Himmelfahrt – Wenn Besuch stinkt

Predigt zu Joh 17,20-26 – Himmelfahrt

Wenn wir früher Besuch bekamen, freuten wir uns immer. Besuch, das war immer eine feine Sache. Meistens fiel für uns Kinder auch etwas ab, ein kleines Mitbringsel. Eine Packung Schokoküsse oder eine Tüte Gummibärchen. So war schon der Anfang ganz gut und die gemeinsame Zeit schön. Wenn dann Besuch aber wieder fuhr, waren wir auch nicht wirklich traurig und manchmal rutschte es einem beim Nachwinken lächelnd aus dem Mund: „Gäste sind wie Fisch. Nach drei Tagen stinken sie.“

Jesus war nun schon seit Ostern viel länger als drei Tage bei seinen Jüngern gewesen, den Männern und Frauen die ihm folgten. Ein Dauergast, sozusagen. Und wir erinnern uns, wie sich die Jünger zuerst gefürchtet und dann gefreut hatten als Jesus zu ihnen wiedergekommen war, auferstanden aus dem Grab, zurück aus dem Reich des Todes, neu lebendig, ganz anders als vorher und doch derselbe. Gemeinsam hatten sie gefeiert und gegessen und getrunken und sich die neusten Neuigkeiten erzählt. Wie man das eben so macht, wenn man zu Besuch ist oder Besuch empfängt. „Jesus, wie lebt es sich als Auferstandener?“, so fragten die Jünger. „Bist du ein Geist, ein Gespenst?“ Und: „Darf ich dich mal anfassen?“ Und Jesus musste viel erklären und sich zeigen und mit ihnen die Heiligen Schriften durchgehen, damit die Jünger wenigstens im Ansatz begriffen, was hier zwischen Karfreitag und Ostersonntag geschehen war. Und dann war es scheinbar genug.
Am 40. Tag nach Ostern reichte es anscheinend. Denn:
„Darauf führte Jesus sie aus der Stadt hinaus nach Betanien. Dort erhob er die Hände, um sie zu segnen. Und während er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und wurde zum Himmel emporgehoben. Sie aber warfen sich vor ihm nieder. Dann kehrten sie voller Freude nach Jerusalem zurück. Sie verbrachten ihre ganze Zeit im Tempel und priesen Gott.“ (Lk 24,50-53)

In der Apostelgeschichte erzählt derselbe Lukas diese Begebenheit ein wenig anders. Dort kehrt die Jünger-Gruppe nach der Himmelfahrt ins Haus zurück, in dem sie schon Abendmahl gefeiert hatten und blieb auch dort bis Pfingsten. Aber vielleicht taten sie auch beides. Vielleicht liefen sie zuerst zum Tempel und lobten Gott, bis sie dann nach Hause gingen und dort unter sich blieben, um einen Nachfolger für den ja verstorbenen Judas zu wählen.
Egal, die Unterschiede sollen uns jetzt nicht weiter beschäftigten. Wichtig und auffallend ist doch auch vielmehr, dass an keiner Stelle davon berichtet wird, dass die Jünger traurig waren, dass Jesus nun nicht mehr sichtbar unter ihnen war.
Oder kurz gesagt: Jesus war weg und die Jünger „kehrten voller Freude nach Jerusalem zurück.“ Der „Fisch“ muss arg gerochen haben. Oder?

Also, was war da los? Warum waren die Jünger nicht traurig? Immerhin war Jesus ihr Herr und Meister. Der große Lehrer. Mit ihm waren sie durch die Lande gezogen und hatten Unglaubliches gemeinsam erlebt.
Ich hätte mir gewünscht, dass er bei mir bleibt und nicht weggeht. Dass er an meiner Seite bleibt und meine Hand hält, wenn es dunkel wird. Mal ehrlich, Sie nicht auch?
Was macht es, dass die Jünger so fröhlich sind? Vielleicht das Versprechen, dass der Heilige Geist kommen wird? Aber keiner wusste wann es soweit sein würde. Ein Termin war nicht vereinbart. Also?
Jesus sagt im Johannesevangelium:
20 Ich bete nicht nur für sie, sondern auch für alle, die durch ihr Wort von mir hören und zum Glauben an mich kommen werden.
21 Ich bete darum, dass sie alle eins seien, so wie du in mir bist, Vater, und ich in dir. So wie wir sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.
22 Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, so wie du und ich.
23 Ich lebe in ihnen und du lebst in mir; so sollen auch sie vollkommen eins sein, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass du sie ebenso liebst wie mich.
24 Vater, du hast sie mir gegeben, und ich will, dass sie mit mir dort sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon liebtest, bevor die Welt geschaffen wurde.
25 Vater, du bist gerecht. Die Welt hat dich nicht erkannt; aber ich kenne dich, und diese hier haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
26 Ich habe ihnen gezeigt, wer du bist, und werde es weiter tun. So wird die Liebe, die du zu mir hast, auch sie erfüllen und ich werde in ihnen leben.« (Joh 17)

Die Auferstehung war ein großes Ereignis. Und nicht ohne Grund ist Ostern auch bis heute, auch für uns, das größte aller christlichen Feste. Damit, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hatte, bestätigte sich, dass Jesus tatsächlich Gottes Sohn, Gott selbst war. Gott in Menschengestalt. Nicht ein religiöser Spinner. Nicht ein neuer und vielleicht noch mächtigerer Prophet. Kein neuer Mose, kein neuer Elia. In Jesus sprach, handelte und wirkte Gott selbst, vollkommen und zu einhundert Prozent. Jede Vergebung, die Jesus zugesprochen hatte, war Gottes Vergebung. Jede Heilung war nicht Ausdruck dunkler Mächte, so wurde ja auch vermutet, sondern Gottes heilende, lindernde Tat. Ein Ausdruck seiner Liebe und Gnade.
Selbst als Jesus die Gebote Gottes missachtete und am heiligen Sabbat Menschen heilte und durch die Felder ging und Ähren rupfte, war es Gott selbst, der das tat.
Und jetzt an Himmelfahrt wurde diese Einheit Gottes mit Jesus wieder „körperlich“, „kraftmäßig“ hergestellt.
„Warum steht ihr noch hier und schaut nach oben?“, so fragen die Engel die Jünger, die immer noch fasziniert in die Wolken starren. Aber Jesus ist nicht in den Himmel hochgefahren, um jetzt zwischen den Satelliten zu kreisen. Wir sagen im Glaubensbekenntnis ja auch nicht: „aufgefahren in den Himmel, er sitzt auf Wolke 7“. Sondern: „aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur rechten Gottes“.
Himmelfahrt bedeutet, Jesus ist in den Machtbereich Gottes zurückkehrt und überstrahlt, überspannt nun die ganze Welt. Nicht nur Jerusalem, nicht nur Israel, sondern „bis ans äußerste Ende der Erde.“ (Apg 1)
Weil Himmelfahrt war, ist jeder Winkel der Welt von Gott durchdrungen und mit seiner Liebe erhellt.
Weil Himmelfahrt war, gibt es keinen gottverlassenen Ort mehr.
Weil Himmelfahrt war, ist Gott immer und überall und alles in allem.

So verschränkt und mit sich selbst verwoben, die Worte im Abschnitt aus dem Johannesevangelium sind, so sehr miteinander und mit Gott sind auch wir verwoben und verschränkt. Wir sind Teil der Einheit Gottes.
„Ich bete darum, dass sie alle eins seien, so wie du in mir bist, Vater, und ich in dir. So wie wir sollen auch sie in uns eins sein“ (V. 21)
Wir gehören dazu. Wir sind „Gottes Hausgenossen“! (Eph 2,19) Wir wohnen mit ihm sozusagen unter einem Dach, sein Himmel ist über uns weit und offen und frei gespannt.
Und damit wird auch allen anderen Mächten, die von uns vielleicht etwas wollen, gleich eine Absage erteilt. Wir stehen unter Gottes Schirm und er ist Schutz und Schild. Wenn wir mit Gott vereint sind, hat nichts Böses, kein Schicksal, keine fremde Macht und kein fremder Machthaber Gewalt über uns. Wir sind Gott in die Hände gegeben, und nicht einer Krankheit, einem Fluch, einem Etikett oder sonst etwas Negativem. Befehl und Gehorsam – im letzten Sinne gibt es das für uns nur Gott gegenüber. Und Gott ist gut und großzügig und gnädig und es ist nichts Böses an ihm.
Darum vertrau ihm. Stell dich unter seinen Schutz. Lass dich von ihm beschirmen und segnen und tritt in seinen Machtbereich, du bist ein Teil Gottes. Und Gott will dich stark und sicher und hoffnungsvoll und mutig und selbstbewusst machen.
Und das macht fröhlich und darum waren die Jünger trotz des Weggangs von Jesus fröhlich und lobten Gott. Nicht weil der Fisch nach drei Tagen stinkt, sondern weil sich Gottes großer mächtiger Schirm über diese Welt geöffnet hat und wir eintreten dürfen, spürbar in Gottes Macht und Herrlichkeit, in seinem Stück vom Himmel hier auf Erden.

Ein letzter Punkt:

Jesus sagt:
23 Ich lebe in ihnen und du, Vater, lebst in mir; so sollen auch sie vollkommen eins sein, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass du sie ebenso liebst wie mich.

Es brauchte noch den Heiligen Geist an Pfingsten, bis die Jünger-Gruppe mutig genug war, um ihr Haus zu verlassen und die gute Nachricht von Jesus weltweit zu verkündigen. Aber hier, in diesen Worten von Jesus lesen wir schon die ersten Ankündigungen dazu.
Liebe, Einheit, Kraft und Schutz und Schirm, Himmel und Herrlichkeit – all das sind keine Begriffe nur für die Jünger allein. Und sie sind nicht nur für uns allein da.
Sondern all das ist uns geschenkt, damit wir es reichlich unter die Menschen bringen, „damit die Welt erkennt, dass der Vater den Sohn gesandt hat und die Welt ebenso geliebt ist, wie der Sohn vom Vater geliebt wird.“
Darum geht es. Die Jünger und mit ihnen auch wir, sollen ermutigt werden, tatkräftig und wortweise die Liebe Gottes zur Welt, zu seinen Menschen, zu seiner Schöpfung, zu bezeugen und zu verbreiten. Damit noch mehr Menschen in den Genuss dieser Liebe kommen, damit noch mehr Menschen erfahren, an Körper, Seele und Geist, dass sie geliebte Menschen sind, aufgerichtet und vergeben, erfüllt von Hoffnung und beseelt von Gottes Kraft.
Jesus geht in den Himmel zurück. Und jetzt sind wir gefragt. Wir alle miteinander, seinen Anfang von einer neuen, besseren befreiten, begnadeten Welt weiterzuführen, weiterzuleben und weiterzusagen. So gut, wie wir nur können.
Wo sind die Menschen, die andere entlasten? Wo, die anderen vergeben? Wo, die ein Opfer bringen mögen und gerne geben? Wo die Vorbilder und Vorleber? Die, die andere mitnehmen, ihren Glauben öffnen und anderen zeigen, wie es gehen kann?
Weil wir Geliebte sind, lasst uns lieben. Weil wir Erlöste sind, lasst uns nicht nachtragen. Weil wir Befreite sind, lasst uns befreien und lösen und erlösen und die Lasten teilen und gemeinsam tragen. Weil wir Gesegnete sind, lasst uns ein Segen sein.
Das ist Himmelfahrt.
Das ist gut für uns. Und besser für die Welt und die Menschen um uns herum.

Weihnachten feiern wir die Menschwerdung Gottes. Karfreitag, die tiefste Liebe und dichteste Nähe Gottes zu uns. Ostern die Bestätigung, dass dieser Jesus, der geboren wird und stirbt, das alles tatsächlich im Namen und Auftrag Gottes des Vaters tut und dieser Jesus tatsächlich Gott ist. Himmelfahrt feiern wir die Rückkehr dieses Jesus in den Machtbereich Gottes, also Weihnachten andersrum. Und Pfingsten kommt dann noch einmal der Heilige Geist als Gottes Kraft hier auf Erden in den Blick, die gleichzeitig die alles verbindende Kraft der Liebe ist und Gottes Auftrag an uns und Ausrüstung für uns zur Nächstenliebe und zum gerechten Handeln. So feiern wir Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, Trinitatis.

Wie gut, dass wir diese Feste haben. „…damit die Welt glaubt…“ (V.21).
Amen.

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