Auf dem Weg zu einer digitalen Schulseelsorge – ein Leitfaden in Leitfragen

Auf dem Weg zu einer digitalen Schulseelsorge – ein Leitfaden in Leitfragen

Vor kurzem bin ich gefragt worden, was es eigentlich braucht, um ein bisher analoges Seelsorgeangebot an einer Schule auch im Digitalen Raum erfolgreich anzubieten? Dabei ging es nicht um technische Fragen, wie die nach Computer, Smartphone, Software, Kameras oder ähnlichem, sondern um inhaltliche Aspekte, die für ein Digitales Seelsorgeangebot zu bedenken sind.  Ich habe hier als Leitfaden einige Leitfragen notiert, die ein gewisses Geländer zur Planung und Umsetzung geben sollen.

Was bringt Sie zu dieser Überlegung, eine digitale Schulseelsorge anbieten zu wollen? Warum und Wozu wäre eine Digitale Schulseelsorge hilfreich?
Das können bestimmte Themen sein, die mündlich nicht besprochen werden mögen (Scham). Das kann das Erleben sein, den Kontakt zu den SuS zu verlieren. Es kann der Wunsch sein, eine Ressourcensammlung bereit zu stellen, bzw. eigene Ressourcen besser zu verteilen und zu vernetzen. Das kann der Wunsch, ein Angebot „rund um die Uhr“ zu bieten und on-demand bzw. in einer Krise schneller reagieren zu können oder sich integrativer und barrierefreier aufzustellen.

Es geht also auch und zuerst um die Definition: Was ist Seelsorge für Sie?

Gespräch, Begleitung, Atmosphäre, Hilfe zur Selbsthilfe, Da-Sein, Krisenintervention, Prävention? Oder was anderes?

Welche Aufgabe nimmt Seelsorge an Ihrer Schule bisher wahr?

Und welches Ziel verfolgt sie in Zukunft?

Wer ist Ihre Zielgruppe? Wen wollen Sie mit einem digitalen Angebot ansprechen?

Alle an der Schule? Oder lässt sich das etwas genauer eingrenzen und benennen?

Wer die Zielgruppe gut kennt und gut beschreiben kann, ist auch in der Lage, ein passendes Angebot zu formulieren.

Es macht einen Unterschied ob Sie sich – aus welchen Gründen auch immer – für eine breitere oder schmalere Zielgruppe entscheiden. Manchmal hängt das auch einfach von Stellenanteilen und eigenen Kräften und Möglichkeiten ab und führt dann dazu, erst einmal mit einem kleineren Angebot zu starten, dass noch nicht die ganze Schule in den Blick nimmt. Überlegen Sie also, wen Sie ansprechen wollen: Die KuK? Die SuS? Und hier alle Klassen oder (zuerst) nur bestimmte Jahrgänge? Vielleicht wollen Sie mit den Mädchen starten oder mit den Jungen oder denen, die sich divers bezeichnen, die zur Community der LGBTQI+ zählen oder die körperliche Einschränkungen und Handycaps haben? Vielleicht wenden Sie sich mit speziellen Themen Menschen mit Migrationshintergrund zu? Oder Sie planen ein besonders Angebot für Menschen an Ihrer Schule mit Gewalterfahrungen oder Substanzmissbrauch. Schauen Sie also Ihre Zielgruppe genau an und planen Sie von hier aus unter Berücksichtigung Ihrer weiteren Antworten die nächsten Schritte.

Was wollen Sie also anbieten? Und welche Kanäle wollen Sie dazu nutzen?

Wer Seelsorge sagt, meint in der Regel ein Gespräch unter vier Augen. Aber Seelsorge kann viel mehr sein und vielleicht passt etwas anderes viel besser zu Ihnen und Ihrer Schule. Seelsorge kann auch in und durch Filme geschehen, durch thematische Angebote, durch Online-Kurse, Peer-to-Peer-Beratung, Gruppengespräche, Bilder und Fotos, Worte und Bibelverse.

Und wenn es doch zu einem digitalen Gespräch kommen soll, dann stellt sich die Frage nach dem Kanal: Email, Chat, Video? Oder ein Misch aus allem? Und in welchem Rhythmus/Regelmäßigkeit/Verlässlichkeit? Wie sind also Ihre Öffnungszeiten? Und wann und wie wollen und können Sie erreichbar sein?

Die Zielgruppe bestimmt oder prägt auch das Medium und den Kanal. Manche Menschen bevorzugen einen Chat (per Messenger), andere schreiben vielleicht eher eine Email. Tür-und-Angel-Gespräche finden häufiger im Messenger statt, während tiefgehende, sehr persönliche und intime Themen eher per Email besprochen werden. Und manche möchte gerne Ihre Seelsorgerin oder ihren Seelsorger sehen und melden sich darum direkt per Video bzw. vereinbaren einen Termin zum Video-Call.

Und wo möchten oder sollen Sie diesen Anruf dann entgegen nehmen? Soll Ihr Büro Ihr Seelsorge-Ort sein oder möchten Sie auch von zu Hause aus arbeiten und aus dem Home-Office heraus erreichbar sein?

Hier stellt sich also die Frage nach Ort und Setting der Seelsorge. Und zumindest was den Ort angeht, ist auch der Datenschutz betroffen, denn zu Hause könnte ein Familienglied heimlich mitlesen oder mithören und/oder es bräuchte eventuell eine datensichere Verbindung mittels vpn-Leitung.

Das bisher Beschriebene kann ich mit zwei wichtigen Fragen zusammenfassen, die sich stellen, wenn es den Aufbau einer Digitalen Schulseelsorge geht:

Wozu bin ich bereit? Und wozu bin ich fähig?

Gucken wir noch kurz etwas intensiver auf diese beiden Fragen:

Wozu bin ich bereit? Digitale Seelsorge verlangt Haltung des Gehens und Zugehens auf die Menschen. Eine Geh-Struktur. Denn: Wir begeben uns in den Lebensraum der SuS und KuK und der anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Schule und in gewisser Weise auch aller Zugehöriger zu diesen Menschen. Darum versuchen wir so gut wir können, Nutzer orientiert zu denken und zu handeln. Das tun wir aus Respekt vor diesen Menschen und ihren Lebenswegen, aber letztlich auch, wir uns im digitalen Raum in einer Welt und dort mit einem technischen Gerät/Medium bewegen, in der und mit dem die SuS in der Regel mehr Erfahrung und wahrscheinlich auch einen ganz anderen, viel selbstverständlicheren (evtl. auch weniger reflektierten) Umgang pflegen, als wir es tun. Das bedeutet, wir haben es mit Expertinnen und Experten zu tun und es macht schon allein deswegen Sinn, von Ihnen und mit Ihnen zu denken und zu handeln.

Und das bedeutet nicht nur eine Seelsorge aufzubauen, die ohne Ansehen der Person arbeitet, sondern sich den Kommunikationsbedingungen und Gewohnheiten der Ratsuchenden anpasst, diese respektiert und würdigt. Wir sprechen auch eher von Seelsorgepartnerinnen und Seelsorgepartnern, nicht mehr von Ratsuchenden und Ratgebenden. Denn wir bewegen und auf Augenhöhe, auch wenn diese Personen eine Herausforderung oder ein Problem zu uns bringen und von uns Hilfe, Rat und Tat erwarten.
Diese gegenseitige Augenhöhe darf schon beim Aufbau einer Digitalen Seelsorge an Schulen berücksichtigt werden. Binden Sie darum die SuS in der Gestaltung eines digitalen Angebotes mit ein!

Und: Es braucht also unsere Bereitschaft zu erkunden, was die Nutzer brauchen. Wie sie ticken. Was deren Bedürfnisse sind. Was/wie die technische Gewohnheiten und Fähigkeiten/Möglichkeiten sind. Was nutzen sie wie und wann? Wie sind sie technisch ausgerüstet und ans Internet angebunden? Welche Themen liegen oben auf? Und wie wollen wir uns als Seelsorgende dazu verhalten? Wozu sind wir bereit? Was können wir selbst leisten? Technisch? Datenschutz? Thematisch? Persönlich? Und auch von der Stellen her (Umfang, weitere Aufgaben)? Wie stehen wir zu mobilen Geräten während der Beratung? Wo liegen unsere Interessen und Schwerpunkte? Eine körperorientierte Seelsorge, z.B., braucht einen anderen Zugang als ein rein gesprächsorientierter Ansatz.

Das führt dann zu den Frage: Wozu bin ich fähig? Habe ich die Infrastruktur und das technische Know-how? Kenne ich mich mit den digitalen Lebensräumen meiner SuS/KuK aus?
Auch wenn wir selbst vielleicht nicht so digital affin sind, so bringen die Seelsorgepartner ihr digitales Leben mit in die Beratung/Seelsorge. Bedeutet, sie haben vielleicht schon vorher mal gegoogelt, was helfen könnte. Sie werden nach der Seelsorge/Beratung getroffene Entscheidungen/Tipps/etc. googlen. Sie werden danach (manchmal vielleicht sogar mittendrin) Gesprochenes weitergeben, per Messenger oder Social-Media. Sie werden während der Beratung mit Infos von außen konfrontiert. Können wir das akzeptieren? Dass wir nicht die einzigen Ratgeberinnen und Ratgeber sind?

Und wie sind wir dazu ausgebildet in Chat, Email und Video? Wie schreibe ich eine Erstantwort? Wie gestalte ich ersten Kontakt? Und wie komme ich in ein gutes Joining… und dann weiter?
Wie chatte ich hilfreich? Chat-Sprache: Oraliteralität. Messenger.

In der digitalen Kommunikation fehlen uns einige Sinneseindrücke aus der analogen Welt. Riechen, schmecken, fühlen – unsere Sinne werden nicht so angesprochen, wie gewohnt und auch die Wahrnehmung von Gestik und Mimik kann ganz fehlen oder sehr eingeschränkt sein.

Wie stehe ich als Seelsorger und Seelsorgerin zu dieser kanalreduzierten Kommunikation und wie möchte ich damit umgehen? Wie verhalte ich mich zu diesem veränderten Machtgefüge in der Seelsorge, wo ich das Gespräch (die Situation) nicht so „im Griff“ habe, wie physisch?

Mittlerweile  gibt es ganze Reihe von Ausbildungen zur Online-Beratung. Von umfangreichen Curricula einer Gesamtausbildung bis zu einzelnen Modulen und Teilen. Wir dürfen das nutzen.

Weiter: Wie bin ich mit meinem Angebot sichtbar? Wie erreichbar? Wie gehe ich in den Kontakt?

Gibt es Öffnungszeiten? Oder ein Angebot mit offener Anwesenheit (auf Zoom z.B.)?

Einer der Vorteile im Digitalen Raum ist, dass wir uns selbst  und selbstbestimmter Einpendeln können in den Nähe-Distanz-Raum, so wie es uns gut tut und aushaltbar ist gerade. Ich kann mir aussuchen, wie intensiv ich mich hier engagieren und öffnen möchte. Das kann ich digital besser und leichter skalieren als in einer Präsenzberatung. Darum werden schambesetzte Themen verstärkt online eingebracht. Die mögliche Anonymität schützt. Darum kann hier von Magersucht, Missbrauch, Drogen, häuslicher Gewalt, suizidale Gedanken/Erleben,… geschrieben werden. Etwas, das in der Präsenzberatung vielleicht nicht so leicht, nicht so schnell vorgebracht werden würde.
Manche möchten auch einfach nur erzählen. Und hören, dass ihre Wahrnehmung stimmt.

Sind wir bereit für solche Themen? Haben wir die Kompetenzen dazu? Sind wir bereit, zeitlich über Grenzen der Öffnungszeiten zu gehen? Und grenzen wir uns gut ab? Oder wie geben wir Ratsuchende weiter, wenn wir nicht weiter wissen oder weiter machen sollten?
In welchem physischen Netzwerk sind wir eingebunden? Wohin können wir Ratsuchende verweisen? Ärzte? Beratungsstellen? Selbsthilfegruppen? Sozial-psychiatrischer Dienst?

Sind wir bereit, Social-Media-Kanäle zu nutzen und mit in unsere Arbeit einzubinden? Und wie gehen wir mit Bewertungen um? Wer kümmert sich um Rezensionen, Bewertungen und Rückmeldungen?

Ist Supervision eingeplant?

Welche rechtlichen Entscheidungen und Regeln habe ich zu beachten? SeelGG, EKD-DSG?
Welche Vorgaben gibt es vielleicht zusätzlich von Ihrer Institution?

Und schließlich: Datenschutz – was ist nötig und wie geht das technisch? Und ist es immer in vollem Maße nötig oder kann ich pseudonymisieren und anonymisieren und so Tool und Plattformen nutzen, die nicht vollständig dem Datenschutz genügen? Gibt es Ausnahmen zum Datenschutz? Und wenn ja wann und wie?

Zum Schluss:

Welches digitale Seelsorgeangebot würde ich selbst in Anspruch nehmen?

Wie kann ich gut zwischen meinen Rollen als Lehrer/Lehrerin/Privatperson/Seelsorger/Seelsorgerin wechseln und diesen Wechsel den SuS (und allen anderen) deutlich machen?

Photo by National Cancer Institute on Unsplash