Da geht noch was

Predigt zu Lk 1,67-79 zum 1. Advent

Nun fängt alles wieder an: Wir entzünden die Kerzen am Adventskranz, wir hängen Sterne ans Fenster, der Adventskalender ist aufgehängt, wir kaufen Geschenke und manchmal schon Lebensmittel für das bevorstehende Fest ein. Und, natürlich, wir singen auch wieder Lied Nr 1: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Sind wir schon in Stimmung für diesen Advent?
Sind wir schon wieder bei Stimme? Um die Lieder zu singen? Um die Geschichten zu hören und zu erzählen, die im Advent eben erzählt werden?

Zacharias war alt und seine Frau Elisabeth auch. Sie hatten keine Kinder und rechneten auch nicht mehr damit, noch Nachwuchs zu bekommen. Wie sollte das auch noch klappen? Doch eines Tages, Zacharias tat gerade seinen Dienst als Priester im Tempel, kam ein Engel zu ihm und erklärte: „Deine Frau Elisabeth wird einen Sohn bekommen und du wirst ihn Johannes nennen. Und er wird dem Herrn vorausgehen und den Heiland ankündigen.“

Da ist Zacharias erstmal platt.
Würde uns vielleicht auch so gehen. Überhaupt, dass ein Engel erscheint und dann mitteilt: Herzlichen Glückwunsch, du wirst Mutter oder Vater!
Da käme ich glaub ich auch nicht so schnell auf die Idee zu antworten: Das ist ja prima. Wann ist es denn soweit?
Zacharias war sprachlos. Und nicht nur das. Er hatte seine Stimme gleich ganz verloren. Vollkommen perplex und von der Rolle war er. Und er brachte kein Wort mehr heraus.

Und dann neun Monate später, als das Kind geboren war, passierte folgendes:
Erfüllt vom Geist Gottes sprach der Vater des Kindes prophetische Worte: gepriesen sei der Herr, der Gott Israels; denn er ist uns zu Hilfe gekommen und hat sein Volk befreit!
Einen starken Retter hat er uns gesandt, einen Nachkommen seines Dieners David!
So hat er es durch seine heiligen Propheten schon seit langem angekündigt:
Er wollte uns retten vor unseren Feinden, aus der Gewalt all derer, die uns hassen.
Er wollte unseren Vorfahren Erbarmen erweisen und die Zusagen seines heiligen Bundes nicht vergessen, den er mit ihnen geschlossen hatte.
Schon unserem Ahnvater Abraham hat er mit einem Eid versprochen, uns aus der Macht der Feinde zu befreien, damit wir keine Furcht mehr haben müssen und unser Leben lang ihm dienen können als Menschen, die ganz ihrem Gott gehören und tun, was er von ihnen verlangt.
Und du, mein Kind – ein Prophet des Höchsten wirst du sein; du wirst dem Herrn vorausgehen, um den Weg für ihn zu bahnen.
Du wirst dem Volk des Herrn verkünden, dass nun die versprochene Rettung kommt, weil Gott ihnen ihre Schuld vergeben will. Unser Gott ist voll Liebe und Erbarmen; er schickt uns den Retter, das Licht, das von oben kommt. Dieses Licht leuchtet allen, die im Dunkeln sind, die im finsteren Land des Todes leben; es wird uns führen und leiten, dass wir den Weg des Friedens finden.

Nein, hier geht es nicht um Jesus. Nicht zuerst.
Man könnte es ja meinen. Aber von dem hier gesprochen wird, ist Johannes der Täufer (vgl. 76-77).

Zacharias hat hier ein Lied gesungen. Nach langem Schweigen hat er seine Stimme wieder gefunden. Und es sprudelt nur so aus ihm heraus. Wie bei einer Mineralwasserflasche. Lange hat es ihn durchgeschüttelt. Das Erlebnis mit dem Engel. Das lange Schweigen. Der Verlauf der Schwangerschaft. Die Geburt, mit dieser engelhaften Ankündigung im Hinterkopf. So viel Druck hatte sich bei ihm angestaut. Nun, wo sich alles öffnete, löste sich auch wieder seine Zunge und es flossen die Worte über:
Es ist ein Sohn geworden! Ein Junge!

Zacharias muss singen, vor Freude. Aus Dank!
Und so beginnt für uns heute der 1. Advent. Mit Gesang.
Und wir können festhalten: Advent heißt: Gott loben und Lieder singen!

Vielleicht mögen auch wir für einen Moment in die Flamme am Adventskranz blicken und zurückblicken auf dieses Jahr 2012. Und uns dabei erinnern, was alles an Gutem und Schönem passiert ist. Wir haben so viel Grund zu danken. So viel ist in Erfüllung gegangen.
So viele schöne Begegnungen hatten wir. So viel Gutes.
Und auch Zacharias schaut zurück. Er war Priester. Er kannte sich in seiner Bibel aus. Er kannte die alten Vorhersagen Gottes. Das irgendwann einmal der Retter kommen würde. Und nun, mit der Geburt seines Sohnes sollte diese gute Zeit anbrechen. Gott wollte sein Wort erfüllen:
So hat Gott es durch seine heiligen Propheten schon seit langem angekündigt:
Er wollte uns retten vor unseren Feinden, aus der Gewalt all derer, die uns hassen.
Er wollte unseren Vorfahren Erbarmen erweisen und die Zusagen seines heiligen Bundes nicht vergessen, den er mit ihnen geschlossen hatte.

Und jetzt war es soweit. Jetzt sollte es losgehen. Advent heißt: Gott loben und Lieder singen, denn Gott hält Wort.
Und es passt ja auch nichts wirklich besser in die Adventszeit als Gesang!
Überall wird gesungen und musiziert. Selbst beim Einkaufen, auf den Weihnachtsmärkten, aus dem Fernseher, dem Radio, im Kindergarten oder der Schule und … von überall her kommt uns Gesang und Musik entgegen. Nicht immer ist es schön. Nicht immer spricht es uns an. Aber hier und da nehmen wir dann doch was auf und mit. Und es kann passieren, dass der Ohrwurm aus dem Supermarkt uns den ganzen Tag nicht in Ruhe lässt. Ich freue mich an der Musik. An dem Licht überall. Beides erinnert mich an dieses Ereignis bei Zacharias: wie er gesungen hatte und wie er sich auf das Licht freute: Gott schickt uns den Retter, das Licht, das von oben kommt. Dieses Licht leuchtet allen, die im Dunkeln sind,…; es wird uns führen und leiten, dass wir den Weg des Friedens finden.

Wunderbar!

Zacharias sind ist ein kraftvolles Lied. Stark und mächtig.
Ich stelle mir vor, wie er in seinem Haus stand. Wie Pavarotti in seinen besten Zeiten. Mit geschwellter Brust und erhobenen Armen singt er die Freude aus sich heraus. Er singt und es singt in ihm, weil er wieder bei Stimme war.
Da ergriff die Nachbarn ehrfürchtiges Erstaunen“ – so heißt es im Evangelium an gleicher Stelle.

Wie gesagt: Zacharias und Elisabeth waren schon älter. Eigentlich zu alt, um noch ein Kind zu bekommen. Und dann sollte es auch noch der Wegbereiter, der Vorgänger des Heilandes sein! Zu viel zum glauben. Wer kann das glauben? Da verschlägt es ihm die Sprache.
Ihm ging es vielleicht so, wie vielen auch heute noch. Sie glauben nur, was sie sehen. Alles andere kommt ihnen komisch vor. Gott war ihm klein geworden. Was sollte der schon können? Wunder? Machtvolles? Außergewöhnliches? Wen sollte der schon meinen? Mich etwa? Direkt? Persönlich?
Zacharias hatte verlernt, vergessen, Gott Großes zuzutrauen. Und er hatte vergessen, verlernt, dass Gott ja ihn selbst meint. Auch ihn, neben allen anderen Menschen. Wir werden nicht übersehen! Aber ein Glaube, der das verlernt hat, wird stumm. Wovon sollte er auch reden?
Vielleicht war das gar nicht Zacharias Schuld. Es war ihm einfach so weggerutscht in den Routinen des Alltags und außerdem, das machen doch fast alle so, dass ihnen Gott wegrutscht und sie verlernen zu beten, zu vertrauen, zu wagen und zu hoffen. Nur, diese tiefe Sehnsucht, die spürte er noch in sich. Das da noch mehr sein muss zwischen Himmel und Erde. Das es da noch mehr gibt. Aber es fehlten ihm die Worte, um es zu beschreiben. Und er flüchtete sich in Ausreden: dass das zu persönlich sei und er da gerade jetzt nicht drüber reden wolle.
Er war nicht sprachfähig. Zumindest nicht mehr. Sein Glaube redete nicht mehr, sondern war stumm geworden.
Advent bedeutet darum: Gott wieder etwas zutrauen lernen.

Aber wie lernt man das?
Bei Zacharias ging alles jahrein-jahraus so seinen Gang. Er war Priester. Mit anderen Priestern teilte er sich den Dienst am Tempel. Gottesdienste halten, Tiere opfern, Gebete sprechen. Am Altar stehen. Aus den hl. Schriften lesen. Alles Routine. Nur noch Worthülsen. Alle Jahre wieder dasselbe. Sicher, erwartet hätte man das von ihm anders. Aber auch den Profis kann der Glaube wegrutschen. Und wenn auch ihnen, dann erst Recht auch den anderen. Leider.
Aber so war es:
Bis der Engel auftrat und ihn herausforderte.
Tritt raus aus dem Gewohnten. Tritt raus aus dem Altbekannten. Tritt raus aus dem Rahmen, in dem du bisher gedacht und gelebt hast. Du wirst noch mal Vater!
Gott hat noch was mit dir vor! Gott ist mit dir noch nicht fertig. Gott sprengt den Rahmen.
Und: Du kannst noch was. Du darfst noch was. Da gibt es noch was zu tun für dich für Gott.

Nun kann ich nicht in ihre Herzen schauen. Aber vielleicht sehen Sie sich ja auch so wie Zacharias. Im selben Trott Jahr ein Jahr aus. Immer dasselbe. Mehr oder weniger. Das Leben geht so seinen Gang. Ist ja auch irgendwie ganz angenehm. Schließlich verändert sich die Welt ringsum schon schnell genug. Und das Alter haben Sie vielleicht auch.
Trotzdem: wenn Sie darüber nicht nur glücklich sind, dann hat Gott heute Vormittag für Sie eine gute Nachricht! Sie werden noch mal Vater oder Mutter!

Wenigstens im übertragenen Sinne. Denn da kann sich noch was ereignen in ihrem Leben!
Da ist noch nicht EDEKA. Ende der Karriere.
Da ist noch Luft drin und Spiel.
Gott hat Sie noch nicht aufgegeben. Egal, wie alt Sie sind. Egal, wie Sie sich fühlen. Egal, was Sie oder andere von sich denken. Gott hat noch was vor.

Advent ist die Zeit, um sich auf Jesus auszurichten.
Advent ist die Zeit, die eigenen Hände, leer oder randvoll mit Routine gefüllt ihm hinzuhalten.
Mach was mit mir. So können wir sprechen. Wortlos. Stimmlos. Nur ein Seufzen. Nur ein Hoffen. Mach was mit mir. Füll mir die Hände mit deinem Segen.
Durchbrich meine Routine. Durchbrich meine Sprachlosigkeit.
Durchbrich meine Angst und Scheu. Komm in mein Leben und belebe mich mit deiner Liebe, deinem Geist und deiner Kraft. Gib mir eine Stimme.
Stärke mich. Lass mich zur Ruhe finden. Sprich zu mir. Damit ich selbst meine Stimme wiederfinde. Die Stimme des Vertrauens. Die Stimme des Glaubens. Die Stimme des Gebets.

Advent ist die Einladung, wieder Worte zu finden. Worte für die eigenen Sorgen, für die eigene Freude und vor Gott zu treten und ihn zu bitten und ihm zu danken.
5. Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr. (EG 1,5)
Gott sei Dank geht jetzt alles wieder von Vorne los. Gott sei Dank reicht Gott uns jetzt wieder seine Hand. Gott sei Dank haben wir wieder einmal die Chance von Gott belebt zu werden.

Kommen Sie mit und denken Sie neu und werden Sie dankbar!
Jetzt ist eine gute Jahreszeit, um in die Flammen zu blicken und zu danken. Gott und den Menschen. Und eines ist sicher: aus dem Danken erwächst das Vertrauen, Gott wieder Großes zu zutrauen. Ja, er meint Sie. Ganz persönlich. Und in Ihrem Leben möchte er aktiv sein, belebend, tröstend, erfrischend und neu.
Sie werden noch mal Vater oder Mutter. Da ist noch Luft in Ihnen drin.
Und Gott kann etwas damit anfangen.
Und so werden Sie Worte finden. Die Sprachlosigkeit in eine Sprachfähigkeit verwandeln und es wird gut sein.
Wir sind noch nicht am Ende. Nein, heute fängt alles erst so richtig von vorne an!
Gepriesen sei der Herr. Er hat einen starken Retter gesandt.“
Amen.