu beten. Und sie sollen die Kranken mit Öl salben.

Du salbest mein Haupt mit Öl.“ – so heißt es in Psalm 23. Und zwar „im Angesicht meiner Feinde“. Also auch im Angesicht der Krankheit, der Sorge, der Lasten….

Nimm etwas Öl und mache ein Kreuzzeichen auf die Stirn der erkrankten Person. Denn auch die darf es spüren: Gott ist dir jetzt nahe und sein Segen ist bei dir. Haben Sie das schon mal gemacht? Viele Menschen haben Angst davor. Es soll ja nicht die letzte Ölung sein! Aber keine Sorge. Nutzen wir das!

Und Jakobus schreibt weiter: Ihr vertrauensvolles Gebet wird den Kranken retten. Der Herr wird die betreffende Person wieder aufrichten und wird ihr vergeben, wenn sie Schuld auf sich geladen hat.

Bei Gott ist Heilung mehr als Gesundheit. Ihm geht es darum, das wir in heilen Beziehungen leben. In einer heilen Beziehung zu uns selbst, zu anderen Menschen und auch zu Gott. Nebenbei gesagt: Darum ist in diesem Briefabschnitt von Jakobus auch von Verfehlungen, von Schuld und Sünde, die Rede.

Sünde und Krankheit haben an sich nichts miteinander zu tun. Das hat Jesus immer wieder deutlich gesagt. Eine Krankheit, eine Behinderung, ist kein Beweise dafür, dass wohl im Leben des Erkrankten etwas schief gelaufen ist und er gesündigt hat. Aber dass wir krank werden, ist ein Zeichen dafür, dass unsere Welt nicht heil ist. Wir leben jenseits von Eden. Hier ist nicht das Paradies und diese Erde wird nie das Paradies sein, auch nicht, wenn wir eines Tages Corona und alles andere besiegt haben.

Doch inmitten dieser von Verfehlungen und Sünde belasteten Welt, kann Gott Heilung schenken. Er kann uns heil machen an Körper, Seele und Geist. Und manchmal kann das auch heißen, zufrieden zu sein, trotz Krankheit und Behinderung. Glücklich zu sein, auch wenn körperlich oder geistig nicht alles möglich ist, was man sich und anderen wünscht. Das Leben hat trotzdem seinen Wert und es macht Sinn, diesen Wert zu entdecken und zu leben, so gut es geht.

Was macht Ihr Leben also so richtig schön? Was zaubert Ihnen abends ein Lächeln ins Gesicht, wenn Sie sich an den Tag erinnern?

Tun Sie mehr davon! Jeden Tag und immer wieder.

Eph 4,22 Legt also eure frühere Lebensweise ab! Ja, legt den ganzen alten Menschen ab… 23 Lasst euch in eurem Denken erneuern durch den Geist, der euch geschenkt ist… 29 Lasst ja kein giftiges Wort über eure Lippen kommen! Seht lieber zu, dass ihr für die anderen, wo es nötig ist, ein gutes Wort habt, das weiterhilft und denen wohl tut, die es hören… 31 Weg also mit aller Verbitterung, mit Aufbrausen, Zorn und jeder Art von Beleidigung! Schreit einander nicht an! Legt jede feindselige Gesinnung ab! 32 Seid freundlich und hilfsbereit zueinander und vergebt euch gegenseitig, was ihr einander angetan habt, so wie Gott euch durch Christus vergeben hat, was ihr ihm angetan habt.

Das ist der eigentliche Predigttext für heute. Und ich  bin mir sicher, Paulus will uns etwas raten, nämlich: Tu das, was dir wichtig ist. Wo du aufblühst!

Und lass alles andere möglichst sein. Tu das, was dein Leben feiert und groß macht und schön. Dein Leben und das der Menschen um dich herum. Und lass alles sein, was das Leben einschränkt und klein macht und belastet.

Wer will schon krank sein? Niemand wirklich. Ich nicht und Sie sicher auch nicht.

Aber wenn es uns dann erwischt, dann lassen Sie uns nicht aufhören, füreinander da zu sein und miteinander zu beten und zu hoffen und zu glauben, dass Gott da ist und uns sieht und unserem Leben Sinn schenkt, so oder so. Mit Salböl auf der Stirn, lassen Sie uns dann tun, was für uns wichtig und hilfreich ist.

Und wenn Sie sich dann fragen, wie es Ihnen geht, vielleicht hören Sie in der Antwort auch, wie Gott, das Leben, zu Ihnen spricht:

Ich schenke dir einen offenen Himmel. Ich schenke dir, dass du wieder spüren kannst, wie ich bei dir bin und dich annehme und trage. Ich schenke dir, dass du wieder eins wirst mit dir und deinem kranken Körper. Ich nehme all die alten Geschichten weg, die dir auf der Seele liegen. Ich trage jeden Stein von deinem Herzen. Ich schenke dir, dass deine Selbstzweifel zur Ruhe kommen, und du dich annimmst und magst und liebst, wie du bist. Ich schenke dir, dass du dich wieder wohl fühlst mit den Menschen, mit denen du lebst. Ich befreie dich von deiner Angst oder deinem Neid oder deinem Hass. Ich schenke dir, Selbstbewusstsein und Vertrauen. Ich schenke dir meine Liebe und die Gewissheit, dass ich dich niemals allein lassen werde. Ich schenke deinem Leben Wert und Würde und Sinn, wie es auch weiter verlaufen und was auch immer weiter passieren wird.

Amen.

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