Beten hilft

„Glauben Sie mir, Herr Pastor, beten hilft.“
So empfing mich einmal eine Frau. Ihr Mann war vor kurzem nach einer schweren Operation gesund aus dem Krankenhaus entlassen worden. Am Ende dieses Besuches fiel es uns allen leicht, ein Dankgebet zu sprechen.

Ich erlebe das auch anders: Der Ehemann war vor wenigen Wochen trotz einer Operation gestorben. Und die Frau erzählt: „Ich habe gebetet, dass mein Mann noch nicht sterben muss, aber nun ist er nicht mehr da. Jetzt bin ich allein.“ Da fehlen dann manchmal auch mir die Worte.

Ja, wir kennen beides: Gott erhört Gebete und er tut es nicht.
War es Zufall, Schicksal, dass der eine Mensch stirbt und der andere geheilt wird? Und hilft Beten überhaupt? Macht Beten Sinn?

Ja, beten hilft. Das sehen auch Mediziner so. Viele wissenschaftliche Studien haben inzwischen die guten Auswirkungen des Gebets bestätigt und alle diese Studien sagen: „Ja, Beten hilft.“ Vor ein paar Jahren wurden in einer Studie willkürlich Namen von Patienten an eine Gebetsgruppe gegeben und dort dann 4 Wochen für diese Patienten – ohne deren Wissen – gebetet. Das Ergebnis: diejenigen Patienten für die gebetet wurde, benötigten weniger Medikamente, der Heilungsprozess verlief schneller und das Wohlbefinden der Patienten war höher. Klingt unglaublich. War aber so.

Beten hilft aber auch in andere Hinsicht: Zum einen hilft es, sich seine Sorgen von der Seele zu reden, im Gebet an Gott abzugeben. Das Aussprechen, das Beten selbst befreit. Das Loslassen von Gedanken erleichtert. Außerdem hilft es auch, die eigenen Gedanken zu sortieren, indem wir sie im Gebet aussprechen. Und es entfaltet sich eine ungeheure Kraft, wenn man weiß, da betet jemand für mich. Zu wissen: jemand nimmt an meiner Situation Anteil, denkt an mich, betet für mich. Das hilft und kann in der Tat einen Heilungsprozess beschleunigen. Positive Energie nennt man das heutzutage.
Positive Energie die Gott bewegt.

In den Städten Sodom und Gomorra war der Teufel los. Nichts war gut in diesen Städten und Gott hatte darum beschlossen, den Städten einen ordentlichen Denkzettel zu verpassen.
Abraham aber hatte Mitleid und ging darum zu Gott mit einer mutigen Bitte:
Abraham fragte Gott: “Willst du wirklich Unschuldige und Schuldige zusammen vernichten?
Vielleicht findest du ja fünfzig Leute in der Stadt, die nichts Böses getan haben und dir dienen. Willst du die Stadt nicht um ihretwillen verschonen?

Und, man höre und staune, der große Gott hört auf den kleinen Abraham.
Na gut: “Wenn ich in Sodom fünfzig Unschuldige finde, werde ich um ihretwillen den ganzen Ort verschonen.”

Abraham aber ließ nicht locker: “Ich habe es nun einmal gewagt, mit dem Herrn zu sprechen, obwohl ich nur ein vergänglicher Mensch bin. Angenommen, es gibt bloß fünfundvierzig Menschen, die kein Unrecht getan haben – willst du wegen der fehlenden fünf die ganze Stadt zerstören?”
“Nein”, sagte der Herr, “wenn ich fünfundvierzig finde, verschone ich die Stadt.”
Abraham tastete sich noch weiter vor: “Und wenn es nur vierzig sind?… oder 30… oder nur 20?”

Und der Herr sprach: “Dann werde ich die Stadt trotzdem verschonen.”
“Mein Herr”, sagte Abraham dann, “bitte werde nicht zornig, wenn ich zum Schluss noch einmal spreche: Was wirst du tun, wenn dort nur zehn unschuldige Menschen wohnen?” Wieder antwortete der Herr: “Die zehn werden verschont bleiben und ebenso die ganze Stadt.”
Nachdem er dies gesagt hatte, ging er weiter, und Abraham kehrte zu seinem Zelt zurück.
(frei nach 1. Ms 18,20-33)
Gott lässt sich bewegen und beeinflussen und er weicht von seinem ursprünglichen Plan ab, weil Abraham ihn so inständig darum gebeten hat.

Wir glauben nicht an einen unveränderlichen Gott, der ein für alle Mal die Weltgeschichte fest zementiert hat und der hartherzig daneben steht und zuschaut. Wir glauben an einen persönlichen Gott, zu dem wir reden können und von dem wir Antworten erwarten können, der mitfühlt und dessen Herz in Bewegung kommt, wenn wir mit ihm sprechen.

Deshalb sprechen wir im „Vaterunser“ Gott als Vater an. Wir sagen eben nicht „große Kraft“, „allwissendes Etwas“, sondern „Vater“. Und Jesus selbst sagt zu Gott „Abba“, was „Papa“ übersetzt heißt.

Gott ist zu uns wie ein sorgender, fürsorglicher, liebevoller Vater, eben wie ein guter Papa ist. Das ist der entscheidende Punkt und deswegen „nützt“ Gebet, deswegen hilft beten. Wie Eltern ihren Kindern manchen Wunsch erfüllen, erfüllt uns Gott manchen Wunsch. Dieser persönliche Gott, der sich nach uns Menschen sehnt, mit uns lebt, mit uns leidet und ringt, will unsere Bedürfnisse kennen lernen und wir können immer hoffen und vertrauen, dass Gott unsere Bedürfnisse erfüllt. Ja, Gott hört unsere Bitten und erfüllt Wünsche.

Aber das ist ein steiler Satz! Denn wir alle wissen auch:
Gott erfüllt nicht jeden Wunsch

Beten hilft. Aber nicht immer erfüllt Gott jedes Gebet, so wie wir es gerne hätten.
Aber auch Eltern erfüllen nicht alle Wünsche ihrer Kinder, weil sie es manchmal besser wissen als das Kind. Genauso ist das bei Gott.

Und darum beten wir im Vaterunser:
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“

Für manche Menschen ist diese Bitte „dein Wille geschehe“ angstbesetzt. Sie haben Angst, dass Gott etwas sehr Unschönes für sie bereit hält und man dies dann einfach in frommer Demut annehmen muss. „Ich wünsch mir zwar Gesundheit, aber dein Wille geschehe und nun muss ich mit der Krankheit fertig werden.“
Dabei dürfen wir mehr Vertrauen haben. Wenn wir vorher vom guten Vater gesprochen haben, dann kann auch sein Wille nicht schlecht sein. Dann kann es nicht sein, dass wir um Bonbons bitten und stattdessen faule Eier bekommen. Zum guten Vater passt so etwas nicht. Darum keine Angst. Sondern Vertrauen in diesen guten, himmlischen Vater. Bitten wir darum, dass sich sein Wille ausbreitet. Wie im Himmel, so auch auf Erden. Sein Wille ist Frieden und Liebe und Freiheit und Glück und Zufriedenheit und ein gerechtes Leben für alle Menschen. Sein Wille ist, dass wir mit ihm leben und sterben und bei ihm bleiben für immer.
Sein Wille ist, dass unser Leben Sinn macht, auch wenn wir es nicht immer verstehen. Darum will ich Gott meine Wünsche sagen und will ihm zugleich erlauben, dass er es mit mir, mit anderen Menschen und der Welt so machen soll, wie er es für richtig hält. Er kennt die Welt und mich am allerbesten. Er weiß, was gut und hilfreich für uns ist.

Wenn Gott „Ja“ zu einem meiner Gebete, einer meiner Bitten sagt, dann kann ich mich freuen und dankbar sein. Wenn er „Nein“ sagt, dann will ich glauben, dass es so in Ordnung ist. Er ist Gott, der gute Vater. Ihm will ich so konkret und persönlich, das sagen, was ich auf dem Herzen und den Schultern trage. Und ich darf wissen, es bewegt ihn, es lässt ihn nicht kalt und er fühlt mit, trägt mit, weint und lacht mit….

… bei der Sorge um einen Angehörigen. Um Kinder und Eltern. Um Kranke und eigene Krankheiten. Um den Arbeitsplatz oder die Ausbildung der Enkel. Verpasste Chance und tiefe Sünden. Um den Weltfrieden genauso, wie um den Streit mit dem Nachbarn. Geldsorgen, Schulden und der Dank für Erfolge und schöne Tage.
Gott darf ich alles sagen. Direkt. Persönlich. Privat. Allein und gemeinsam mit anderen.

Jericho, die älteste Stadt der Welt. Jesus hatte seine Arbeit getan, alle Aufgaben erfüllt, er wollte die Stadt gerade verlassen, da wurde er auf einen blinden Mann aufmerksam. Der saß am Straßenrand, hörte, dass Jesus vorbeikam und fing an zu rufen: „Jesus, Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir!“ Und auch wenn andere ihn schnell zum Schweigen bringen wollten, der blinde Bartimäus ruft weiter und hat Erfolg. Jesus will ihn treffen.
„Was soll ich für dich tun?“ fragt Jesus. Die Fragen aller Fragen. Keine ist wertvoller. Keine hilfreicher. Keiner befreiender als diese. Keine respektvoller, keine wirksamer. Wir müssen wieder lernen, so zu fragen.
Und die Antwort kommt sofort. Rührend, bewegend, selbstverständlich: „Herr, ich möchte wieder sehen können!“
Und es passiert. „Geh nur, dein Vertrauen hat dich gerettet.“ Ein paar Worte von Jesus reichen und ein jahreslanges Leiden ist beendet. Bartimäus sieht. Klar und deutlich. Frisch und neu. Und er folgte Jesus nach. (vgl. Mk 10,46-52)

Wen, wenn nicht Gott, kann man in tiefer Verzweiflung um etwas bitten!? Wen, wenn nicht Gott haben wir noch, wenn alles andere wegbricht? Wenn alle anderen Erklärungen und Sätze und Worte und Floskeln nicht mehr tragen? Wenn man alles andere nicht mehr glauben mag und keine Hoffnung hat? Wen haben wir noch, wenn das Leben schwer ist und wohin sollten wir gehen?
Gott, unser himmlischer Vater ist da und hört uns gerne zu. Bei ihm sind wir willkommen. Seine Worte schenken neues Leben. Sein Geist gibt neue Kraft. Seine Engel tragen. Seine Menschen trösten. Er selbst rettet.

Beten hilft und nützt. Beten schenkt neue Kraft, nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen. Nach dem Fallen wieder aufzustehen. Den nächsten Schritt zu wagen. Beten macht die Seele frei. Beten entlastet. Beten ist schön. Von Martin Luther ist überliefert, dass er täglich 3-4 Stunden gebetet hat. Keine Ahnung, ob es stimmt. Auf jeden Fall hat er gesagt: Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich viel beten. Beten ist gewonnene Zeit. Haben wir Mut, zu beten. Immer wieder, regelmäßig, kurz und knapp oder lang und ausführlich. Aber auf jeden Fall beten wir!

Amen.