Ein Traum von Weihnachten

Ein Weihnachtstraum – ein Traum von Weihnachten

Es war ganz kurz vor Weihnachten. Mitten in tiefer Nacht. Thomas träumte.
Er ging auf ein warmes Licht zu. In einer Futterkrippe lag ein kleines Kind. Als Thomas so nah war, dass er den Holzrand der Krippe berühren konnte, fing er an zu weinen.
„Warum weinst du?“, fragte ihn das Kind. „Weil ich kein Geschenk für dich habe“, stammelte Thomas.
„Dann möchte ich dich um etwas bitten, …“, antwortete das Jesuskind, doch Thomas fiel ihm ins Wort: „Ich weiß, wenn ich die Schlittschuhe bekomme, die ich mir gewünscht habe, will ich sie dir gerne schenken.“ „Nein!“, sagte das Kind im Futtertrog, „das alles brauche ich nicht, schenke mir einfach nur deine letzte Mathematikarbeit.“
Da erschrak Thomas. „Jesus“, flüsterte er verlegen, „da hat doch der Lehrer ,5!` drunter geschrieben.“ „Gerade deshalb will ich sie haben, du sollst mir immer das bringen, wo ,Mangelhaft!` drunter steht“, sagte das Kind, „und ich möchte noch ein zweites Geschenk von dir.“
Fragend schaute Thomas es an. „Deinen Milchbecher hätte ich gerne“, fuhr das Kind fort.
„Aber … den habe ich doch heute Morgen zerbrochen!“, entgegnete Thomas.
„Du sollst mir immer das bringen, was dir im Leben zerbricht. Ich will es heil machen“, versprach das Kind. Einen kurzen Moment lang war es still.
„Nun habe ich nur noch einen Wunsch“, flüsterte es aus der Krippe, „du sollst mir noch die Antwort bringen, die du deiner Mutter gegeben hast, als sie fragte, wie das mit dem Becher passiert ist.“
Da legte der kleine Junge den Kopf auf den Krippenrand und weinte bitterlich.
„Ich …“, brachte er mühsam hervor, „ich habe gesagt, dass ich das nicht war. In Wirklichkeit aber habe ich ihn aus Wut auf die Erde geworfen.“
„Du darfst mir immer alle deine Lügen bringen, deinen Trotz, alles Böse, das Du getan hast“, tröstete Jesus, „und wenn du zu mir kommst, will ich dir helfen. Ich will dich annehmen, so wie du bist. Ich will deine Hand nehmen und mit dir gehen. Das werde ich dir schenken.“
Es war ganz kurz vor Weihnachten. Mitten in tiefer Nacht. Thomas war wach.
(Geschichte nach einer Idee von Walter Baudet)

Eine schöne Geschichte. Ein bisschen kitschig, vielleicht. Aber sie berührt mein Herz. Vielleicht ja auch Ihres?
Wir dürfen uns ja zu Weihnachten etwas mehr berühren lassen in unserem Herzen und in unserer Seele als sonst vielleicht. Auch Männer dürfen das.
Das, was wir sonst erfolgreich an Gefühlen und Stimmungen verdrängen oder uns verbieten, heute Abend, diese Nacht, darf das mal hochsteigen und Luft schnappen.
An Weihnachten darf vieles anders sein. Ich meine, wir holen uns einen grünen Tannenbaum ins Wohnzimmer. Das sagt doch schon alles!
Wissen Sie, wie viele Tiere auf so einem Tannenbaum leben? 25000 Rindenläuse, Milben und Motten und Zecken auch noch. Und wir machen das freiwillig!
Weihnachten ist anders als sonst und Weihnachten macht uns anders als sonst.
Wir dürfen mehr aus uns herauskommen. Der Liebe freie Bahn lassen. Und einfach großzügig sein. Mit uns selbst und mit anderen. Weil ja Weihnachten ist.
Und Weihnachten geht so ganz gegen unsere normale Welt. So widerborstig, so gegen den Strich gekämmt. Das kann nur dieses Fest zur Heiligen Nacht.
Normalerweise sind wir auf Distanz gepolt. Jetzt gehen wir anders miteinander um. Normalerweise sparen wir Strom. Jetzt beleuchten wir unsere Häuser von außen und die Bäume und Sträucher gleich mit.
Normalerweise wollen wir mit unseren Kindern konsequent sein. Jetzt aber sagen wir, egal, du warst zwar das ganze Jahr über frech, aber ich schenke Dir trotzdem etwas.
Normalerweise achten wir auf die Kalorien, in diesen Tagen freuen wir uns an barocken Formen und Liebesgriffen an den Hüften.

Ich hoffe, dass es so ist, denn das ist Weihnachten.
Wir haben das ja Martin Luther zu verdanken, dass wir Weihnachten uns etwas schenken und überschwänglich, großzügig, ja schon fast verschwenderisch sind.
Vor Martin Luther hat man sich zu Nikolaus etwas geschenkt. Dabei hat man dann an diesen Bischof von Myra gedacht und ihm zum Vorbild genommen. Er hat den Schatz seiner Bischofskirche verschenkt, den Piraten gegeben, damit sie die Kinder der Stadt wieder frei lassen und die Geiselnahme beenden. Also geben wir an Nikolaus auch etwas. Manche packen Süßigkeiten in die Schuhe, andere verschenken richtig große Dinge. Aber Nikolaus hat immer diesen pädagogischen Beigeschmack. In der Geschichte hat der Nikolaus noch den Knecht Ruprecht dazubekommen und mit ihm die Drohung: Wenn Du nicht lieb bist, bekommst du nichts zum Nikolaus, höchstens Haue mit der Rute vom bösen Knecht. Oder es wurde gedroht, dass man in den Sack gesteckt und mitgenommen wird.
Und dann hat Martin Luther gesagt: Wie blöd ist das denn?
Weihnachten ist anders.
An Weihnachten, in der heiligen Nacht, wird der Heiland der Welt geboren. Und wenn er der Heiland der Welt ist, dann ist er es wirklich für alle. Für die guten und die schlechten, sozusagen. Für die artigen und nicht ganz so artigen. Einfach für jeden. Und dann müssen wir auch jedem Kind was schenken. Also weg mit den Geschenken von Nikolaus und hin zum Kind in der Krippe.
Also ganz anders, als wir es vielleicht machen würden, Weihnachten überspringt die Grenzen und die Schuld und die Differenzen und den Streit. Weihnachten sagt, egal wer du bist oder was du getan hast, ich beschenke dich, weil es dich gibt. Vielleicht auch, weil ich dich liebe. Verdient hast du es zwar nicht, aber ich gebe Dir gerne und aus vollem Herzen. Weihnachten ist anders.

Und darum kamen damals zur Geburtskrippe die Armen und die Außenseiter, die Flüchtlinge und Asylsuchenden. Die, die sich nicht viel leisten konnten und die von der Gesellschaft eher belächelt und auf die eher herabgeschaut wurde. Die armen Hirten in ihren zerrissenen Kleidern kamen zur Krippe. Und die drei Weisen mit Migrationshintergrund kamen aus dem Morgenland und fanden ihren Platz an der Krippe. Und an der Seite standen die Tiere, es muhten die Kühe und der Ochse schrie und die Schafe und Mäuse und 25000 andere Tiere waren auch mit dabei im Stroh und im Staub des Stalls.

Und eine junge Frau wurde in den Mittelpunkt gestellt. Eine, von der man nicht so genau wusste, wie sie denn überhaupt schwanger geworden war und die vielleicht ihren Verlobten, den Josef, betrogen hatte und doch selbst erst 14 oder 15 Jahre alt war.
Maria wurde in die Mitte gestellt und hoch geschätzt, geehrt, geachtet und besungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und Josef, der eigentlich alle seine Sachen packen wollte, wer wollte damals schon der Vater eines fremden Kindes sein? Er blieb und wurde ein toller Vater, von dem Jesus viel lernte.
Weihnachten macht anders.

Wir ziehen uns natürlich zu Weihnachten schick an. Wenn die Großeltern vorbeikommen und in den nächsten Tagen auch die Großtante anreist und ihre Küsse verteilt. Dann muss das Hemd her und die Bluse und das Haus wird aufgeräumt und der Staub weggeputzt und der Stapel Tageszeitungen entsorgt und das Leergut und ein Festessen wird gezaubert oder bestellt. Und die Kinder räumen endlich mal ihre Zimmer auf.

Doch Jesus ist nicht im blitzblanken Wohnzimmer zur Welt gekommen. Und Josef trug auch keine Krawatte. Maria wird eher verschwitzt gewesen sein und die Ankunft der Hirten konnten alle schon 30 Minuten vorher riechen.

Weihnachten ist anders.
Was wir für wichtig und richtig halten, das durchkreuzt dieses Kind in der Krippe gerne mal. Darum freut es sich auch so sehr über den zerbrochenen Becher des kleinen Jungen in dieser etwas kitschigen Geschichte. Jesus nimmt gerne das, was uns zerbrochen ist, oder das, was wir zerbrochen haben. Er nimmt auch gerne das, was wir lieber unter den Teppich kehren und vor uns und anderen verstecken oder verdrängen. Er nimmt gerne unseren Frust, die Wut, die Enttäuschung – und er teilt gerne mit uns die Freude und das Lachen.
Jesus ist gekommen, er wurde in dieser heiligen Nacht geboren, damit wir es leichter haben im Leben. Damit wir frei sind von Schuld und Druck und Angst. Damit Gastfreundschaft möglich wird und auch Fremde bei uns ihren Platz haben. Damit wir mit erhobenem Kopf und freien Herzen singen mögen, Weihnachtslieder oder die Charts. Das Kind in der Krippe, es lächelt uns an, damit wir wieder vertrauen mögen, dass das Leben auch uns anlächelt. Damit Licht in unser Dunkel kommt und die grauen Grummelwolken sich verziehen können.

Weihnachten ist einfach anders. Weihnachten ist einfach ein riesiges Geschenk. Lassen wir es uns geschenkt sein, packen wir es aus. Nehmen wir das Kind in der Krippe zu Herzen. Und mit nach Hause. Das wird dann so manches verändern, aber nichts wird schlechter. Im Gegenteil.
Jesus sagt: „Ich will dich annehmen, so wie du bist. Ich will deine Hand nehmen und mit dir gehen. Das werde ich dir schenken.“
Amen.