Erntedank – handeln wie ein König

Predigt zu Jesaja 58,7-12 an Erntedank 2011

Erntedank wunderbar! Wieder ist Erntedank und wieder ist der Altarraum hier in der Kirche reich, ja überreich, geschmückt. Draußen steht der Erntewagen. Es sieht alles wunderbar aus! Vielen Dank an die Landfrauen und das Landvolk!
Eine volle Ernte trotz vieler Hindernisse und negativer Begleiterscheinungen.
Ein herrlicher Anblick. Ein Anblick, der dankbar macht. Erntedank ist eine Ermutigung. Finden Sie nicht auch?

Es ist ja nicht selbstverständlich. Und das ist uns ja schon klar.
„Wir leben in einer privilegierten Gegend“, so hieß es auch im Vorgespräch zu diesem Gottesdienst. Ja, das stimmt. Wir leben in einer außergewöhnlichen Gegend, wenn diese außergewöhnlichen Dinge hervorgebracht werden. Es geht uns gut!
Nicht alle, die sich angestrengt haben, konnten so ernten wie wir.
Schauen wir einfach nach Schleswig-Holstein, wo diesen Sommer die Unwetter gewütet haben. Die Ernte dieses Jahr fällt aus, vielleicht auch die Ernte nächstes Jahr. Zumindest ein Teil davon, weil das Wintergetreide noch lange nicht ausgesät werden kann.
Wir hier mitten in Deutschland leben in einer privilegierten, das heißt ja, bevorzugten Gegend. Verglichen mit anderen geht es uns gut. Sehr gut.
Auch wenn auch hier das Jahr nervenaufreibend gewesen ist. Für die Landwirte und die Hobbygärtner auch. Mein Zuckermais zumindest… naja…
Erst das trockene Frühjahr, die späten Fröste, dann die sommerliche Regenzeit. Man musste von jetzt auf gleich reagieren, konnte nicht langfristig planen, musste spontan sein. Über eine lange Zeit hinweg. Und dann hat zusätzlich das Erdbeben in Japan erschüttert. Und EHEC hat erschüttert. Die Produzenten genauso, wie die Verbraucher.

Trotzdem können wir jetzt wieder hier sein und Danke sagen.
Schon die Bibel weiß: Wo man erntet, da kommt Freude auf (Jesaja 9,2)! Wer kennt das nicht? Vergessen sind die Erinnerungen an harte Arbeit auf dem Feld und im Garten. Vorbei der Muskelkater. Vergessen die Sorgen und Ängste. Erledigt ist die Arbeit im Schweiße des Angesichts. Das Lockern der Erde, das Entfernen der Steine, das Jäten des Unkrauts, das Düngen und Wässern und was noch alles notwendig ist, dass es überhaupt zu einer Ernte kommt? Egal. Es hat sich gelohnt!

Aber selbst wenn alles in den Gärten und auf den Äckern und Feldern und auf dem Markt richtig gemacht worden ist, das Wachsen und Reifen steht nicht in unserer Hand. Es stimmt, wenn wir mit den Worten von Matthias Claudius singen: „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott!“ (EG 508)

Jedes Erntedankfest erinnert uns daran, dass unser ganzes Leben Geschenk ist, Geschenk von Gott. Und wir dürfen nehmen und empfangen und genießen und leben vom „täglich Brot“, das Gott uns gibt.
Und „Tägliches Brot ist alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und getreue Oberherren, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ so sagte es Martin Luther.

Es geht uns unverschämt gut! Wir können leben wie Gott in Frankreich! Manche kriegen da fast schon wieder ein schlechtes Gewissen. Jeff Lucas zB., Autor und Radiomoderator aus England. Der sagte einmal: „Wenn ich mir diese vor Hunger und Leid schreiende Welt anschaue, macht es mich sprachlos, dass wir hier im reichen Westen überhaupt irgendwelche Antworten auf Gebete bekommen.“

Oder geht es uns gar nicht so gut? Wir haben die Finanzkrise. Wir erleben von der Landwirtschaft bis zu den Kirchen einen enormen Strukturwandel. Fast nichts ist mehr, wie es noch vor 20 oder mehr Jahren war. Alles ist im Fluss.

Dennoch: Insgesamt geht es uns gut. Aber wie gut, kann wohl nur jeder selbst beantworten. Denn dass und ob es einem gut geht hängt ja nicht nur vom Geld bzw. der Ernte ab.
Aber wenn Sie für sich entscheiden, dass es ihnen gut geht, dann denken Sie doch bitte auch kurz weiter.

Erntedank ruft uns allen in Erinnerung, dass wenn wir leben und tafeln können wie die Könige (in Frankreich und anderswo), sollten wir auch entsprechend dem biblischen Bild eines wahren Königs handeln.

Sie kennen bestimmt den Satz aus dem Alten Testament. Nachdem Gott die Menschen gemacht hat, beauftragt er sie: „Macht Euch die Erde untertan.“ (Gen 1,28)
Ein guter Satz, aber leider schrecklich missverstanden. Seit Generationen hat man gedacht, dieser Vers wäre eine Erlaubnis zur Ausbeutung. Die Erde ist Materie und Materie ist Material für uns. Mehr nicht. Unserem Wachstum ausgeliefert. Um unseren Hunger zu stillen und unsere Gier zu befriedigen.
Heute, auch dank besserer Bibelwissenschaft, wissen wir es genauer (wobei: ob „besser“ lassen wir mal dahingestellt). „Macht Euch die Erde untertan.“ Oder kurz: „Sei ein König!“
Ein Satz, ein Auftrag, der uns zu Königen über die Erde erklärt. Und Könige sorgen dafür, dass es dem Volk, dem Reich gut geht und es gedeiht. Heute und morgen. Für Kind und Kindeskinder, gerecht und barmherzig.

Danken hängt ja mit Denken zusammen. Vielleicht denken wir also im Danken und durch dass Danken angeregt noch mal darüber nach.

„Deine beiden Augen, deine beiden Hände, alle deine Glieder, deine Kleider und all dein Gut: es ist Gottes Gabe. Das bedenke und sage ihm dafür Dank! Deine Kuh, deine Gans, dein Schaf, dein Vieh hat dir Gott gegeben. Sobald du sie ansiehst, danke Gott dafür… Führt dich dein Pferd, trägt dich dein Wagen, so sollst du dich demütigen und Gott, deinen Schöpfer, erkennen. Denn mit deiner Kraft könntest du nicht ein einzig Körnlein aus der Erde hervorbringen…“, so sagt es Martin Luther.

Wir haben viel geerntet. Es ist nicht nur Obst und Gemüse, Getreide und Fleisch. Es sind auch Beziehungen und Urlaub. Eine Wohnung. Es sind Feste und Feiern. Aufmerksamkeit und Liebe. Danke auch für „manche Traurigkeiten“, wie es in einem Gesangbuchlied heißt.

Wir feiern Erntedank, weil wir uns dessen bewusst sind und das nicht vergessen wollen, dass die Entscheidenden Dinge in unserem Leben, die entscheidenden Faktoren in unserem Leben Geschenke sind: Leben, Nahrung, Liebe, Gesundheit….
Ja, wir können eine Menge dafür tun, diese Faktoren zu erhalten. Für Gesundheit kann man Sport treiben und für gute Nahrung kann man das Feld verantwortungsvoll bestellen.
Und wir können vor allem eine Menge tun, um diese Faktoren zu belasten.
Aber herstellen können wir nichts davon. Es ist Geschenk.
„Denn mit deiner Kraft könntest du nicht ein einzig Körnlein aus der Erde hervorbringen“, sagte Martin Luther.
Das ist so. Immer noch. Und das wird im Kern immer so bleiben. Das Leben ist Geschenk.

Ich kann nichts dafür, dass ich hier geboren bin und nicht in irgendeinem Elendsviertel am Rande der Welt. Ich kann nichts dafür, dass mein Heimatland seit über einem halben Jahrhundert für Frieden, Chancengleichheit und Rechtsstaatlichkeit steht – im Großen und Ganzen. Erntedank erinnert uns daran: Der größte Teil dessen, wovon wir leben, ist Geschenk, ist Gabe. An dieser Gabe dürfen wir uns freuen, nach Herzenslust. Gott sei Dank, dass Gott für uns sorgt. Dass uns das tägliche Brot nicht ausgeht und die Liebe nicht abhanden kommt. Wir feiern heute, weil das Leben so schön ist und Gott es gut mit uns meint. Genieße, was du hast, du hast allen Grund zu danken. Danke für alle Gaben.

Und wenn ich danke, dann denke ich noch mal woher eigentlich alles kommt, was ich empfange und wohin alles geht, was ich gebe, für das, was ich bekomme. Wenn ich danke, dann denke ich noch mal nach. Über den Tellerrand hinaus zu meinen Nächsten. Ja, wer nachdenkt, erkennt: Wir leben nicht auf einer Insel. Wir sind Teil eines Ganzen. Und wir tragen Verantwortung für einander.
In unserer modernen Welt sind wir miteinander verwoben und verwandt. Selbst mit Menschen, die wir nie zu Gesicht bekommen werden. Globalisierung nennt man das. Die Welt ist längst ein Dorf geworden. Ob wir das wollen oder nicht. Und wie in einem Dorf hat jeder mit jedem Kontakt, irgendwann, irgendwie. In der Psychologie spricht man vom „Kleine-Welt-Phänomen“. Es besagt, dass jeder Mensch über 6 Kontakte hinweg zu jedem anderen Menschen in der Welt in Beziehung steht. Probieren Sie es aus. Es haut meistens hin.

Darum kann uns der Nächste nicht egal sein. Hier in unserem Land genausowenig, wie fern ab irgendwo anders in der Welt. Wir sind so eng miteinander verwoben. Unser Reichtum ist häufig ihr Opfer, unser Dank ist hoffentlich ihr Gewinn. Ja, hoffentlich sagen wir angemessen „Danke!“.
Wir sind nicht allein auf dieser Welt. Wir sind eingebunden in einen großen Kreis. Und wir tragen Verantwortung für einander.

Wie gesagt: Erntedank ruft uns allen in Erinnerung, dass wenn wir tafeln können wie die Könige, wir auch entsprechend dem biblischen Bild eines guten Königs handeln sollten: Die Verantwortung für alles, was ihm anvertraut ist, sollte möglichst vermehrt an die kommende Generation weitergegeben werden. Der wahre König lässt sich leiten von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für alle.

Darum ist es nicht egal, wie es den Herstellern unserer Kleidung geht in Kambodscha oder Thailand. Es ist nicht egal, wie es dem Kaffeebohnenpflücker in Peru oder dem Rosenzüchter in Kenia geht, die für uns billige Produkte herstellen und an schlechte Verträge gefesselt sind. Genauso wenig wie es egal ist, wie es den Landwirten und allen anderen Nahrungsmittelproduzenten hier bei uns, in unserem Ort, in unserem Land geht. Nah und fern darf man nicht gegeneinander ausspielen. Denn in unserer kleinen Welt, gibt es kein Fern mehr. Wir sind uns alle nahe.

Und damit ist der Obdachlose nicht nur der, der an unserer Haustür klingelt, sondern auch der, der im Slum von Manila zu überleben versucht, und der Hungrige ist nicht nur die Frau, die sich in Soltau bei der Tafel mit Lebensmitteln versorgt, sondern auch die Frau, die in Haiti inmitten der Trümmer des Erdbebens ihre Kinder mit Schlammkeksen füttert.

In unserem Land wird so wahnsinnig viel weggeschmissen. Man sagt, dass mehr als die Hälfte weggeworfen wird. In Deutschland 15 Millionen Tonnen, eine LKW-Schlange von Berlin bis Peking. Ein Wert von 20 Milliarden Euro, entsprechend dem Jahresumsatz von Aldi.
Wenn man allein alles Brot, was in unserem Land weggeworfen wird, verbrennen und daraus Strom erzeugen würde, man könnte sich ein Atom-Kraftwerk sparen.
Die Nahrungsmittel, die wir in Europa wegwerfen würde zweimal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren. (Zahlen nach „Taste the Waste“)
Und wenn ich danke, dann denke ich noch mal darüber nach, dass ich mit meinem Kaufverhalten und meinen Essgewohnheiten diesen Wahnsinn täglich unterstütze.

Wie können wir Gerechtigkeit und Barmherzig in diese Welt hinein sprechen?
Diese Frage muss uns mitbeschäftigen, wenn wir Erntedank feiern.

Bitte nicht aus schlechtem Gewissen heraus.
Ich wünsche uns unbändige Freude und Dankbarkeit für die reiche Ernte, die wir dieses Jahr trotz allem wieder einfahren durften. Und ich wünsche uns, dass diese Freude und der Dank in uns ein Nachdenken, darüber auslöst, wie die Freude und der Dank noch größer werden: nämlich im Teilen, in der Gerechtigkeit, darin, barmherzig zu sein.

Löst die Fesseln der Gefangenen, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, gebt den Misshandelten die Freiheit und macht jeder Unterdrückung ein Ende! Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen! Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen und eure Wunden heilen schnell; eure guten Taten gehen euch voran und meine Herrlichkeit folgt euch als starker Schutz. Dann werdet ihr zu mir rufen und ich werde euch antworten; wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: ›Hier bin ich!‹ Wenn ihr aufhört, andere zu unterdrücken, mit dem Finger spöttisch auf sie zu zeigen und schlecht über sie zu reden, wenn ihr den Hungernden zu essen gebt und euch den Notleidenden zuwendet, dann wird eure Dunkelheit hell werden, rings um euch her wird das Licht strahlen wie am Mittag. Ich, der Herr, werde euch immer und überall führen, auch im dürren Land werde ich euch satt machen und euch meine Kraft geben. Ihr werdet wie ein Garten sein, der immer genug Wasser hat, und wie eine Quelle, die niemals versiegt. (Jes 58,6b-11)

Amen.