Der Unmensch

Gibt es ein schlimmeres Urteil über einen Menschen, als wenn man ihn „Unmensch“ nennt? Die Vorsilbe „Un“ nimmt weg, dreht um, verneint. Bezogen auf einen Menschen bedeutet das: Dieser Mensch ist keiner mehr. Vielleicht war er auch nie ein Mensch. Auf jeden Fall ist er oder sie jetzt keiner mehr. Seine Tat, oder ihre, seine Gedanken, oder ihre, das, was er oder sie nicht getan, unterlassen und versäumt hat, kehrt ihn um und verneint ist. Es macht aus einem Menschen einen Unmenschen. Einen, der oder die keiner oder keine mehr ist.
Ein Unmensch ist ein Ausgestoßener. Ein Unmensch gehört nicht mehr dazu. Das, was allen anderen eigen ist an Würde, Wert und Rang, dem Unmensch ist all das abhandengekommen. Manchmal reicht schon eine einzelne Tat, um ein Unmensch zu werden.
Aber es muss eine Tat sein, die über alles Verstehen hinausgeht. Etwas, was man sich allgemein nicht vorstellen kann, dass es dafür Gründe – gute oder schlechte – gibt. Es muss eine sinnlose Tat sein, die wenn auch intelligent durchdacht, dennoch nicht verstehbar ist. Etwas, das in seinem jeweiligen Kontext an Größe, Wucht und Brutalität nicht mehr zu steigern wäre.
Wer solches tut, der macht sich selbst vom Menschen zum Unmenschen. Der wird ein „Nicht-Mensch“, weil er nicht menschlich gehandelt hat. Er oder sie war oder ist „inhuman“.
Dabei wird natürlich vorausgesetzt, dass der Mensch an etwas erkannt werden kann und der Unmensch folglich an genau dem Gegenteil. Der Unmensch wird an Verbrechen, Zerstörung, Hass und Gewalt erkannt. Der Unmensch vergießt Blut. Er baut Mauern und Zäune, reißt Wunden auf und Respekt ein.
Der Mensch hingegen tut das andere. Er oder sie heilt die Wunden und reißt Grenzen nieder. Er oder sie führt zusammen und baut auf. Das Recht leitet sein Handeln. Gegenseitige Achtung, würdevolles Verhalten, Rücksicht und Sanftmut sind wesentliche Eigenschaften.

Doch ganz stimmt das nicht. Auch der Mensch kann unmenschlich handeln. Und auch der Unmensch will etwas aufbauen, verfolgt ein Ziel und sieht selbst einen Sinn.
Vielleicht sind sich beide näher als sie denken. Nicht als Brüder, Schwestern im Geiste. Aber doch als jeweiliges Angstbild vor dem inneren Auge.
Der Mensch weiß von seinen Abgründen. Der Unmensch kennt seine Sehnsüchte.
Der Mensch erfährt, wie ihm seine Hand entgleitet. Der Unmensch verbindet seinen verletzten Kameraden.
Und während der Mensch versucht, den Unmenschen auf Abstand zu halten, versucht der Unmensch sich immer wieder dem Menschen anzunähern. Merkwürdig, nicht wahr? Aber so ist es doch. Der Mensch kann vielleicht ohne den Unmenschen leben, aber der Unmensch niemals ohne den Menschen. Er braucht ihn schon allein als Objekt und Ziel seines Hasses, der wahnwitzigen Tat, die den Menschen eben zum Unmensch verkommen lässt.
Wir sind aufeinander bezogen. Ob wir Menschen es wollen, oder nicht.

In uns allen lebt sowohl das eine wie das andere. Mensch und Unmensch, manchmal sind sie nur eine Haaresbreite voneinander entfernt. Es liegt an uns, wen wir nähren, wem wir Platz geben, Raum zur Entfaltung, zur Aktion, zum Kampf. Wer darf sich wann zeigen? Wer darf wie aus seiner Deckung heraus treten und aktiv werden? Wer darf stärker werden als der andere und die Oberhand behalten?
Sich selbst sieht der Unmensch immer nur als Mensch. Ein Mensch, wie alle anderen. Einer, wie jeder. Das ist unsere Chance und Mahnung zugleich.

Ähnliche Worte sind Unrecht, Untier und Unkraut.

Frage: Welche Worte mit “Un” kennen Sie?

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