Denk an deinen Schöpfer

(Predigt zu Pred 12,1-8)

Sagen Sie, wann ist man alt genug für den Seniorenteller im Restaurant?

Gibt es da Kriterien? Wird das abgefragt, ob man den schon bestellen darf? Anzahl der dritten Zähne vielleicht? Die Rechnung vom Rollator vorlegen? Eine Mitgliedsbescheinigung beim Seniorenkreis der Kirchengemeinde in der Tasche haben?

Es ist ja nicht so leicht zu sagen, wann jemand ein Senior, eine Seniorin ist. Irgendwie klingt Senior/Seniorin auch eher spanisch und genauso kommt mir das manchmal vor. Ab wann ist man alt?

Sind Sie alt? Reif für den Seniorenteller? Das ist ja auch eine intime Frage. Besonders Frauen fragt man nicht, wie alt sie sind. Aber als Kind freut mich man sich darauf endlich groß, also alt, zu sein, aber wenn es dann so weit ist, dann mag man das gar nicht so wirklich zugeben. Heute werden wir Menschen anders alt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Um das Jahr 1900 herum, also vor 120 Jahren, hätte ich die Lebenserwartung für Männer schon längst erfüllt. Die lag damals bei etwa 40 Jahren. Ab da war man alt. Und als ich ein Kind war, konnten wir schnell erkennen, wer zu den Senioren gehörte. Ich bin ja auf dem Land groß geworden. Alte Männer trugen meistens Cordhosen und einen Hut oder so eine Schiebermütze. Und viele alte Frauen trugen Kopftücher und Kittelschürzen und hatten blaue, dauergewellte Haare unter einem Netz. Und wenn es regnete, setzten sie eine gepunktete durchsichtige Plastikhaube auf.

Heute wird man anders alt und es ist nicht mehr so schnell zu erkennen, ob jemand zu den Senioren gehört. Wir sprechen auch anders übers Älterwerden und über ältere Menschen. Wir sagen doch eigentlich nicht Senioren. Wir reden von Generation Gold. Oder von Best Agern oder von Neuen Alten oder Ü-60…

Bunte Begriffe für eine noch immer – Gott sei Dank – meistens bunte Lebensphase. Wir erfahren das, wir lesen davon: auch mit 60, 70 oder 80 kann man heute fit sein und am Leben teilnehmen und Spaß haben, die Welt bereisen, zum Sport gehen oder Neues lernen, zum Beispiel wie das geht mit Smartphone und Internet. Jeder zweite ab 70 ist heute online aktiv, nutzt WhatsApp und Google.

Doch jetzt kommt der Bibeltext…

1 Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist, ehe die schlechten Tage kommen und die Jahre, die dir nicht gefallen werden. 2 Dann verdunkeln sich dir Sonne, Mond und Sterne und nach jedem Regen kommen wieder neue Wolken. 3 Dann werden deine Arme, die dich beschützt haben, zittern und deine Beine, die dich getragen haben, werden schwach. Die Zähne fallen dir aus, einer nach dem anderen; deine Augen werden trüb 4 und deine Ohren taub. Deine Stimme wird dünn und zittrig. 5 Das Steigen fällt dir schwer und bei jedem Schritt bist du in Gefahr, zu stürzen. Draußen blüht der Mandelbaum, die Heuschrecke frisst sich voll und die Kaperfrucht bricht auf; aber dich trägt man zu deiner letzten Wohnung. Auf der Straße stimmen sie die Totenklage für dich an. 6 Genieße dein Leben, bevor es zu Ende geht, wie eine silberne Schnur zerreißt oder eine goldene Schale zerbricht, wie ein Krug an der Quelle in Scherben geht oder das Schöpfrad zerbrochen in den Brunnen stürzt. 7 Dann kehrt der Leib zur Erde zurück, aus der er entstanden ist, und der Lebensgeist geht zu Gott, der ihn gegeben hat. 8 »Vergeblich und vergänglich!«, war die Erkenntnis des Lehrers/Prediger. »Alles vergebliche Mühe.« (Pred 12,1-8 GNB)

Tja, so ist wohl das Alter:

Da fallen einem die Zähne aus und die Arme zittern und die Beine werden schwach und das Steigen fällt schwer und bei jedem Schritt bist du in Gefahr zu stürzen. Und draußen tanzt das Leben, die Heuschrecke frisst sich voll, aber dich trägt man zu deiner letzten Wohnung und Nachbarn schreiben schon einen Nachruf auf dich!

Wer das Buch des Predigers liest, fragt sich vielleicht, ob noch alles okay ist mit ihm. Also war, damals vor rund 2300 Jahren. Es ist ein starkes, aber auch ein hartes Buch. Und immer wieder liest man „Alles ist eitel!“ – „Alles ist vergebliche Mühe!“

Knallhart. Und ehrlich gesagt: sehr realistisch, wenn auch hart. Der Prediger führt uns unser Ende vor Augen und damit irgendwie auch die Sinnlosigkeit des Lebens. Zumindest stellt er eine wichtige Frage: Was nützt alles Schaffen und sich Plagen und Abrackern und Geld verdienen, das letzte Hemd hat keine Taschen. Du kannst nichts mitnehmen. Wozu die ganze Mühe und Aufregung! Irgendwann kommt der Tod und kehrt alles, was du gemacht und geschafft hast weg. Wie ein großer Besen macht er wieder reinen Tisch und jemand anderes kommt an deine Stelle. Worauf du mal stolz warst, ist jetzt nur noch Schall und Rauch. Was du mal geschafft hast, ist vorbei und der Wind geht darüber hinweg, als wenn es nie da gewesen wäre. Du hast gelebt, aber eines Tages wird man dich vergessen.

Na, noch Lust auf einen Seniorenteller?

Aber dann ist da ja noch dieser erste Satz: „Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist“. Klingt streng, wie eine Ermahnung, zumindest ein sehr ernst gemeinter, sehr ehrlicher, sehr klarer Ratschlag. So wie ich das meinen Kindern sage, wenn die mit dem Auto losfahren oder abends noch unterwegs sind: Passt auf euch auf! Fahrt vorsichtig und fahrt bei niemandem mit, der was getrunken hat.

Das kennen Sie. Machen Sie auch so. Oder haben es gemacht. Das sind einfach wichtige Worte. Voller Liebe und Zuneigung. Es ist ja nicht so, dass wir unseren Lieben das nicht zutrauen oder wir sie für verantwortungslos oder leichtsinnig halten. Im Gegenteil. Wir lassen sie ja schließlich gehen. Aber wir wollen ihnen noch einen Segen, ein gutes Wort mit auf den Weg geben: Pass auf dich auf. „Denke an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist.“

Denn: Irgendwann wird es ernst, irgendwann wird es hart und anstrengend und vielleicht sogar bitter und schwer. Und irgendwann muss man Abschied nehmen, manchmal viel zu früh.

Da ist es gut, ein Wort zu kennen, im Herzen zu haben, das Halt und Segen gibt. Es ist wie ein Ort, zu dem du fliehen kannst. Ein Gedanke, der dir Trost schenkt und dich spüren lässt, dass du nicht allein bist auf dieser Welt, auch wenn es vielleicht gerade überhaupt nicht danach aussieht.

„Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist“

Das erinnert mich an ein Gleichnis von Jesus. Wie er von einem Mann erzählt, der sein Haus auf Sand baut und es bei Sturm und Regen weggeschwemmt wird. Und ein anderer baut auf Stein, auf Felsen, und alles bleibt stehen und er kann auch nach schweren Tagen und Herausforderungen dort sicher und beschützt weiter leben.

Was trägt eigentlich mein persönliches Lebenshaus? Und finde ich da Trost und Kraft und Vergebung und was ich sonst so dringend brauche in meinem Leben?

„Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist“

Das erinnert mich auch an manche Gesangbuchlieder, EG 329:

„Bis hierher hat mich Gott gebracht

durch seine große Güte,

bis hierher hat er Tag und Nacht

bewahrt Herz und Gemüte,

bis hierher hat er mich geleit,

bis hierher hat er mich erfreut,

bis hierher mir geholfen.“

Lieder, die aufrichten, trösten, die von Widerstandskraft sprechen, Resilienz, wie man heute sagt. Eine Kraft, die uns harte Zeiten, anstrengenden Alltag, gesundheitliche Herausforderungen aushalten und durchhalten lässt und wir daran nicht bitter werden, sondern an den Herausforderungen wachsen. Wie ist das bei Ihnen?

Und es erinnert mich an den berühmten Silberstreifen am Horizont.  Ein Hoffnungsschimmer, auch wenn es schwierig wird. Aber diese Hoffnung ist nicht irgendwo dahinten oder da oben, sondern der Silberstreifen liegt wie ein Faden in deinen Händen. Und an ihm entlang, kannst du gehen.

Da ist ein Faden, dem du folgst. Er führt mitten durch Dinge,
die sich verändern. Er selbst jedoch ändert sich nicht.
Die Leute fragen sich, wonach du strebst.
Dann musst du vom Faden sprechen.
Doch andere können ihn kaum sehen.
Während du den Faden hältst, kannst du dich nicht verirren.
Tragödien ereignen sich; Menschen werden verletzt
oder sterben, und auch du leidest und wirst alt.
Die Zeit entfaltet sich. Du kannst nichts dagegen tun.
Du lässt den Faden niemals los.


Ein Gedicht („So wie es ist“) von William Stafford und im englischen Original klingt es noch etwas besser, gereimter als hier in der deutschen Übersetzung.

„Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist“. Nimm den Faden so früh wie möglich auf und in deine Hände. Damit bleibt dann trotzdem nicht alles Leid und aller Frust und alles Schwere erspart. Nein. Aber damit hast du einen guten Leitfaden in allem Leiden und einen guten Hoffnungsschimmer in allem Dunklen und einen guten Trostfaden in allem Schweren dabei. Glaube, Liebe, Hoffnung, Mut und Kraft.

Bis zum Ende: „Damit sag ich bis in den Tod: durch Christi Blut hilft mir mein Gott. Er hilft, wie er geholfen.“

Wir brauchen das. Mehr als den Seniorenteller.

Wir brauchen das in jedem Alter.

Der Herbst ist da. Die Blätter verfärben sich und fallen bald von den Bäumen ab. Wir können Kastanien und Nüsse ernten, Apfelmus kochen und Kürbissuppe. Wir haben Erntedank gefeiert und Erntekronen gebunden und ich habe zu Hause die Futterstation für die Vögel aufgehängt. Und ich sehe die Vögel heranfliegen und Körner futtern und frage mich, ob meine Kinder und Enkelkinder das in 10 oder 20 Jahren auch noch machen und sehen können? In den letzten 50 Jahren haben wir zweidrittel der Tierwelt verloren. Einfach ausgestorben. Wann wird es dann keine Singvögel mehr geben? Ich sehe in den Nachrichten die Menschen in den Krisenregionen auf der Flucht, höre von Soldaten, wie es gerade in Afghanistan ist, lese von Katastrophen und Klimakrise und Artensterben und ich habe Angst um die Zukunft.

„Denk an deinen Schöpfer, solange du noch jung bist“

Das ist natürlich ein Trostwort, ein Hoffnungsschimmer, eine Kraftquelle. Es ist aber auch ein Ansporn. Eine Erinnerung, ja Ermahnung, dass wir uns nicht zurücklegen können und einfach abwarten. Als junge Menschen nicht. Als alte Menschen auch nicht. Es ist ein Aufruf an unsere Verantwortung füreinander und für diese Welt.

Was kann ich tun, um diesen Planeten zu erhalten? Was kann ich beitragen, dass es auch in Zukunft noch viele Tier- und Pflanzenarten gibt? Was müsste ich lassen, weil es einfach nicht mehr gut tut? Wie kann ich meinen Nächsten lieben, wie mich selbst?

Wir haben als Menschen in dieser Welt in den letzten Jahrzehnten so viel versäumt. Zum Teil sogar wissentlich, zumindest wir als Gesellschaft. Viel zu oft war der schnelle Gewinn einiger wichtiger als das langfristige Wohl vieler. Viel zu oft waren andere Dinge wichtiger. Corona und Klimakrise zeigen uns unsere Versäumnisse und die Risse in unserer Gesellschaft.

„Denk an deinen Schöpfer!“ Und nutze deine Energie, deine Möglichkeiten

Nimm den Faden auf, so früh du nur kannst. Und tue was dran ist, damit gutes Leben möglich bleibt für dich und alle anderen. Denn es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert. Nicht nur solange du noch jung bist.

Amen

Photo by Marisa Howenstine on Unsplash