Untiefe

Eigentlich verneint die Vorsilbe „Un“ das Wort, vor das es gestellt wird. Eigentlich. „Uneigentlich“ findet diese Regel bei dem Wort „Untiefe“ ihre Ausnahme. Hier in der Untiefe erscheint das kleine „un“ als Verstärker. Diese Tiefe ist nicht nur tief, sie ist ein sagenhaft tiefes Tief! Eine Untiefe! Tiefdunkel, tiefschwarz, unermesslich, kaum zu ergründen, geschweige denn zu ergreifen oder gar zu überspannen mit Brücken, Gedanken oder Worten. In dieser Untiefe verschwindet alles, was in sie hineinkommt, sei es absichtlich oder unabsichtlich. Die Untiefe verschlingt und gibt nicht wieder her. So tief ist die Untiefe.
Ganz ähnlich, wie bei der Vorsilbe „Ur“, wird die Bedeutung des der Vorsilbe nachfolgenden Wortes verstärkt. Doch während „Ur“ auf der Zeitschiene, der Dimension der Zeit, läuft, ist das „Un“ der Untiefe ein räumlicher Kraftverstärker. Die Untiefe ist eine dreidimensional verstärkte Tiefe. In Höhe, Länge und Breite ist sie tiefer als die Tiefe, mehr als die Tiefe und damit auch schrecklicher als sie. Und damit wird deutlich, dass dieses „Un“ hier nicht nur eine rein sachliche Information erweitert (die Tiefe ist größer als gewöhnlich), sondern zugleich Emotionen mitschwingen und ebenfalls verstärkt werden (die Tiefe ist nicht nur größer, sondern auch unheimlicher).
Diese Emotionen wecken im menschlichen Empfinden analog zum unheimlichen des Wortes, eher unangenehme Empfindungen. Es sind Gefühle wie Angst, Schauer, Ekel. Aber auch die neugierige Spannung, der Nervenkitzel, die Faszination.
Wie die Untiefe selbst, sind auch unsere gefühlsmäßigen Reaktionen auf sie mehrdimensional. Und genau das macht ihren Reiz aus. Die Untiefe ist darum nicht nur einfach so, sondern sie ist reizvoll, herausfordernd und verlangt nach mehr. So spiegeln wir uns selbst in ihr. Unser Inneres und die Untiefe sind sich gegenseitig Anziehendes. Wir empfinden Angst vor ihr, gehen auf Distanz. Doch gleichzeitig kommen wir von ihr nicht los, werden angezogen und zu ihr hingezogen, möchten sie unter die Lupe nehmen und wissen doch, dass genau das ja nicht geht. Die Untiefe ist zu groß für uns, wir können sie nicht fassen. Wogegen sie uns ganz und gar ohne Probleme fassen könnte.
Auch unser Inneres können wir nicht fassen, gleichwohl es uns fasst, hält, ausmacht und zwar im Kern und Wesen.
Stille Wasser sind tief, sagt man wohl darum auch nicht zu unrecht.

Ähnliche Begriffe: Unwetter, Unmenge, Unsumme

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