Geh mit Gott. Und Tschüß!

Predigt zu Himmelfahrt 2015 – Lk 24,50-53

Wenn wir Besuch haben zu Hause und diesen Besuch wieder verabschieden, dann stehen wir häufig noch am Parkplatz oder am Straßenrand und schauen dem abfahrenden Auto hinterher, winken und wünschen alles Gute.
Vielleicht kennen Sie das und machen es ähnlich.
Es ist ja auch nichts Besonderes.
Liebgewordene Menschen werden besonders herzlich willkommen geheißen und besonders herzlich verabschiedet. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einer Träne im Knopfloch. Darum wünschen wir dann gute Reise und keine Staus und wenn wir dann das wegfahrende Auto und die Hände, die sich aus den Autofenster recken, um uns zurückzuwinken, nicht mehr sehen können, dann gehen wir zurück ins Haus und räumen auf, bringen die Gläser und Teller in die Spülmaschine und die Töpfe und Schüsseln zum Abwasch. Und wir lassen dabei noch mal so manches aus der Zeit des Besuchs Revue passieren. Das, was gesagt worden ist, was man mit einander besprochen oder erlebt, die witzigen und die anrührenden Anekdoten.
Der Besuch wirkt noch eine ganze Weile nach. Bei uns Erwachsenen und auch unseren Kindern. Es ist beinahe so, als wenn er noch bei uns in den Möbeln steckt und sich noch eine Weile im Raum aufhält, obwohl ja das Auto längst außer Sichtweite ist.

So ähnlich war das auch, als Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedete, von den Männern und Frauen, die mit ihm zusammen gewesen waren, die die letzten Jahre miteinander verbracht hatten und Freud und Leid teilten.

50 Darauf führte Jesus sie aus der Stadt hinaus nach Betanien. Dort erhob er die Hände, um sie zu segnen. 51 Und während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben. 52 Sie aber warfen sich vor ihm nieder. Dann kehrten sie voller Freude nach Jerusalem zurück. 53 Sie verbrachten ihre ganze Zeit im Tempel und priesen Gott.

Sie stehen da, zwar nicht am Straßenrand, aber am Rande Jerusalems und schauen Jesus nach, wie er in den Wolken verschwindet. Eine staufreie Autobahn werden sie ihm nicht gewünscht haben, aber genau wie wir es auch tun, haben sie sich voneinander verabschiedet und einander gesegnet.
Damals wird man vielleicht den sogenannten Aaronitischen Segen gesprochen haben: „Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht über dich und schenke Dir Frieden.“

Worte, die wir zum Ende jedes Gottesdienstes hören, über uns regnen lassen dürfen, wenn wir uns hier voneinander verabschieden und wieder nach Hause gehen.

Und wenn wir zu Hause Besuch verabschieden, sage ich selten diesen Aaronitischen Segen, Sie wahrscheinlich auch nicht, aber ich sage „Tschüß!“. Ich bin ja auch aus Norddeutschland, echter Niedersachse. Und „Tschüß“ ist nichts anderes als die kurze, norddeutsch-wortkarge Form von Adieu – „Gott befohlen!“ oder „Geh mit Gott!“
Wenn wir uns norddeutsch verabschieden, sprechen wir uns also einen kurzen, knackigen Segen zu. Wie könnten wir auch besser auf die Reise gehen, als gesegnet!?

Wenn Du gehen musst oder gehen willst, dann geh nicht allein. Geh mit Gott!
Sei behütet und beschützt. Und sei Dir sicher, Du bist nicht allein. Du wirst gehalten, bejaht, getragen, Dir wird vergeben, Du bekommst Kraft und Hoffnung wird Dir geschenkt. So kannst Du gut gerüstet Deinen Weg bestreiten, Schritt für Schritt.

Und ganz ähnlich wie bei uns der Besuch noch in Kopf, Herz und Räumen steckt und wir die gemeinsame Zeit noch einmal nacherleben, so geben sich die Jünger auch diesem Nachdenken und Nachsinnen und Nachbeten hin und reden miteinander über das, was sie erlebt haben, was bei ihnen hängen geblieben ist, welche Spuren der Besuch bei ihnen hinterlassen hat und sie danken Gott für die gemeinsame Zeit und loben und preisen ihn für diese besonderen Erlebnisse.
Auch wir zu Hause sind ja dankbar, für wunderbaren Besuch, gute Freunde und liebe Familienmitglieder. Bestimmt geht es Ihnen allen da ganz ähnlich.

Und wenn es so ist, dann ist ein Segenswort zum Abschied genau die richtige, angemessene Art, sich voneinander zu trennen. Geh mit Gott!
Geh mit dem Leben an Deiner Seite! Geh mit Frieden im Herzen! Geh Deinen Weg und sei Dir sicher, mein und Gottes Wohlwollen begleiten Dich. Gottes Hände sind um Dich. Was auch passiert, Du bist nicht allein und was auch passiert, Dein Leben behält seinen Sinn und seinen Wert und Hoffnung klopft bereits an deiner Tür und wenn Du denkst, dass es für Dich nicht mehr besser werden kann, Deine Lebensreise ist eine Reise unter Gottes Augen, in seiner Aufmerksamkeit. Darum „Tschüß!“ – sei gesegnet, Gott geht mit Dir!

Vielleicht haben Sie ganz andere Segensworte. Manche sagen „Machs gut!“, „Hau rein!“, „Bleib locker!“, „Peace!“.

Aber all diese guten Wünsche und Segensworte sind kein Schall und Rauch, weil Jesus zum Himmel aufgefahren ist. Weil er emporgehoben wurde und nun „sitzt, zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“, wie es im Glaubensbekenntnis heißt.
Dieser Jesus gibt unseren Worten Sinn und Macht. Es sind nicht nur Worte, die der Wind verweht, sondern kraftvolle Wünsche und Zusprüche, für die Gott selbst eintritt.
Mit der Himmelfahrt bekennen wir, dass Jesus nicht nur ein heiliger, ein besonderer Mann in Jerusalem und für Israel war, sondern ein guter Hirte für die ganze Welt ist.
Wir verlassen uns darauf, dass er das Leben, Gott selbst in Person ist. Für Dich und mich und jeden anderen auch. Das bedeutet Himmelfahrt.
Es ist wie ein Schirm wenn es regnet. Halte ich ihn zusammengeschlagen über mir, mag er mich selbst ein wenig vor Regen schützen, klappe ich ihn aber auf, deckt er einen großen Raum ab und auch andere können mit drunter schlüpfen und Schutz finden. Jesus ist dieser Rettungsschirm für die Welt. Das ist Himmelfahrt.

Darum sei gesegnet, was du auch tust, wo du auch bist, wohin du auch gehst.
Geh mit Gott. Er geht mit dir. Du bist nicht allein.

„Tschüß!“
Was für ein kräftiges, machtvolles Wort!
Das ganze Leben und alle Liebe steckt drin.
Denn der, der das Leben und die Liebe ist, hat sich mit diesem Wort verbunden. Und er lässt dich nicht los. An den guten Tagen nicht, und auch nicht, wenn es schwer wird. Nicht in Gesundheit und nicht in Krankheit. Nicht in Jugend und nicht im Alter. Nicht im Atmen und nicht im Tod.
Sein Schirm bleibt über Dir gespannt. Über Dir und deinen Lieben. Deiner Familie, deinen Nachbarn und Kollegen, deiner Gemeinde, deinem Chor, deinen Freunden. Sie alle haben Platz. Und auch Fremde können kommen. Keiner muss draußen bleiben. Es ist Raum für alle genug.

Und vielleicht nutzen wir diesen Feiertag dazu, uns diesem Segensraum neu bewusst zu sein. Vielleicht halten wir heute noch einmal besonders inne und öffnen die Hände und weiten unsere Herzen und sind achtsam für Gottes Gegenwart in unserem Leben.
Vielleicht schließen wir zwischendurch kurz die Augen und bitten ihn, bei uns zu sein.
Machen es uns selbst neu bewusst, dass er bei uns ist.
Danke, Gott, dass Du da bist. Jetzt und hier, wo es mir so geht, wie es mir geht. Gut oder schlecht und meistens irgendwie „geht so“.
Danke, Gott, dass du bei mir bist.
Und danke, dass du mich hältst.

Amen.