Wie wir durch Neubewertung dem Stress entkommen

Stress – das sind viele Termine und eine hohe Arbeitsbelastung. Stress – das sind aber auch ständige Schmerzen oder anhaltende Trauer. Und für manche ist Stress ein anderes Wort für Angst oder Sorge. Allen gemeinsam ist oft das Gefühl, einer Situation, einem Zustand hilflos ausgeliefert zu sein. Innerlich steigt der Stresspegel während man sich äußerlich wie in Ketten gefesselt erlebt. „Da kann man nichts machen“, sagen viele dann. Oder „da muss ich jetzt durch“. Wir würden gerne etwas ändern, haben aber das Gefühl, dass es unmöglich ist. Wir fühlen uns ohnmächtig, ausgeliefert und reagieren nur noch, statt eigene Entscheidungen bewusst zu treffen. Statt selbst und aktiv zu leben, lassen wir die Situation, die Zeit, den Lebensabschnitt oder das Leben an sich einfach über uns ergehen. „Man kann ja schließlich sowieso nicht machen!“
Doch das stimmt eigentlich nicht ganz.

Albert Ellis (1913-2007) war ein amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut.
Ellis erkannte, dass der Stress einer Situation, eines Erlebnisses oder einer Körperempfindung häufig von unserer Bewertung abhängig ist. Das bedeutet, ob etwas für uns mit Stress belastet ist, liegt oft wesentlich daran, wie wir dieses Erlebnis, diese Situation bewerten.
Um diesen Bewertungen und damit dem Stress auf die Spur zu kommen, entwickelte Ellis das sogenannte ABC-Modell.

Dabei stehen die Buchstaben für folgende Annahmen:
A (Activating Event) ist der Auslöser, der Reiz, das Erlebnis.
B (Beliefs) ist die Art und Weise, wie wir A bewerten oder was wir über A denken.
C (Consequence) ist die Konsequenz aus B. Das kann ein Verhalten (z.B. Kampf oder Flucht) sein, aber auch ein Gefühl (z.B. Angst oder Sorge) oder eine Körperreaktion (z.B. Zittern, Schwitzen).

Ob uns ein Erlebnis also in Stress versetzt oder nicht, liegt vor allem nach Ellis an unser eigenen Bewertung dieser Situation. Es liegt daran, wie wir diese Situation sehen bzw. welche Einstellung wir dazu einnehmen.

Hier ein Beispiel:
Sie müssen mit dem Flugzeug fliegen (A).
Sie befürchten, dass das Flugzeug mit Ihnen abstürzen könnte (B).
Und Sie bemerken, wie Ihr Herz schneller schlägt, Sie unruhig und nervös werden und den Wunsch verspüren, diesen Flug zu vermeiden (C). Stress entsteht.

Um den Stress zu reduzieren, ist es nun hilfreich, die Ausgangslage anders zu bewerten. In B liegt sozusagen der Schlüssel zu einem stressfreieren Leben (in dieser Situation).
Würden Sie nun eine andere Bewertung (B) vornehmen, hätte dies auch eine andere Konsequenz zur Folge (ein anderes „C“). Wenn wir uns also in diesem Beispiel klar machen, dass die meisten Flugzeuge nicht abstürzen, dass andere Menschen diese Flugangst nicht haben und vielleicht auch bei bisherigen Flügen alles gut ging, dann können wir zu einer anderen Bewertung unserer gegenwärtigen Situation kommen. Wir ändern unsere Einstellung, überdenken uns und unsere Situation, und bemerken, wie unser Herz wieder langsamer schlägt und der Stresspegel sinkt.
Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Die alten Muster haben sich ja meistens tief in uns eingeprägt und es gelingt nur langsam, eine neue Bewertung einzuüben. Aber mit der Zeit schaffen wir es und spüren dabei, wie der Stress sich langsam aber sicher auflöst, weniger wird und mehr und mehr verschwindet.

Natürlich könnte man in unserem Beispiel auch einfach die Situation ändern, also den Auslöser wechseln und statt des Flugzeugs eben ein Schiff nehmen oder wenn möglich das Auto. Nur leider geht es nicht immer so leicht. Manchmal stecken wir richtig in der Zwickmühle und wir sehen keine Auswege. Da kann das Ändern und Hinterfragen unserer Bewertungen neue Türen öffnen, die wir im Stress gar nicht gesehen haben.

Aber was ist, wenn wir weder „A“ noch „B“ ändern können? Wenn kein Schiff und kein Auto fährt und es uns einfach nicht gelingen will, diese Situation anders zu bewerten?

Auch dann sind wir nicht hilflos. Denn dann können wir versuchen, den Stress zu bewältigen, indem wir uns anders verhalten. Wir versuchen dann also unser „C“ anzupassen. Dies kann zum Beispiel durch eine entspannende Atemtechnik oder mit einer Achtsamen Übung geschehen. Meditation, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung usw… helfen effektiv dabei.
Wir sind dem Stress nicht hilflos ausgeliefert! Wir haben eine ganze Reihe an Möglichkeiten, aktiv dem Stress zu begegnen. Manchmal hilft ja schon allein dieser Zuspruch, um den Stress zu reduzieren.

Das Geheimnis zur effektiven und hilfreichen Stressreduzierung liegt aber vor allem darin, unsere Bewertungen der Stressauslöser zu verändern. Unser „B“ ist der Türöffner zu einem selbstbestimmten und stressfreieren Leben. Wenn wir lernen, hier flexibler zu werden, dann hat der Stress bald keine Chance mehr, uns zu lähmen und unsere Kraft zu rauben.

Es ist eben doch so:
„Nicht die Dinge selbst beunruhigen den Menschen, sondern die Meinungen und die Urteile über die Dinge.“ – Epiktet (50-138 n.Chr.)

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