Habt Geduld

Predigt Ewigkeitssonntag 2014 – 2. Petr. 3,8-13

Ich bin heute Morgen ganz still in diese noch leere Kirche gekommen. Ich habe mich in meine Bank gesetzt und dann hab ich gewartet, bis nicht nur mein Körper hier ist, sondern auch meine Seele. Manchmal dauert das bei mir etwas. Manchmal braucht meine Seele mehr Zeit, um anzukommen und zu verstehen.
Heute ist ein besonderer Tag. Der letzte Tag im Kirchenjahr. Ewigkeitssonntag. Totensonntag. Wir lesen noch einmal alle Namen vor, von all den Menschen, die in diesem Kirchenjahr, vom letzten 1. Advent bis heute aus unserer Kirchengemeinde verstorben sind oder von auswärts auf unserem Friedhof bestattet wurden.
Es ist ein Tag der Erinnerung.
Und meine Gedanken gehen schon jetzt zu ihnen zurück. Ich habe Bilder vor meinem inneren Auge. Höre noch Worte von ihnen, Sätze und Gedanken. Sehe so manchen noch mit seiner oder ihrer typischen Geste. Erinnere mich noch an letzte Gespräch und Besuche, höre noch das Lachen dieser Person oder wie sie meinen Namen spricht. Und ich spüre, dass mein Körper schon weiß, dass diese Person verstorben ist, aber meine Seele hat das noch nicht immer so ganz begriffen. Manchmal dauert das bei mir etwas.
Und ich denke an all das andere was und wen ich selbst in diesem Jahr verloren habe. Wovon ich Abschied nehmen musste. Auch das nehme ich mit in diese Kirche heute Morgen.
Und so sitze ich hier in meiner Bank und denke nach. Und bringe mich in Kontakt mit dem Gott, der uns Menschen liebt.
Ich zeige ihm meine leeren Hände und wende ihm mein verwundetes Herz zu.
Vielleicht mögen Sie das mit mir tun.
Vielleicht haben Sie gezögert, heute Morgen hier zu sein, überhaupt her zu kommen.
Schon als unsere Einladung zu diesem Gottesdienst in ihrem Briefkasten lag, mussten Sie vielleicht erst einmal schlucken.
Vielleicht ist alles noch sehr frisch, der Tod, der Abschied, die Trauer und die Tränen. Vielleicht ist es aber auch schon lange genug her, um wieder Boden zu spüren, um die Tränen zu unterdrücken und den Schmerz zu verdrängen und Sie wollten nicht wieder alles aufwühlen.
Vielleicht ist es aber sogar noch länger her und Sie trauen sich gar nicht zu zugeben, dass Sie immer noch traurig sind über den Verlust, über die Stille im Haus, über die fehlende Stimme am Esstisch. Vielleicht fragen Sie sich, was Sie hier sollen, noch einmal alles hochkommen lassen, noch einmal nachdenken und noch einmal klagen, fragen und die Trauer spüren.

Meine Lieben, eines dürft ihr dabei nicht übersehen: Beim Herrn gilt ein anderes Zeitmaß als bei uns Menschen. Ein Tag ist für ihn wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein einziger Tag. 9 Der Herr erfüllt seine Zusagen nicht zögernd, wie manche meinen. Im Gegenteil: Er hat Geduld mit euch, weil er nicht will, dass einige zugrunde gehen. Er möchte, dass alle Gelegenheit finden, von ihrem falschen Weg umzukehren.
10 Doch der Tag des Herrn kommt unvorhergesehen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel unter tosendem Lärm vergehen, die Himmelskörper verglühen im Feuer, und die Erde und alles, was auf ihr ist, wird zerschmelzen. 11 Wenn ihr bedenkt, dass alles auf diese Weise vergehen wird, was für ein Ansporn muss das für euch sein, ein heiliges Leben zu führen, das Gott gefällt! 12 Lebt in der Erwartung des großen Tages, den Gott heraufführen wird! Tut das Eure dazu, dass er bald kommen kann. Der Himmel wird dann in Flammen vergehen, und die Himmelskörper werden zerschmelzen. 13 Aber Gott hat uns einen neuen Himmel und eine neue Erde versprochen. Dort wird es kein Unrecht mehr geben, weil Gottes Wille regiert. Auf diese neue Welt warten wir. – 2. Petrus 3-GNB

Petrus spricht uns diese Worte zu.
Damals fielen sie auf Ohren und Herzen, die ungeduldig wurden. Wo bleibt Jesus? Wollte er nicht wiederkommen und diese alte, schmerzverzehrte Welt neu machen? Warum dauert das so lange? Wir können nicht länger warten! Täglich sterben weitere Menschen, täglich gibt es weiter Krieg und Hass und Terror und Verfolgung.
Wo bist du Jesus, Gott und Geist?
Wie lange müssen wir diese Trauer noch aushalten? Wie lange müssen wir noch warten? Wie lange müssen wir noch hinnehmen, dass es Leid und Schuld gibt, Verbrechen und Neid? Wie lange müssen wir noch leiden am Verlust geliebter Menschen? Wie lange noch trauern und weinen und das Loch spüren und den Schmerz ertragen? Wie lange darf das Unheil noch die Freude rauben, den Schlaf in der Nacht und die Kraft aus unseren Knochen saugen?

Und Petrus antwortet: Habt Geduld. Habt Geduld mit Euch selbst. Zwinge Dich nicht zu schnell wieder auf den alten Weg. Bei Gott gilt eine andere Zeitrechnung und Du darfst Dir das selbst auch gönnen. Trauer braucht Zeit. Und was geweint werden will, muss geweint werden. Auch wenn alle Welt um dich herum ungeduldig wird und dich fragt, wann du es denn endlich überwunden hast, nimm du dir das, was du brauchst an Zeit und Erinnerung, Kraft und Ruhe.

Und Petrus antwortet: Haltet fest an der Verheißung der Bibel. Lass nicht los, was sie dir zuspricht. Irgendwann wird diese Welt neu werden. Irgendwann wird alles gut. Irgendwann wird es kein Unrecht mehr geben, kein Geschrei und keine Traurigkeit und Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen und der Tod wird nicht mehr sein. Auch kein Schmerz mehr und keine Krankheit und keine Schuld und kein Unrecht.
Alles, was jetzt unser Leben schwer macht, wird sich aufgelöst haben und Platz gemacht haben, für Gottes Idee vom Leben. Da wird es leicht sein und herzlich und es wird ein großes Fest geben. Ein Fest des Wiedersehens. Ein Fest der Freude. Und alles Sinnlose und Dunkle wird sich aufgelöst haben, wie der Nebel in der Sonne. Und es wird hell sein.

Petrus setzt uns ein mächtiges Bild vor die Augen. Und vor allem, er ruft eine kraftvolle Botschaft in diese Welt hinein. Es ist wie ein Fels oder wie ein Mast. Hieran können wir uns halten in den Stürmen des Lebens. Dann, wenn es ruckelt und wackelt und wir ins Rutschen und Schlingern kommen, dann wenn sich alles ändert, weil einer geht, dann spricht Petrus es uns noch einmal neu zu: Gott hat uns einen neuen Himmel und eine neue Erde versprochen. Dort wird es kein Unrecht mehr geben, weil Gottes Wille regiert. Auf diese neue Welt warten wir.

Ja, darauf warte ich. Auch als ich heute Morgen hier in diese Kirche gekommen bin. Mit all den Bildern in meinem Kopf und den Stimmen in meinem Ohr und den Erinnerungen in meinem Herzen. Darauf warte ich.
Dass die Tränen nicht vergebens waren.
Dass der Verlust nicht ewig währt.
Dass die Dunkelheit vergeht. Und mit ihr die Schuld.
Dass die kalte Hand des Todes sich auflöst und die Sonne wieder wärmt.
Dass Sinn dahin kommt, wo ich keinen Sinn erkenne. Und Freude wieder dort, wo alles dunkel scheint. Dass Kraft wieder in die Knochen strömt und Zuversicht den Blick hebt.
Dass ich nicht allein bin, sondern Gott an meiner steht und mit mir geht. Jeden Tag.

Darauf warte ich. Dass Gott sich so zeigt, wie er ist: als Gott des Lebens, der den Tod besiegt hat. Als Gott der Liebe, die uns auch über die Trennung hinweg verbindet.
Daran halte ich mich fest.
An diesem Fels und diesem Mast. An diesem Kreuz von Jesus Christus, dass in dieser Weltkugel steckt und Himmel und Erde verbindet, weil Gott es so will. Weil er uns so liebt.

Und weil Gott so ist, darum zeige ich ihm meine leeren Hände und mein verwundetes Herz.
Vielleicht mögen Sie das mit mir tun.
Ich vertraue darauf, dass Gott meinen Körper und meine Seele zusammenführt. Und ich wieder ganz werde. Und heil. Und getröstet. Weil Gottes Kraft und Liebe heilen und trösten können. Und weil seine Worte tragen können. So dass ich wieder Grund finde und Halt. Und ich weitergehen mag in seiner Kraft. In die nächsten Tage und Wochen. Monate und Jahre.
Bis irgendwann Gott die Welt neu macht.
Denn Ewigkeitssonntag, das ist ein Tag der Erinnerung. Aber auch ein Tag, der mich nach vorne zieht und eine neue Zukunft öffnet. Mit Gott an meiner Seite.

Amen.