Große Steine im Glas

Predigt zu Mt 4,12-17

365 Tage liegen vor uns. Ja, ich weiß, jetzt noch genau 357. Eine Woche ist ja schon vergangen. Aber wir sind noch am Rand des Jahres. Es ist noch frisch. Noch neu. Man kann vielleicht auch sagen: Unbenutzt. Oder noch planbar und prägbar. Noch können wir überlegen, was wir mit diesem Jahr anfangen wollen. Was wir erleben oder schaffen möchten. Welche Reiseziele wollen sehen? Welche beruflichen oder persönlichen Ziele erreichen? Einen Berufsabschluss schaffen. Eine weitere Qualifikation erwerben. In die nächste Klasse versetzt werden. Mit der Mannschaft aufsteigen. Oder einfach dafür sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist, gesundheitlich oder mit den Kindern und dem Partner. Das wäre ja auch schon etwas.
Ist auch egal, was konkret, wir sind noch am Rand und haben noch die Möglichkeit, die Weichen entsprechend zu stellen.
Eigentlich ist es jetzt die spannendste Zeit. Denn an den Rändern geschehen die Veränderungen. Und an den Rändern, werden die wichtigen Entscheidungen getroffen. Wie bei Jesus damals.
Er war auch am Rande, damals als er ganz frisch eingestiegen ist in seine Berufung.

12 Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück. 13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali, 14 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1): 15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden, 16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.« 17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! (LUT 2017)

Damit sich die alttestamentlichen Erzählungen bewahrheiten, darum zieht Jesus an den Rand, ins Gebiet von Galiläa. Damit wir wissen, dass er voll und ganz auf dem Boden der alten Traditionen und Überlieferungen steht. Damit wir beruhigt sind und merken, dass er keiner ist, der einfach alles Alte und Bewährte umstürzt, sondern fest auf dem steht, was man damals für gut und richtig gehalten hat, darum zieht er an den Rand. Ins Galiläa der Heiden, wie es im Abschnitt heißt.
Aber wie gesagt, die Grenzbereiche sind immer besonders heikel. So auch hier. Jesus sagt damit nämlich gleichzeitig: Was jetzt kommt steht zwar auf dem Boden der Tradition, es ist nicht die Neuerfindung des Rades. Aber diesmal gilt es allen, nicht nur denen, die sich bisher für allein auserwählt gehalten haben. Ich beginne meine Arbeit, meine Berufung, mein Tun an den Rändern der Gesellschaft. Macht Euch also auf etwas gefasst. Denn ich erweitere die Grenzen und schließe ab jetzt die mit ein, die Ihr bisher immer außen vor gelassen habt!

So viel steckt in diesem kleinen Satz drin. Es ist weit mehr als nur eine Ortsangabe. Und weit mehr, als nur ein Satz, den man auch überlesen könnte. Es ist eine Programmansage und eine Provokation. Aber so ist das an den Rändern immer.
Auch an den Rändern unserer Gesellschaft. Da lauern ebenfalls die Provokationen. Wenn es um die Bundestagswahl geht in diesem Jahr. Werden die etablierten Parteien, die Rändern integrieren können? Oder erobern nur die Populisten diese Ränder? Und was ist mit den Rändern von Europa? Wie gehen wir mit unseren Grenzen um? Schließen? Öffnen? Oder einen Mittelweg gehen? Aber wie kann der aussehen?
An den Rändern geschehen die Veränderungen. Da tobt das Leben und dort werden die wichtigen Entscheidungen getroffen. Das war bei Jesus so. Das ist bei uns so. Ob politisch, national, in Europa oder bei mir und Dir, ganz privat und persönlich.
Wie stehen am Rand eines neuen Jahres. Jetzt haben wir noch die Chance, die Dinge zu entscheiden, die Weichen zu stellen, den Kalender zu belegen, dass es uns wohltut und gut geht.

Ein Philosophieprofessor stand vor seinen Studenten und hatte ein paar Dinge vor sich liegen. Als der Unterricht begann, nahm er ein großes leeres Glas und füllte es bis zum Rand mit großen Steinen.
Anschließend fragte er seine Studenten, ob das Glas voll sei. Alle stimmten ihm zu.
Nun holte der Professor eine Schachtel mit Kieselsteinen hervor, schüttete die Steine vorsichtig in das Glas und schüttelte es leicht. Die kleinen Kieselsteine rollten in die Zwischenräume der größeren Steine. Dann blickte der Professor in die Runde und fragte seine Studenten erneut, ob das Glas jetzt voll sei. Sie lachten und stimmten ihm zu.
Der Professor seinerseits nahm eine Schachtel mit Sand und ließ den Inhalt in das Glas rieseln. Natürlich füllte der Sand auch die letzten Zwischenräume im Glas aus.
„Meine Damen und Herren!“, sagte der Professor zu seinen Studenten.
„Ich möchte, dass Sie erkennen, dass dieses Glas wie Ihr Leben ist! Die Steine sind die wichtigen Dinge im Leben: Ihr Lebensziel, das Sie nie aus den Augen verlieren sollen, ihre Familie vielleicht, Ihre Kinder, auch Ihre Gesundheit, ihr Glaube; Dinge also, die, wenn alles andere wegfiele und nur sie übrig blieben, ihr Leben immer noch erfüllen würden.
Die Kieselsteine sind andere, etwas weniger wichtige Dinge, wie z.B. Ihre Arbeit, Ihre Wohnung, Ihr Haus oder dergleichen.
Der Sand schließlich symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. –
Wenn Sie den Sand zuerst in das Glas füllen, bleibt kein Raum mehr für die Kieselsteine oder die großen Steine. So ist es auch in Ihrem Leben: Wenn Sie all ihre Energie für die kleinen Dinge in ihrem Leben aufwenden, fehlt sie Ihnen für die großen. Achten Sie daher auf die wichtigen Dinge und nehmen Sie sich Zeit dafür.
Es wird daneben noch genug Zeit bleiben für so manches Angenehme aber weniger Wichtige. Achten Sie zuerst auf die großen Steine – sie sind es, die wirklich zählen. Der Rest ist nur Sand.“

„…das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.« Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 4,16-17)

Wir haben Weihnachten gefeiert. Gottes Geburt auf Erden. In diesem kleinen Baby Jesus, in diesem erwachsenen Mann Jesus haben die Menschen Gott erkannt. „Du musst der versprochene Retter, der Messias sein, keiner kann sonst solche Dinge tun und sagen, wie du sie tust und sagst.“ (vgl. Joh 3). So haben die Menschen bekannt. Weil sie berührt waren. Begeistert. Angetan. Verändert.
Die bloße Aussage dieses Jesus: Dir sind Deine Sünden vergeben, wurde für die Menschen zum dicken Stein, den sie zuerst ins Glas ihres Lebens, ins Glas ihres neuen Jahres gelegt haben.
Wenn mir meine Sünden tatsächlich vergeben sind, was tue ich dann als erstes? Was ist dann jetzt dran? Welchen nächsten Schritt kann, ja muss ich dann jetzt gehen?
Wenn Gott mich wirklich liebt, wie dieser Jesus sagt, was macht das in meinem Leben anders? Wie schaue ich dann mich selbst an? Und die anderen Menschen?
Wie schaue ich dann meine Probleme und Herausforderungen an? Und welche Lösungen kann ich aus diesem Zuspruch entwickeln? Wenn Jesus doch sagt, dass Gott bei mir ist.
Mit welcher Brille schaue ich jetzt mein Leben an? Meine Schmerzen? Meine Sorgen? Meine Angst?
Gott will mir Kraft geben. So sagt es Jesus. Was kann ich daraus für mich mitnehmen? Wie reagiere ich dann in Momenten, wo ich mich schwach und hilflos fühle?
Und wenn Jesus überzeugt ist, dass Beten etwas nützt und selbst betet und die Stille sucht, was kann ich daraus für mich mitnehmen?

Tut Buße!
Leider übersetzt die hier zitierte Lutherbibel 2017 das Wort „metaneuia“ in V. 17 mit „Tut Buße“. Besser wäre es mit „Kehrt um!“ übersetzt. Beides erscheint sehr ähnlich, doch sind die Blick- oder besser Stoßrichtungen beider Worte unterschiedlich. Die beiden haben eine andere Zukunftsperspektive.
Während „Tut Buße“ bei der Betrachtung des eigenen bleibt, der (eigenen) Schuld zum Beispiel, schaut „Kehrt um“ in die entgegengesetzte Richtung. Dorthin, von wo das Heil und der heilsame Ruf der Umkehr herkommt. „Kehrt um“ meint den Richtungswechsel im Leben. Nicht mehr weitergehen in der bisherigen Spur und Richtung, sondern zu dem hin, der die Zukunft in Händen hält und in Liebe uns entgegen läuft: Jesus.
Wir schauen auf ihn und nicht mehr auf unsere Schuld. Paulus schreibt: Ich vergesse, was da hinten ist und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt.
Das ist wichtig auch für uns. Nicht betrübt stehen bleiben, sondern mit der Kraft der Vergebung, der Hoffnung auf bessere Zeiten, dem Mut der Auferstehung fröhlich, trotzig, selbstbewusst und mit erhobenem Haupt den neuen Tagen dieses neuen Jahres entgegen. Jeden einzelnen Tag aus Gott leben.

Kehrt also um und vertraut der guten Nachricht von Gottes Liebe/Gnade/Treue.

Vertraut dem Gott, der gesagt hat: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36,26 (E) Jahreslosung 2017)

Das sind die Steine für Ihr Lebensglas. Diese tut zuerst hinein.
Jetzt ist dazu noch Zeit. Jetzt am Rande dieses neuen Jahres.
Es lohnt sich, denn an den Rändern geschieht das Wachstum und vom Rand kann sich neues ausbreiten. Auch in Ihnen. Auch bei Ihnen. Auch in Ihrem Jahr 2017.

Amen.

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