Vom Unwort

Worte haben eine unglaubliche Kraft. Worte können beruhigen und verwirren. Sie können langweilen und aufregen. Sie können Frieden stiften und einen Krieg auslösen. Worte können etwas aufbauen und gleichzeitig etwas niederreißen. Manche Worte sind doppeldeutig. Als Kinder haben wir gerne „Teekesselchen“ gespielt. Dabei suchen sich zwei Kinder gemeinsam ein Wort mit doppelter Bedeutung aus. Das Wort „Fliege“ zum Beispiel. Einmal ist die Stubenfliege gemeint und das eine Kind beschreibt ein solches Tier, ohne das Wort „Fliege“ selbst zu verwenden. Zum anderen ist das Kleidungsstück gemeint, diese besondere Krawatte. Das andere Kind beschreibt diese „Fliege“, auch ohne das Wort selbst zu benutzen. Alle anderen Kinder dürfen nun dieses Teekesselchen erraten. Das macht großen Spaß und es ist erstaunlich, wie vielfältig und mehrdeutig die Wörter unserer Sprache sind.
Bank, Golf, Laster, Fahne, Kiefer – aus allen Bereichen des Lebens lassen sich Worte sammeln, die man als Teekesselchen mit ins Spiel nehmen kann. Worte sind etwas Wunderbares!

Und manchmal sind Worte schrecklich. Manchmal verletzten sie so stark, dass wir sie Unworte nennen.
Ein Unwort ist immer noch ein Wort. Aber es ist ein Wort, das niemand braucht. Es ist ein Wort, das überflüssig ist. Es ist ein Wort, das verletzt und erniedrigt. Etwas, das auf Abstand hält, das diskriminiert und Grenzen zieht, statt sie zu überwinden hilft.
Eigentlich kehrt die kleine Vorsilbe „un“ die Worte in ihrer Bedeutung um. Aus Frieden wird Unfrieden, also so etwas wie „Nicht-Frieden“. Aus Lust wird die Unlust, also so etwas, wie „Nicht-Lust“.
Aus dem Begriff „Wort“ aber, wird das Unwort und bleibt doch ein Wort. Es wird nicht in der Bedeutung verändert, sondern in seiner Wirkung. Im Kern bleibt auch ein Unwort ein Wort und es scheint, als wenn die Vorsilbe hier merkwürdig machtlos wäre. Doch sie ist es nicht. Im Gegenteil. Unfrieden, Unlust, Unruhe, alles das kann man eine Weile aushalten. Vielleicht fühlt man sich unwohl, aber es geht vorbei. Ein Unwort aber ist anders. Oft genug kann man es nicht aushalten, stattdessen macht es ohnmächtig. Denn ein Unwort trifft härter. Ein Unwort zerstört.
Weil ein Unwort ein Wort bleibt und damit alle Macht behält, die Wörter haben, durchdringt es alle Mauern, zerschlägt jeden Panzer und trifft stets ins Mark. Tief drinnen, mitten in uns wirkt es dann das, was es am besten kann: Es richtet Unheil an.

Doch es gibt eine Hilfe. Man muss nicht ganz und gar hilflos zusehen, wie das Unwort zersetzt, wogegen es sich richtet. Man kann es mit seinen eigenen Waffen schlagen. Wenn das Unwort im Kern, im Wesen ein Wort bleibt und das muss es, dann können wir es auch mit Worten bezwingen!
Und die wunderbare, vielleicht auch überraschende Entdeckung wird dabei sein, dass Worte immer stärker als Unworte sind. Wenn Wort und Unwort aufeinander treffen, dann wird das Unwort zerstört, das Wort löst sich aber nicht ebenfalls auf. Das Wort bleibt mit all seiner Kraft und Schönheit! Ja, es strahlt sogar noch mehr. Und selbst wenn das Wort schüchtern, unsicher und mit dünner Stimme dem Unwort entgegengetreten ist, das Unwort verliert diesen Streit und wird ausgelöscht. Es bleibt das Wort, das aufbaut und ermutigt, das Leben schafft und Raum und Freiheit. Probieren wir es aus!

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