Pessimist oder Optimist?

Predigt Jos 1 und Phil 1

Haben Sie schon einmal überlegt, was für ein Typ Mensch Sie eigentlich sind?
Sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch?
Sehen Sie eher ein halb leeres oder ein volles Glas? Schauen Sie eher zufrieden und fröhlich in die Zukunft oder eher dunkel und traurig oder gar missmutig und trist?

Das ist ja durchaus eine wichtige Frage, denn je nach Brille, die wir tragen, so sehen und so erleben wir auch die Welt. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, sagt man ja auch. Und nicht anders ist es mit unserem Wesen. Ein fröhlicher Mensch wird sich nicht schnell unterkriegen lassen. Wem Wolken den Blick vernebeln, dem ist alles grau in grau.

Es waren einmal zwei Brüder. Die glichen sich äußerlich wie ein Ei dem anderen, waren aber ansonsten grundverschieden. Der auffälligste Unterschied bestand darin, dass der eine zu jeder Stunde optimistisch und zuversichtlich war, und der andere immer schlecht gelaunt, miesepetrig und pessimistisch.
Am Geburtstag der beiden wagte der Vater der Zwillinge ein Experiment.
Er wartete, bis seine Söhne eingeschlafen waren. Nur um zu sehen, was passiert,
packte er das Zimmer des Pessimisten bis unter die Decke voll mit den schönsten Geschenken – mit Büchern, Spielzeug, Software und, und, und!
Dem Optimisten aber legte er nur einen stinkenden Pferdeapfel vor das Bett. Sonst nichts.
Am nächsten Morgen schaute der Vater zuerst ins Zimmer des Pessimisten.
Er fand ihn jammernd auf dem Boden sitzend, inmitten der ganzen wundervollen Geschenke.
Der Pessimist schluchzte: „Ich bin so unglücklich.
Erstens: weil meine Freunde neidisch sein werden;
zweitens: weil ich die ganzen Gebrauchsanleitungen lesen muss;
drittens: weil ich für die meisten dieser Spielsachen ständig neue Batterien brauchen werde;
und viertens: weil vieles davon kaputtgehen wird!“
Als der Vater dann das Zimmer des Optimisten betrat,
hüpfte dieser vor Freude in großen Sprüngen um den Pferdeapfel herum.
„Warum bist du so fröhlich“, fragte der Vater.
„Ganz einfach“, antwortete sein optimistischer Sohn, „irgendwo im Haus muss ein Pony sein!“

Haben wir Grund pessimistisch zu sein? Ja, haben wir bestimmt. Die Welt ist anders als noch vor wenigen Jahren. Ob sie allerdings auch besser ist, mag ich gar nicht entscheiden. Vieles von dem, was früher noch galt, gilt heute nicht mehr. Heute, so scheint ist, ist alles egal und alles möglich. Da gibt es kaum noch Grenzen oder Tabus. Unsere Welt und Gesellschaft war früher übersichtlicher, klarer und deutlicher abgegrenzt. Man wusste was gut und was böse war, was sich gehörte und was nicht. Heute ist das alles nicht mehr klar. Heute muss über alles erst neu diskutiert und sich verständigt werden. Heute ist alles im Fluss und im Wandel. Kaum etwas hat lange Bestand. Ehen nicht und Arbeitsplätze nicht und die Wirtschaft nicht. Und friedlicher ist es auch nicht geworden. Wir hören viel von Kriegen und Katastrophen und Terror und Attentaten. Und wie die Welt wohl in 10 Jahren aussehen wird? Oder in 20 oder 50 Jahren? Was wird sich verändern?
Keiner weiß es. Und die behaupten, es zu wissen, werden sich irren. Ganz sicher. Wer hätte denn vor 20 Jahren schon gewusst, ja geahnt, dass wir heute Handys haben, die glatt einen Computer ersetzen können? Wer hätte gedacht, dass 5jährige schon im Internet surfen?

Im Alten Testament gibt es einige Geschichten, die von Veränderungen erzählen. Und meistens kamen diese Veränderungen auch schneller als gedacht und genauso unvorgesehen, wie es bei uns heute der Fall ist. Zum Beispiel bei Josua: Nachdem Mose gestorben war, sprach der HERR zu Josua, Moses Diener: Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. (vgl. Jos 1)

20 Jahre zuvor hatte Josua nie im Leben daran gedacht, dass er einmal der Nachfolger von Mose sein sollte. Mose war ein Riese! Unerreichbar für jeden Nachfolger! Wie sollte Josua es schaffen, das Volk zu führen? Unmöglich. Wenn jemand Grund gehabt hatte, pessimistisch zu sein, dann sicher er.

Vor uns liegt kein so großer neuer Abschnitt im Leben wie vor Josua. Wir müssen kein Volk regieren. Wir dürfen froh sein, wenn der Tag einigermaßen glatt zu Ende geht. Ohne Unfälle. Ohne Zwischenfälle. Und doch stehen auch wir jeden Morgen vor neuen Herausforderungen.
Für manche ist schon das Aufstehen eine solche Herausforderung. Nicht zu fallen ist eine weitere. So gesund zu bleiben, wie man gerade ist. Langsam aber stetig die Dinge aus den Händen legen. Abschied nehmen immer wieder, von Freunden, Verwandten, Partnern, Bekannten. Den eigenen Abschied bedenken.
Ich habe in meinem Leben auch schon einige Menschen verloren. Liebe und geliebte Menschen. Ich kenne den Schmerz, den das mit sich bringt. Ich habe bereits einige Menschen begleitet, ich weiß von dem Gefühl, was es bedeutet, nicht mehr zu können, wie man gerne möchte. Und loslassen zu müssen. Jüngere, kräftigere müssen ran und man selbst muss sich helfen lassen immer mehr und mehr.
Da kann man pessimistisch werden. Verbittert sogar.
Und die Geschenke der Vergangenheit erfreuen nicht mehr, sondern sind längst vergangener Ballast und die Gegenwart wie ein Pferdeapfel – und was soll man auch jetzt noch mit einem Pony?

Über Josua stand ein wichtiges Wort. Ein starker Satz. Ohne diesen Zuspruch wäre er sicher nicht losgegangen. Ohne ihn hätte er sicher seinen Auftrag nicht angenommen.

„Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“ (Jos 1,9)

Bevor Mose starb hatte er Josua die Hände aufgelegt und ihn gesegnet. Auch wir werden heute Morgen gesegnet. Gott selbst will uns seinen Segen geben. Für die Vergangenheit, für die Gegenwart und für alles, was in der Zukunft kommt.
Und wir hören Gottes Zuspruch für unser Leben. Die Worte des Josua gelten auch uns.
Wir haben bestimmt eine Menge Grund pessimistisch zu sein. Aber wir brauchen nicht zu verzagen, nicht zu verbittern. Wir haben nämlich auch viel Grund dankbar zu sein. Wirklich richtig dankbar zu sein. Manchmal vergessen wir das. Dann nehmen wir unser Leben, unseren Alltag für selbstverständlich oder sehen nur noch das Negative.
Dankbarkeit aber kann uns froh und mutig machen.
Darum lassen Sie uns noch kurz auf Paulus hören. Der hat, finde ich, uns etwas Wichtiges zu sagen:
„Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich beim Beten an euch denke. Jedes Gebet für euch – für euch alle! – wird mir erneut zum Dank und erfüllt mich mit Freude: Dank und Freude, dass ihr euch so eifrig für die Gute Nachricht einsetzt, seit dem Tag, an dem ihr sie angenommen habt, und bis heute. Ich bin ganz sicher: Gott wird das gute Werk, das er bei euch angefangen hat, auch vollenden bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus kommt… Ich bete zu Gott, dass eure Liebe immer reicher wird an Einsicht und Verständnis. 10 Dann könnt ihr in jeder Lage entscheiden, was das Rechte ist, und werdet an dem Tag, an dem Christus Gericht hält, rein und ohne Fehler dastehen, 11 reich an guten Taten, die Jesus Christus zum Ruhm und zur Ehre Gottes durch euch gewirkt hat.“ (Phil 1,3-6+9)

Paulus saß im Gefängnis als er das hier schrieb. Er hatte allen Grund pessimistisch zu sein. Aber er wählte stattdessen die Dankbarkeit. Die Gemeinden und die einzelnen Christen machten ihm durchaus Probleme und Sorgen, aber er wählte die Dankbarkeit. Das richtete ihn in dieser wirklich gefährlichen Situation wieder auf und es stärkte außerdem die, an die er schrieb, eben hier die Gemeinde in Philippi.
Und so spricht er es ihnen zu: Ich danke für Euch und ich weiß, dass Gott bei Euch ist, Euch nicht allein lässt, an Euch und mit Euch arbeitet, damit Ihr immer mehr Liebe empfindet und leben könnt.
Lasst den Kopf nicht hängen. Gott ist bei Euch!

„Ich habe es dir geboten: sei getrost und unverzagt. Sei mutig und sei stark. Denn ich bin mit dir in allem, was passiert.“
So spricht Gott auch zu uns. Auch heute hier in dieser Kirche, in Ihren Alltag, in Ihre Sorgen, in Ihr Leben hinein.

Keiner von uns weiß, was die Zukunft bringt. Und ganz sicher wird sie anders, als wir es uns jetzt ausmalen. Und das ist auch gut so. Ich teile den Pessimismus unsere Gegenwart nicht. Wir leben, finde ich, in der besten aller Welten. Ich kann mir zumindest keine Zeit in der langen Menschheitsgeschichte denken, in der ich lieber leben würde.
Aber eines ist auch klar: niemand von uns ist allein oder verlassen. Uns allen ist Gott nahe, mit seiner Liebe, seinem Segen, seinem guten Wort.

Er begleitet uns und nimmt uns an die Hand. Er hilft uns bei den Herausforderungen unserer Tage. Seid getröstet, liebe Menschen.

Wenn Sie ohnehin eher Optimist sind, dann nehmen Sie doch dieses Wort an Josua als Ermutigung und Bekräftigung für sich selbst in Anspruch.
Wenn Sie eher ein Pessimist sind, dann lassen Sie diesen Zuspruch an Josua trotzdem an ihr Herz. Gott ist bei Ihnen. Er will Sie nicht allein gehen lassen. Er will Sie begleiten und leiten, wie das Volk Israel hinein ins gelobte Land.
Er hat damals sein Wort gehalten. Er wird es auch diesmal bei Ihnen und mir wieder tun.
Jesus, der für uns ans Kreuz gegangen ist und für uns den Tod besiegt hat, sagt: „Siehe, ich bin bei Euch, bis ans Ende der Welt.“ (Mt 28)

Amen.

Kommentare sind deaktiviert.