Das Wort beginnt

Predigt zu Joh 1,1-5 – 2. Weihnachtstag 2014

Ein Kind kommt zur Welt. Und hoffentlich tut er oder sie gleich zu Anfang etwas ganz Wichtiges, etwas sehr lautes, etwas manchmal sehr Nerviges, aber hier richtig Wunderbares – hoffentlich schreit es!
Der erste Schrei. Das erste Zeichen, dass alles gut ging. Dass das Kind lebt und selbständig atmet. Und manchmal wird vom Schrei schon auf die Persönlichkeit geschlossen.
Na, der hat aber eine kräftige Stimme, der kann sich durchsetzen. Der kommt mit Macht und Kraft daher! Oder eher sanft und zurückhaltend, fast schüchtern und leise. Egal.

Im Anfang war das Wort.
Und in ihm war das Leben.

Das Neugeborene meldet sich mit Geschrei und wir atmen auf und wissen – Gott sei Dank – da ist Leben drin! Der Schrei ist noch kein Wort, aber das Beste, was der Säugling artikulieren kann. Ein Säuglingswort, ein Lebenswort, eine Antwort auf den unbedingten Schöpfungswillen, der sich von Anbeginn der Zeit an in unsere Welt hineingegossen hat.

Alles begann mit einem Wort, mit einem Satz: Ich will!
Ich will sprach Gott und es wurde diese Welt. Ich will, sagt er dann und es wurde hell und trocken und grün und lebendig. Und es wimmelte von Tieren, groß und klein.
Ich will auch den Menschen haben. So sagte er zum Schluss und es geschah so.
Wer er, Gott, es so wollte und noch immer so will.

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Was für ein starkes Wort! Dieses „Ich will“!
Wie der Schrei eines Neugeborenen. Unbedingt, stark, laut, kräftig, entschlossen. Ich will.
Eigentlich bringen wir unseren Kindern bei „Ich möchte“ zu sagen. Das klingt freundlicher und höflicher und nicht so fordernd.
Aber Gott sagt: „Ich will! Ich will unbedingt und zwar sofort.“
Ich will dich.
Ich möchte dich nicht eventuell, vielleicht und auch nur, wenn es dir nichts ausmacht. Bitte, bitte. Nein!
Gott sagt: Ich will dich, jetzt und hier und gleich und zwar genauso, wie du bist.

Verlangend, fordernd, schenkend, ruft Gott: Ich will, dass es Dich gibt!
Und wir antworten mit einem Schrei.
Denn: Im Anfang war das Wort. Und in ihm war das Leben.

Aber manchmal kommt da kein Schrei. Dann ist am Anfang alles still. Und schrecklich schwer. Im Anfang ist die Ruhe, aber in dieser hier liegt keine Kraft verborgen, sondern Ohnmacht. Starre. Trauer. Härte. Tränen.
Das muss man erst einmal aushalten können. Und durchhalten, auch an Festen wie Weihnachten. Er oder sie könnte leben, aber alles blieb still. Und das Lied „Stille Nacht“ wird zur Qual.

Und trotzdem sagt Gott: Ich will.
Es ist das trotzige Trotzdem des Glaubens. Das bedingungslose „Dennoch“!
Es ist der entschlossene Blick und der tatkräftige Händedruck, der dieses Trotzdem begleitet.
Denn im Anfang war das Wort und das Wort kommt hier wieder, erschallt noch einmal, deutlich, laut, unüberhörbar. Hoffentlich findet es unsere Ohren und Herzen!
Gegen die Stille des Weltalls, gegen die lebensbedrohliche Kälte des Universums und das alles verschluckende Nichts dort draußen hat Gott sein Wort gesprochen und in ihm war das Leben.
Ich will dich. Ich will dich halten. Ich will dich begleiten. Ich will dich trösten. Ich will!

Auch gegen den Tod und gegen das Sterben und entgegen dem anstrengenden Alltag und entgegen dem Mobbing und den Nachteilen und der Einsamkeit und auch entgegen aller Schuld, die vielleicht da ist und aller Lebensmüdigkeit. Trotztdem, dennoch will ich an Deiner Seite sein. Darum, wer stirbt, der stirbt in mich hinein, in meine Worte, die Leben bringen bis in Ewigkeit. So leben wir. Im Leben und im Sterben.
Weil Gott am Anfang das Wort gesprochen hat: Ich will.
Und in diesem Wort steckt das Leben. Gottes Leben. Denn das Wort war im Anfang bei Gott und Gott war das Wort und das Wort war das Licht der Menschen. Und alles Finstere, alles lebensbedrohliche, alles lebenshemmende kann es nicht auslöschen.
Gott spricht und es ist da. Für immer.

Was für ein starkes Wort! Dieses „Ich will!“
Was für ein starkes Fest, dieses Weihnachten!
Mitten im dunklen Winter, dann wenn die Tage am kürzesten sind, dann haben wir die 4 Lichter des Adventskranzes und die hundert Lichter des Weihnachtsbaumes, damit wir es nicht vergessen, was Gott uns zu sagen hat.

Ein Kind ist uns geboren!
Obwohl Schwangerschaften gefährlich sein können und mindestens damals die Kindersterblichkeit hoch war; obwohl es keinen Vater gab; obwohl Maria eine lange Reise hinter sich hatte und kein Zimmer mehr frei fand; obwohl es im Stall nicht gerade angenehm war; nur Außenseiter, Unerwünschte, auf Abstand gehaltene, gemiedene Menschen vegetierten dort; obwohl der Herrscher es umbringen wollte; ja, obwohl so alles dagegen sprach, kam dieses Kind zur Welt und mit ihm ein Wort: Ich will.

Gerade der schwächste Mensch darf die größte Hoffnung auf die größten Gnaden haben, weil Gott sich dem Elend der Menschen anpasst. So sagt es die Nonne Theresia von Lisieux.

Ich will, dass auch Du lebst. Du in 2014/2015. Ich will, dass auch Du lebst, in dem, was Dir das Leben schwer machen und sogar abschneiden will. In deiner Angst, in deiner Wut, in deinem Alter und in deiner Krankheit bin ich das Dennoch, das trotzige Trotzdem.
Denn ich will dich!
Ich will, dass Du lebst. Dass Dir vergeben wird. Dass Du selbst vergibst. Dass Du frei bist und ungezwungen und fröhlich, friedlich und festlich. Damit Du kräftig bleibst und geschmeidig weich.
Oder einfach lebendig.

Im Anfang war das Wort.
Und in ihm ist das Leben.

Darum hör auf Gottes Wort. Er spricht Dir Gutes zu.
Ein Kind ist uns geboren und es will die Finsternis vertreiben und das Licht, das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht bringen. Öffnen wir unsere Ohren, weiten wir unsere Herzen. Lassen wir Gottes Licht in uns hinein und treten wir aus der Dunkelheit hinaus in die Weite
Es fängt alles an mit diesem Wort von Gott.
Amen.