Unfrieden

Unfrieden

Was ist Frieden? Ist es allein das Fehlen von Streit und Krieg? Oder gehört noch weniger dazu? Ja, ist Frieden Verzicht oder Überfluss? Fasten wir Gewalt, wenn wir Frieden halten oder lassen wir friedliches Handeln im Überfluss da sein?
Es ist eben so eine Sache mit dem Frieden und seinem Gegenwort, dem Unfrieden. Und daran, dass es so eine Sache damit ist, kann man schon merken, wie fragil und darum kostbar Frieden überhaupt ist. Er ist zumindest ganz sicher keine Selbstverständlichkeit. Insofern ist Frieden tatsächlich eher „Gewaltfasten“ und fließt weniger aus allen Bemühungen des Friedenschaffens. Um Frieden muss immer wieder gerungen werden (ein Kampfbegriff) und früher hieß es „Frieden schaffen ohne Waffen“. Das reimte sich, zeigte aber eben auch wiederum, dass Frieden doch eher die Abwesenheit von Gewalt und weniger die Anwesenheit von, zum Beispiel, Ruhe ist. Auch Waffen können schweigen, Frieden ist es deswegen noch lange nicht. Und Neid, Missgunst, Zwietracht und anderes desgleichen mehr, gibt es auch in Friedenszeiten. Wobei es natürlich auch im Krieg Orte der Ruhe, Gelassenheit und des friedlichen Miteinanders gibt. Man denke nur an den kurzen Weihnachtsfrieden von 1914. Wobei ja „Unfrieden“ der verneinte und nicht der geleugnete Frieden ist. Ihn zu leugnen wäre zu behaupten, es gäbe keinen Frieden. Dagegen aber sprechen alle menschlichen Erfahrungen, besonders im Europa der letzten 70 Jahre. Niemals zuvor gab es eine solange friedliche Zeit, wie zuletzt.
Den verneinten Frieden aber gibt es immer und sozusagen trotz allem Krieg, Streit und Hass. Und das ist der Unfrieden.
Es ist das Nicht-wahr-haben-wollen des Friedens. Es gründet im Nicht-gönnen, und es mündet im Nicht-gestatten oder Wegnehmen des Friedens. Wo Unfriede herrscht, muss es zwingend Krieg oder zumindest Streit geben. Bei seinem Kehrwort „Frieden“ ist das nicht zwangsläufig so der Fall. Darum scheint auch eher der Unfrieden der rote Faden der Menschheitsgeschichte zu sein und kann Frieden immer nur wieder überraschend auftauchen, bleibt aber doch zerbrechlich und darum flüchtig.
Frieden ist und bleibt eine Sehnsucht, die sich hier und da einmal für länger oder kürzer real manifestiert, zur Wirklichkeit wird und doch nicht dauerhaft bleiben kann. Unfrieden ist die Matrix auf der wir leben und in der wir um Frieden ringen. Frieden ist kostbar. Unfrieden ist inflationär.
So wirkt der Unfrieden als Normalzustand und der Frieden als Ausnahme. Er tut das so sehr, dass eben selbst der Frieden nur ohne Waffen herbeigesehnt werden kann. Ihn scheint es nur „ohne Krieg“ zu geben. Eine negative Definition ist aber eine schlechte Definition, weil sie zu wenig konstruktiv, lösungsorientiert ist und keinen Anreiz schafft.
Was braucht man also für den Frieden?
Wenn wir ein weiteres Wort hinzunehmen, könnten wir einen Schlüssel finden: Zufriedenheit und das Kehrwort „Unzufriedenheit“.
Anders als die Vorsilbe „Un“, kehrt die Vorsilbe „zu“ nichts um. Im Gegenteil, es verstärkt eher die eigentliche Bedeutung in dem es permanent als Adverb die Richtung angibt, zu der es hin möchte. Zufrieden meint damit die innere und äußere, also ganzheitliche Bewegung zum Frieden hin. Zufriedenheit ist darum kein Zustand, sondern eine Haltung. Es ist ein Sein, kein Haben. Und somit haben wir auch keinen Frieden, sondern allenfalls sind wir friedlich oder eben in Frieden miteinander. Und letztlich ist Frieden darum nicht die Abwesenheit von Streit und Krieg, sondern die beständige Hinwendung zum Frieden sich selbst gegenüber und dann auch zum anderen Menschen. Frieden ist die Haltung des Interesses am anderen Gegenstand oder Mensch, des Respektes, der Achtung und Toleranz. Frieden gibt Freiheit und Freiraum. Unfrieden dagegen schränkt ein und begrenzt. Darum beginnt der Frieden immer erst mit und bei sich selbst. Wir, ich und du, sind die Keimzelle des Friedens in unseren Häusern, Straßen, Nationen und der Welt. Wer zufrieden ist, mit sich und den anderen, auch mit seinen Umständen, braucht keinen Krieg, keinen Streit. Der Unfrieden bleibt aus.

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