Barfuß in die Kirche

Ich habe übrigens Plattfüße. Das wollte ich immer schon mal sagen. Vielleicht geht Ihnen das ja genauso. Ich kann damit ganz gut gehen und sicher stehen. Wenn der ganze Fuß die Erde berührt, mag das für Orthopäden nicht so ideal sein. Ich aber finde das ganz in Ordnung. So hab ich guten Kontakt zu dem, was unter mir ist. Und jetzt im Sommer bin ich öfters barfuß gelaufen und habe genau das Gras gespürt, die Steine auf dem Weg, die Unebenheiten im Boden, die unterschiedlichen Temperaturen und den Tau am Morgen.
Es soll ja gesund sein, barfuß zu gehen. Angeblich regt das die Durchblutung an und verhindert Schweißfüße und strafft die Muskeln von den Waden bis zur Schulter. Ich hab davon nicht viel Ahnung. Ich gehe aus ganz anderem Grund manchmal gerne barfuß: ich fühle mich dann Gott viel näher.
Und es erinnert mich an eine Geschichte aus dem Alten Testament:
Mose befindet sich irgendwo in der Steppe. Er ist ein einfacher Hirte und bewacht die Schafe seines Schwiegervaters. Die Schafe weiden friedlich vor sich hin und Mose hat Zeit, seinen Blick über die endlose Steppe schweifen zu lassen. Doch dann, nur ein paar Meter neben sich, entdeckt er einen Dornbusch. Er hört ein Knistern und Knacken und sieht, wie Flammen aus dem Busch lodern.
Der Dornbusch brennt ohne zu verbrennen. Flammen zucken, doch der Busch selbst fängt kein Feuer.
„Seltsam, der Busch brennt, aber warum verbrennt er nicht?“, sagt Mose zu sich. „Das muss ich mir aus der Nähe ansehen!“ Und er steht auf und geht auf den Busch zu. Wer von uns würde nicht dasselbe tun? Mose kommt aber nicht weit.
Nach nur ein paar Schritten hört er eine Stimme: „Zieh deine Schuhe aus. Der Boden auf dem du stehst ist heiliges Land!“
Verwirrt tut er, wie angeordnet. Mose zieht seine Sandalen aus und geht auf den sprechenden Busch zu. Und es wird klar: Gott selbst ist es, der mit ihm durch den brennenden Dornbusch spricht.
Faszinierend an dieser Geschichte finde ich besonders die Stelle, wo Mose aufgefordert wird, seine Schuhe auszuziehen. Wenn man sich aber vorstellt, wie die Füße vom Hirten Mose damals wohl ausgesehen haben, dann kann man Gottes Wunsch kaum nachvollziehen….
Trotzdem fordert er Mose auf, barfuß zu ihm zu kommen. Das Land ist heilig, darum zieh deine Schuhe aus!
Mose soll sich Gott so nähern wie er ist, verschwitzt, staubig, mit Schafdreck zwischen den Zehen. Nichts soll zwischen den beiden stehen. Mose, zieh deine Schuhe aus und spüre meine Heiligkeit!

Das ist doch ein herrliches Gleichnis auch für uns heute!
Vielleicht kennen Sie das noch von Ihrer Erziehung her. Manche haben den sogenannten Sonntagsstaat im Schrank hängen. Den Anzug für die Kirche. Die gute Hose. Das besondere Kleid. Das gebügelte Hemd. Niemals würde man diese Sachen an normalen Tagen, im Alltag, anziehen. Ich kenne das noch als Spruch aus meiner Kindheit: Zieh dich ordentlich an. Und ich kenne das noch aus den USA, wo ich ein Jahr als Schüler in Texas gelebt habe. Selbst bei den heißen Sommertemperaturen haben die Jungs zur Kirche immer eine lange Hose und ein Hemd getragen, niemals kurze Hose und Sandalen! Und die Frauen trugen immer ein schönes Kleid. Der Sonntagsstaat. Man hat sich fein gemacht. Und das hat sich dann auch auf den Ablauf des Gottesdienstes übertragen: Wenn es besonders „heilig“ wurde, dann wurde es auch besonders ernst. Und manchmal hat man dann auch Ernsthaftigkeit mit Heiligkeit verwechselt. Und wehe es würde fröhlich oder auch nur gelächelt, dann war es gleich auch nicht mehr heilig.
Und das Abendmahl glich dann atmosphärisch mehr einer Beerdigung als einem Fest am Altar, wo die Gemeinschaft, die Vergebung, die Kraft und Hoffnung gefeiert wurde. Und wo man als Einzelner und als Gemeinschaft eigentlich gestärkt und ermutigt davon gehen sollte, ging man als gebeugter, gedemütigter Mensch nach Hause. Aber es war ja heilig – da durfte man dann auch nichts dagegen sagen.

Gott spricht anders und Gott sagt: Zieh deine Schuhe aus. Du stehst auf heiligem Grund. Zieh deine Schuhe aus, ich will den Dreck zwischen deinen Zehen sehen, denn der stört mich ganz und gar nicht. Und ich will die Schwielen an den Füßen spüren und merken, wie du lebst und schwitzt und das Blut in deinen Adern fließt. Ich möchte dich so, wie du bist. Alt oder jung, reich oder arm. Mit vielen oder wenigen schwarzen Flecken auf deiner Weste. Du bist ein Sünder, also versteck es nicht unter einem Sonntagsstaat. Ich kenne dich ohnehin ganz genau. Komm so, wie du bist. Ich schaue dir ohnehin ins Herz und ich muss dir dringend sagen, dass ich dich liebe. Zieh deine Schuhe aus!

Gott will den direkten Kontakt. Haut auf Haut. Herz an Herz. Da braucht nichts zwischen uns zu stehen. Wir dürfen vor ihm ehrlich sein und zu ihm kommen mit allen, was uns bewegt. Das Gute genauso, wie das schlechte. Mit den Fehlern, genauso, wie mit dem, worauf wir stolz sind.
Hauptsache ist, dass wir zu ihm kommen. Mit unseren Füßen, direkt, ohne Umwege, ohne Ausreden, ohne Masken. Wichtig ist, dass wir endlich es wagen, zu ihm zu kommen und ihm unsere Händen und Herzen hinhalten und sagen: Gott, bitte berühre mich, fülle mich mit deiner Gnade, mit deinem Geist, mit deiner Liebe.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich brauche das. Als Mensch, als Mann, als einer, der versucht gut und richtig zu leben und dem trotzdem so viel daneben geht. Ich bin ein Sünder. Wie gut, heilsam und befreiend ist es, dass Gott sagt: Komm zu mir.
Das sagt Gott im Alten Testament und Jesus wiederholt es noch einmal im Neuen Testament: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erfrischen!

Damit meint Jesus ja nicht nur die abgearbeiteten und erschöpften Fischer nach einem langen Tag auf See damals. Damit meint er auch die mutlosen und hoffnungslosen, die kranken und frustrierten Menschen, und die, die Fehler machen und die, die sich für besser halten. Er meint die Gläubigen und die Ungläubigen, die Zweifler und die Besserwisser. Die Demütigen und die Arroganten. Und alle anderen auch.
Und wissen Sie, was interessant ist: Gott gibt uns gerade in den Zeiten, in denen wir ihn bitten, dass er diese Zeiten von uns nehmen soll. Wenn wir traurig sind, hungrig nach Liebe und Vergebung, wenn wir mit leeren Händen da stehen. Wenn wir Fehler machen oder etwas Schlimmes passiert. Wir denken dann mitunter, dass wir nur so zweitklassige Menschen sind, und erst Recht zweitklassige Christen, aber das stimmt nicht. Wir schämen uns vielleicht sogar, dass wir nicht genug Glauben haben oder die Bibel nicht verstehen oder nicht beten können. Aber gerade in solchen Zeiten kommt Gott uns besonders nahe und schenkt sich uns.
Gerade dann, wenn wir vielleicht denken, wir sind es nicht wert, sollen und dürfen wir erst recht zu Gott kommen, denn er ist längst bei uns und beschenkt unsere leeren Hände und füllt unsere leeren Herzen. Dann wenn wir es nicht für möglich halten und denken, es nicht verdient zu haben, in der Wüste unseres Lebens, ist Gott dicht an uns dran.

UNS lädt er ein: Kommt her, so wie Ihr seid! Kommt er, bei mir seid Ihr willkommen! Kommt her, ihr müsst nicht mehr leiden, unter der Last des Lebens, unter der eigenen Schuld und den Fehlern, unter dem Spott der anderen. Kommt her, hier bei mir könnt Ihr Euch ausruhen und Kraft sammeln und erfrischt, neu in ein neues, anderes, besseres Leben starten. Ich schenke Euch den Neuanfang dazu!

Ich durfte erleben, wie Menschen neu angefangen haben. Auch hier bei uns in der Kirchengemeinde. Wie Menschen Vertrauen fassten zu Gott und seiner Liebe. Wie sie Vergebung in Anspruch nahmen und Mut und Hoffnung sammelten für einen Neustart in Ihrem Leben, in Ihrer Ehe, im Beruf oder sonstwo. Ich habe noch ihr Lächeln vor Augen, wenn sie wagten, es noch einmal zu versuchen und besser zu machen. Wenn sie den Mut aufbrachten, sich selbst zu verändern, weil sie wussten, dass sie so geliebt werden, wie sie sind. Wenn sie es wagten, sich mit anderen zu versöhnen. Wenn sie Frieden mit ihrem Leben schlossen. Wenn sie ihr Leben wieder in die eigenen Hände nahmen und mutig vorangingen.

Wann sind wir bereit, zu Jesus zu kommen? Wann mögen wir sprichwörtlich unsere Schuhe ausziehen und zu Gott kommen, so wie wir sind? Und wann mögen wir endlich unsere Herzen und Hände öffnen und Gott bitten: Schenke mir deine Nähe, die Gewissheit deiner Gegenwart, die Sicherheit deiner Liebe.

Denn: Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus (1. Kor 3,11-LUT).
Das schreibt der Apostel Paulus und es ist der eigentliche Predigttext für heute.

Jesus Christus ist der Grund, die Grundlage, auf der wir leben können. Mit dem wir leben können und durch den wir leben dürfen. Egal, wer wir sind, was wir hinter uns haben oder vor uns vermuten. Wir sind bei ihm gut aufgehoben und auf ihn können wir bauen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn er ist für unser Lebenshaus ein gutes Fundament.

Wo sonst erleben wir so viel Zuneigung?

In unserer Gesellschaft zählt nur, was du schaffst und was du hast. Bei vielen Menschen zählt nur, wer du bist und was du kannst.
Bei Gott dürfen wir, wir selbst sein. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.
Und zu ihm dürfen wir gehen, wenn mal etwas nicht gut läuft. Oder wenn große Veränderungen im Leben anstehen, sich vieles ändert und wir vielleicht den Überblick verloren haben oder unsicher sind. Gott lacht niemanden aus. Bei ihm finden wir ermutigende Worte. Ruhe und Frieden für unser Herz.
Auch wenn wir von lieben Menschen Abschied nehmen müssen oder selbst krank werden: Gott ist da. Mit seiner Liebe. Mit seinem Trost. Und mit ihm können wir einen neuen Blick auf unser Leben, unsere Zukunft werfen.
Jesus Christus ist das Fundament unseres Lebenshauses, das uns auch halten will, wir nicht mal mehr uns selbst aushalten.

Leider kann ich hier nicht alles aufzählen, was alles im Leben passieren könnte. Das würde einfach den Rahmen sprengen und wir wären morgen noch nicht fertig.
Aber eines kann ich mit aller Gewissheit weitersagen: Ein anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Und eines will ich ganz bewusst weiter sagen: Seine Einladung an uns alle, zu ihm zu kommen, so wie wir sind. Zieh deine Schuhe aus und komme mit Gott in Kontakt. Direkt, ehrlich, barfuß, ohne Scheu und Angst.

Auf ihn kannst du bauen. Mit ihm kannst du sprechen. Und in seiner Gemeinde, bei seinen Menschen, bist du willkommen!

Amen.