Geh mit, sei markant!

Predigt zum Peetshoffest 2014

Wenn ich Sie alle mir so richtig anschaue, dann fällt mir eins sofort auf: Sie gehen alle mit der Mode! Vielleicht haben Sie es auch vor ein paar Tagen in der Zeitung gelesen: „Natürliches Aussehen liegt voll im Trend“. Während man früher das Facelifting, die Lifting-OP des Gesichts, Hautstraffung und so, über sich ergehen ließ um danach um Jahre jünger auszusehen, ist das sogenannte Luftkanalgesicht nicht mehr in Mode. Wir wollen also nicht mehr stromlinienförmig aussehen, sondern markant.
Und bei Ihnen sehe ich nur markante Gesichter. Jedes verschieden. Von Lebenslinien durchzogen.
Mit Zeichen und Spuren der Vergangenheit. Linien und Streifen von der Erfahrung eingekerbt.
Also: Sie sind Trendsetter!
In China kann man sich Lebenslinien „einlasern“ lassen. Vor allem in die Hände. Denn viele Menschen in China glauben an Handleser und wenn die Glückslinie in der Handfläche nicht lang genug ist, kann man ja chirurgisch nachhelfen. Ob man damit auch dem Glück im Leben nachhelfen kann, muss aber wohl erst noch bewiesen werden.

Aber schauen Sie sich mal Ihren Nachbarn an. Neben Ihnen oder gegenüber. Schauen Sie mitten ins Gesicht. Da sehen Sie nicht nur die Nase, sondern Grübchen, Falten, Krähenfüße, Lachfalten, Tränensäcke, blaue Ringe, Dreitagebart und gezupfte Augenbrauen. Lippenstift und Makeup. Es ist spannend in den Gesichtern der Mitmenschen einmal spazieren zu schauen. Man kann eine Menge entdecken. Auch an Händen kann man viel ablesen.
Ich mochte immer die Hände meiner Oma. Sie hatte ganz weiche Haut und sie hatte zu viel davon. Ich konnte ihre Haut hochziehen. Heute weiß ich etwas über Bindegewebe und dass die Spannkraft im Alter nachlässt. Aber als Kind fand ich das unglaublich spannend, die Hände meiner Oma zu erkunden. Die Linien darin, die Altersflecken darauf, die weiche Haut und sensible Seite, die Fingerkuppen mit kleinen Narben vom Schälmesser und Hornhaut von der vielen Arbeit.
Unser Gesicht und unsere Hände erzählen Geschichten. Und sich diese Geschichten gegenseitig zu erzählen, das ist bestimmt etwas für einen verregneten Sonntagnachmittag.

Zwei Jünger von Jesus gehen eine Straße entlang. Sie führt aus Jerusalem heraus und an ihren Gesichtern kann man ablesen, dass sie traurig sind. Der Blick ist zur Erde gerichtet. Die Augen verweint und rot. Die Wangen sind hohl und beide wirken erschöpft, frustriert, enttäuscht und matt. Man kann an ihren Gesichtern nicht ablesen, was sie erlebt haben. Da gäbe es einfach zu viele Möglichkeiten: es könnten die Strapazen der Wanderung sein, ein Überfall von Räubern, die Flucht vor der Polizei oder ein schreckliches Erlebnis in der Stadt. Aber es geht ihnen nicht gut und das kann man sofort erkennen. Der Gang ist schleppend, gebeugt, belastet, müde.
Ein dritter Mann taucht auf und er geht eine Weile mit ihnen. Am Abend machen sie dann gemeinsam Rast und der dritte Mann nimmt das Abendbrot in seine Hände und bricht es auseinander und verteilt es unter sie und plötzlich verändert sich das Gesicht der ersten beiden Personen. Es hellt sich auf. Die Augen weiten sich. Die Mundwinkel drehen sich nach oben. Das Blut rauscht ihnen in die Adern. Die müden Gesichter werden lebendig und hellwach: Du bist es ja! Eben hatten wir dich noch in Jerusalem tot geglaubt, nun bist hier, lebendig und mit uns auf dem Weg! (nach Lk 24,13ff.)

Die Geschichte der Emmausjünger aus dem Lukasevangelium ist eine relativ bekannte Erzählung. Die beiden Männer haben erlebt, wie Jesus gekreuzigt wurde und starb. Sie haben gesehen, wie man den Leichnam in die Grabhöhle gelegt und den Stein davor gewälzt hat. Traurig und enttäuscht gehen sie aus Jerusalem weg. Jesus, ihr Herr, ihr Meister, ihr Heiland ist nicht der König von Israel geworden, sondern als Verbrecher am Kreuz gestorben. Alle ihre Träume zerplatzt wie Seifenblasen.
Doch nun, hier auf dem Weg, geht Jesus plötzlich wieder mit ihnen. Seite an Seite.
Und die beiden Jünger erkennen ihn an seinen Händen.

Meine Oma habe ich auch immer an ihren Händen erkannt. Meine Frau erkenne ich an ihrem Gesicht. Meine Kinder verwechsele ich zwar vom Namen her immer wieder, aber wenn ich sie mir ansehe, weiß ich genau, wer vor mir steht.

Das überrascht Sie jetzt nicht. Aber es ist doch schön, dass unsere Gesichter und Hände, unsere Gesten und Worte uns vorstellen, unsere Lebensgeschichte erzählen. Unverwechselbar. Einzigartig. Wunderschön!
Das ist mit der Narbe am Kinn ist Jürgen.
Die mit den Lachfalten ist Inge.
Und der mit dem blassen Tattoo am Unterarm, das ist Wilhelm.
Die Frau mit den vielen Flecken auf der Hand – das kann nur Hanne sein.
Das sind nur Beispiele und die Namen frei erfunden!

Es ist doch wunderbar, wie das Leben uns zeichnet. Wie wir erkennbar werden, durch das, was wir tun und wie wir aussehen. Jürgen hatte als Kind mal einen Fahrradunfall, darum die Narbe am Kinn. Inge ist eine unverbesserliche Optimistin, die nie ihr Lächeln verliert. Wilhelm war mal als junger Mann auf Weltreise und irgendwo in einem Hafen hat ein Matrose ihm dieses Tattoo gestochen. Und Hanne hat immer viel auf dem Feld und im Garten gearbeitet, die Sonne brannte auf sie herunter, ihre Haut reagierte mit Pigmentflecken.

Wie wir aussehen erzählt uns. Unsere Geschichte. Es ist wie eine Landkarte unseres Lebens durch die Welt. Es erzählt unseren Weg durch das Leben. Mit allen Höhen und allen Tiefen. Mit dem, worauf wir stolz sind und dem, wofür wir uns leise schämen. Jede Narbe, jede Falte, jeder Fleck, die Haarfarbe und Statur – all das erzählt unser Leben. Jedes einzelne ist ein Satz oder eine Seite im Buch unseres Lebenslaufes. Darum können wir in den Händen und Gesichtern unserer Mitmenschen interessante Geschichten lesen und entdecken.
Manches davon wird uns selbst unter die Haut gehen.
Und manches davon wird uns demütig und zurückhaltend machen. Langsam im Urteilen aber schnell im Verstehen lernen.
Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist. Urteilt nicht, so werdet ihr auch nicht verurteilt. Vergebt, so wird auch euch vergeben.“ (Lk 6,36-37)

Ich erlebe das selbst immer wieder an mir. Wenn ich manche Menschen anschaue, dann fälle ich in meinem Kopf schon die Urteile: Na, der sieht ja aus. Der könnte auch mal wieder…. Bestimmt hat der… Oder ist der… Hätte ja besser aufpassen können in der Schule…Der ist bestimmt genauso wie seine Vorgänger…

Vielleicht kennen Sie das auch von sich selbst. Wenn ich mir Sie alle so anschaue, können Sie das bestimmt genauso gut wie ich: Vorurteile pflegen, Urteile fällen, Klischees bedienen, in Fettnäpfchen treten.

Ich habe es allerdings auch schon oft anders erlebt: Wenn ich mir dann mal die Zeit und das Ohr genommen habe, die Geschichte dieser Personen zu hören, werde ich schnell ganz still und klein und leise. Demütig im besten Sinne.
Dann muss ich noch immer nicht gut finden, warum andere so leben und aussehen, wie sie es tun, aber dann verstehe ich immer mehr, warum sie so sind und ich entwickle Verständnis für sie, ja Nächstenliebe.

Wir gehen alle mit der Mode. Wir wollen markant sein. Natürlich aussehen. Echt sein. Individuell. Darum sollten wir das nicht nur für uns in Anspruch nehmen, sondern auch anderen gönnen und ihnen Freiraum geben, ihren eigenen Lebensweg zu gehen. Ich muss nicht alles gut finden. Aber ich kann Verständnis dafür entwickeln, dass es so ist, wie es ist. Dass meine Mitmenschen so sind, wie sie sind.
Und das kann dann auch bedeuten, mich überraschen zu lassen von meinen Mitmenschen und erfahren, dass sie ganz anders sind, als vermutet oder befürchtet.
Gehen wir neu aufeinander zu und miteinander um.
Das wäre ein großer Schritt zu mehr Nächstenliebe. Das wäre ein echter Schritt in der Nachfolge von Jesus.
Denn Jesus hat man genau daran erkannt, dass er Menschen nicht verurteilt hat. Er ist vorurteilsfrei mit ihnen umgegangen. Er ist allen mit Respekt begegnet, selbst den größten Sündern und menschlichen Ekeln. Er war offen für ihre Lebensgeschichte. Er hat in ihren Gesichtern gelesen und ihre Hände angeschaut und war gespannt auf das, was beides ihm sagte.
Bei ihm waren alle willkommen.
Das war sein Markenzeichen. Seine Lebenslinie. Und diese Geschichte erzählt man sich von ihm noch heute und man wird es auch in vielen Jahren noch tun. So ist Jesus. Nicht stromlinienförmig, sondern markant und gegen den Strom. Einfach er selbst: voller Liebe, voller Respekt, voller Vergebung, voller Annahme, voller Freiheit zum bunten Leben in einer bunten Welt.
Mit offenen Armen, auch für Dich!

Amen.