Mit Christus zu mehr Leben

Predigt zu Phil 3,7-11

Mein Name ist Achim Blackstein. Ich wohne ihn Neuenkirchen. Bin verheiratet, habe drei Kinder. Alles Jungs. Ich bin ungefähr 194cm groß. Relativ schlank. Fast 44 Jahre alt. Und habe Theologie studiert und Philosophie. Ich bin von Beruf Pastor, außerdem arbeite ich als systemischer Coach und Entspannungspädagoge. Ich fahre einen Skoda Yeti mit Anhängerkupplung. Ich lerne gerne Neues dazu. Meine Hobbies sind darum Lesen und Forschen. Ich mag Winter lieber als Sommer und bin gerne im Wald unterwegs. Und meine Lieblingsfarbe ist blau. Wobei ich auch grün sehr mag. Außerdem mag ich die Weite der Norddeutschen Tiefebene und Hähnchen mit Reis und Apfelmus.

Das bin ich. Und wer sind Sie?

Nicht immer fällt eine Vorstellung so ausführlich aus. Meistens sagen wir unseren Namen. Dann beantworten wir ein paar Fragen: Und was machst Du so? Hast Du Familie? Wo kommst Du her?
Aber egal, wie wir uns vorstellen, oder vorgestellt werden, wir legen schon Wert darauf, wer wir so sind und dass wir einen möglichst guten Eindruck machen.
Darum stehen wir morgens vor dem Spiegel und machen uns zurecht. Manche brauchen da länger als andere, aber wir verlassen das Haus eigentlich erst, wenn wir mit uns einigermaßen zufrieden sind.

Sind Sie mit sich zufrieden?
Das ist gar nicht so eine einfache Frage. Und es gibt wenige Menschen, die diese Frage klar und schlicht mit einem einzigen Wort beantworten können. Ja oder Nein.
Die meisten antworten wohl mit einem wackeligen „Sowohl als auch“.
Ja, bin zufrieden, aber… Nein, bin nicht zufrieden, obwohl ganz so schlimm ist es auch nicht…
Manche knabbern an einer Antwort ihr Leben lang. Sie finden sich zu dick oder zu dünn. Zu faltig oder zu glatt. Die Haare sind zu grau oder liegen nie richtig. Die Vergangenheit könnte mehr schöne Erinnerungen beinhalten und die Zukunft leichter und unbeschwerter sein.
Mit den Schönen und Reichen in den Medien kommen wir zumindest nicht mit. Mit solchen, denen scheinbar alles gelingt.
Wollen wir ja vielleicht auch gar nicht.
Aber wir wollen schon jemand sein! Wir wollen geachtet und beachtet werden.
Wir wollen zufrieden sein mit uns und unserem Leben und das bedeutet meistens, dass wir erfolgreich sein wollen und ein Auskommen haben möchten. Ein guter Beruf gehört dazu mit dem wir unsere Familie ernähren können und der uns vielleicht sogar Ansehen in der Gesellschaft verspricht. Ich meine, auch als Einbrecher könnte man eventuell seine Familie ernähren, aber gesellschaftliche Anerkennung würden wir dafür nicht gerade erhalten.
Also suchen wir uns das, was zu uns passt und gleichzeitig von anderen akzeptiert wird. Und dann beginnen wir den Weg, den wir landläufig als Karriere bezeichnen und bauen uns ein gutes Leben. Klingt eigentlich alles ganz normal, ganz harmlos.
Vielleicht bekommen wir Kinder, vielleicht bauen wir ein Haus. Vielleicht haben wir Hobbies und Vereine, Freunde und Nachbarn – das wäre doch von Vorteil.
Aber Paulus, der Apostel, sagt dazu dieses:

Dies alles, was mir früher als Vorteil erschien, habe ich durch Christus als Nachteil erkannt. 8 Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert. 9 Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen. Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat. 10 Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus: Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod, 11 hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.

Das sind ziemlich harte Worte, die Paulus da so scheinbar leichtfüßig an die Gemeindemitglieder in der griechischen Stadt Philippi schreibt. Philipperbrief 3,7-11.
In den Versen vorher stellt er sich den Lesern bereits genauer vor, zählt einige Stationen seines Lebenslaufes auf und dann nimmt er das alles, sein ganzes Lebenshaus, seine Karriere, all das, was ihm in die Wiege gelegt wurde und was er erreicht hatte und was bei den Menschen damals mit Hochachtung und Respekt betrachtet wurde und reißt es mit einem Satz wieder ein, macht alles kaputt.
Haben Sie seine Worte noch im Ohr?
„Durch Christus hat für mich das alles seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck.“
Und er meint damit wirklich „Dreck, Mist, Abfall“.
Familiäre Herkunft, jahrelange Arbeit, Anstrengung, Blut, Schweiß und Tränen – jetzt ist das alles nur noch Dreck für ihn.
Und Paulus schreibt weiter: Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.

Es wirkt fast so, als wenn Paulus sich in kurzer Zeit radikalisiert hat. Eben war noch alles gut und normal. Das Leben ging seinen Gang, wie bei allen anderen auch, doch plötzlich ist da nur noch religiöser Fanatismus und das normale, gutbürgerliche Leben ist nur noch ein Haufen Mist. Oder?
Was denken Sie zu diesem Paulus Satz?
Hat Paulus hier eine Menge Porzellan zerschlagen? Schießt er weit über das Ziel hinaus? Oder hat er im Gegenteil sein Leben ganz gut, ganz anders, ganz tragfähig, neu gegründet?

Paulus deutet das hier mit seinen Worten nur an, aber aus seinem Leben wissen wir, wie er mit allem was er tat, versucht hat, vor allem bei Gott, aber auch bei den Menschen gut dazustehen. Er wollte alles richtig machen. Er wollte vor allem Gottes Gesetz befolgen. Er wollte unbedingt die Anerkennung von Gott und den Menschen. Er hatte das Gefühl, ja die Angst, wenn „ich es nicht schaffe, diese Anerkennung zu erhalten, dann ist mein Leben verpfuscht und alle Tage wären umsonst gewesen“. Also strengte er sich umso mehr an, es fehlerfrei hinzukriegen, es gut zu machen, es nach Plan und Anweisung zu machen. Und so hoffte er, dass am Ende auf seinem Sterbebett und danach im Himmel, die Menschen und schließlich Gott selbst sagen würde: „Gut gemacht, Paulus! Dein Leben hat sich gelohnt!“

Wann hat sich eigentlich unser Leben gelohnt? Ab wann können wir beruhigt leben und erst Recht beruhigt sterben? Wann dürfen wir ruhigen Gewissens zufrieden sein mit uns und dem, was wir erreicht haben? Wann haben wir genug geschafft? Und was machen wir mit all den Fehlern, die uns passieren? Mit der Schuld, die wir unweigerlich auf uns laden? Mit den dunklen Flecken auf unserer weißen Weste, die jeder hat, die aber nicht heller werden, nur weil sie jeder hat?

Die meisten Menschen erwarten zwar nicht mehr, dass im Jenseits Gott zu ihnen sagt, dass sie ihr Leben gut gelebt haben. Die meisten erwarten eher, dass dies schon irgendwer zu ihnen hier auf der Erde, also zu Lebzeiten, sagen wird. Die Kinder vielleicht, oder die Eltern, oder die Gesellschaft. Oder einfach bloß der Erfolg. Wer erfolgreich ist, hat Recht und es „geschafft“. Und wer erfolgreich ist, ist gut und wenn du keinen Erfolg hast, bist auch nicht gut oder nicht gut genug. Dann geht da noch was. Dann musst Du Dich noch mehr anstrengen. Noch mehr Druck machen. Schließlich will niemand ein Verlierer sein. Ein Looser. Einer, der es nicht bringt und der es zu nichts bringt. Und darum jagen wir dem Erfolg, dem Geld, der Jugend, Schönheit und Gesundheit hinterher. Darum haben so viele Menschen eine so kurze Lunte, die explodieren und regen sich auf, sobald etwas nicht klappt oder nicht mehr funktioniert. Ich kenne Menschen, die sind außer sich, wenn das Internet für 5 Minuten nicht läuft. Oder die schimpfen und fluchen, wenn der Mensch vor ihnen auf der Autobahn ihrer Meinung nach zu langsam fährt oder der Sachbearbeiter auf dem Amt nicht fix genug ist oder die Butter im Supermarkt ausverkauft ist…In unserer modernen Welt muss eben alles einfach immer und immer im Überfluss da sein. Wenn nicht, gibt es Ärger.
Und das betrifft eben nicht nur Produkte oder Dienstleistungen, sondern auch uns Menschen selbst: auch wir müssen immer funktionieren, zur Stelle sein, alles schaffen, alles können – dann sind wir als Mensch anerkannt und erfolgreich.
„Rette sich, wer kann!“ – das ist darum der Notruf unserer Zeit.

Und Paulus hat das irgendwann durchschaut und darum ruft er: Jesus, rette mich, denn du kannst das! Paulus wollte dieses Jagen und Rasen nicht mehr mitmachen. Darum sagt er:
Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat.

Paulus war seit seiner Hinwendung zum christlichen Glauben davon ergriffen, dass alles Leben Geschenk ist. Und das aller Erfolg und aller Misserfolg in Gottes Hände gehört und dort gut aufgehoben ist. Und er hat erfahren, dass genau das Gnade ist.

Auf das erste Hören oder Lesen, denken wir vielleicht, dass Paulus sein bisheriges Leben nicht wertschätzt und als Dreck bezeichnet und wegwirft.
Beim zweiten Hören und Lesen merken wir hoffentlich, dass Pauls genau das nicht tut, sondern einfach – ich sag das mal so – keine Lust mehr auf dieses Hamsterrad hat, dass er keine Lust mehr darauf hat, sich selbst und anderen zu beweisen, dass auch er jemand ist. Sondern dass er einfach nur leben will. Fröhlich, unbeschwert, fehlerfreundlich, egal, was die Nachbarn denken. Unabhängig von den Urteilen und Vorurteilen anderer Menschen.
Paulus weiß sich von Gott geliebt und wertgeschätzt.
Und er weiß, dass das allen Menschen gilt. Den ganz Jungen, die noch nicht viel können, genauso wie den ganz alten, die nicht mehr viel können. Den Kranken und Behinderten genauso, wie denen die anscheinend alles können auf der Höhe ihres Lebens und ihrer Kraft.

Es ist Gott, der dich hält und trägt. Es ist Gott, der sich für dich entschieden hat und der entschieden hat, dass du gut und gut genug bist, ob dein Leben nun erfolgreich verlaufen ist oder nicht. Ob du Glück gehabt hast, oder nicht. Ob du die richtigen Entscheidungen getroffen hast, oder nicht. Ob Du schuldig wurdest oder nicht.
Für Gott bist du wertvoll und gut so, wie du bist.

Darum lass los. Du brauchst nicht mehr der Schmied Deines Glückes zu sein. Lege beruhigt und bewusst den Hammer aus den Händen. Vertraue dem, der dich ins Leben gerufen hat.
Er schaut dich mit Augen voller Liebe und Zuneigung an. Er kennt dich, er vergibt dir und nimmt dich an seine Hand und schenkt deinem Leben Sinn und Tiefe und Glück und einen Reichtum, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Lerne Christus kennen. Die Kraft seiner Auferstehung.
Diese Kraft ist auch für Dich stark und mächtig. Du kannst Dich in ihr bergen, selbst wenn alles um dich herum zerfällt und zerbröselt, wenn alte Gewohnheiten nicht mehr tragen und die neue Zeit Dir nicht passt.
Und aus dieser Geborgenheit heraus kannst und sollst du selbst aktiv sein. Dein Leben handfest gestalten, Träume leben, Ideen spinnen, Kontakte knüpfen, Entscheidungen treffen.

Paulus hat das ja auch gemacht.
Nur weil er erfahren hatte, dass sein Lebenswert und Lebenssinn nicht von dem abhängt, was er tut und schafft, hat er sich ja jetzt nicht auf die faule Haut gelegt. Im Gegenteil!
Jetzt konnte er die Welt mit Gottes Augen sehen. Jetzt konnte er dankbar die Dinge und die Menschen so nehmen, wie sie sind und waren. Jetzt musste er sich nicht mehr aufregen, wenn mal etwas nicht so klappte. Jetzt war er gelassen, weil er sich von gehalten wusste. Jetzt spürte er, dass auch dunkle Tage, Zeiten von Krankheit, wenn die Kraft zu allem fehlt, nicht sinnlose Zeiten sind. Und jetzt wusste er, dass Schuld nicht länger belastet und begrenzt, sondern vergeben und verwandelt werden kann. Jetzt konnte er das Leben genießen und die Freiheit atmen, die nur der erfahren kann, der glaubt, dass Gott alles trägt und hält und bewegt und gut macht. Und darum schreibt und erzählt Paulus davon immer und überall, bis zu uns heute Morgen hier in Brockel.
Damit auch wir davon getröstet und ermutigt, motiviert und entlastet werden.

Amen.

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