Glaube bei jedem Wetter

Predigt zu Lk 22,31-34

Die Uhrzeit ist nicht bekannt. Wahrscheinlich war es am Abend, vielleicht sogar später Abend. Denn in der Folge der Ereignisse krähte irgendwann ein Hahn und das passiert ja meistens morgens in der Frühe.
Doch als der Hahn krähte war es bereits zu spät. Da hatte Petrus Jesus schon verleugnet und die Bibel berichtet, wie Petrus vom Hof, auf dem er sich aufhielt, um dem Verfahren gegen Jesus zu lauschen, wie er von dort weglief und „verzweifelt weinte“ (vgl. Lk 22,62).
Einige Stunden vorher war passiert, wovon der Bibelabschnitt für heute spricht:
Jesus sagt zu Petrus:
31 »Simon, Simon! Pass gut auf! Gott hat dem Satan erlaubt, euch auf die Probe zu stellen und die Spreu vom Weizen zu scheiden.
32 Aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube an mich nicht aufhört. Wenn du dann wieder zu mir zurückgefunden hast, musst du deine Brüder und Schwestern im Glauben an mich stärken!«
33 Petrus antwortete: »Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis zu gehen, ja mit dir zu sterben!«
34 Jesus antwortete: »Ich sage dir, Petrus, noch ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen und behaupten, dass du mich nicht kennst.«

Es ist der erste Sonntag der Passionszeit und wir sind bereits vom Bibelabschnitt her mittendrin in der Passionsgeschichte. Nach diesem Gespräch zwischen Jesus und Petrus werden alle Jünger in den Garten Gethsemane gehen. Die Jünger werden einschlafen, eben weil es wohl Nacht und der Tag lang genug war. Jesus wird beten und bitten, dass der Kelch an ihm vorübergeht. Dann werden die Soldaten kommen, mit Judas an der Spitze. Er hatte sie alle hier hergeführt und nun konnten sie Jesus verhaften und den entsprechenden Stellen vorführen. Die Nacht war kalt. Und am Feuer im Hof des Richters stand Petrus und dann krähte der Hahn.

Tiefer konnte er eigentlich nicht fallen, dieser Petrus. Mit viel Herzblut war er Jesus gefolgt. Mit viel Engagement setzte er sich ein. Immer fand man ihn ganz vorne mit dabei. Er war einer der überzeugtesten und mit seiner Spontanität und der Entscheidungsfreudigkeit ließ er zwar auch so manches Fettnäpfchen nicht aus, war aber auch sowas wie der Motor der Jesus-Bewegung. Petrus war von Jesus begeistert. Und seiner Begeisterung steckte wieder andere an, zog sie mit.
Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis zu gehen, ja mit dir zu sterben!
So kennen wir ihn. Das ist doch Ausdruck von Treue, von Begeisterung, von Hingabe. Einfach toll!

Aber dann passierte das hier im Hof. Und dann passierte das hier im Hof mit Vorwarnung.
Wie dumm ist das denn?
Mal ehrlich.
Eben hat Petrus dem Jesus noch tiefe Treue geschworen, dann aber, genau wenn es drauf ankommt, kneift er. Ein Schönwetternachfolger ist er. Sobald Wolken am Glaubenshimmel aufkommen, versteckt sich Petrus, rennt weg, leugnet sich hinein in vermeintliche Sicherheit.

Vielleicht kennen wir das bei uns auch. Wir haben gerne schöne Gottesdienste und ein fröhliches Gemeindeleben ist uns angenehm. Sobald der Glaube aber etwas von uns persönlich fordert, verstecken wir uns gerne oder weichen auch aus. Sind wir auch Schönwetterchristen? Die ratlos dastehen, wenn sich Probleme auftuen? Die sprachlos dastehen, wenn sie nach dem Grund und Inhalt ihres Glaubens gefragt werden? Sind wir auch solche, die gerne möchten, dass es Kirche gibt, die aber auch gerne möchten, dass die Arbeit dazu von anderen erledigt wird?
Sind wir nur Zuschauerchristen, wie Petrus am Feuer? Und rennen wir auch davon, wenn es ernst wird und wir selbst gefragt sind?

Simon, Simon! Pass gut auf! Gott hat dem Satan erlaubt, Dich auf die Probe zu stellen und die Spreu vom Weizen zu scheiden.

Bisher war Petrus eindeutig Weizen gewesen. Nun am Feuerkorb im Hof des Richters wurde er Spreu.
Und Petrus weinte verzweifelt. Ich kenne das. Versagt zu haben. Nicht so gehandelt zu haben, wie nötig und auch gewollt. Ich kenne das und es ist bitter. Haben Sie auch schon mal vor dem Spiegel gestanden und mussten sich eingestehen, nur vor sich selbst – ist ja schon schwer genug: da hast du dir keine Medaille verdient. Das war kein Ruhmesblatt. Das ist nichts, was du eines Tages voller Stolz deinen Enkeln erzählen kannst.
Petrus weinte verzweifelt über sich selbst. Und solche Situationen sind auch einfach zum Heulen.

Aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube an mich nicht aufhört. Wenn du dann wieder zu mir zurückgefunden hast, musst du deine Brüder und Schwestern im Glauben an mich stärken!

Jesus ist unser Sprachrohr bei Gott. Er ist der Fürsprecher. Jesus spricht für uns. Und wenn er für uns spricht, dann spricht er uns zugute. Er tritt nicht nur für uns auf, er tritt auch für uns ein.
Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube an mich nicht aufhört.

Ich lese das so: Jesus setzt seinen Glauben in uns, damit unser Glaube nicht aufhört.
Manchmal brauchen wir das.
Oder nicht?
Manchmal sind wir so sehr über uns selbst erschrocken, enttäuscht, frustriert, verletzt, usw. das wir am liebsten alles hinschmeißen würden. Aus Angst. Aus Scham. Aus vielen anderen Gründen. Wir mögen uns dann gerne zurückziehen, aber wir trauen uns nicht mehr dabei zu sein. Ich kenne das aus meinen eigenen Leben. Ich kenne das aus der Arbeit als Pastor. Manche Menschen lassen sich von uns als Kirchengemeinde nicht helfen, weil es ihnen peinlich ist, dass sie mit ihrem Geld nicht auskommen, dass ihnen ein Missgeschick passiert ist, dass sie in einer schwierigen familiären oder ehelichen Situation stecken. Und statt um Hilfe zu fragen, ziehen sie sich lieber zurück, aus Scham, aus Angst, weil es peinlich sein könnte, weil man nicht weiß, wie der Pastor, die Gemeinde reagieren wird.
Und ich kenne das auch so: Da hat jemand Gefallen an Glaube und Kirche gefunden und wundert sich, erschrickt über sich selbst und aus Angst, was wohl draus wird, was wohl die Familie, die Freunde sagen würden, kommt er nicht mehr her.
Statt die Sache zu klären, selbstbewusst miteinander umzugehen, um Hilfe zu bitten, geht man sich aus dem Weg. Ich kenne das Dorfleben gut genug, darum bin ich mir sicher: Sie alle können bestimmt ganz ähnliche Erlebnisse aus Ihrem Leben berichten.

Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube an mich nicht aufhört.
Und genau hier tritt Jesus ein: Hör nicht auf. Gib nicht auf. Dich nicht und das was du tust und magst und möchtest nicht. Zieh dich nicht zurück. Auch wenn du nichts mehr glauben willst, auch wenn du dich nicht mehr traust, auch wenn du dir selbst nicht mehr glauben willst. Jesus sagt: Ich glaube an dich. Und ich bete dafür, dass dein Glauben wiederkommt. Darum lass nicht nach. Du hast eine Zukunft. Nutze sie.

Aus der Tiefe von Frust, Traurigkeit, Enttäuschung, Last, Angst, Schmerz und Scham holt uns Jesus wieder herauf. Er hat mit uns noch was vor, so wie er mit Petrus noch was vorhat.
Und das ist doch das Wunder in diesem Bibelabschnitt.
Petrus hat Jesus verleugnet. Etwas Schlimmeres hätte er eigentlich gar nicht tun können. Er lässt Jesus los, doch Jesus hält an ihm fest. Jesus lässt ihn nicht los.
Und auch uns nicht.
Wenn du dann wieder zu mir zurückgefunden hast, musst du deine Brüder und Schwestern im Glauben an mich stärken!

Manchmal dauert das länger, bis wir wieder zurückgefunden haben. Manchmal braucht das Zeit, bis wir wieder Vertrauen finden in Gott, in Jesus, in uns selbst, in die Kirchengemeinde, in den Förderkreis, in das Leben und die Zukunft. Bis wir verstehen, dass es nicht peinlich ist, sondern Gott unsere Schwächen nutzen kann und will.
Aber wenn es soweit ist, dann musst du deine Brüder und Schwestern im Glauben an mich stärken!

Und jetzt mag einer denken: Ausgerechnet solche wankelmütigen Menschen sollen andere im Glauben stärken. Ausgerechnet solche schwachen Charaktere sollen andere ermutigen? Ausgerechnet diese unsicheren Typen sollen Sicherheit geben? Ausgerechnet diese Verletzten sollen andere heilen? Ausgerechnet diese Sünder sollen helfen?

Ja. Jesus weiß, dass vergebene Schuld ein großer Schatz ist. Da ist nichts Peinliches dran.
Und er weiß, dass Menschen mit Brüchen und Narben gute Helfer sein können. Sie dürfen nur eines nicht: vergessen, dass sie selbst auch Brüche und Narben haben.

In frühen Zeiten bekommt Israel das Gebot, gastfreundlich und offen für Fremde zu sein.
Und Gott erinnert das Volk:
„Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ (2. Mose 22,20)
Erinnere dich an deine eigene Geschichte, liebes Volk. Vergiss es nicht und lerne daraus.

Genauso hier: Darum soll Petrus, der Verleugner, die Geschwister im Glauben stärken. Er weiß, wie es nicht geht und er ist (hoffentlich) demütig genug, aufgrund seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Brüche und Narben im Lebenslauf, die Geschwister liebevoll zu unterstützen.

Vergiss nicht, du warst selbst ein Fremdling. Darum sei freundlich zu allen anderen Fremdlingen und stärke sie.
Vergiss nicht Petrus, du warst selbst ein Verleugner. Aus dieser Niederlage heraus, stell dich den anderen an die Seite und tröste sie in ihren Niederlagen. Stärke ihren Glauben. Du weißt doch, wie es sich anfühlt und du weißt doch, wie es wieder herausgeht und wie die Narben und Brüche am besten heilen.

Für uns: Vergiss nicht, du bist selbst ein Sünder. Sei gnädig mit allen anderen Sündern, wie auch mit dir selbst. Nächstenliebe wächst aus einem Herzen, das nicht vergessen hat, woher es kommt und wem es Vergebung und Zukunft zu verdanken hat.
Vergiss nicht, du warst selbst einmal ein Außenseiter. Nun, wo du innen bei Gott bist, sei nicht hart zu denen, die sich – warum auch immer – nicht dazuzählen. Vergiss nicht deine eigene Vergangenheit. Dann haben auch die anderen mit denen du zu tun hast eine Zukunft.
Vergessen wir das nicht, sondern vertrauen wir aktiv und leidenschaftlich diesem Gott bei jedem Wetter.

Amen.