Einheit – die bessere Gerechtigkeit

Es scheint alles so einfach und so klar: der, der hat, gibt dem, der nicht hat und so haben alle genug. Der, der hat, steht dann als gerecht vor der Welt dar. Und der, der nicht hatte, erfährt durch die Gerechtigkeit des Gebenden ebenfalls Gerechtigkeit, wird also ebenso in und vor der Gesellschaft gerecht gesprochen, weil er nicht mehr zu den Verlierern gerechnet werden muss, sondern ebenfalls stark und leistungsfähig geworden ist. Eine „Win-Win-Situation“ – jeder geht als Sieger aus ihr hervor.

Wenn Gesellschaften so funktionieren könnten, wäre allen geholfen. Der Geber merkt kaum, dass er gegeben hat und obendrauf erhält er noch die Meriten des guten Menschen: ein reines Gewissen, Ehre, Anerkennung und Respekt.
Und der Empfänger ist ebenfalls nicht in der Position des Es fand lediglich ein Ausgleich der Kräfte statt. Es geht gerecht zu. Die Waage ist in der „waa-gerechten“.
Kurios, dass die Gesellschaften nur so nicht funktionieren.

Seit Gründung der Bundesrepublik steht die Gerechtigkeit auf der Agenda der demokratischen Parteien. Immer wieder treten sie dafür ein und meinen nicht nur ganz unterschiedliche Vorstellungen und Politikstile damit, sondern beschreiben auch ganz unterschiedliche Menschenbilder mit diesem Begriff. Aber er klingt gut. Gerechtigkeit. Ein Unmensch, wer sich nicht dafür engagieren wollte!
Dabei ist Gerechtigkeit keinesfalls gerecht. Und sollte darum auch nicht Aufgabe und Ziel einer Gesellschaft oder politischer Prozesse sein.
Wir brauchen ein neues Stichwort. Einen neuen Impuls.

Wie wäre es mit dem Wort „Einheit“?
Einheit ist die bessere Gerechtigkeit, da bin ich mir sicher.

Während die Suche nach Gerechtigkeit zur Bewahrung des Status quo und der Zementierung von Abhängigkeiten führen kann, zielt Einheit dynamisch auf die Zukunft.

Einheit nimmt die Unterschiede der Menschen ernst und gibt ihnen Recht. Und damit Raum. Jeder darf so sein, wie er oder ist und sein möchte. Hier wird Gerechtigkeit nicht unter der Hand zur Gleichmacherei. Einheit fordert und fördert Respekt und Achtung gegenüber den natürlichen und menschengemachten oder erlebten und manchmal auch erlittenen Unterschieden. Einheit belässt es aber nicht bei diesen Unterschieden, nimmt sie nicht als Gott gegeben war, sondern fordert zum Hinschauen und zum Handeln auf.
Wer nach Einheit strebt, wer es wirklich will, wird es nur in gegenseitigem Blickkontakt und zwar auf gleicher Augenhöhe erreichen.

Der Fettnapf der Gerechtigkeit heißt: innere Abwertung bei vermeintlich äußerer Hochschätzung: die Gabe wird zum Almosen, dass die Menschen beruhigen aber nicht beteiligen soll.
Einheit beteiligt. Auch, weil es alle Seiten fordert, sprachfähig zu werden, selbstreflektiert und trotzdem dem Anderen gegenüber offen.
Wir sollten Einheit suchen, nicht Gerechtigkeit. Um der Menschen willen, die in unserem Land leben und darüber hinaus.