Gottes Geist kann das mit uns

Predigt zu Pfingsten 2014

Frau Ludewig ließ ihren Mann Paul die Überweisungen für die Bank schreiben.
Sie ließ ihn steuern bei den Fahrten von Hamburg nach Grömitz zu ihrem kleinen Wohnwagen. Sie schaute mit ihm Lindenstraße, auch wenn sie lieber im Garten im Hof gesessen hätte. Dafür schnitt er am Wochenende das Gemüse und brachte regelmäßig eine Flasche Sekt mit, damit sie beide ein bisschen feiern konnten.
Manchmal träumte sie davon, ein Flugzeug selber zu steuern. Immer wieder startete sie erfolgreich im Traum, aber nach ein paar Kilometern landete sie im Vorgarten ihrer Eltern. Und da wartete dann großes Theater auf sie im Traum: „Die Hecke kaputt! Wie kannst Du nur…“
Immer wieder diese Szene nachts. Einmal hat sie Paul davon morgens erzählt. Er hat gegrunzt und gesagt: „Na du willst ja hoch hinaus. Mach doch erst mal den Führerschein, ich zahl ‘s auch.“ Hat sie nicht. Warum auch, er fuhr gern und sie fuhr mit.

Vor zwei Jahren hat sie ihren Mann nach 34 Jahren Ehe hergeben müssen.
Erst ging gar nichts mehr. Die beiden Söhne kamen oft, weil sie kaum essen wollte. Der Pastor sagte: „Tragen sie doch eine Weile schwarz.“ So machte sie es. Und es tat ihr gut, Ihre Trauer zeigen zu können. Die Söhne schrieben die fälligen Überweisungen und bestellten ihr ein Taxi.

Eines Tages wachte sie auf, hörte die Vögel schimpfen, sah die leere und saubere Hälfte des Ehebettes an und schüttelte den Kopf. Sie ging an den Schrank, warf seine Anzüge in einen Karton, zerlegte das Bett und wartete beim Kaffee auf die Ladenöffnung des Möbelgeschäfts. Eine Woche später stand ihr neues, schmaleres Bett im Zimmer.
Dann ging sie auf die Bank und ließ sich zeigen, wie man Überweisungen ausfüllt. Sie ließ sich vom Älteren der Söhne auf einem alten Flugplatz zeigen, wie man ein Auto steuert. Meldete sich beim Führerschein an, fiel einmal durch und bestand beim zweiten Mal. Nun fährt sie – nach Kopenhagen. Weil sie das Licht so schön findet da oben. (*)

Eine Frau bricht auf. Eben war sie noch niedergeschlagen, wie gelähmt von dem, was passiert ist, wie gefangen, in den jahrelangen Routinen des Alltags und der Aufteilung der Aufgaben in Ihrer Ehe. Doch dann stirbt ihr Mann und es geht nicht mehr so weiter, wie bisher. Sie kann nicht mehr so weiter machen. Entweder sie gibt sich selbst auf, oder sie nimmt die Herausforderung an, sie nimmt den Alltag an und das Leben wieder auf.
Eine Frau bricht aus. Sie verlässt die Gewohnheiten, sie verlässt ihre Angst. Sie bricht auf und bricht aus, sie geht neue Wege. Zitternd und mutig zugleich. Traurig und fröhlich zugleich. Bewusst und unbewusst. Zweifelnd und doch in der festen Überzeugung, dass sich was ändern muss, dass es nicht so weitergeht, wie bisher – wie auch? Mit dem Tod ihres Mannes hat sich ja wirklich alles geändert und nichts ist mehr wirklich so, wie vorher. Wie könnte sie da einfach so weitermachen?

Wir sehen die Menschen, in der Ukraine, in Ägypten und der Türkei. In Russland und Thailand. In Syrien und Libyen. Sie alle brechen auf. Sie alle brechen aus. Weil nichts mehr gut ist in ihrem Land. Weil es so nicht weitergehen kann. Weil sich so viel geändert hat und ändern muss.
Und ich warte auf die Menschen in Afghanistan und China und Nordkorea. Ich warte darauf, dass auch sie aufstehen und aufbrechen gegen Kampf und Terror und Überwachung und für Menschenrechte und Freiheit.

Wir sehen Jesus stehen mit seinen Jüngern, auch die haben – im Bild gesprochen – keinen Führerschein. Sie machen, was er sagt. Und als er tot ist, sitzen sie rum und können nicht eine Überweisung ausfüllen. Wie gelähmt sind sie. Desillusioniert. Frustriert. Enttäuscht. Erschöpft. Traurig und eingeigelt. Alle Fenster sind zu und die Tür in ihrem Leben ist abgeschlossen.
Aber eines Tages sehen sie, wie er aufsteigt in den Himmel. Hochgehoben vor ihren Augen.
Und sie denken: Das können wir auch. Sie ziehen los, feiern das Licht, das sie aus seiner Nähe kannten, sammeln Menschen und gründen die erste Kirche.
Aus Himmelfahrt wird Pfingsten.

Die Jünger ziehen sich nicht mehr zurück. Sie treten heraus, kommen aus sich heraus, wachsen über sich selbst hinaus. Greifen nach der erstbesten Gelegenheit und damit eigentlich nach den Sternen. Sie nehmen allen Mut zusammen, und lassen sich begeistern von Gott. Sie erinnern sich noch einmal an die Worte von Jesus. Jeder weiß noch etwas und gemeinsam entsteht das Neue Testament. Worte des Mutes. Worte der Kraft. Des Aufbruchs und der Auferstehung.
Worte, die Zündstoff sind, geballte Hoffnungskraft zwischen zwei Buchdeckeln.
Und darum sind sie auch verboten in China und Nordkorea.
Das, was wir zu Hause im Regal verstauben lassen. Wo wir stöhnen, wenn es mal ein wenig länger ist. Wo wir kapitulieren, wenn es mal etwas komplizierter wird.
Dort ist es verboten. Weil es Kraft hat und Mauern zerfetzt, Fesseln sprengt, Freiheit verheißt. Weil es Menschen ermutigt, sich nicht alles gefallen zu lassen. Weil es die Machthaber kritisiert und die Machtlosen stärkt. Weil es die Rechthaber in die Schranken weist und die Gnade aufpoliert, dass sie glänzt und strahlt, und bis in den letzten Winkel scheint und langsam aber stetig alles verändert. Machtverhältnisse werden verändert und neue Chancen kommen zutage.

„Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5)
Sagt Gott.
Am Ende der Welt und immer wieder zwischendrin. Auch jetzt. Auch hier. Auch an Pfingsten. „Siehe, ich mache alles neu!“
Ich schenke Dir meinen Geist. Meine Kraft. Meinen Odem.
Ich schenke Dir Deinen Tröster, Deinen Fürsprecher. Einen, der für Dich eintritt und Dir Worte gibt und Kraft in Deiner Ohnmacht.
Das, was früher war; das, was dich gelähmt und besänftigt hat; das, was dich festhielt und umklammerte; das, was sowieso nicht ging, weil es nie ging und das, was nicht ging, weil es immer schon anders war.
Siehe, ich führe Dich hinaus. Ich mache alles neu. Ich schenke neues Leben in Deine alten Tage.
So spricht Gott. Auch an Pfingsten. Zu uns.

1 Vor dem Gericht Gottes gibt es also keine Verurteilung mehr für die, die mit Jesus Christus verbunden sind. 2 Denn dort, wo Jesus Christus ist, gilt: Du bist befreit von dem Gesetz, das von der Sünde missbraucht wird und zum Tod führt. Denn du stehst jetzt unter dem Gesetz, in dem der Geist Gottes wirkt, der zum Leben führt. …
10 Wenn nun also Christus durch den Geist in euch lebt, dann bedeutet das: Euer Leib ist zwar wegen der Sünde dem Tod verfallen, aber der Geist erfüllt euch mit Leben, weil Christus die Sünde besiegt hat und ihr deshalb bei Gott angenommen seid. 11 Mehr noch: Der Geist, der in euch lebt, ist ja der Geist dessen, der Jesus vom Tod auferweckt hat. Dann wird derselbe Gott, der Jesus Christus vom Tod auferweckt hat, auch euren todverfallenen Leib lebendig machen. Das bewirkt er durch seinen Geist, der schon jetzt in euch lebt. (Röm 8 –GNB)

Gesetze sind gut, solange sie das Leben schützen und die Freiheit fördern. Gesetze sollen den Lebensraum umgrenzen, damit niemand verloren geht und keiner einen Nachteil hat.

Aber unser Alltag ist auch von Gesetzen durchdrungen, die Freiheit einschnüren und Leben verletzen. Trotzdem folgen wir ihnen und hinterfragen sie nicht. Doch wenn wir nur ein wenig nachdenken, finden wir sie heraus und jeder könnte für sich welche nennen.
Zum Beispiel:
Warum Frauen und Männer unterschiedlich viel verdienen, trotz gleicher Ausbildung und Position?
Warum Egoismus scheinbar leichter ist, als Nächstenliebe?
Warum Öl zu fördern immer wichtiger ist, als Natur zu schützen? Warum Joghurt immer aus Bayern zu uns in den Norden kommt?
Warum Neid und Gier so stark sind und Großzügigkeit so schwach?
Wieso die Reichen immer reicher werden und die Armen doch nicht mehr bekommen?
Warum auf Marmelade stehen darf „Ohne Konservierungsstoffe“ und trotzdem das Gesetz erlaubt, dass welche drin sind?
Warum Kirchen schrumpfen, obwohl mehr und mehr Menschen religiös sind?

Es gibt noch viele andere „Gesetze“, die wir hinterfragen könnten, vielleicht auch wichtigere. Das sieht ja auch jeder anders. Aber eine Anregung zum weiteren Nachdenken, sind diese Beispiele allemal.

„Siehe, ich mache alles neu!“ Was heißt das eigentlich für uns und unseren Alltag? Für die Gesetze, Bräuche und Konventionen mit denen wir leben?
Gott sagt: Ich schenke Dir meinen Geist. Meine Kraft. Meinen Odem. Du bist befreit von dem Gesetz. Ich schenke Dir Deinen Tröster, Deinen Fürsprecher. Einen, der für Dich eintritt und Dir Worte gibt und Kraft in Deiner Ohnmacht. Das, was früher war; das, was dich gelähmt und besänftigt hat; das, was dich festhielt und umklammerte; das, was sowieso nicht ging, weil es nie ging und das, was nicht ging, weil es angeblich immer schon anders war. Mit mir kannst Du das überwinden. Denn „der Geist erfüllt euch mit Leben.“

Frau Ludewig, die Frau aus der Geschichte, hat sich irgendwann nicht mehr beugen wollen. Sie hat die Chance ergriffen, die das Leben und damit Gott ihr bot.
Eines Tages wachte sie auf, hörte die Vögel schimpfen, sah die leere und saubere Hälfte des Ehebettes an und schüttelte den Kopf.
Sie sagte „Nein!“ zu dem, was als Gesetz ausgesprochen oder unausgesprochen über ihr hing.
Sie sagt „Nein!“ dazu von anderen verurteilt und verdammt zu werden. Denn dort, wo Jesus Christus ist, gilt: Du bist befreit von dem Gesetz, das von der Sünde missbraucht wird und zum Tod führt.
Sie fing noch einmal von vorne an. Nahm das Leben aus Gottes Hand, lies sich von seinem Odem neues Leben einhauchen und durch Gottes Geist trösten. Ein frischer Wind kam auf und nahm sie mit, begeistert von Gottes Geist, getragen von Gottes Kraft, ermutigt und hoffnungsvoll, mit Gott an der Seite, denn er ist unser Fürsprecher, und mit Gnade in den Taschen, denn sie macht uns fähig zur Liebe – so brach sie auf. So brach sie aus und entdeckte Schritt für Schritt die neue Freiheit, ihr neues Leben.
Und wenn Gott das in einem Leben tun kann, wenn sein Geist so gut und so kraftvoll und so sanft und doch so stark sein kann, dann wundere ich mich nicht mehr, dass Gottes Wort in China und Nordkorea verboten ist.
Aber dann wundere ich mich trotzdem noch, warum wir es im Regal verstauben lassen?
Es wird Zeit, dass wir uns öffnen für Gottes Geist und aufbrechen und ausbrechen. Und sei es nur aus den Vorurteilen und der eigenen Bequemlichkeit. Es wird Zeit, dass wir mal wieder die Bibel zur Hand nehmen und uns von ihr erzählen lassen – in wunderbaren Geschichten – , dass das Leben mehr ist, als wir meistens denken und Gott mit uns noch lange nicht am Ende ist. Es wird Zeit, dass wir die Herzen öffnen, Vertrauen wagen, damit Gottes Geist in uns strömen kann und ich bin gespannt, was dann geschieht. Mit uns, mit unserer Kirche, mit unserer Zukunft. Es wird Zeit, dass wir es echt meinen, mit der Nachfolge und aus dem Schneckenhaus der Selbstzufriedenheit ausbrechen, uns von Gottes Wort zeigen lassen, wie er sich das vorstellt und gemeinsam, miteinander und füreinander hier im Ort Kirchengemeinde bauen. Ein Spiegelbild von Gottes Reich. Mit Gottes Geist ist das möglich.
Frohe Pfingsten!
Amen.

(*) nach Thomas Hirsch-Hüffel, Gottesdienstinstitut Nordkirche