Das Vorurteil

Predigt zu Lk 7,36-50

Ein Gespräch in Ehren kann niemand verwehren.
Und es macht ja auch meistens Spaß, gute Freunde, freundliche Kollegen, fröhliche Nachbarn, die eigene Familie einzuladen – all diese Menschen versprechen einen schönen Abend. Dann kann man zusammensitzen, miteinander reden, über Gott und die Welt und wenn sich die Gelegenheit ergibt, etwas Neues zu lernen, umso besser.
So wird auch Simon gedacht haben, als er sich Jesus zu einem gemütlichen Plausch auf der Chaiselongue, diesem besonderen Liegemöbel, nicht Bett, nicht Sofa, sondern irgendwie beides in eins. Bei gutem Essen und gutem Getränk lässt es sich so gut plaudern.
Wenn es nicht unerwartet an der Tür geklingelt hätte. Wobei, es gar keine Klingel und auch keine Tür gegeben hat, darum kam „die Frau“, einen Namen hat sie nicht, einfach hinein ins Esszimmer und trat an Jesus heran und weinte. Im Griechischen lesen wir hier das Wort für Regenschauer. Die Frau hat wirklich sehr geweint. Mit ihren Haaren trocknet sie ihre Tränen auf seinen Füßen und gießt dann das wertvolle Öl über sie, während sie unablässig die Füße küsst.
Nun sind Störungen grundsätzlich blöd, wenn man eigentlich seine Ruhe haben will und Konzentration für das Gespräch braucht. Und Simon wird sich auf den geselligen Abend mit Jesus gefreut haben, da ist diese Frau noch mal mehr fehl am Platz. Aber interessant ist doch, wie er reagiert. Simon schickt nicht die Frau weg, sondern er wundert sich über Jesus. Oder ärgert er sich schon über ihn?
Simon fragt nicht, wie diese Frau eigentlich ins Haus gekommen ist? Sondern er fragt, wieso Jesus sich von ihr berühren lässt? Nicht die Frau steht hier zur Diskussion, sondern Jesus steht zur Disposition.
Ist das nur eine Eigenart von Simon oder entdecken wir so ein Verhalten auch bei uns?
Eines tun wir auch, schon allein, weil es nur allzu menschlich ist: wir sortieren Menschen in Gruppen und Schubladen. Wir machen uns Gedanken darüber, wie jemand ist und warum jemand so ist. Wir schließen vom Alter und Aussehen auf Beruf und Werdegang. Wir hören vom Beruf und schließen auf den Charakter oder bestimmte Vorlieben. Wir denken nach und reden mit anderen, nur eines tun wir meistens selten: Wir fragen den Betreffenden nicht, ob das, was wir denken auch zu dem passt, über den wir es denken. Ja, bei guten Freunden schon, aber wenn jemand neu ist oder wir eine bestimmte Position vermuten…
Wir haben eben unsere Vorurteile und pflegen sie auch. Denn Vorurteile helfen uns, die Welt zu sortieren. Und unübersichtlich ist es ja allemal in unserer Welt, da kann ein bisschen sortieren ganz hilfreich sein. Aber warum sind wir so selten bereit dazu, unsere eigenen Ideen einmal zu überprüfen? Simon hätte ja auch die Frau fragen können, ob sie immer noch in ihrem Gewerbe tätig ist, oder sich mittlerweile gebessert hat.
Und wir könnten doch auch fragen: Wo kommst du her? Wie ist deine Geschichte?
Wir tun das wohl bei Bekannten? Aber wenn jemand fremd ist? Wenn jemand anders aussieht? Wenn jemand bestimmte Klischees erfüllt? Tätowiert ist oder sonst wie anders aussieht. Eine andere Musik hört. Andere Arbeit hat. Wir leben mit dem Hörensagen. Aber wer hinterfragt sich selbst eigentlich und das was er da sagen hört? Simon wird sich gedacht haben: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Wer einmal stiehlt, dem vertraut man nicht. Einmal schlechte Frau, immer schlechte Frau. Kennste einen, kennste alle.

Simon wird so gedacht haben. Und wir denken ähnlich. Nicht immer. Nicht alle. Und doch kann sich keiner davon freisprechen. Ich zumindest kann das nicht.
Und was denkt Jesus? Der erzählt erst einmal eine Geschichte:
„Ein reicher Mann hatte zwei Leuten Geld geliehen. Der eine Mann schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig.
Weil sie das Geld aber nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden. Welcher der beiden Männer wird ihm nun am meisten dankbar sein?“
Simon antwortete: „Bestimmt der, dem er die größte Schuld erlassen hat.“ „Du hast Recht!“, bestätigte ihm Jesus. (V.41-42)
Und schau Dir diese Frau an. Sie hat mir so viele Beweise ihrer Liebe, ihrer Verehrung, ihres Respektes gezeigt. Du aber hast nichts dergleichen getan, obwohl ich doch dein Gast bin.

So ist das eben mit Vorurteilen. Sie machen vorsichtig und zurückhaltend. Simon hat sich bestimmt auf das Gespräch mit Jesus gefreut, aber er hatte kein Gespräch auf Augenhöhe geplant. Es sollte ein Test für Jesus sein. Wie ein Vorstellungsgespräch. Dem Jesus will ich mal auf den Zahn fühlen, so wird er sich gedacht haben. Doch für ein solches Vorstellungsgespräch kann er ruhig auf die sonst üblichen und wichtigen Zeichen der Gastfreundschaft verzichten. Schade!
Auch Vorurteile sind Urteile. Jesus aber sagt: „Urteilt nicht!“
Hätte er seine Vorurteile abgelegt und wäre frisch und frei und neugierig diesem Jesus begegnet, was hätte es für ein tolles Treffen werden können. Nun führt ihn ausgerechnet diese Frau hier vor und nun führt ausgerechnet sie ihm vor, wie es richtig geht. Und die Frau konnte das, weil sie im Licht der Liebe Jesu sich selbst erkannt hatte. Sie hatte erkannt, wie es wirklich um sie steht, wer sie wirklich ist und sie hatte erkannt, dass Gott sie trotzdem liebt, ihr vergibt, sie annimmt und ins Herz schließt. Und das machte sie frei und ungezwungen und so mutig und so stark, dass sie bei Simon einfach ins Haus geplatzt kam, um Jesus ihre Verehrung und Dankbarkeit, ja Liebe zu zeigen. Egal, was die Leute sagen. Sie war sich selbst so sicher, dass sie das zu tun wagte und Erfolg hatte.
Und Simon stand wie begossen da.
Was für eine enorme Veränderung hatte diese Frau ergriffen!
Kein Wunder, dass die anderen Gäste, die ja erst zum Schluss der Geschichte überhaupt nur genannt werden, staunen: „Was ist das für ein Mensch, der so etwas kann, das Menschen bei ihm frei werden, Schuldigen vergeben wird, Kraftlose auftanken und Kranke geheilt werden?“

Dieser Text ist eine Warnung, sich nicht für besser zu halten, als die, die offenkundig oder vermeintlich nicht so leben, wie man selbst. Eine Mahnung zur Demut, die sich selbst nicht für besser hält als die anderen Menschen. Und dieser Text ist die beschämende Feststellung, dass die, denen viel vergeben wurde, auch viel lieben. Und dass die, die am wenigsten haben, manchmal die großzügigsten sind. Und die, die frisch zum Glauben kommen, die mit der größten Begeisterung und Hingabe.
Jesus hat mal gesagt: „Die letzten werden die ersten sein.“
So ist das hier. Die, die man das Letzte hielt, wurde von Jesus zum Vorbild, zur Ersten, erklärt. Wer nichts gilt, den macht Gott groß.
Und Paulus schreibt: „Gott hat sich die aus menschlicher Sicht Törichten ausgesucht, um so die Klugen zu beschämen. Gott nahm sich der Schwachen dieser Welt an, um die Starken zu demütigen. Wer von Menschen geringschätzig behandelt, ja verachtet wird, wer bei ihnen nichts zählt, den will Gott für sich haben. Aber alles, worauf Menschen so großen Wert legen, das hat Gott für null und nichtig erklärt.“ (1. Kor 1,27-28)
Bei Gott gelten andere Maßstäbe und da haben Vorurteile keinen Platz.
Wir sollen so unvoreingenommen, wie nur möglich miteinander umgehen. Schnell sein im Fragen und Zuhören. Eifrig im Kennenlernen. Niedrigschwellig in den Grenzen und Regeln. In Gottes Herde ist besonders für die schwarzen Schafe Platz.
Und das ist doch wirklich eine gute Nachricht!
Denn das bedeutet, dass auch wir mit all unseren Flecken und Falten auf der adretten Weste bei Gott willkommen sind. Mit allem, was wir eigentlich gerne unter den Teppich kehren und vor anderen und sogar uns selbst am liebsten verstecken. Mit allen Fehlern und Fehltritten, mit allen Makeln und Ecken und Kanten. Wir sind bei Gott willkommen und geliebt. Trotzdem.
Simon hat diese Lektion bitter lernen müssen.
Wir haben die Chance heute aus seiner Erfahrung eigene Konsequenzen zu ziehen.
Lassen Sie uns herunterkommen von der Zuschauerbank und ganz nahe an Jesus herantreten. Wir sind gemeint. Mit jedem Wort, dass Jesus sagt, sind wir gemeint. Uns will er vergeben und heilen, aufrichten und erneuern.
Wir dürfen von ihm lernen und neue Perspektiven entwickeln. Ein neues Handeln einüben und das tiefe, gute Leben kennenlernen, von dem Jesus immer wieder spricht.

Nehmen wir uns Zeit zu hören, was er sagt. Nehmen wir es zu Herzen. Staunen wir über seine Liebe. Nehmen wir sie für uns selbst in Anspruch.
Danke Jesus, dass du mich so sehr liebst. Trotzdem, obwohl du mich kennst. Obwohl mich so viel von dir trennt.
Im Licht der Liebe Gottes erkennen wir uns so, wie wir wirklich sind, mit allem Guten und allen Abgründen und erleben dabei doch, dass wir nicht fallengelassen, sondern angenommen sind. Und wer bei Jesus gesichert ist und sich von ihm vergeben und gehalten weiß, der kann frisch und neu ins Leben starten. Ein Leben bis in Ewigkeit. Ein Leben, dass auch noch Raum hat für ausgewöhnliche und ungewöhnliche Menschen, mit ihren merkwürdigen Geschichten und Erlebnissen. Der kommt von den Vorurteilen zur Begegnung und damit zu reichem Erleben und wunderbaren Überraschungen.

Eine Frau geht in einem Stehcafe zum Mittagessen. Sie holt sich einen Teller Suppe und bringt diesen vorsichtig zu einem Stehtisch. Sie stellt den Teller Suppe ab, hängt die Handtasche unter den Tisch, und merkt dann, dass sie ihren Löffel vergessen hat. Sie geht also zurück zur Theke, holt sich einen Löffel und dazu eine Serviette, die sie auch vergessen hatte.
Dann geht sie wieder zu ihrem Tisch und – zu ihrem großen Erstaunen steht da ein Mann am Tisch und löffelt fleißig ihre Suppe. Er ist kein Deutscher, nicht blond und hat keine blauen Augen, sondern dunkel, aus Italien oder aus Griechenland oder vielleicht aus der Türkei? Er kann kein Deutsch, wie sich herausstellt, sodass sie sich nicht mit ihm verständigen kann. Und der löffelt ihre Suppe!
Zuerst ist sie völlig erstaunt, sprachlos. Dass so etwas möglich ist! Dann, zehn Sekunden später, ist sie nur noch wütend.
Und wieder zehn Sekunden später hat sie sich zusammengerafft und denkt: „Er ist wirklich frech, ich aber auch.“ Mit dem Löffel in der Hand geht sie an den Tisch und fängt auf der anderen Seite an, aus demselben Teller zu essen. Man würde denken, der Mann wird sich wohl entschuldigen. Weit gefehlt. Der isst ruhig weiter, lächelt und ist freundlich. Und dann der Gipfel: Er gibt ihr die Hälfte ihres eigenen Würstchens!
So beenden die beiden ihre gemeinsame Mahlzeit. Am Ende reicht er ihr noch die Hand und geht weg, und sie will ihre Handtasche nehmen, aber diese ist verschwunden. Das hat sie sich doch von Anfang an gedacht: Er ist ein Gauner, ein frecher Dieb – jetzt hat er ihr Supper gegessen und auch noch ihre Handtasche gestohlen. Sie rennt zur Tür, aber er ist weg. Nun sieht es wirklich schlimm aus, denn in der Handtasche sind Führerschein, Geld, Bankkarte, der Ausweis… Alles weg. Dann schaut sie sich noch einmal um. Auf dem Tisch nebenan steht ein Teller Suppe, die inzwischen kalt geworden ist. Und darunter hängt ihre Tasche!

Amen.