Digitalisierung und Kirche

Vortrag auf der Tagung der Johanniter-AG für Gegenwartsfragen
am 8. Februar 2020 im Kloster Lüne.

Digitalisierung und Kirche:
Wie können Glaube, Seelsorge und Beratung von den neuen digitalen Medien profitieren? Oder geht Kirche nur analog?

1. Warum ist Kirche im Internet?
Von 83 Millionen Menschen in unserem Land, sind im Jahr 2019 dreiviertel, nämlich 63 Millionen, mit Internetzugang ausgerüstet. 50 Millionen gehen täglich online oder sind es ohnehin immer. Durchschnittlich sind wir dabei rund 3 Stunden online, bzw. 6 Std in der Gruppe der 14-29jährigen. (Quelle: ARD/ZDF-Online-Studie)
Das klingt erst einmal erschreckend – 6 Stunden! Auf der anderen Seite vereint das Smartphone heute viele Dinge, für die man früher extra Werkzeug brauchte: Taschenrechner, Uhr, Karte, Mikro, Fotoapparat, Spielzeug, Mail und Messenger-Dienst, Kalender, Notizbuch, Einkaufszettel (Amazon 2018 Umsatz von ca. 19,88 Milliarden Dollar, Karstadt 2,2 Milliarden Euro je in Deutschland), …

Und in der Hauptsache ist es tatsächlich das Smartphone mit dem wir online sind. Weniger der stationäre PC im Büro. Das heißt, wir sind mobil online unterwegs (im wahrsten Sinn des Wortes).

Weil die Gegenwart so ist, darum kam der Pressesprecher des Bistums Essen zu folgendem Schluss: „Social Media ist bei uns im Bistum Essen etwas, das die Menschen ganz alltäglich nutzen. Und wir als Kirche nutzen diese Kanäle deswegen auch alltäglich. Wir wollen damit in Kontakt mit den Menschen kommen und wenn der Kontakt gelingt, können wir in den Dialog treten.“ (domradio.de im Interview)

Und eigentlich gilt das auch für uns. Darum sind auch wir als evangelische Kirche im Internet aktiv: um Kirche zu sein, die bei den Menschen ist. Denn im Internet kommen wir (auch) mit den Menschen in Kontakt und in einen Dialog. Oder, wie der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel es formulierte: Gott will nicht ohne den Menschen Gott sein (GGW  47) Also muss man dahin gehen, wo die Menschen sind, damit Gott zu Gott kommen kann. Und Menschen erleben Gott durch Menschen, die ihnen von Gott erzählen und in tätiger Nächstenliebe bezeugen, Beziehungen knüpfen, Glauben teilen.

2. Wie kann der Glaube vom Internet profitieren?
Internet bedeutet „Zwischennetz“. Internet vernetzt zwischen Menschen. Früher, in den 90ern dachte man, mit dem Internet bricht das Paradies an. Die Erwartungen waren hoch. In den 1990er Jahren war man noch der Meinung, dass Internet „ein Instrument, den „Endzustand“ der Menschheit – Demokratie, Menschenrechte und Kapitalismus – möglichst schnell weltweit zu verteilen.“ Man war beseelt vom Fall der Mauer, dem Ende des „Reiches des Bösen“ (Reagan über die Sowjetunion) und glaubte an den technischen Fortschritt und die Überlegenheit der westlichen Demokratie und der freien Märkte. Das alles sollte eine Epoche des Friedens bringen und nichts konnte es aufhalten. 1998 spottete der damalige US-Präsident Bill Clinton: „Es steht außer Frage, dass China versucht, das Internet zu kontrollieren – viel Glück damit.“ Das sei in etwa so erfolgsversprechend wie der Versuch, einen Wackelpudding an die Wand zu nageln. Clinton irrte.
Die heile Welt ist nicht gekommen, neue „Reiche des Bösen“ sind entstanden: Hatespeech, Shit-Storms und totale Überwachung in China und dem gläsernen Bürger in Europa – ausgespäht von Großkonzernen aus den USA, die mit ihren feinjustierten Algorithmen alles erfassen, auswerten und ein genaues Bild von uns erzeugen wollen und können. Wir erwarten keine heile Welt mehr, wir wissen eher: Ohnehin ist nichts sicher. Alles ist im Wandel. Niemand weiß, wohin die Reise geht.

Die Welt ist eben VUKA: Volatil, Unsicher, Komplex und Ambivalent.

Und mitten in dieser verrückten VUKA-Welt steht Anna Sofie Gerth.
Die Diakonin Anna Sofie Gerth leitet die City Station in Berlin. Eine Einrichtung für Obdachlose. Zum Winter hin waren Schlafsäcke, Wäsche und anderes Mangelware. Die City Station brauchte dringend Nachschub. Da schrieb Anna Sofie auf Twitter einen entsprechenden Aufruf und bat um Spenden. Binnen weniger Tage lieferte die Post dann die für sie bestellten Utensilien. „Soo dankbar! Zwei Wochen keine Sorgen. Das Schlafsackregal ist gefüllt und reicht für ca. zwei Wochen. Ich bin dankbar, dass Menschen solche Spenden machen und wir dafür sorgen können, dass keiner an einem Kältetod verstirbt.“ (29.10.2019)

Das kann das Internet. Das kann Social Media. Das kann Kirche im Internet.

Oder Pastorin Carola Scherf aus der Nordkirche, die jeden Morgen ein Segenswort für jeden Tag postet.

Oder das gemeinsame Gebet auf Twitter, die Twomplet, in der man jeden Abend zusammenkommt und Sorgen und Gedanken als Gebetsanliegen teilt und miteinander betet.

Und das ist die Chatseelsorge unserer Landeskirche. Hier kommen Menschen zusammen, um miteinander Probleme und Fragen zu besprechen, Gemeinschaft zu teilen oder in Einzelgesprächen Sorgen zu klären.

Kirche ist präsent im Internet. Auf Facebook, Twitter und vielen anderen Kanälen. Predigten, Blogs und Vlogs, Hauskreise und Bibelgruppen, Berichte und Erzählungen von Erlebnissen und Erfahrungen. Viele Christen, viele Kirchen haben Internetauftritte und versuchen so, mit anderen Menschen in Beziehung und das Evangelium zu erzählen, Gottesdienste zu feiern und den digitalen mit dem physischen Raum zu verbinden.

Und manche machen dabei die Erfahrung, dass das Internet fast sowas wie ein Mensch ist – ähnlich empathisch, unterstützend, verständnisvoll, tatkräftig helfend.

Ein Internet, ein Internetz im guten Sinne. Das Netz, die Verbindung zwischen den Menschen. Und darin liegt in der Tat die Stärke des Internet. Neben Eigenschaft als Wissensspeicher, der Bereitstellung von Informationen, kann das Internet das besonders gut: Menschen miteinander vernetzen.

Eigentlich so, wie die Bibel es fordert, weil es Gott es auch tut: trösten, halten, fragen, kümmern und sorgen, Bedürfnisse stillen. Das passiert im auch Netz.

Kirche ist kein Selbstzweck. Sie soll und will aus der Nachfolge heraus bei den Menschen sein. Da sein, wo die Menschen sind. Das ist Gottes Urbewegung von Anbeginn an. Gott will nicht allein und für sich selbst Gott sein, sondern erschafft die Welt und die Pflanzen und Tiere und die Menschen. Und wieder will Gott nicht neben der Welt Gott sein, sondern wird in Jesus Christus selbst Mensch. „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ – Philipper 2,6.

Und nun sind die Menschen eben im Internet. Dort leben und damit leben sie. Wenn wir uns die Statistiken anschauen, entdecken wir, dass viele heute längst in zwei Welten gleichzeitig leben: Online und Offline. Und in der Wahrnehmung der Menschen gibt es meistens zwischen diesen Welten qualitativ keinen Unterschied. Zumindest nicht in der normalen alltäglichen Kommunikation. Das ist auch gar nicht so ungewöhnlich. Wir kennen das auch von anderer Mediennutzung. Einem Telefongespräch sagen wir ja eigentlich auch nicht nach, dass es mangelhafte Kommunikation fördert, sondern sind froh, unsere Nachricht vermitteln zu können. Und wie viel Gefühl, Leidenschaft und Sehnsucht lassen sich in einem Liebesbrief ausdrücken oder mit einem Foto?

Weil es eben immer um das Eine geht: Miteinander in Kontakt kommen. Voneinander wissen. Voneinander erzählen. Nach innen, Christen/Kirchen unter sich. Nach außen zu anderen Menschen, Nichtgläubigen, Andersgläubigen, Religionen, Nationen, Zweiflern, Ratsuchenden

Heute würde Jesus sagen: Ich war online, und ihr habt euch mit mir vernetzt. (frei nach Mt 25)

Das tut digitale Kirche!

Ermutigend, mitfühlend, anteilnehmend, helfend ganz konkret,
Und manche kommen auch bei Facebook und Twitter zu Hauskreisen zusammen und teilen die Bibel. Oder produzieren Videos bei Youtube und erzählen von ihrem Glauben, ihrem Leben als Christen, von Höhen und Tiefen. Authentisch, ehrlich, offen, klar. Stärkend, ermutigend. Das ist digitale Kirche. Das gibt Sicherheit und Klarheit und Verlässlichkeit.

Und das stärkt viele in ihrem Glauben. Manche führt es auch neu zum Glauben und zur Kirche hin. Glaube wächst im Internet. Der Glaube an die Menschheit trotz VUKA. Der Glaube an die Liebe. Hoffnung, dass doch noch was geht. Dass doch noch nicht alles verloren ist. Dass es doch etwas Sicherheit und klarer Menschenverstand, Nächstenliebe in der Welt gibt.

Wir Menschen, wir Internetnutzer, können das gut gebrauchen in dieser verrückten Welt.

Trotzdem ist natürlich noch viel zu tun. Und wir müssen weiter denken, weiter handeln. Manchmal auch weiter hoffen. Wir brauchen eine breite Diskussion zu einer Digitalen Ethik, vielleicht sogar zu einem Online-Knigge: Wie verhalte ich mich richtig im Netz? Was tue ich bei einem Hasskommentar? Wer bin ich als digitaler Mensch? Was passiert mit meinen Daten? Wie ist das mit dem Recht auf Anonymität? Wo gibt es welche Grenzen? Denn die nächste Software, die nächste Neuerung wartet ja nicht auf uns, sondern entsteht und wird programmiert und schleicht sich in unseren Alltag: KI, AR – Augmented Reality, Sprachsteuerung. All das ist schon da – aber wie nutzen wir es gut, hilfreich und nicht zum Spott oder Schaden? Kommen wir mit den Möglichkeiten und der dargebotenen Freiheit auch zurecht?

3. Wie können Menschen durch das Internet von Seelsorge und Beratung profitieren?
Manchmal ist es im Internet wie bei einer Brieffreundschaft, man hat sich noch nie gesehen, kennt sich aber trotzdem, weiß viel voneinander, hat die Erfahrung gemacht, dass man sich in der Distanz (vielleicht auch in den Wissen, dass man sich nie sehen wird) viel offener und intimer geäußert, ermutigt sich, hilft sich aus der Ferne so gut es eben geht mit Rat und Hinweise und Verweisen auf weitere Helfer und hilfreiche Einrichtungen vor Ort.  

Ich folge auf Instagram einer Psychotherapeutin. Immer wieder gibt sie dort auch Hintergrundinformationen zu Krankheitsbildern. Es ist erstaunlich, wie offen ihre 15T Follower dann über ihre eigenen Probleme, Erkrankungen und Herausforderungen sprechen. Alles auf Insta, manchmal unter einem Pseudonym, aber offen und frei über sich selbst.

Ähnliche Erfahrungen macht auch die Telefonseelsorge. Während in den Telefonaten (2017 ca. 9,1 Mill. Anrufversuche) eher die „leichteren“ Probleme besprochen werden, wie Einsamkeit, Sorgen. Kommen im Chat und in der Email-Seelsorge die großen Themen auf den Tisch, wie Missbrauch, Gewalt, Trennung, Suizid, Borderline. Die Technik schafft räumliche Distanz, die räumliche Distanz schafft inhaltliche oder thematische Nähe und Offenheit. Der Andrang ist riesig, mehr als momentan zu bewältigen ist. Bundesweit können täglich 120 Chatanfragen und 50 Emails nicht beantwortet werden, weil Mitarbeiter*innen fehlen.


Es gibt einen großen Bedarf in der Digitalen-Seelsorge. Petra Kretschmer (07.01.2020): „Im Online-Chat und in der Mail-Beratung sind Andeutungen von Todessehnsucht oder deutliche Suizidabsichten sehr viel häufiger. Überhaupt sind online oft deutlich krisenhaftere Themen dran. Viele Ratsuchende wählen lieber die Mail- oder Chatseelsorge als das Telefon, weil sie auch Kontakt- und Beziehungsängste entwickelt haben. Manche sind traumatisiert oder leiden unter Beziehungsstörungen, denen ist der Kontakt über das Telefon oft zu nah….Aus meiner Sicht ist vor allem der bundesweite Bedarf für Mail- und Chat-Seelsorge groß. Das kann von den Beratungsstellen derzeit unmöglich abgedeckt werden. Manche Ratsuchende schreiben seitenlange Mails und Chatnachrichten, weil sie massive Probleme haben.“ (Quelle: https://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/frontnews/2020/01/07a)

Wir betreiben als Landeskirche ja selbst die Chatseelsorge.de. Zweimal wöchentlich für 2 Stunden. Auch da steigt der Bedarf.

Isabel Overmans, Seelsorgerin in einem Altenheim und ehemalige stellvertretende Leiterin der Telefonseelsorge in Freiburg schreibt: „Die Technik bietet große Chancen der Kontaktaufnahme, gerade heute in einer Zeit der Individualisierung und der damit einhergehenden Vereinsamung sind diese Möglichkeiten der Seelsorge unersetzlich. Gerade auch bei Menschen, die Angst vor persönlichen Kontakten haben oder so verletzt sind, dass es Ihnen nur noch möglich ist zu schreiben, weil sie sich schämen zu reden.“

Was tut Seelsorge eigentlich? Nehmen wir nur einmal das Wort beim Wort, dann sorgt Seelsorge für die Seele. Wobei mit „Seele“ nach biblischem Verständnis aber nicht nur ein Teil des Menschen benannt wird, der irgendwo im Körper liegt und immateriell, vergeistigt vorhanden ist. Unter Seele versteht die Bibel im Großen und Ganzen den Menschen in seinem vollen Personsein. Die Seele, das bin ich und das bist Du in der Gesamtheit.  Der Mensch hat nicht nur eine Seele, er ist eine Seele (1. Mose 2,7).  Wer Seelsorge betreibt, sorgt sich darum vom biblischen Wortsinn her, um das Leben der Person ganzheitlich. Oder kurz gesagt: Seelsorge fördert das Leben der Menschen. Das ist ihr Anspruch und es bleibt ihr Zuspruch.

Wir können das aber natürlich nur im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe tun. Weder wissen wir, was andere Menschen glücklich macht, noch schreiben wir ihnen vor, was sie zu tun oder zu lassen haben. Wir sorgen vielmehr dafür, dass die Seelsorgepartner für sich selbst, für ihre eigene Seele sorgen können. Dazu ermutigen wir. Dazu rüsten wir mit den nötigen Kompetenzen und Ressourcen aus. Darum sprechen wir von Vergebung und Neuanfang, von Wertschätzung und Hoffnung. Darum leben wir das selbst vor, so gut wir können, wann und wo immer es geht.  Prof. Wolfgang Drechsel hat Seelsorge als Lebensunterhaltung beschrieben.  Ein schönes Wortspiel im Sinne der Straßen- und Gebäudeunterhaltung. Seelsorge hilft, dass das Lebenshaus heil bleibt, trotz Unheil, trotz Krankheit, Schuld und Versagen.

Seelsorge sieht den Menschen, wie er ist, ohne Urteil und Ansehen der Person, aber mit all seinen Möglichkeiten und Wegen. Darum ist Seelsorge etwas zutiefst Menschliches. Jeder Mensch braucht Seelsorge und jedem Menschen sollte die Gelegenheit gegeben werden, Seelsorge in Anspruch nehmen zu können. „Seelsorge ist hier, mitten im Alltag, ein Angebot von Beziehung – von Beziehung als einem ganz zentralen menschlichen ‚Lebens-Mittel‘.“ (Drechsel, Seelsorgefelder, S.113)

Digitale Seelsorge bietet und entwickelt die für den jeweiligen Anlass und Moment beste Art und Weise um miteinander in einen vertrauenswürdigen und vor allem hilfreichen Kontakt zu kommen und möglichst auch zu bleiben, zumindest in guter Erinnerung. Die Verwirklichung dieses Anliegens ist und bleibt ein Kompromiss aus Erwägungen zur Nutzerfreundlichkeit und Datenschutz. (vgl. SeelGG § 11 Seelsorge mit technischen Kommunikationsmitteln – Soweit Seelsorge mit technischen Kommunikationsmitteln ausgeübt wird, haben die jeweilige kirchliche Dienststelle oder Einrichtung und die in der Seelsorge tätige Person dafür Sorge zu tragen, dass die Vertraulichkeit in höchstmöglichem Maß gewahrt bleibt.)
Mit der Chatseelsorge z.B. bekommen wir das ganz gut hin. Und wer entscheidet, ob eine Brieffreundschaft in einer Krise hilfreich war? Der Briefschreiber oder der Briefadressat? Genauso ist es auch mit der Seelsorge im Digitalen Raum. Mit Prof Drechsel können wir sagen: Seelsorge ist hilfreich, wenn der Ratsuchende es als hilfreich empfindet. Es ist Seelsorge, wenn der Ratsuchende ist es als Seelsorge versteht.

Das Internet schafft Räume und eröffnet Möglichkeiten zur Begegnung durch

  • flache Hierarchien,
  • dem selbstverständlichen (und doch nicht verordnetem) „Du“
  • dem direkten Kontakt auf Augenhöhe,
  • dem schier unendlichen Angebot, sowie
  • der direkten Feedbackmöglichkeit,
  • der Nähe trotz aller (gefühlten) Distanz,
  • der schnellen Datenübertragung und den
  • unterschiedlichen Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme, zu Gespräch und Begegnung (offen, anonym, teilanonym, per Video, schriftlich, telefonisch, versteckt hinter Avatar, fremde/falsche Identitäten,…) und
  • der Möglichkeit, diese Treffen jederzeit und ohne Angabe von Gründen einseitig zu beenden, auch
  • ohne Konsequenzen zu befürchten,
  • Treffen zu wechseln oder neu zu starten…

Oder in einem Wort: Vernetzung, Austausch, Partizipation

Dies alles zwingt Anbieter im digitalen Raum dazu, Seelsorge nicht mehr nur von Seiten der Seelsorgenden, sondern auch und intensiv von Seiten derer zu begreifen, die Seelsorge in Anspruch nehmen. Mit anderen Worten: Das, was sie für Seelsorge halten, ist (für sie) Seelsorge. Wer auf dem Markt der Möglichkeiten nicht mehr der alleinige Anbieter ist, kann auch nicht mehr allein vorgeben, was wie verstanden werden soll.  Es ist nun vielmehr das Gegenüber, der oder die entscheidet, was für sie oder ihn Seelsorge sein soll und gewesen ist. Ein Gespräch, eine Begegnung, ein Tweet oder Posting wird dann zur Seelsorge, wenn das Gegenüber es so verstanden und aufgenommen hat.  Die Deutungshoheit liegt nicht mehr beim Anbieter, sondern beim Empfänger.  Zumindest auch und sehr viel stärker noch als vor den Möglichkeiten und Herausforderungen des Internet. Die digitalen Medien, oder vielmehr Bedingungen des Lebens in, mit und durch sie, zwingen Kirche stärker als bisher dazu, über die eigene Haltung den Menschen gegenüber nachzudenken und diese auch durchzuhalten in den unterschiedlichen Kontexten, in denen sie sich bewegt. Eine große Chance!

4. Geht Kirche nur analog?
Die Antwort muss deutlich verneint werden. Nein, auch im digitalen Raum ist Kirche eben Kirche, ist Kirche für andere da, kann sie Zeugnis ablegen und Menschen nachgehen. Manchmal sogar besser als im nicht-digitalen/kohlenstofflichen Raum.

Weil: Grenzenlos, ohne Parochie, ökumenisch (vgl. Meister ökumenische Gemeinden sind möglich), schnell, auf Augenhöhe, …

Digitale Medien öffnen, bringen zusammen, reißen Mauern ein. Schaffen Vertrauen und fordern es auch. Sie schaffen Partizipation – Priestertum aller Gläubigen.

Darum ist es wichtig, dass wir als Kirche da sind. Auch als gute, wahrhaftige Stimme zwischen viel Haß und Fake-News. Die Hopespeech spricht. Als wehrhafte Gruppe von Menschen, die aufsteht gegen Rassismus und Intoleranz und für freie Kommunikation und Informationsaustausch– was zB bedeuten würde für Datenschutz, für Anonymität und gegen die Dominanz der großen Tech-Konzerne einzutreten, die alles und jeden monetarisieren wollen und im Verhalten und Denken manipulieren können (siehe Pokemon Go, Konsumempfehlungen, Berliner Künstler Stau-Prank  https://www.pcwelt.de/news/Falscher-Stau-Berliner-taeuscht-Google-Maps-mit-99-Handys-10748664.html).
Wir brauchen eine Kirche, die Gottes Liebe, seine Grundbewegung zu uns Menschen aufgreift und digital umsetzt und darum gar nicht anders kann als inklusiv sein. Ein Kontaktangebot. Und ein Gegenentwurf zur von Likes und Dislikes dominierten Welt. Denn die Botschaft des Evangeliums ist anders: Du bist auch jemand ohne Likes und hängst nicht von äußerer Bewertung ab.

Das ist Kern unserer digitalen Ethik und eine wichtige Stimme heute.

Digitalisierung von Kirche und in Kirche kann also nicht nur bedeuten, dass der/die Pastor*in die Predigt nun vom Tablet statt von Papier abliest oder die Kirchenvorstandsprotokolle per Email verschickt werden. Digitalisierung kann und sollte auch bedeuten, die drei Grundvollzüge der Kirche koinonia (Gemeinschaft), martyria (Zeugnis) und diakonia (Nächsten- Liebe) digital zu leben. Den Traum dann doch weiterzuknüpfen, den das Internet zu Beginn einmal hatte: ein freies Netz von freien Menschen für freie Menschen.

Der evangelische Theologe Ralph Charbonnier wirbt für eine sozial gerechte Umsetzung der Digitalisierung. Notwendig sei eine Ethik der Datenerhebung, eine Ethik der Algorithmen und eine Ethik für Informatiker, sagte der Experte für ethische Fragen der Digitalisierung in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 29. Januar in Wolfsburg: „Leben braucht soziale Sicherung, auch in der digitalen Welt.“ Dafür kann sich Kirche stark machen.

Eines Tages rief Jesus zu Petrus: „Wirf dein Netz aus!“ (Lk5).

Jesus hat selbst immer wieder seien Netze ausgeworfen. Kontinuierlich hat er seine Augen schweifen lassen, in Ausschau nach denen, die am Rande standen, ausgegrenzt, allein, übersehen, beschuldigt, schuldig, abgeschnitten. „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. (Lk 14,21+23-LUT)

Jesus hat die Menschen da aufgesucht, wo sie waren. Geographisch. Biografisch.

Sich nur um unseresgleichen zu kümmern ist keine Option. Wir sollen den Römern ein Römer sein… (1. Kor 9,20ff.). Durch die schon beschriebene Art und Weise der digitalen Welt ist das gut und leichter möglich als früher. Nutzen wir es!

Und bringen wir unsere eigene Art und Weise mit ein! Vielleicht bekommen wir es hin, dem Internet auch mehr und mehr unseren Stempel aufzudrücken. Zumindest so, dass die Menschen wissen, wenn sie zu uns hinsurfen, erleben Sie eine Darstellung, einen Auftritt, eine Botschaft die ist

  • botfrei – hier sprechen echte Menschen, wir sind da und nehmen uns Zeit
  • geschützt – Datenschutz ist im Rahmen des möglichen und nötigen gewährleistet
  • qualifiziert – hier sind erfahrene, ausgebildete, geschulte Menschen
  • menschlich – hier darf man Fehler machen, Gnade, auf Augenhöhe
  • inklusiv – für alle Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft, sexueller Identität und Orientierung,
  • christlich – wir wissen woher wir kommen, auf wessen Schultern wir stehen, wir kennen unsere Kraftquelle und den Ort unserer Klage, wir wissen, dass wir Teil einer Schöpfung sind, in Gemeinschaft
  • … und das ist bestimmt noch weiter zu ergänzen.

Aber das können wir und das wollen und sollen wir!

Kirche geht analog. Kirche geht digital. Bei Kirche geht das gut gemeinsam und gleichzeitig. Es sind ja immer Menschen, die authentisch von ihrem Glauben erzählen, ihren Glauben leben und dadurch andere ermutigen, herausfordern, einladen.

Bilder: Screenshots von www.querbilder.de und Twitter