Unruhe = „Un“+Ruhe

Unruhe

Ob das Absicht war? Als Gott, oder wer auch immer, die Welt erschuf, da war ja nicht alles schön und perfekt. Wir sehnen uns zwar nach diesem Zustand zurück. Wir würden gerne alles zurück auf Anfang setzen. Es noch einmal probieren und von vorne anfangen. Wir fühlen uns „jenseits von Eden“, aber genau genommen war es doch vorher viel besser. Oder nicht?
Das Paradies scheint uns eben paradiesisch, friedlich und harmonisch gewesen zu sein. Etwas, das wir heute nur allzu schmerzhaft vermissen. Heute haben wir Krieg und Krise, Klimawandel und Neid, Umweltverschmutzung und Ausrottung von Mensch und Natur. Und das alles ist gefährlich und unsere Zukunft auf unserem Planeten ist ungewiss und unsicher.
Aber wann hat es denn angefangen?
War es nicht vor der Schöpfung viel besser?
Gab es da nicht das, was uns heute fehlt im Überfluss?
Ruhe.

Spüren Sie einmal diesem Wort nach. Spüren Sie ihm quasi hinterher.

Ruhe.
Spüren Sie, wie es im Raum erscheint, sobald man es ausspricht und wie es noch einen kurzen Moment verharrt, auch wenn die Töne, die dieses Wortes gebildet haben, längst verklungen und verhallt sind. Das Wort hinterlässt Eindruck. Obwohl es so kurz ist und so rau beginnt.

Ruhe.
Wunderbar, wie das Wort selbst tut, wie es heißt. Man sagt „Ruhe“ und schon ist sie da. Entstanden in dem Moment des Aussprechens, des Ausatmens jedes einzelnen Buchstabens.

Ruhe.

Doch damit ist es längst vorbei. Und Schuld daran hat die Schöpfung.
Vorher war alles ruhig. Da war Ruhe, wortwörtlich und sprichwörtlich zugleich. Da war Ruhe, ganz und gar. Totale Ruhe.

Diese Ruhe, diese unendliche Ruhe wurde durch den Akt der Schöpfung jäh.
Der Urknall löschte sie aus. Vernichtete sie von der Wurzel an.
Seitdem ist „Ruhe“ ein Sehnsuchtswort. Ein Schmelztiegel unserer tiefsten Herzenswünsche.

Alles hatte Ruhe.
Alles war ruhig. Wunderbar, erholsam, aufatmend, zerfließend, massierend, entspannend ruhig.
Doch mit der Schöpfung kam nicht das Paradies. Es kam die Unruhe. Der Lärm, die Arbeit, die Hektik, das schaffen müssen, weil schaffen können. Das immerwährende Wachstum. Das Wuchern und Jagen nach Licht, Luft, Wärme und Nahrung. Und damit kamen die Konkurrenz, der Streit und schließlich der Krieg. Das Rechthaben und Recht haben wollen. Damit kam die Bewertung in Gut und Böse. In Besser und Schlechter. In richtig und falsch. Es kam die Kraft und mit ihr die Lautstärke. Denn schnell wurde klar, wer laut ist, hat Recht und bekommt recht und nimmt sich recht und biegt es sich, möglichst schnell und ohne Rücksicht.

Vor der Schöpfung war alles besser.
Nicht das Paradies wurde geschaffen, sondern die Unruhe. Die Negation alles Guten. Das Gegenteil von Schönheit und Harmonie.

Unruhe.
Allein das Wort macht kribbelig und hibbelig. Es erhöht den Blutdruck. Der Stresslevel steigt, die Stresshormone sprudeln. Ein unruhiges Wort, das in Unruhe versetzt. Die Unruhe kann das umsetzen, sie kann so sein, wie sie heißt. Hier ist der Name Programm.

Unruhe.
Kein Sehnsuchtswort.
Ein Fluchtwort.
Man will nur weg von ihr. Weit weg. So weit, wie es irgend geht. Oder besser ein Fluchwort. Wer es über etwas oder jemanden ausspricht, verurteilt, etikettiert. Er benennt, weil er etwas erkannt hat, das nicht gut tut. Etwas, das belastet. Etwas, das stört, weil es belästigt.

Unruhe. Ein Wort, das juckt und kratzt. Ein Wort mit zwei Buchstaben zu viel. Zu viel von allem. Zu viel Lärm und zu viel Arbeit und zu viel Stress und zu viel Kraft und zu viel Leben.
Wer kann das auf Dauer ertragen?

Dabei brauchen wir sie, diese Unruhe. Wie das kleine Ding mit gleichem Namen in jeder Uhr, das unablässig hin und her schwingt. Ohne Pause gibt es den Takt vor. Die Unruhe hält in Bewegung und was sie noch bewegt, lebt. Unruhe ist Leben. Es ist lebendig sein. Atmen. Sich regen. Unser Herz schlägt im Takt, wie ein Pendel, wie die Unruhe. Vor und zurück. Unablässig.

Die Unruhe ist treu. Und selbst wenn sie nicht immer dieselbe ist, sondern in ganz und gar verschiedenen Arten, Spielweisen und Zuständen daherkommt, so ist sie doch immer ein Beleg für das Leben.
Wenn es niemanden gäbe, der sich an der Unruhe störte, dann wäre das nicht paradiesisch, sondern totenstill.

Frage: Welche Worte mit „Un“ kennen Sie?

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