Ein Gott mit Getriebeschaden?

Predigt zu „Ein Gott mit Getriebeschaden“

„Shit happens.“ Zwei Worte, die manchmal ganz passend ausdrücken, was ich denke, wenn mir ein Missgeschick passiert. Wie Helene Fischer: „Verplant und verpeilt, daneben gestylt, so komm ich mir manchmal vor. Unverhofft und gehemmt, das Zeitgefühl klemmt, mit mir selbst nicht ganz d’accord. Ich will mich beweisen und droh zu entgleisen, mit Vollgas gegen die Wand. Katastrophal, ich kenn mich nun mal und bleib‘ entspannt.“ (Song „Fehlerfrei“)

„Shit happens.“ Vielleicht nutzen Sie dieselben Worte oder haben so Ihre eigenen Methoden, um mit Scheitern und Pech umzugehen, es an sich abperlen zu lassen oder gekonnt zu verdrängen, wenn es einfach nur Kleinkram ist.
Ganz anders sieht es aus, wenn ich mit dem Thema Krankheit konfrontiert werde. Oder mit Behinderungen. Oder mit schweren Unfällen, Auto, Zug, Unwetter. Große und kleine Katastrophen. Wenn Menschen sterben. Wenn ich von Krieg höre und dem nächsten Terroranschlag.
Dann denke ich nicht „shit happens“. Ich hab schon bei Beerdigungen an Särgen gestanden und innerlich geklagt und Gott Vorwürfe gemacht. Ich kann den Stress, den eine Beerdigung auch für mich bedeutet, nicht immer professionell ablegen. Manchmal stehe ich am Sarg und bin sauer auf die Krankheit oder die Umstände, die zum Tod dieses Menschen geführt haben. Manchmal bin ich auch sauer auf Gott. Und dann frage ich mich, warum er das zugelassen hat, dass diese Person jetzt verstorben ist oder so gestorben ist, wie es eben passiert ist.
Ich finde das sind verständliche Fragen: Warum? Wie konntest du das zulassen? Warum hast du nichts dagegen getan? Warum das nicht verhindert?
Und manchmal bleibt es bei diesen Fragen und manchmal steigern sie sich noch. Dann wird auch Trauer Wut und Zorn und ich schimpfe mit Gott und klage ihn an: Du hast doch gesagt, dass du beschützt, warum hier nicht? Du bist doch nicht ganz dicht! Du bist doch ein Gott mit Getriebeschaden, der nicht vom Fleck kommt. Der vielleicht will, aber nicht kann!

Professionell betrachtet, ist es gut, dass ich so frage. Und ich weiß, dass nicht nur ich so rede.
Es ist gut so zu fragen und zu klagen, zu schimpfen und zu schreien.
Es ist gut für unsere Seele, für unsere Gesundheit. In den Psalmen können wir lesen, wie Menschen Gott anklagen. Im Buch Hiob, der mit den Hiobsbotschaften, erst recht (6,8). Es ist nicht verboten, sich selbst oder Gott oder das Leben in Frage zu stellen. Im Gegenteil.
Es ist gut, weil es schon ein erster guter Schritt aus der Lähmung heraus ist, die ein schlimmes oder trauriges Ereignis bei uns auslösen kann. Klagen ist gut, weil es eine Stimme gibt, wo wir eigentlich sprachlos sind. Und weil es Leben zeigt, wo wir eigentlich alles aufgeben wollen. So, wie Hiob, der wollte auch nicht mehr leben, nachdem schon seine Kinder gestorben waren, aber im Klagen gewann er neue Kraft.

Aber das klärt natürlich noch nicht die Frage, warum Gott das Leid zulässt. Und das ist ja heute Thema. Eine schwierige Frage. Seit Jahrtausenden machen sich Menschen darüber Gedanken. Warum werden wir erst ins Leben geschickt und dann wird es uns wieder genommen? Manchmal ja auf sehr brutale Weise oder schon sehr früh nach nur wenigen Lebensjahren. Warum lässt Gott das Leid zu, wenn es ihn denn gibt und er uns ins Leben gerufen hat.
Wissenschaftlich betrachtet ist das die Theodizee-Frage. Die Frage nach Gottes Gerechtigkeit, nach seiner Liebe angesichts des Bösen in der Welt. Wie passt das zusammen? Wie kann ein liebender und liebevoller Gott, von dem die Bibel ja erzählt, das Böse zulassen? Wie konnte überhaupt das Böse entstehen, wenn doch die Schöpfung gut war?
Solche Fragen sind nicht einfach zu erklären und auch ich kann keine handliche Antwort geben, die alle Fragen klärt.
Schauen wir in die Geschichte, dann sehen wir, wie manche in ihren Erklärungsversuchen die Welt einfach in zwei Teile geteilt haben: auf der einen Seite den guten Gott und auf der anderen Seite den bösen Teufel. Der eine ist für das Gute zuständig und der andere für das Böse und die beiden streiten immer miteinander, bis irgendwann das Gute gewinnt.
Und manche fragen, ob Gott das Böse nur zulässt oder ob er es auch selbst schafft und auslöst? Der Philosoph Leibniz meinte, dies wäre die beste aller möglichen Welten und wäre sie anders (auch ohne das Böse) wäre sie nicht mehr die beste aller möglichen Welten.
Luther hat vom offenbaren Gott und vom verborgenen Gott gesprochen. Den, den wir verstehen, und der, der für uns ein Rätsel bleibt. Nietzsche aber hat Gott als „jenseits von Gut und Böse“ verstanden. Manche stellen Gottes Allmacht in Frage und andere fragen, ob wir das Wort „Allmacht“ nicht ganz anders verstehen müssen?
Manche sagen, der Mensch ist halt nicht gut genug, darum gibt es das Böse. Andere sagen, was du säst, wirst du ernten und wenn du Böses säst, wirst du auch Böses ernten.
Die jüdische Kabbala sagt, das Böse wäre noch ein Rest von so einer Art Probeschöpfung, mit der Gott geübt hat… usw., usw….

Suchen Sie sich etwas aus oder forschen Sie selbst noch einmal. Eine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Leid und was das mit Gott zu tun hat, kann man sich wohl nur selbst geben und darum möchte ich das heute hier auch tun. Kurz und bündig.

Vier Männer bringen einen Gelähmten zu Jesus. Von ihm haben sie gehört, dass er Kranke heilen kann und das wollen sie auch für ihren Freund testen, der gelähmt auf der Trage liegt und sich nicht wehren kann. Aber sie sind spät dran, unzählige Menschen stehen bereits im Haus, wo Jesus sich aufhält und verstropfen die Tür und füllen die Räume. Die vier haben eigentlich keine Chance, also nutzen sie sie und steigen auf das flache Lehmdach, graben es auf und lassen den Freund auf seiner Trage mit Seilen herunter, genau vor Jesus.
Der sieht das Ganze und ist sehr gerührt. Er heilt den gelähmten Freund und dieser steht auch gleich auf und nimmt seine Matte und quetscht sich nach draußen. (vgl. Mk 2,1-12).

Die Bibel gibt keine Antwort auf die Frage, warum es das Böse gibt und warum Menschen leiden müssen. Die Bibel schildert die Welt wie sie ist: wunderschön, bunt, fröhlich, leidenschaftlich, liebevoll, aber auch blutig, leidend, nach Hoffnung und Trost suchend.
Und die Bibel schildert Gott als den, der mitten im Leid mit seinem Mitgefühl da ist.
So wie Jesus in dieser Geschichte. Alle Versuche, einen Grund für das Leid zu finden, werden von der Bibel abgelehnt. Das Leid, das Böse ist da. Und manchmal beteiligen wir uns als Menschen daran und machen es noch schlimmer (Terror, Krieg, Hass,…), manchmal können wir aber auch nichts dafür (Unwetter, Erdbeben,…).
Aber Gott ist immer der, da für uns und mit uns durch das Leiden geht. „Und geht es auch durch dunkle Täler, fürchte ich mich nicht, denn du, Herr, bist bei mir.“, Psalm 23.
Und das haben die Menschen erst Recht bei Jesus so erlebt. Sie haben in Jesus Gott selbst erkannt, weil Jesus mit ihnen in allem Leiden dabei war, Anteil genommen hat, es für sie auf sich genommen hat und so Trost und Hoffnung schenkte.
In Jesus ist Gottes ganzes Mitgefühl gebündelt und konzentriert.
Darum ist Jesus der ideale Begleiter und der passende Adressat für unser Fragen und Klagen.
Und ihn lade ich zu mir und in mich hinein ein, wenn es mir nicht gut geht. Nicht nur dann wenn wieder mal „shit happens“, sondern auch in Krankheit und Trauer, in Angst und Versagen.
„Komm, Jesus, hilf mir mein Kreuz zu tragen. Gerade an deinem Kreuz erkenne ich, dass du verstehst, wie es mir gerade geht.“
Ich bin sehr froh, dass Gott weiß, wie blöd ein Getriebeschaden ist. Mir hilft das weiterzumachen, wieder aufzustehen, es noch einmal zu probieren und nicht aufzugeben. Und ich hoffe, genau deswegen, auch anderen nicht zu sehr im Weg zu stehen, wie die Schaulustigen in der Geschichte, die das Haus füllten. Ich möchte eigentlich wie die vier Freunde für andere Leidende ein Loch ins Dach graben und sie hinunterlassen direkt vor die Füße von Jesus, der Leiden lindern kann, weil er mitleidet und bei uns ist auf den hohen Höhen und in den tiefen Tälern.
Amen.